Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Oartenstiidtisdi ist in unserem Falle jede Kombmation städtischer und intcnsiv-laiulwirtschaftliclier Produktion. ln manchen Gartenstädten wird die städtische, m anderen die landwirtschaftliche Produktion! überwiegert. Aber erst die Verbindung beider ergibt die Gartenstadt. Diese Kokinisatkuistorm ist den heutigen Berufen der Juden weitgehend angepaßt. Aber sie dient auch der Ueberleitung zu demjenigen Malte ari Landwirtschaft, das wir nnstrebe׳» sollen. L» ist aber auch ein sparlamcs Kolonisationssystem -- sparsam an Geld, an B o d e n und an Zeit. Der Geldbedarf dürfte — fsei aus nationalen Mitteln unterstützter Kokmisation größeren Umfanges — sich pro Familie bis auf 3(X) und auch auf 2)0 Lstr. und weniger reduzieren lassen. Dies wäre ein Fünftel bi» ein Zehntel der bisherigen Ziffern für unterstützte land• wirtschaftliche Kolonisation. Der Bod enb cd :1 r f wird sich je mch dem Einzelfall — 7, B. bei bloßer Selbstversorgung mit Gemüse — innerhalb 100 qm pro Kopf und auch bei voller landwirtschaftlicher Selbstversorgung bzw. bei Landwirtschaftliebem Hauptberuf durchschnittlich intierlialh 1000 bis 2000 qm halten lassen, also 0,5 bis 1 Hektar pro Fa- «uilie gegenüber einer bisherigen Annahme von zirka 100 Dimam oder 9 Hektar bei landwirtschaftlicher Au- Siedlung. Die Einkünfte werden bei den städtischen Erwerbs/AVcigeit (also bei den gewohnten Berufen der gartenstädtischen Ansiedler) vom ersten Tage an bcginnen, und dasselbe gilt für manche Zweige der Land- Wirtschaft, wie Hühnerzucht und Milchwirtschaft, während der Gemüsebau bereits nach zwei bis drei Monaten anfangeil kann, Erträgnisse zu liefern — alles selbstverständlich unter ausreichender Hinzuziehung von Fachleuten. Mit solchen Ersparnissen an Odd, Fläche und Zeit liegt diese neue Kolonis.itionsform im .Möglichkeitsberüich einer sehr viel breiteren Schicht als bisher. Die nationalen Fonds und die verfügbaren Ländereien reichen für das Fünffache (und mehr) der bisherigen Ansiedlerziffern, und auch die selbständige Ko״ Ionisation wird einer unvergleichlich großer e ת und breiteren Schicht des Volkes zugänglieh gemacht als bei Kostenziffern von 1000 bis 2000 Lstr. und Lnndmassen von etwa 100 Ditnam, die eine Volksliilfe sowohl bei unterstützter wie bei selbständiger Kolonisation nur fiir eine minimale Zahl von Volk»- genossen in Betracht kommen lasser*. Nunmehr handelt es sich darum, die Interessenten für die neue Niederlasstmgsfortn der gartenstädtischen Kolonisation zusammenzufassen, und zwar nicht nur diejenigen, die jetzt oder später selbst übersieclclti wollen, sondern auch solche, die sich auf geschäftsmäßiger oder gemeinnütziger Grundlage an 11er Schaffung und Ausgcstalturtg der Gartenstädte betteiligen wollen. Die Vorbereitung von Heimstätten läßt sich auf geschäftsmäßiger Grundlage wahrscheinlich viel besser durchführen als auf andere» Wegen. Bodenerwcrb, Er- Schließung von Terrains, Häuserbau und Belieferung der Ansiedler mit ihren Erfordernissen — alles dies sind Dinge, die einer geschäftsmäßigen Betätigung Gelegciihcit bieten mul dabei in hohem .Maße loolonisations• fördernd wirken können. In erster Linie gilt dies für da» Baugewerbe, das im Serienbau, wie ihn neue gartenstädtisclie Siedlungert verlangen, besondere wirtschaftliche Chancen hat Diese geschäftsmäßige Beteiligung an dem Bau von Gaitenstädten kann von Privaten wie auch von der Genossenschaft der Ansiedler selbst aufgegriffen werden. Besonders empfiehlt sich die geschäftsmäßige Bctcili- ״!tilg denjenigen, die später selbst übcrsicdeln wollen und die sich damit auch ihre künftige Heimstätte vorbereiten und verbilligen. Im nachstehenden ist ein Fragebogen zusammengestellt, der dazu dienert 9011, eine Uebersicht über die Interessenten zu gewinnen, um den Beginn der neuen Kokmisationsfonn nach Möglichkeit zu beschleunigen. Die Antworten werden selbstverständlich nur im Interesse des Ausstellers lind vertraulich verwendet. Fragebogen für Gartenstadt-Ansiedler. 1■ Name (Vorname, Familienname)? 2. Geburtsort und. Wolutland (evtl, wie lange)? 3. Alter? 4. Gesundheitszustand? 5. Ob Frau uml Kinder, deren Alter utul Gesundheit»- zustand? 6. Ob Frau oder Kinder berufstätig? Evtl, welche Berufe? (Evtl, besonderen Fragebogen ausfüllen.) 7. Ob Eltern oder Verwandte zu unterstützen sind? Wer von ihnen fährt mit? 8. Beruf vor dem Kriege? Selbständig oder angesteilt? 9. Lebenshaltung? EvtL Einkommen oder Verbrauchs- Ziffern pro Woche oder Monat? 10. Beruf während des Krieges und *eitlfcr? 11. Ob jemals auf dein Lande gelebt? 12. Ob Landarbeit verstellt? 13. Ob beim Militär gedient (Formation, Dienstgrad}? 14. Ob (im Militärdienst; in Organisation oder Arbäatsdienst tätig gewesen? Welche Zweige? 15. Ob kriegsgef.ingen gewesen (evtl, dortige Arbeit)? 1(1. Bildungsgrad? 17. llchräisdte Kenntnisse (Lesen, Schreiben, Sprechen)? 13. Aiuteic Sprächet»? 19. Eignung zu manueller Arbeit? Vorliebe für landwirtschaftliche «Hier gartenbauliche Betätigung? 20. Geplanter Beruf in Palästina? 21. Voraussichtlicher Geldbestand in Palästina nach Abzug der Reisekosten? 22. Ob hier Güter <xler Geschäfte oder sonstige Quellen Zurückbleiben, die für die Zukunft dauernde oder gelegentliche Einnahmen in Aussicht stellen? 23. Ob bereits in Palästina gewesen? Wann, wie lange? 24. Warum aus Palästina zurückgekommen? 25. Ob Verwandle in Palästina? 2b, Ob organisierter Zionist und seit wann? 27. Ob zu einer Siedlergruppe oder zu einer Fraktion oder Strömung int Zionismus gehörig? 23, Warm evtl, reisebereit nach Palästina.? Neben diesem. Fragebogen für direkte Reflektanten, denen auch zweckdienliche Informationen über die Möglichkcit einer Fortsetzung ihres bisherigen Berufes usw. gegeben werden, ist e» von besonderer Wichtigkeit, daß auch diejenigen ihre Adresse, Absichten und Möglidikeitcn tniücileiv, die bereit wären, auf geschäftsmäßiger oder gemeinnütziger Grundlage die Entwicklung der Gartenstadt-Kolonisation zu fördern. Zuschriften erbeten :111 Davis T r i e t seit, Berlin W 50, Nürnberger Platz 5. Die dritte Internationale und die Poale-Zion ״Pratvd.t“, das offizielle Organ der russischen kommunistischen Partei, bringt einen Bericht der Exckutive der dritten Internationale über die Periode seit uem dritten Kongreß. Der Bericht lautet u. a.: Die kommunistischen Abteilungen des Weltverbandes Poale- Zion traten, nachdem sie die Anhänger des mittleren und rechten Flügels ausgeschlossen hatten, an die Exekutive mit dem Ersuchen heran, sieh der dritten Internationale anschliellcn zu dürfen. Die Exekutive antwortetc darauf, die Poale-Zion möge» innerhalb von 5 Monaten ihren Parteikongreß einberufen und auf dem Kongreß den Entschluß de» Weltverbandes!Male- Zion öffentlich erklären. Die wirkliche Auflösung de» Weltverbamles soll innerhalb zwei Monaten nach der Entscheidung de» Kongiesses stattfinden, und die einzelnc» Mitglieder der Föderation sollen dann separat als Mitglieder der betreffenden Abteilungen der Inter, nationale attfgenommen werden. Die zweite Bedingung der Aufnahme in die Internationale ist, daß die Poale- Zion ohne Widerspruch die Thesen 2 und 3׳ des dritten Kongresses der Internationale amtehmen. Die dritte Bedingung ist der Widerruf des Prograntmes aller zionistischen Theorien. Die Mitglieder der Paale-Zion müssen ferner die Kolonisation Palästinas aufgeben, welche, wie die Intemationale sagt, nur dein imperialistischen Britannien Vorteile bringen kann. Derselbe Bericht meldet, daß die Exekutive ein Ersuchen des polnisch-jüdischen Arbeiterverbandes ״Btutd“ um Aufnahme einer besonderen Kommission überwiesen!tat, welche beschlossen hat, dem ״Bund“ den Vorschlag zu unterbreiten, zuerst alle gemäßigten Elemente zu beseitigen, welche jetzt einen Teil seiner Organisation bilden. (J, C. B.) Mißglückte Verhandlungen Geber den Mißerfolg der arabischen De!egation in London wissen die Zeitungen verschiedene interessante Details nt berichten. Der Londoner Korrespondent des Warschauer ״Moment“ berichtet darüber folgendes: Die arabische Delegation machte hier viel von sich reden. Sie wandte sich an die Presse, die Parlamentsmitglieder und versuchte auch zum englischcn Volke zu sprechen. Sic führte auch Unterbandhingen mit der englischen Regierung, der sie allsführ־ lieh und offen die arabischen Forderungen unterbreitete, jedoch ohne jeden Erfolg. Die Forderung auf Animilienmg der Balfour-IX'kiarafion vor Inangriffnahme von Verhandlungen mit den Zionisten wurde von Chu rchill zuritckgcwiesen, so daß es su diesen Verbandlutigcn nicht kommen konnte. Auch die zweite׳ wichtige arabische Forderung, Schaffung einer nationalen Regierung in Palästina mit voller Autonomie oder mit anderen Worten Regierung Palästinas durch ein von der jetzigen Bevölkerung gewähltes Parlament halle keinen größeren Erfolg. Die neue Konstitution wird bloß einen Rat schaffen, der zu 49 «/o aus gewählten und 51 a/0 aus von der Regierung ernannten MitgL.- der» besiehe» wird. Die Zionistische Organisation verlangt, daß die luden in diesem Rat nicht weniger als 50 ס/״ der gewarnten und ernannten Mitglieder erhalten. Die arabische Delegation hat in dieser Zwangslage eines ihrer Mitglieder nach Genf entsandt, um beim Völkerbund gegen das Palästinamandat zu protestieren, welche Taktik sicherlich geeignet sein dürfte, Mißstimmung bei den Engländern licrvorzurufen. Auch die Audienz beim Papst hat die kirchlichen Kreise in England erregt. Die englische Kirche kann nicht vergessen, daß die Araber zuerst zum Papst gingen und jetzt versuchen, auch andere Elemente durch ihre Fahrt nach Genf mit ihren!Gagen gegen England autzubringen» Deutschland Der Verband der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz und der Aufbau Palästinas Am Sonntag, den 25. September fand in Neustadt a. d. H. eine Tagung de» Verbandes der Israeli tisehen Kultusgemeirzäen der Pfalz statt, auf der auch die Frage der Beteiligung der pfälzischer» Juden am Keren Hajessod erörtert wurde. Auf Antrag des Verbandsvorsitzenden, Herrn Albert Joseph, Landau, der mit warmen Worten für die Mitarbeit der Pfälzer Juden am Aufbau Palästinas eintrat, wurde ohne jeden Wider- Spruch folgender Beschluß gefaßt: ״Der Verband der Israelitischen Kultusgemeinden üct Pfalz erkennt den Aufbau Palästinas als Aufgabe der gesamten Juden!! cit an und fordert daher die Mitglieder der axigcschtosscnen Gemeinden auf. die dieser Aufgabe dienenden Institutionen, weitgehendst zu unterstützen.“ Es wurde ferner in Aussicht genommen, daß nicht nur Einzelpersönlichkeiten, sondern auch die Oe meinden selbst sich du •h Zeichnungen am Palistüvr.verke beteiligen sollen. Wir begrüßen diesen von einer großen Gruppe* von Gemeinden ohne Widerspruch gefaßten Beschluß aufs wärmste und sind überzeugt, daß diese positive Stellungnähme zum Problem des jüdischen Palästina beispieL gebend auch in anderen Bezirken Deutschland» wirken wird. Polen Der Katholikenkongreß in Polen and die Juden Der vor kurzem in Warschau abgehaltene polnische Katholikenkongreß beschäftigte sich auch mit der Judenfrage, über weiche ein Referat erstattet wurde, in welchem Geiste von diesem Kongreß, der sich ja mit Fragen de» Katholizismus abgebc« sollte, die Judenfrage betrachtet wurde, gellt aus den vom ״Kurje r Warszawski“ veröffentlichten Resolutionen über diesen Punkt hervor, zu denen wohl jeder Kommentar überflüssig ist. Sic lauten: 1. Die Judenfrage bedroht den polnischen Staat mit einer großen Gefahr. Der Katholikenkongreß wendet sich daher an die hoch würdige Geistlichkeit, sie möge unter gleichzeitiger Warnung der breiten Massai vor Ausbrüchen die Losung ״Swöj da swego“ (״Jeder zu den Seinen“) verbreiten. 2. Mit Rücksicht auf den wachsenden Einfluß des Judentums und seinen verbrecherischen Kampf, welcher darauf abzielt, die Welt durch da» Stürzen des Kraue» zu beherrschen und der direkt das katholische Pulen bedroht, beschließt der Kongreß, daß jeder polnische Katholik direkten Anteil an jeder Aktion nehmen soll, welche den Zweck hat, alle Gebiete des geistigen polnischen Lebens vom jüdisches» Einfluß zu befreien. 3. Zufolge der stetig wachsenden Angriffe des dem polnische!» Staate feindlichen jüdischer» Elementes, welches Polens nationale Existenz mitergräbt, beschließt der Katholikenkongreß, die Regierung aufzufordern, sie möge sofort aus den Staatsgrenzen alle ungesetzlich zugereisten Jude!» entfernen. Der neue polnische Ministerpräsident and Abg. Dr. Thon Warschau, 23. September. Heute wurde Doktor Thon zu einer Konferenz zum neuen Premier Ponikowski eingeladen, die über eine Stunde dauerte. Einleitend betlauerte der Premier, daß er wegen der Abwesenheit des Abgeordneten Dr. Thon, der Mitglied des Seniorenkonvents des Parlaments ist, nicht zu gleicher Zeit wie mit den anderen Klubs auch mit dem Repräscntanten des jüdischen Abgeordnetenklubs konferieren konnte. Der Premier wünsche mit dem Klub in Kontakt zu treten. Er erklärte, sein Bestreben sei, daß innere und äußere Ruhe im Lande erreicht werde. Zum innerer» Frieden gehöre auch die Lösung der Juden frage. Ls werde da» Bestreben des Premiers sein, daß die Konstitution nicht nur in» Leben, sondern sozusagen auch ins B1 u t d e s Volkes Übergeher» solle. AnknüpfcrvJ .״ר diese Erklärung unterstrich Dr. Thon, daß die Juden nichts anderes wünschen als die Ausübung der Konstitution, das heißt die faktische, völlige Gleichberechtigung, die sie bisnur» nidü haben. Weiter besprach Dr. Thon noch eine Reihe aktueller Fragen, welche das Fremdenproblem, die Durchführung der Agrarreform, die Kontraktskündigung an jüdische Pächter von Staatsboden, die Angelegenheit der Nichtbestätigung von jüdischen Kaufvertragen über unbewegliches Gut in Posen, die Pflege des jüdischen Schulwesens, die Autonomie der Gemeinden und sdiließlich die Legalisierung der zionistischen Organisation betrafen. Der Premier notierte sich die von Dr. Thon angeführten Punkte und versprach, nach Studium dieser Forderungen sie günstig zu erledigen. (W. Morgenzfg.)