Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70 t sjikJ jt bc. >»uem ähre. Wm. ft-sgc* I nik. (uzim;eise• reß itng. htet die der ibnd rten Ausn% traf US״ ezi- Tag um. Wir 08). lal). Uhir Kolonisationsfragen Von Professor Otto War bürg. Einer in der Kongreßausgabe der J. P. Z. ersdvienenen Aculicriing Prof. Warburgs entnehmen wir nachstehende Abschnitte. ״Von allen Fragen des Wiederaufbaues des jüdischen Oemeiiiwesens in Palästina scheinen mir die kolonisatorischen die schwierigsten zu sein, und ich sehe immer wieder, daß die meisten Zionisten sich noch gar keinen Begriff von diesen Schwierigkeiten machen. Die Kolonisationsfragen waren bckaimtlidi immer das S t i e f k i n d unserer ursprünglieh auf Politik basierten und aus ihr heraus geborenen Bewegung. Obgleich wir Juden über technisch hervorragende Männer verfügen, liegt diese Richtung uns weniger, als die formale und historische Bildung. Daß diese Geistesrlchtung gerade für unsere Bestrebungen schädlich ist, sehen die wenigsten ein. Zweifellos werden diese Gegensätze auch auf dem Karlsbader Kongreß stark in Erscheinung treten. Die Vertreter der großen Auswanderimgslätidcr, besonders Polens und der Ukraine, werden stürmisch eine ״Massenkolonisation“ verlangen, da sie behaupten, ihre jungen Leute ließen sich nicht halten. Wenn auch eine solche heute noch durch die schlechte Finanz- Jage unmöglich ist, so muß man doch mit Bangen an die Zeit denken, wo dieses Hindernis wegfällt. Man muß sich fragen, sind wir auch nur einigermaßen vorbereitet, eine Massenkolonisation zu organisieren, selbst wenn uns Geld und Land in genügender Menge zur Verfügung gestellt wird? Und wenn man ehrlich ist, muß man die Frage verneinen. Jetzt rächt sich, was wir im letzten Dezennium vor dem Kriege versäumt haben, erst aus prinzipieller Abneigung, später aus Mangel an Geld und geeigneten Menschen, nämlich kolonisatorische Vorstudien und Versuche in ausreichendem Maße zu machen. Und jetzt läßt es sich auch gar nicht mehr einholen, selbst wenn das Geld dafür bereitgestellt würde, was aber auch nicht einmal der Fall ist. Wir müssen also nolcns volens jetzt hn großen experimentieren. Hoffen wir. daß die Fehlschlüße, die keinesfalls ausbleiben werden, nicht allzu schwer sein werden. Unseren Kongreß wird diese Furcht freilich wahrscheinlich ein wenig drücken, denn hier wird es sich nur um Schlagworte handeln, die industrielle oder agrarische Kolonisation, privat- oder gemeinwirtschaftliche Siedlungen, administrativ geleitete oder autonom von den Arbeitern, resp. Siedlern verwaltete Kolonien, Groß- oder Kleinwirtschaften, gärtnerische oder landwirtschaftliche Siedlungen, Pflanzungen oder Ackerbau, Industrie- oder Nahrungspflanzcn, Viehzucht oder Milchwirtschaft, Maximalismus oder Minimalismus, und wie diese sogenannten Gegensätze alle heißen. Niemand wird einschen, daß dies alles nur Worte, nichts als Worte sind, daß die Wirklichkeit sich ihre eigenen Wege sucht und allmählich, auch erst nach vielen Rückschlägen, findet. Es ist daher völlig verfehlt, ein bestimmtes Kolonisationsprogramm zu fordern, um danach auszurechnen, wieviel-Leute in diesem, im nächsten, im übernächsten Jahr angesiedelt werden können. Bestenfalls kann man vorsichtig einige Richtlinien angeben, nach denen man zu arbeiten versuchen will, immer mit der Reservatio mentalis, daß, wenn sich der Weg als ungangbar erweist, ein anderer, vielleicht entgegengesetzter eingeschlagen werden muß. Trotz aller großen Worte, die wir auf dem Kongreß hören werden, kann man mit Sicherheit sagen, daß cs niemanden geben wird, der einen absolut gangbaren Weg aiizugeben in der Lage sein wird. Und auch alle kolonisatorischen Fachleute der Welt wären, zu einem Kongreß zusammenberufen, hierzu nicht imstande. Es ist eben eine Frage der Praxis und des Experimentes. Unsere Fachleute haben den Weg zu suchen, und zwar mit vorsichtiger Witterung, etwa so, wie sich das Maultier im Nebel auf dein steilen Bergpfad der Anden zurechtfiiidet. Je mannigfaltiger die jetzt anzustcllendcn Kolonisationsversuche sein werden, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß man mit einem oder einigen das Rechte treffen wird; man darf aber auch dann nicht ״Steiniget ihn“ rufen, wenn in der ersten Zeit alle Versuche mißlingen werden. Wohl aber soll man im Hinblick auf diese Möglichkeit die Versuche gleich so anlegen, daß sie in anderer Weise dann weitcrgefiihrt werden können. Zweifellos wird dieser Kongreß bereit sein, den von der Leitung geplanten Kolonisationsvcrsuchen seine Zustimmung zu geben, ich mädite aber, daß er sich ganz klar darüber sei, daß es sich um Versuche und nicht um Systeme handelt. .Viele Wege fuhren nach Rom; daher _JUED1SCHE RUNDSCHAU braucht man sich nicht darüber zu erhitzen, ob dem Streben nach Großkolonisation schon jetzt genügend Redmujig getragen wird oder nicht. Meines Erachtens müssen wir natürlich nach möglichster Intensität streben, ob nur in gärtnerischen Kulturen, oder auch in Ackerbau und Viehwirtschaft, wird die Zukunft lehren; gelingt es, in gärtnerischer Weise rentablen Ackerbau zu treiben, l״n so besser. Das kann nur durch Versuche in Palästina sich als durchführbar erweisen, und das gleiche gilt für Exportgärtnerei, Aber auch wenn die Methode, gärtnerischen Ackerbau zu treiben, sich nicht als praktisch erweisen sollte, müßte man doch auf den Ackerbau nicht verzichten; denn das Getreide bleibt die Grundlage der Ernährung und es wurde gewagt sein, der zunehmenden Bevölkerung Palästinas diese gesündeste Grundlage zugunsten irgendeiner Exportkultur zu entziehen. Und die gleiche Einseitigkeit gilt es in bezug auf die industrielle Kolonisation zu vermeiden. Ist es schon gewagt, diese im Gegensatz zu der Lindliehen allzusehr in den Vordergrund zu rücken, so ist es grundverkchrt, sie einseitig auf Exorpt zu basieren. Die Selbstversorgung des Landes mit Nahrungsmitteln und IntJustrieProdukten sollte unbedingt das erste und bei weitem wichtigste Ziel jeder Kolonisation sein. Daraus ergibt sich aber wieder eine politische Aufgabe, nämlich die Gesetzgebung des Landes so zu beeinflussen, daß durch Beihilfen, Prämien und Zölle die Entwicklung einer die Bevölkerung ernährenden Landwirtschaft und einer sie mit allen lcbenswichitgcn Produkten versorgenden Industrie ermöglicht und dauernd erhalten wird. So werden also auch in Zukunft kolonisatorische und politische Bestrebungen in unserer Bewegung Hand in Hand gehen müssen. Die einen ohne die anderen sind nicht existenzfähig und müssen verdorren.“ Kurze Geschichte des Kongreß-Zionismus Von Dr. Hillcl Hugo Schachtel Anläßlich des XII. Kongresses sendet uns Gg. Schachtel den folgende» Rückblick auf die Ent- Stellung des Kongreß-Zionismus: Immer war im jüdischen Volke das Streben nach Zion und Jeruscliulajim wach, nicht bloß als ein idealer, im Gebet sich äußernder Wunsch, sondern als ganz im Realen wurzelnder Gedanke. So sehen wir in den Memoiren der Glückcl von Hameln, die im 17. Jahrhundert in Deutschland lebte, wie ernst die deutschen Juden von damals de» Ruf ״Sabatai Zwis“ zur Rückkehr nach Erez-Isracl aufnahmen, wie sie schon Tonnen und Truhen mit Lebensmitteln und Sachen vollpackten und für den Augenblick der Abreise bercitstdltcn, und wie enttäuscht sie waren, als cs dazu nicht kam. Nur Teile des, westlichen Judentums waren es, die unter dem Einfluß der Emanzipationsgedanken des neunzehnten Jahrhundert von solchen Wünschen abkamen und mit ihren ultraliberalen Rabbinern Zion nicht bloß aus den Gebetbüchern, sonder» auch aus den Herzen strichen. Gleichsam als eine Reaktion auf diese .Extreme begannen andere Teile des Judentums praktische Versuche der Wiederinbesitznahme des alten Vaterlandes, indem sie nicht mehr wie frühere Generationen nur zum Beten und Sterben dahin gingen, sondern um dort zu wirken und zu schaffen und mit der Hände Fleiß cs sich zu erobern. So kam cs zur Gründung der ersten Kolonien um 1S80 durch die Chowewe Zion, die Freunde Zions, die sich im östlichen Europa in meist kleineren Organisatione» vereint hatten. Als Krönung ihres Strebens schwebte ihnen von allem Anfang an die gänzliche Inbesitznahme der alten Volksheimat vor. Männer wie Moses Heß, Kalischer, Smolenski, Pinsker, Rült, Nathan Birnbaum, sprachen dies als notwendige Konsequenz des jüdischen Schicksals aus. Von dem Letztgenannten wurde auch der Name Zionismus geprägt. Aber nur der Name entstand. Zur Tat, zur großen, weltbewegenden Tat wurde die Idee erst, als Theodor H e r z 1 kam und ganzlieh unabhängig von den anderen, ohne Kenntnis von irgendwelchen Vorgängern, seine Gedanken vom ״Juden- Staat“ als eines ״Versuches einer modernen Lösung der Judenfrage“ der Oeffcntlichkeit übergab. Und sofort kristallisierten sich um ihn all die vielen Einzelnen, die mehr oder weniger das gleiche wollten und anstrebten und sich sogar schon ״Zionisten“ nannten. Jetzt aber erstand unter dem Einfluß und unter der unermüdlichen Arbeit dieses Einen, Genialen und Großen der Zionismus, die Zionistische Organisation. Am 29. August 1897 präsentierte sich der aufhorchendcn Welt das neuerwachende jüdisdie Volk im ersten Zionistenkongreß zu Basel, den aller Spott und Hohn, alle geistliche und weltliche Gegnerschaft nicht hatten verhindern können. Das jüdische Volk formulierte seine Forderungen: Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zu ihrer Durch- Setzung wurde eine Leitung mit dem Sitze in Wien eingesetzt, der neben Theodor HerzI noch Kahn, Kokesch, Krcmenczky und Oscar Marmorck angehörten. Sie war die Spitze der neuen Weltorganisation, der jeder Jude und jede Jüdin sich durch Zahlung des alten Schekel (der einer Mark gleichgesetzt wurde) anschließen konnten. Die nächsten Jahre sind ängefüllt von rastloser, unertnüdlicher Arbeit vor allem des genialen Führers, all- Seile 505 jährlich nur unterbrochen durch die große Heerschau, die weiteren Kongresse, die bis zum siebenten alle, mit Ausnahme des vierten, in Basel stattfanden. Hier wurde Rechenschaft abgelegt über das Geleistete, wurden neue Richtlinien für die weitere Arbeit beraten und fcstgelcgt. Schon der erste Kongreß beschloß wenigstens in der Idee die Schaffung eines großen, allgemein-jüdi-. sehen Fonds, des ״Jüdischen Nationalfonds", aus dessen Mitteln der Grund und Boden von Erez-Isracl zu dauerndem Gemeinbesitz des jüdischen Volkes erworben werden sollte. Aber erst vier Jahre später, beim fünften Kongreß, wurde er wirklich ins Leben gerufen und wurde' bald die beliebteste jüdische Institution. Die 30 Mil- Honen Franken, die ihm bisher zugcflosscn sind, und die meist in kleinen und kleinsten Betrugen hergegeben wurden, beweisen cs. Auf dem zweiten Kongreß wurde die Schaffung der ״Jüdischen Kolonialbank“ als eines finanziellen Instrumentes für die Zwecke der Organisation beschlossen. Auf dem dritten Kongreß wurde als praktisch zu erstrebendes Ziel der ״Charter“ proklamiert, gegeben von der türkischen Regierung im Einverständnis mit den Großmächten. Daß HerzI die zionistischen Institutionen sämtlich in London domizilieren ließ, trotz mancher Einw.iudc, die dagegen mit guter Begründung erhoben wurden, — daß er den vierten Kongreß in London abh.iltcrt ließ, obwohl die Arbeit des Kongresses darunter leide» mußte, ist ein Zeichen seines politischen Weitblickes. Er sah von allem Anfang an in England die Großmacht, die für die Verwirklichung des Zionismus von allergrößter Bedeutung sein würde, und traf danach seine Maßnahmen. Aber trotz der anstrengendsten Arbeit, die HerzI vor allem selbst leistete, und bei der er nur von verhältnismäßig wenigen unterstützt wurde (was bei dieser Arbeit ja auch kaum anders möglich war), war doch kehl Näherkommen an das Endziel zu sehen. Indessen wuchs die Not der jüdischen Massen im Osten und auch die seelische Not in Zentraleuropa und in Teilen des Westens. Die Lage der Juden drängte auf Abhilfe. Andererseits wurde» Teile der zionistischen Anhängerschaft ungeduldig und verlangten nach einer Betätigung. Daß der fünfte Kongreß die Gegenwartsarbeit proklamierte, die Hebung der jüdischen Lage durch körperliche und geistige Ertüchtigung, und diese Arbeit an vielen Orten und nicht ohne Erfolg einsetzte, konnte nicht genügen. Pogrome hatten stattgefunden, die an Grausamkeit zu übertreffen damals kaum möglich erschien (inzwischen hat die Ukraine uns anderes gelehrt), ein Ausweg aus der Not des Tages mußte geschaffen werden. Einer alten An* regung Davis Trietsclis folgend, hatte HerzI mit der englischen Regierung Verhandlungen angeknüpft wegen des südlichsten Zipfels Palästinas, der unter englischer Oberhoheit stand, wegen El-Arisch. Diese Verhandlangen waren auf ein totes Oclcise gekommen, -י da fragte die englische Regierung die zionistische Leitung, ob sic nicht geneigt wäre, auf einem Gebiet in Ostafrika, in Uganda, eine jüdische Heimstätte zu errichten. HerzI legte dies Angebot dem sechsten Kongreß vor. Ein Sturm der Entrüstung war die Antwort: das jüdische Volk wolle sein Land, wolle Erez-Isracl, keine Zwischcnstation, kein Nachtasyl. Nur ein kleiner Teil des Kongresses und der Organisation glaubte sich anders dazu stellen zu müssen, da ihnen Palästina immer unerreichbarer erschien und sie eine Oegenwartsarbcit in Erez-Isracl dem politischen Zionismus durchaus zuwider glaubten. Sic meinten, auf die Suche nach anderen Ländern gehen zu müssen, sollte sich auch Uganda ah ungeeignet erweisen. Das war der Keim zur Spa 1tung, die beim siebenten Kongreß zum Ausbruch kam und die zur Begründung der ״Ito“, der territorialistischen Organisation, führte, die inzwischen wieder zum Zionismus und zu Palästina zurückgekehrt ist. Dem Drängen eines immer größer werdenden Teiles der Zionistischen-Organisation nach einer Betätigung in Palästina gab der sechste Kongreß wenigstens insofern nach, als er zum erstenmal eine wirklich arbeitsfähige Palästina-Kommission einsetzte, die im Gegensatz zu früher an einen Ort konzentriert war und ein kleines Budget erhalten solite. Neben Franz Oppenheimer und Soskin gehörte ihr vor allem Professor Dr. Otto War bürg au, der so zum ersten Male Gelegenheit zu praktischer Mitarbeit in der Zionistischen Organisation fand. , Schwere Kämpfe erschütterten die Bewegung in der Zeit zwischen dem sechsten und siebenten Kongreß. Die Ugandafragc rührte alle inneren Gegensätze auf. Da traf die Organisation noch der denkbar schwerste Schlag: Theodor HerzI starb, erst 41 Jahre alt. Den meisten Zionisten kam die Kunde ganz unerwartet; nur seine nähere» Freunde waren darauf vorbereitet. Sie wußten, daß das Merz dieses blühend aussehemlon Mannes von so stattlicher, königlicher Erscheinung nicht so gesund war, um der Fülle der Arbeit, die der Nimmermüde sich zumutete, und den Aufregungen gerade einer so verantwortungsreichen Tätigkeit Standmieten. Die Frage seiner Nachfolgerschaft war überaus schwieg. Von Hcrzls Wiener Mitarbeitern kam keiner in Frage. Es gab lange Auseinandersetzungen! d ,־"0?1,'“ ,?0,ץ, d'cr bcim siebenten Kongreß durch die Wahl David Wolffsohns ihre Lösung fanden, der einer der hingebungsvollsten Mitarbeiter und der ver- PmfCS C F(v/UnduHcn,S 2cwcscn vvar• Mit ihm bildeten Professor War bürg, Jakobus Kann, Ingenieur M. Ussischkin, Dr. Kohen-Bernstein, Leopold am!״״ nr 6 rE UnlAlcxandcr Marmorck das Engere 5יף00־'^• Die gegensätzliche Richtung der ver- «hicdenen Mitglieder dieser Leitung, ihre weite räumliche irennung — wohnten sic doch in Deutschland, Holland,