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Jüdische Rundschau · 1921-08-12 · Heft 64 (12.8.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 64 (12.8.1921)
Date
1921-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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1 Seite 456 Zionismus noch schläft und der Erweckung harrt. Der Zionismus hat seine historische Aufgabe noch lange nicht gelöst, solange er nicht das jüdische Volk in seiner nationalen Lebensenergie so gefestigt hat, daß cs, in den Sattel gesetzt, seihst zu reiten vermag. Ohne Konzentration der nationalen Kräfte wird auch die Arbeit aller am Aufbau Palästinas intcr* essierten Nichtzionisteu ohne Ken! und ohne Schwung bleiben. Darum kann heute von einem Aufgeben des nationalen Gedankens im Zionismus keine Rede sein. Wohl soll ein Abbau der nationalen Phrase und des rein formalen Nationalismus erfolgen, aber nicht, um einer Tendenz Platz zu machen, die nicht einmal das Bekenntnis zum jüdischen Volke für eine Voraussetzung zionistischer Zugeliörigkeit hält, sondern um endlich ernste nationale Sclbstcrzichuug, wahres nationales Verantwortungsgefühl zum Fundament des Zionismus zu machen. Die Konferenz der Gesellschaft ״ORT“, welche in der vorigen Woche in Berlin abgehalten wurde, hat vor der Oeffentlichkeit eine Menge bisher zu wenig beachteter Tatsachen aus dem ökonomischen Leben der Juden des Ostens entrollt. Die Umwälzung, die sich in Osteuropa vollzogen fiat, hat nicht nur zur Proletarisierung eines grollen Teils der jüdischen Masse geführt, sondern sie ist auch auf die ökonomischen Anschauungen der Juden nicht ohne Wirkung geblieben. Die alten jüdischen Berufe, besonders der Beruf des Kleinhändlers, verlor immer mehr an Wert- Schätzung, und dagegen stieg der Wert der produktiven Arbeit, insbesondere der Landwirtschaft und des Handwerks. Sn dem Verhältnis der Juden zur Landwirtschaft hat sich ein Umschwung vollzogen. Während früher die Juden die Lamhvirtschaft als eine bäuerische Angelegenheit geringsehätzig behandelten, haben sie in den Kriegsjaliren einsehen gelernt, dal» rein ökonomisch derjenige Stand der sicherste ist, der die Herrschaft über die Lebensmittel hat. 1:1 vielen Gebieten, namentlieh in Litauen, kommt dazu die Gewöhnung der Juden an landwirtschaftliche Arbeit durch die von der deutschen Heeresleitung’ angeführte Zwangsarbeit. Ganz anders noch liegen die Verhältnisse in SowjetruBland, wo die allgemeinen Anschanungen, die sieh allmählich dort herausbilden, auch auf einen grollen Teil der Juden entscheidenden Einfluß ausüben. Als ein Faktor von nicht uiibcdeutender Wichtigkeit kommt der Gedanke des ״Chaluz“ hinzu, der die jüdische Jugend zur Ausbildung in produktiver Arbeit um Palästinas willen aufruft, ln dieser Situation hat die Gesellschaft ״ORT“ ein reiches Feld für ihre Wirksamkeit erhalten. Die Berichte einzelner Lokalkomitees gaben ein Bild davon, wieviel in sachlicher Kleinarbeit an produktiver Hilfe geleistet werden kann. Die Bestrebungen der Gesellschaft ״ORT“ betreffen das wichtigste Gebiet unserer nationalen Arbeit. Nur durch systematische Produktivierung kann eine Genesung des Volkskörpers herbeigeführt werden. Für den Zionismus ist dieser Vorgang von ganz entscheidender Bedeutung, denn erstens kann nur durch Menschen, die zu arbeiten verstehen, Pa- Sästina aufgebaut werden, und zweitens kann das palästinensische Zentrum nur dann bestehen, wenn auch in der Diaspora gesunde Volkszellen vorbanden sind. Es ist zweifellos notwendig, daß der Zionismus diesen Aufgabenkomplex in weit höherem Maße als bisher in den Kreis seiner Tätigkeit einbezielit und auf diesem Gebiet mit jenen Organisationen zusanmieuarbeitet, die gerade diese nützlichen Aufgaben besser zu lösen in der Lage sind. * Das Treiben des antisemitischen Pöbels in Bayern nimmt immer ärgere Formen an. Die Ercignisse, die sieh in der vorigen Woche in Meinm i n g e ה abgespielt haben, erwecken den Eindruck, als ob auch schon in Bayern die Juden gänzlich vogelfrei wären. Die Einzelheiten des Vorfalls erinnern durchaus an 1 lortliy-Ungani. Das schlimmste aber ist die Tatsache," daß die Regierung selbst diesen antisemitischen Bübereien und der ganzen wüsten antisemitischen Hetze Vorseliub leistet und das Vorbild des Münchener Polizeipräsidenten offenbar auf die ganze Provinz zurückwirkt. Es ist eine unerhörte und beschämende Rechtsverletzung, daß die Polizei selbst dem Verlangen des .Pöbels Folge leistet und einen jiklisehen Kaufmann durch die ganze Stadt geradezu Spießruten laufen laßt, üm den schlimmsten Be- Icidignngen und Mißhandlungen aussetzt und obenbar selbst mit diesem Treiben sympathisiert. Es ist ganz klar, daß die Vorfälle in Memmingen nicht einer spontanen Kundgebung des VolkswUkns entspringen, sondern von gewissen Zentren her plan■ JUEDISCHE RUNDSCHAU_ mäßig vorbereitet und inszeniert sind. Das vorhetzte Volk ist nur das Werkzeug für die dunklen Zwecke jener Elemente, die sich erst kürzlich wieder mit den russischen ״Schwarzen Hundert“ in Bayern verbrüdert haben. Dieser Umstand aber gibt zu den ernstesten Besorgnissen Anfall, denn gerade weil diese Exzesse vorbereitet sind, bestellt die Befürchtung, daß sie sich anderenorts wiederholen können. Das deutsche Judentum muß denigcgenüber geschlossene Abhilfe und entsprechenden Schutz fordern. Wir wollen nicht hoffen, daß Deutschland, dessen Teil ja noch immer Bayern ist, den Augenblick für günstig hält» um durch Pogrome die Aufmerksamkeit der Welt auf Sich zu zachen. Kürzlich wurde schon das rohe und brutale antisemitische Verhalten der Reichswehr¬ Soldaten in Oberschlesien gemeldet, und eine Ab- Ordnung . der oberschlesischen Juden hat beim Reichskanzler selbst deswegen interveniert Die Soldatcu, die in Oberschlesien wehrlose jüdische Passanten mißhandelten, leisten der Sache, der sie dienen wollen, einen schlechten Dienst. Die deutsche Regierung hat bisher nicht gezeigt, daß sie entschlossen ist, solche Ausschreitungen nicht zuzulassen und den Namen Deutschlands als eines Kulturstaates zu schützen. Nr. 04 LEIPZIGER MESSE treffen sich während der Messe allabendlich im Sekretariat der Ortsgruppe, Keilstr. 4U• * Besprechung der zionistischen Tagesneuigkeilen * Gemütliches Beisammensein * Heitere Veranstaltungen * Kaltes Büffet. eigene Hände. Gekauft wird nur Material wie Zement, Eisen, Rohrleitung, Holz uswa Bis zum Beginn des zweiten Landwirtschaft-jalires muß das Minimum an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden liergestellt sein. Damit ist die erste (irtindimgxpcriode zu Lude, die Periode des Chaos und der gemeinsamen Arbeit. Die zweite Periode beginnt, die Periode der Differenzierung und des Uebergangcs zum Kulturleben. Zunächst sind in den nächsten sechs. Monateu (DU Taijen) ■HK) Menschen zu verpflegen. Unter Zugrundelegung der zurzeit in Palästina herrschenden Preise und der dortigen Vcrpflegungsart erhalten wir folgende Aufstellung*): 2 Pfund Brot pro Person ä ly״ Piaster 3 Piaster 1 Pfund Kartoffeln .!1; ״ 1,4 Pfund Sesamöl . a/4 ״ 1,4 Pfund Graupen ..1 ,, 4 Eier..2 ״ 1/4 Pfund Zucker.2 Unvorhergesehenes .!:>.׳, . Die Organisierung der Arbeit Von Dipl.-Ing. Ephraim Koutzenok. Um das von mir in meinem ersten Artikel1) Augeführte zu illustrieren, will ich hier einen Plan für die Errichtung einer A e k e r s t a d t auf dem Terrain in E in e k - J e s r e e I, K i s c 1t o n usvv. auf der Grundläge der Naturalwirtschaft entwerfen. Erste P c r i o d e. Man bildet eine Genossenschaft von ungefähr 1000 nach strengster Auslese organisierten, gesunden, arbeitsiiihigcn, ,ausdauernden und zuverlässigen ״Clialuzim“. Dieser Avbcitsgcnossenschaft wird ein Terrain von zirka 15 OUt) Dtuuuu und eine bestimmte Summe in bar zur Verfügung gestellt. Die Aufgabe dieser Gruppe ist, eine Siedlung in kürzester Zeit ins Leben zu rufen, die aus ländlicher und städtischer Bevölkerung besteht. Die Leitung dieser Gruppe bestellt aus einem Vertreter der Zentralbehörde und einem Vertrauensmann der Siedler. Mit der Erstarkung der Siedelung oder nachdem alle Vorbcrcitungsarbeiten beendet sind, gellt die ganze Leitung in die Hände der Siedler selbst über. Nach der Beendigung der Sanieruiigsarbeiten werden auf das bestimmte Terrain die Hälfte der Genossenschattsmitgliedei' (zirka 40() Mann) gebracht. Der Rest bleibt vorläufig «auf seinem Platze, und jedes Mitglied, das mehr als sein Existenzminümun verdient, führt den Ucberschuß der allgemeinen Genosse»schaftskasse zu. Die erste Gruppe Siedler wird mit totem •und lebendigcni Inventar ausgerüstet. Die ersten sechs Monate wohnt die Genossenschaft in Zelten und führt überhaupt •ein Feklleben. Line Feldküche versorgt sie mit Speise, eitt eigener Schuster und Schneider hält ihre Schuhe und Kleider in Ordnung, ein Sanitäter sorgt für die Durchführung der .nötigen hygienischen Maßnahmen. ht den ersten sechs Monaten haben sie die Auf- }׳;;die, mit Hilfe des Traktors und anderer Maschinen zirka 80Ü0 Duuam mit Getreide und zirka 2003 Dunam mit Gemüse und Tabak zu bestellen. Die Arbeit wird selbstverständlich von einem erfahrenen Agronomen geleitet •und beaufsichtigt. Zu gleicher Zeit beschäftigt sich eine ,andere Gruppe von ungefähr 50 Personen, mit einem Baufadimann;111 der Spitze, mit der Parzcllierung des für die Stadtzonc bestimmten Teiles, Hier werden Straßen und Parkanlagen angelegt und die Vorarbeiten für Wasserleitung und Kanalisation gemacht. Sie parzellieren auch die für die Landwirtschaft bestimmten Teile, sowie die Zone, in der derernst die mit der Landwirtschaft verbundene mehr oder weniger große Industrie sich entwickeln soll. Audi nur eine ganz mittelmäßige Ernte muß ein Mehrfaches davon an Produkten liefern, die für die Ernithruug aller Mitglieder unserer Genossenschaft notwendig ist. Nach Heimbringung der Ernte werden auch die übrigen Mitglieder der Genossenschaft in die Sicdelttng gebracht, die mit dem Bau von Häusern, Wasserleitung usw. beginnen. Alles geschieht durch ihre Siehe ״Jüdische Rundschau“ Nr. 58. Existenzminimum pro Kopf und Tag 12 Piaster Das macht bei 400 Personen im Laufe von sechs Monaten oder 150 Tagen einen Betrag von 7200 £. Für die weitere Entwicklung sind folgende Ausgaben eriordcrlicb: 100(10,3 kg Saatkorn. 2׳i;0 £ Gemüse samen. 500 ,, Tabaksamen . 300 1 Traktor, 40 PS. 500 ״ Spaten, Acxtc, Beile, Hämmer usw. . . .!0:1 ,, 20 Pflüge, 20 Eggen, 20 Kultivatore, 20 Sämaschinen . ■100 , 200 Zelte...1MX) .. 20 Maultiere 10 Kamele 10 Kühe . 40 Ziegen 100 Hühner 10 Handwagen 2000 Tonnen Zement 1201) MD 10CO 403 100 401) . 10C0D 10 Kilometer Rohrleitungen verschiedener Abmessungen ..2000 ....... ,״ , 1 Motor und Pumpe. 1003 ,, 10 Feldküchen . 500 Koch- und Eßgeräte. 300 ., Bauholz, Tiircn, Fenster usw.2003 Heizmaterial für die Maschinen, Küchen usw. 500 , Unvorhergesehenes . 2100 ., Gesamtsumme 35 003 £ An diesem Zeitpunkt haben wir eine Siedeln!»;־׳ von zirka 1000 Mitgliedern, einigen hundert kleinen Häusern sowie einigen öffentlichen Gebäuden. Dabei ist alles durch eigene Arbeit geschaffen, alle Ausgaben sind in der oder jener Form innerhalb de*׳ Siedcluivj geblieben, kein Pfennig ist in fremd( Taschen geflossen, wie cs bei der anderen Kolonisationsart üblich ist. Zweite Periode. Aus den angeschnitten Baumaterialien müssen zu Beginn dieser Periode zirka 400 kleine 2-Zimmer-Fläusdien fcrliggestellt und ebensoviel Wirtschaften in der Landwirtschaftszonc ausgesondert sein. Alle Mitglieder werden je nach ihren Neigungen, Eignungen, Fähigkeiten oder Spezialitäten gesondert. Allmählich entstehe» kleine Wirtschaften, die immer weniger von der Gesamtheit empfangen, dafür aber auch weniger Pflichten haben. Die Aufgabe der Leitung bestellt darin, den einzelnen Personen oder Familien zu helfen, möglichst schnell selbständig zu werden. Zu dem Haus und eigener Parzelle gehört noch lebendiges und totes Inventar. Manche werden vielleicht imstande sein, es au; eigenen Mitteln zu erwerben‘-). Besondere Aufmerksamkeit muß die Leitung dann der Entwicklung der städtischen Zone schenken, d. 11. der Zone, die für Siedler bestimmt ist, die Handel oder Gewerbe treiben bz.w. Beamte und Angestellte sind. Von Anfang an ist eine Molkerei und Viehzucht zu gründen. Wer in Palästina jetzt eine Kuh braucht, fährt nach Beirut, tl. k bringt jüdisches Geld in nichtjüdische Hände. Bei einem gewissen Kredit und l ’•liier- Stützung seitens der Leitung wird sich immer ein Unternehmer finden, der eine Viehzucht betreiben will, ln solchen Siedelungen kann man auch Betriebe gründen, deren Abfallprodukte als Viehfuttcr verwendet werden können, z. B. Spiritusbrennerei. Selbstverständlich gehört dazu Kredit.• Aber die Kreditfrage ist überhaupt eine Grundfrage der Kolonisation Palästinas. Der Prozeß der Differenzierung tordert die Entwichhing der Siedelung. Die Leitung muß jede neue Gründüng unterstützen und pflegen. Um die Erweiterung der Siedelung zu ermöglichen, wird es unumgänglich sein, einen neuen Kredit von zirka 35 000 £ aufzunehmen. Mit einem Häuschen und einer Parzelle als Stützpunkt können sich Handwerker, Arbeiter, Beamte usw. ansiedcln. ln der städtischen Zone müssen aber auch Parzellen frcigelassen werden für hinzukonimende Personen, die mit der Siedelung ökonomisch verbunden sein werden und sich in der Siedelung werden ankaufen wollen. Zu einer solchen Gründung gehört Zusammenhalten, Selbstbewulitsein, Hingabe seitens der Siedler, Geschick, *) Sämtliche -angeführten Zahlen sind selbstvcrstiindlieh!nur illustrativ 2x1 verstehen, ohne daß im einzelnen eine Festlegung darauf erfolgen soll. ־) Dies ist z. B. bei einer aus 118 Personen bcstehende Gruppe der Fall, die mit mir in Rußland zusammen gearbeitet hatten, und am 15. Juli von Wien nach Palästina abgefahren sind.

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