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Jüdische Rundschau · 1921-08-05 · Heft 62 (5.8.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 62 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 442 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 62 Zion 1'st isc 11011 Organisation. Wir traben einen Mc!1 sc!11• n verb ra ucl!, den sich ein reicheres Volk als wir es sind, nicht leisten Kann. Wer alle die Männer zahlt, die in den letzten drei Jahren in die Exekutive oder in den Institutionen und Landesverbänden an leitender Stelle standen, wird das bestätigt finden. Ein paar Monate geniigen bei uns schon, uni einen Menschen für ahselibare Zeit uml völlig zu ״erledigen“. Kein Wimder, daß die noch übriggebüebenen sich dann scheuen, ihren Namen, ihre zionistische und zumeist auch bürgerlich-ökonomische Zukunft, ihre Nerven und ihre Gesundheit für einen solchen Gladiatorenkämpf herzugeben, der fast immer mit der bekannten Geste des unbarmherzig nach unten ausgestreckten Daumens unserer Plebs endigt. - Steht diese Tatsache eines fast verschwenderisch zu nennenden Menschenverbrnudis aber nicht in Widersprucli mit der Erscheinung unserer von keinem Wechsel berührten, stets gleichen politischen Fährung? Nur scheinbar. Zunächst darf eine Regiening nur nach ihrem Haupte, das die Richtung anzeigt, nicht nach ihren Ressortministern beurteilt werden, für deren Auswahl nicht ihre (von.vornherein durch den Ministerpräsidenten gegebene) prinzipielle Anschauung, sondern ihre persönliche Eignung ausschlaggebend ist. Ein Kabinett Lloyd George bleibt cs auch, ob nun Balfour oder Curzon Außenminister, Hemlerson oder Harnes Arbeitsminister sind. Das gleiche gilt auch von der zioliisiiscl'.en Exekutive (Weizmaim-Sokolow) selbst für den auch bei anderen Völkern nicht allzu seltenen Fall einer anfänglich verschleierten, erst später bei der praktischen Bewährung der Ansichten sich in voller Schärfe iKrauskristallisiereiideii Mcimuigsversebiedenluit zwischen den Mitgliedern derselben Leitung; dieser Streit findet seine Lösung nicht in einer Demission der Gesamtregienmg, sondern im Austritt der dissentierenden Mitglieder (Julius Simon und Nehemia de Lieme, im Falle der ziouistisclnn Leitung). Die eigentliche Fiihrung der Organisation aber ist schon seit Kriegsende 1mverändert gehliehru. Dann ist zu beachten, daß der Wechsel der Personen bei uns zumeist eine reine P e 1 so 11 a i;1 n g e 1 e g e n he i t war, kein Systeimvecbsel auch nur in den einzelnen Ressorts, Diese Veränderungen sind eigentlich niemals durch eine der parlamentarischen vergleichbare üpposition eines Teiles oder einer Richtung der Organi- Station hervorgeiufen worden, sondern alle ihre Differenzen, die ihnen vorangingon, spielten sielt in -dem engen Kreise der leitenden Personen ah. Das heißt mm nicht, daß nur nach persönlichen, nicht nach sachlichen Gesichtspunkten die Auswahl der Personen stattfindet, sondern nur, daß sie unter dem Ausschluß und ohne die Teilnahme der zionistisehen Oeffentüchkcit erfolgt. Es gibt bei uns cimn bestimmten, sehr engen Kreis von ״Königsmaeherti“ mul ״Minislerstürzern“ und dieser entscheidet, nicht die Parteien, wie das sonst bei jedem demokratisch und parlamentarisch regierteil Volke üblich ist. Dieser Kreis ist nun nicht etwa (es ist leider immer wieder nötig, sich von vomherein gegen derlei beliebte ״Mißverständnisse‘' zu verwahren) eine Art Clique oder Kamarilla; ganz im Gegenteil umfaßt er einander nicht immer nahestehende Personen. Und seine Funktion ist nicht im geringsten widerrechtlich usurpiert worden, sondern ganz natürlich und vielfach auch ohne und gegen den Willen mancher Beteiligter entstanden aus dem Mangel r e g i e r 1111 g־s - oder (was dasselbe ist) Opposition«, fähiger P a r t e i e 11, In diesem Mange! ist die Ursache für den 1111ökonomischen Mensclienverbraucii der zionistischen Bewegung z.n finden. Es weiden nicht die Vcrtreler von Parteien und Richtungen an die Spitze gestellt, sondern die Mitglieder der Exekutive lind der übrigen Leitungen werden nur ad personain gewählt. Das bedeutet die völlige Isolier u 11 g u 11 s e r v r f ii b r e 1111 e 11 M ä n 11 e r, die sich nicht jederzeit auf das Vertrauen der Gruppen, die sie entsandt haben und deren Exponenten sie sind, stützen können. Jede Opposition, auch die eines nur kleinen Teils der Organisation, untergräbt sogleich ihre Stellung, während sie sonst dadurch nicht berührt werden könnten, solange sic nur das Vertrauen ihrer Partei besitzen. Jeder Fehler, den einer der führenden Personen heute begeht, wird ihm zum Verhängnis; von keiner Partei, die schon aus eigenstem Interesse keinen ihr Angehörigen ohne groben Verstoß gegen ihre Grundsätze fallen lassen kann, gedeckt, durch kein, wenn auch nur partielles Vertrauen geschützt, ist er erbarmungslos der allgemeinen Kritik preisgegeben. Bei einem an sich schon so kritisch gestimmten Volke wie dem jiiduschen fuhrt dies dazu, dull die eben noch mit grüßten Erwartungen Begrüßten schon ״ach kür* zester Frist schon als abgetan und erledigt gelten, Au unsere Führung werden Anforderungen gestellt, die unerfüllbar auch bei einem noch größeren Format sind als demjenigen, das unsere heutige Leitung aufzuweisen hat. Damit hängt auch zusammen, half die Leitung, der das natürliche Mittel des Kontaktes mit den Massen, die Parteien, fehlt, eigentlich nie recht weiß, ob sie noch das Vertrauen der Organisation bat oder nicht- Daß ein solcher Zustand geradezu einen Anreiz bietet, die natürlichen Gesetze demokratischer Willens- und Regierungsbildung zu mißachten, wie das auf der Londoner Jalireskonfercnz geschah, ist eine weitere Folge. Der einzige Vorteil, den eine Auswahl der Personen nach ihrer sachlichen Eignung oder persönliciien Uebcreinstiimming mit dem Regicruugslumpt gewährt, wird mehr als aufgehoben durch den Mangel an Vertrauen, unter dem einzelne und alleinstehende Personen immer leiden müssen. Vertrauen aber ist die erste und unumgänglichste Voraussetzung jeder politischen Arbeit. lieber das Problem der Partcigruppicrungen im Zionismus, das mit der Frage einer gesunden Opposition mul ihrer Regicrungsfüliigkeii ־zusammenfällt, habe ich bereits ausführlich in der Monatsschrift ״Der Jude“ (V. Jalirg., Heft 4) gesehrieben. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, die theoretische Seite dieser Frage mit der erforderliehen Genauigkeit zit behandeln. Nur von den praktischen Lrlalirtmgen der lelzleii Jahre ausgellend, können einige Leitgedanken formuliert wereleu, die bei der Zusammensetzung der künftigen Exekutive bestimmend sein müßten: L Aus dem Prinzip eines möglichst großen und weitreichenden Vertrauens, das die zionistische Leitung genießen muß, wenn sie die künftige, von allen Zionisten die schwersten Opfer verlangende Arbeit in der Diaspora und in Palästina durchführen soll, ergibt sich ebenso wie aus der äugen-!dicklichen gefährlichen außenpolitischen Situation der Bewegung die Forderung einer um- I a s s e!1 den K o n z e 111 r a t i o!1 s p o I i t i k. Es ist ein Kabinett der nationalen K o 11 z e n t r a - tion zu bihlcis, in das alle größeren Parteien oder (in deren Ermangelung) Landesorgaiiisationeii iiire Vertrauensmänner zu entsenden haben, soweit nicht unüberwindliche Gegensätze der Prinzipien dies verhindern. Die verschiedene Auffassung über die Bedeutung und die zentrale Stellung des nationalen Gedankens im Zionismus z. B. ist ein solcher Gegensatz. Dieses Vertrauen, das die einzelnen Personen kraft ihrer Stellung in ihrer Partei oder Landsmaimschaft genießen, ist - wie ausdrücklich hervorgcliohcii sei - wichtiger als fachmännische Eiguutig. Fachmänner ohne Geld zur Realisierung ihrer Pliine sind wertlos, Männer aber, die durch das Vertrauen, das sie genießen, das Geld schaffen, werden auch die Fachleute finden, die es zweckmäßig verwenden. (Der Zionismus ist heute vor allem eine Frage der Menschen, nicht des Ueldes; die Menschen werben erst das Geld, dieses daun wieder die Menschen, das heißt hier die ׳Fachmänner.) Für die palästinensische Exekutive hingegen gilt die Forderung fachmännischer Zusammeiisetziing in weit höherem Maile als für die Londoner. Demi sie ist viel mehr administrativ-ausführende Instanz, als beschließeiid-aiiordnende und richtunggebende. Das auch für sie notwendige Element des Vertrauens soll durch Teilnahme lind Vertretung der palästinensischen Judenschaft realisiert werden, 2. Bildung einer Koiizentratioiisregieruug bcdeutet die Uebernahmc der Verantwortung durch die sich beteiligenden Parteien und Gruppen. Von entscheidender Wichtigkeit erscheint a 11 s d e!11 ü e s i e 111 s p u n kt f r u c h t b a r e r II ml möglichst r e i h u!1 g s 1 o s e r S i e d - 11111 g s t U t igk e i t in Palästina und Er- Ziehung der Arbeiter zu politischer und wirtschaftlicher Mitvera ntwor- III n g, di e 1' e i 111 a 11 m e der zionistische n Arbeiterschaft an der neuen Leitung. Der Zustand, daß die Arbeiter in ihren Wirtschaftliehen Forderungen und überhaupt in ihrer ganzen Einstellung die Organisation als etwas Außenstehendes und Fremdes betrachten, dessen Funktion sicli in Subventionen und höchstens noch einer lästigen, nicht besonders zu beachtenden Kontrolle erschöpft, und daß sie daher vielfach!eitler zionistische Gelder nicht wie ihre eigenen verwalten, muß aufhören, Das kann aber nur dadurch geschelten, daß die Arbeiterparteien die Verantwortung mittragen, also daß sie gouvernemental werden. Der gegenwärtige Zustand, der für sie äußerst bequem war, mußte demoralisierend wirken. Es ist nicht einzusehen, warum nicht auch Arbeitervertreter und gerade sie ein Mitbestimmung«• recht darüber haben sollen, ob in einem Augen• blick der Geldnot das Budget der palästinensischen Schuten oder das der •Kwuzoth eingeschränkt wer* den, bzw. auf welche Weise das notwendige OeisJ herbeigeschafft werden soll. 3. Es ist nicht notwendig, daß jede Partei au der Leitung teilnimmt, um ein Konzentrationskabinett zu erzielen. Eine solche Leitung muß auch arbeitsfähig sein; danach ist nicht nur die einvcrnehinlicli zu bestimmende Auswahl der Personen vorzuaelmicu, sondern auch die Frage der Teilnahme einer Gruppe zu entscheiden, selbst wenn keine unüberbrückbaren Differenzen ihr diese fei!- nähme verbieten. Was jedoch von jeder Gruppe verlangt werden kann und wozu sie zu zwingen der folgende Vorschlag unternehmen will, ist iiire prinzipielle Geneigtheit, die Regierung in einer für sie möglichen Zusammensetzung und damit auch die Verantwortung zu übernehmen. Deshalb soll der Pcrmanenzaiisscliuß von allen in Betracht kommenden Gruppierungen auf dem Kongreß Vorschläge für die künftige Leitung der Organisation und ihrer Institutionen verlangen. Parteien, die aus ihrer eigenen Mitte nicht genügend Personen namhaft machen können, um wenigstens wesentliche Teil, gebiete des Arbeitsfeldes der neuen Regierung mit ■ihren Vertretern zu besetzen, werden bald an Bcdcutung eingebüßt haben und ihre Kritik wird ins Leere fallen. Diejenigen aber, die trotz hinreichender Kandidaturen außerhalb der Leitung bleiben, werden eine regierungsfähige Opposition bilden, die erste, die wir haben werden, ifieses Ver• fahren bat außerdem den Vorlei!, daß es einwandfrei (im Gegensatz zu den höchst zweifelhaften Axkla* mationeii des Kongreßplentims) die Personen he• zeichnet, denen alle oder die Mehrheit der Parteien und Landsmannschaften Vertrauen cntgegenbringen, 4. Es ist im höchsten Maße widersinnig und sowohl für die Organisation wie für die Mitglieder ihrer Leitung verderblich, daß aus irgend weichen Gründen des Sentiments einzelne führende Personen gehindert werden, ihre ganze Kraft und Zeit der zionistischen Arbeit zu widmen, da sie noch für die materielle Sicherung ihrer Existenz Sorge tragen müssen. Audi jenen Dünkelhaften, deren höchstes mul zumeist ausschließliches Interesse den Gehältern der leitenden und der anderen Beamten der Organisation gilt, muß endlich einmal mit aller Deutlichkeit gezeigt werden, daß diese Gesinnung den Tod Theodor Herzls auf dem Gewissen hat, der an der Unmöglichkeit, privaten Erwerb mit angespanntester zionistischer Arbeit zu vereinen, zugründe ging. Mögen diese Herren sich phito• kratische Komitees und Gesellschaften zum Feld solcher Betätigung suchen, d a «demokratisch e Prinzip unserer B e w e g 11 n g v e r 1 a 11 g t, daß endlich der Grundsatz e i 11 e r a n g e - messenen Besoldung aller Mitglieder der Leitung und aller hauptamtlich Tätigen ohne Ausnahme streng durchgeführt wird. Wir müssen es entschieden ahlehnen, daß die privaten VermögensverhältHisse des einzelnen ihm eine zionistische Betätigungsmöglichkeit geben dürfen und sie einem anderen, vielleicht Wertvolleren, versagen können; wir müssen es' ahlehnen, daß Organe unserer Bewegung dadurch nach außen deklassiert erscheinen können. Die Würde unserer Beamtenschaft, ihr Nachwuchs und die im Interesse der Bewegung unerläßliche Forderung, daß unsere Fähigsten und Besten ihren Beruf aufgeben und in den Dienst der Zionistischen Organisation treten, verlangen ferner eine g es e tzliehe Regelung d e r D i e 11 s t v e r h ä 11 - nisse aller zionistischen Beamten. Dann werden auch die Angriffe, wie sie in der letzten Zeit erfolgten, und wie sie an Häßlichkeit ihresgleichen suchen, verstummen müssen, und. wild für viele ein unüberwindliches Hindernis, Beamte der Zionistischen Organisation zu werden, wegfallen. Leider kann auch der zionistischen Beamtensciutft nicht der Vorwurf erspart werden, daß sie diese Angriffe, ‘die, wie nichts anderes, das Vertrauen in die Führung der Bewegung und ihre Arbeit zu erschüttern vermochten, scheinbar nicht ernst und wichtig genug nahm, um die schonungsloseste Verfolgung ihrer Urheber und die Behänd- Jung der Angelegenheit in vollster Ocffentlichkeit durcimisetzen. - Es gehört auch zur Politik der nationalen Konzentration, daß den Führern und Beamten der Bewegung die Möglichkeit gegeben wird, sich auch persönlich völlig auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. Im Vorstehenden sind mir einige Leitsätze angeführt, die bei der Durchführung einer Konzentrationspoütik in der Zionistischen Organisation beachtet werden müssen. Es wären zwar noch einige andere Gesichtspunkte hervorzuheben, ebenso auch die taktische Frage des' Zusammenschlusses und Einvernehmens der verschiedenen Gruppen auf dem Kongreß zu erörtern. Aber beides Ist nicht von so prinzipieller Bedeutung als daß cs in diesem Zu* iarnmenhange nicht übergangen werden könnte.

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