Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1921)
- Date
- 1921-07-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 60 JUED1SCHE RUNDSCHAU Deutscher Zionismus und Kongreß Von Dr. Fritz Löwenstein. Die deutschen Delegierten auf dem Karlsbader Kongreß werden durch ihre Zahl kaum dazu bcrufen sein, die Entscheidung des Kongresses herbei• zuführen. Selbst wenn das Ergebnis der Schekel- Sammlung wesentlich besser sein würde, als es leider bisher zu erwarten ist, wird es doch so bedeutend hinter den Schekclsamnilungen anderer Länder, z. ß. Polens, Zurückbleiben, daß die nach der Zahl der Schekel bestimmte Zahl der Dolegierten eine verhältnismäßig sehr kleine sein wird. Dennoch ist nicht daran zu zweifeln, daß die Rolle, die der deutsche Zionismus auf dem Kongreß zu spielen haben wird, viel größer sein wird, als es nach seiner zahlenmäßigen Stärke zu erwarten wäre. Der deutsche Zionismus hat einen Ruf in der Zionistischen Organisation; es gilt, diesen zu bewähren oder zu verlieren. Die deutschen Zionisten standen bisher in dem Ruf, das Wesen der Organisation, ihrer Notwendig, keit und der Unterordnung unter sic in einem, besonderen Maße begriffen zu haben. Dieses Vcrständuis fiir die Organisation hat der deutsche Zionismus nicht nur theoretisch gezeigt, er hat es bewiesen durch Schaffung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, die in jahrzehntelanger, mülievoller und systematischer Arbeit zu ihrer heu• tigen Bedeutung herangcwachscn ist. Man iiat cs im deutschen Zionismus gewußt, daß die Zionistisclie Weltorganisation eines der wertvollsten Produkte Herzischen Geistes ist. Organisation ver• stand man im deutschen Zionismus niemals als Unterdrückung, als Verknöcherung, als Ertötung des Geistes, niemals als Ersatz der lebendigen Bewegung, sondern als die wohlüberlegte, allen berechtigten Interessen Spielraum lassende Form, in der die Ziele der Bewegung verwirklicht werden können. Hat doch diese Zionistische Weltorganisation, indem sie das landsmannsehaftiiehe und das föderative Prinzip nebeneinander bestehen ließ und gleichzeitig miteinander verschmolz, deutlich genug gezeigt, daß sie allen berechtigten Interessen gerecht zu werden vermag, ohne an der notwendigen Festigkeit zu verlieren. Wir halien mit Stolz darauf hingewiesen, daß diese Zionistische Organisation sogar im Kriege intakt geblieben ist. Aber es zeigt sich auch liier, daß manche schlimmen Wirkungen des Krieges sich erst nach Friedensschluß bemerkbar machen. Denn die letzten Jahre in der zionistischen Ent• Wicklung lassen häufig jeden Respekt vor selbstgeschaffenen Institutionen, jede Unterordnung unter selbstgewühlte Führer, jede Disziplin gegenüber rechtmäßig zustande gekommenen Beschlüssen vermissen. Mit schmerzlichem Bedauern haben wir deutschen Zionisten, die wir die Durchführung der Keren Hajessod-Arbeit nicht nur für eine Pflicht gegenüber einem Beschlüsse der Jahreskonferenz, sondern für eine sachliche Notwendigkeit hielten, die Vorgänge in Amerika beobachtet und haben gesehen, daß ein Teil der Zionistischen Organisation die Durchführung entscheidender Be- Schlüsse verhindert hat, obwohl sic an deren Zustandekommen unmittelbar beteiligt war. Der deutsehe Zionismus hat in dieser Lage seinen alten Ruf bewährt. Er hat nicht protestiert, sondern die Keren Hajessod-Arbeit gemacht und damit allen 'Zionisten in der Welt bewiesen, daß der Maassergedanke kein leeres Schlngwort, sondern eine ernste Verbindlichkeit bedeutet. Wir wissen, daß dieses Beispiel des deutschen Zionismus nicht ohne Einfluß auf den weiteren Verlauf der Ergebnisse in Amerika gewesen ist. Le hier haben 'die Gedanken disziplinloser Sonderbündelei sich nicht auf Amerika beschränkt. Eine kleine oppositionell gerichtete Gruppe, die daran verzweifelte, auf legalem Wege im deutsehen Zionismus sich durchzusetzen, ist den Spuren der Brandcis-Gruppe in Amerika gefolgt. Unter Mißbrauch des Föderationsgedankens schloß sie sich zu einer besonderen Gruppe zusammen, begann eine eigene 'Außenpolitik und hat die zionistische Arbeit in Deutschland aufs schwerste geschädigt. Heute gibt cs in Deutschland zwei zionistische Organisationen, eine legitime, die Zionistische Vereinigung für Deutschland und eine illegitime, ״Binjan Haarez“, Jede Arbeit mit Niclitzionisten wird dadurch unsäglich erschwert, ja unmöglich gemacht, jede l orderung, die der deutsche Zionismus zu steilen hat, hat sich nicht nur gegenüber den andersgerichteten Anschauungen der Nicht- Zionisten durchzusetzen, sondern auch gegenüber der Haltung von Binjan Haarez. ln dem Wahlflugblatt, das Binjan Haarez herausgegeben hat, wird zum ersten Male gegenüber dem Keren Hajessod eine, wenn auch sehr bedingte und verklausulierte, positive Stellung eingenommen. Es ist nur schade, daß selbst eine positive Stellungnähme dieser Art bisher nicht zu verzeichnen war, daß der Gedanke des Keren Hajessod in der Form des Maasser sich keinerlei Förderung aus den Kreisen Binjan Haarez zu erfreuen hatte, sondern im Gegenteil gezwungen war, ständigen Hemmungen zu begegnen. Man spielte die Privatinitiative gegen den Keren Hajessod aus, man verdächtigte die Verwaltung des Keren Hajessod, und gerade jetzt ist zusammen mit dein Wahlaufruf von Binjan Haarez ein Rundschreiben dieser Gruppe versandt worden, dessen alleiniger Zweck es zu sein scheint, den Gedanken des Keren Hajessod unpopulär zu machen. Montag, (len 1, August abends 8 Uhr Tiergartenhof (am Bahnhof Tiergarten) Hauptversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung. ״Der Karlsbader Kongreß“ Es sprechen: namens der Liste I ״Binjan Haarez" Herr Dr. Gustav Wittkowsky. namens der Liste 11 ״Vereinigte zionistische Gruppen" Herr Dr. Egon Rosenberg. Anschließend Diskussion, — Nach Schluß der Vcrsammlung Abgabe der Stimmzettel. So ist der Gedanke der Organisation geschändet worden, und es erscheint uns als eine dringliche Aufgabe des Kongresses, dieser Idee der Organisation wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Es muß bei uns wieder selbstverständlich werden, daß die Opposition nicht berechtigt ist, Beschlüsse zu sabotieren, daß sie nicht berechtigt ist, eine eigene Außenpolitik zu treiben, daß sie nicht berechtigt ist, Institutionen wie den Keren Hajessod mit halben Andeutungen und vagen Bemerkungen zu diskreditieren. Die deutsche Delegation auf dem Kongreß muß geschlossen für den Gedanken der Organisation, für den Gedanken des Keren Hajessod eintreten. Keine Stimme denen, die Organisation und Keren Hajessod gestört und sabotiert haben! Man hat noch eine andere Seite jdes deutschen Zionismus oft rühmend hervorgehoben. Der deutsehe Jude kommt ja auf einem anderen Wege zum Zionismus als der in diesen Dingen so viel besser gestellte Ostjude, Für ihn ist der Zionismus nicht die logische Konsequenz aus einer selbstverständliehen uationaljüdischen Gesinnung, für ihn ist der Weg zum nationalen Judentum schwerer, aber auch bedeutungsvoller als im Osten. Zwischen dem westlich-amerikanischen Zionismus, der, größtenteils erst ein Produkt der letzten Jahre, sich noch in einem frühen Stadium zionistischer Entwichlang befindet, und zwischen dem östlichen Zionismus befindet sich der deutsche Zionismus in der Mitte. Er mußte seinen eigenen Weg gehen, da cs ihm nicht genügte und nicht möglich war, den Weg anderer Gruppen des jüdischen Volkes zum Zionismus zu gehen. In Deutschland wurde der nationale Gedanke des Zionismus selbständig entwickelt. Er wurde zur Grundlage zionistischer , Erziehung und zionistischer Politik. Und je stärker er wurde, um so mehr erkannten wir zu unserer Freude, daß wir, wenn auch vielleicht auf anderem Wege, doch zu denselben Ergebnissen und Auf- Seite 429 fassungen kamen, die die Basis des östlichen Zionismus bilden. So kam es zu jener Konstellation der letzten Jahre vor dem Kriege, wo der deutsche Zionismus zusammen mit dein russischen und östcrreichischen den festen, zuverlässigen Kern der Bewegung bildete. Man kannte in der zionistischen Welt diese Stellung des deutschen Zionismus; der Krieg zeigte von neuem, daß die deutschen Zionisten unbeschadet ihrer Steilung als Staatsbürger mit Entschiedenheit den nationalen Gedanken des Zionismus weiter pflegten und niemals gefühlsmäßig auch nur die leiseste Trennung gegenüber den Zionisten ״feindlicher Lander“ aufkoinmen ließen. Inzwischen hat dieser nationale Gedanke des Zionismus seine Früchte getragen. Keine Macht stand hinter Weizmann, als er namens des jüdischen Volkes mit der englischen Regierung verhandelte, als die bisherige Leistung in Palästina und die nationale Idee. Und die klugen englischen Realpolitiker verstanden die Stärke dieses Nationalisnius besser als manche Zionisten, die in der Beseitigung 'dieses nationalen Gedankens die Forderung des Augenblicks sahen. Bei der Actions- Com ite-Sitzung in Prag hat Weizmann betont, daß der wirkliche Gegensatz zwischen der Brandeis- Gruppe und uns darin gelegen hat, daß die Führer in Amerika den nationalen Gedanken der Bcwegung nicht verstanden. Weizmann hat damit das bestätigt, was wir stets bei Beobachtung der amerikanischen Vorgänge empfunden haben, lnj zwischen hat der deutsche Zionismus auf dem; Delcgiertentagc in Hannover in einem einstimmigen ן Beschlüsse erneut der Uebcrzeugiing Ausdruck gej geben, daß sowohl ■die Erringung politischer Erj folge wie die Gewinnung von Menschen und | Mitteln für den Aufbau nur möglich sei, wenn der j idealistische und nationale Charakter wie bisher! die Grundlage unserer Bewegung bleiben. Wenn dieser Gedanke, der uns deutschen Zionisten selbstverständlich ist, in Hannover wieder einmal ausgesprochen werden mußte, so war es, weil jene kleine Gruppe deutscher Zionisten, die den Spuren des amerikanischen Zionismus nachzufolgen für ihre Pflicht hielt, auch den nationalen j Gedanken in der Bewegung in Frage stellt. Man J hörte die Meinung, der Zionismus habe aufgehört, eine ideale Bewegung zu sein, er müsse mechanisiert werden. Eine Gruppe, die sieb für politische Verhandlungen als besonders geeignet erklärte, verstand nicht, daß eine Abschwächung des zionistischen Ideals zu einer Pa last i na-Ko Ion isationsbewegung nicht nur dem politischen Gedanken Herzls ins Gesicht schlug, sondern cs dem Zionismus überdies völlig unmöglich machen muß, Menschen zu gewinnen. Und so gibt es heute in Deutschland einen Kampf um die nationale Grundlage der Bewegung. Die Fülle der Probleme, die dieser Kongreß den Delegierten zur Entscheidung vorlegt, ist so gewaltig, das Material darüber noch so wenig durchgesichtet, daß wir heute unsere Delegierten nicht nach ihrer Stellungnahme zu diesen Einzel- : fragen wählen können. Die Aufgabe des Konj gresses wird es vielmehr sein, die Grundlagen der j Bewegung sicherzustellen und dann die Männer in die Leitung zu wählen, die auf dieser Grundläge stehend, die beste Gewähr für die erfolgreiche Weiterarbeit der Bewegung geben. Als diese selbstverständliche Grundlage der Bewegung werden sich die deutschen Zionisten für den nationalen Gedanken einsetzen. Sie werden alle Strömungen bekämpfen, die diesen Charakter bedrohen, die die zionistische Entwicklung atifs schwerste gefährden. Keine Stimme denjenigen, die ] durch ihr Tun und ihre Worte den naj tionalen Charakter der Bewegung gej fährdet haben! Die Vertrauensleute des Jüdischen Natioiwlfonds werden gebeten, die Ergebnisse der Baumsam m lang zu Herzls Todes׳* tag umgehend an die Zentrale zu senden, damit diese in dem nächstens erscheinenden Sonderausweis der Herzl-Spende noch veröffentlicht werden können. Pie Wahlen zürn XE6. Zionistenkongreß finden in der Zeit vom 31. Juli bis 7. August 1921 statt. jeder Wähl©!״ muß seinen Stimmzettel persönlich im Wahllokal seiner Ortsgruppe abgeben. Nur wer verreist ist, oder wer nicht im Bezirk einer Ortsgruppe wohnt, darf den Stimmzettel brieflich einsenden 1