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Jüdische Rundschau · 1921-07-29 · Heft 60 (29.7.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 60 (29.7.1921)
Date
1921-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Denn aller Pessimismus und alle Mißstimmung, die besonders in Palästina immer wieder Platz greift, hat seinen Grund in der Enttäuschung, daß trotz Balfour- Deklaration und San Rcmo und trotz dem Beschluß der Jahreskonferenz über die Schaffung des Keren Hajcssod auch der bescheidenste Traum jüdischer Auferstehung nicht Wirklichkeit werden will. Das Oedland liegt öde, kein neues menschliches Leben regt sich, man sieht nichts von einem aufblühenden Gemeinwesen, von kultureller Leistung und wachsendem Wohlstand, nichts von einer Bevölkerung des dünn besiedelten Landes. Das jüdische Volk ist naiv genug, enttäuscht und verwundert zu sein über diese Stagnation und bedenkt nicht, daß es selbst die Schuld trägt, weil es die steile Wand nicht zu durchbrechen vermochte, weil es die Mittel und Kräfte für die Arbeit nicht hergegeben hat. Und dazu kommt noch, daß man in letzter Zeit oft vergißt, daß es schon ungeheurer Anstrengungen bedurfte, um in deii Kriegsjahren das Bestellende zu erhalten. Andere Länder, in denen der Krieg tobte, sind von Grund auf vernichtet; der Wiederaufbau wird ungeheure Summen verschlingen, unproduktive Ausgaben. Der jüdische Jischuw Palästinas ist gerettet worden und auch dieser Erfolg hat gewisse Summen gefordert, die man, wenn man einseitig und engherzig ist, als unproduktive Ausgaben bezeichnen kann. Sicher hätte mit den Geldern, die im Krieg und nach dem Krieg nach Palästina geflossen sind, mehr geleistet werden können und manches besser: aber es ist eine demagogische Ucbertreibung, von der sich gerade verantwortliche Personen femhalten sollten, wenn man nun diese Summen als vergeudet oder als unproduktiv angelegt bezeichnet, sie gar den Investitionen des Baron Rothscliild gegenüberstellt; denn schließlich herrschten immerhin besondere Verhältnisse — Krieg — und es ist doch eine Tat, daß der Jischuw bestehen blieb. Palästina hat schon schwere Tage gesehen. Die Zeiten Djemal Paschas waren schwärzer als die heutige Lage. Palästina hat nicht verzweifelt, und heute ist cs zwar vom Warten zermürbt, aber dennoch im Bewußtsein, am Vorabend einer neuen Entwicklung zu stellen. Ein wertvolles Jahr ist infolge der amerikanischen Obstruktion verloren gegangen; endlich ist das Eis gebrochen und das Geld beginnt zu fließen. Vor einem Jahre mußte Ussisclikin aus London abziehen, ohne daß sein vier Millionen betragendes Budget überhaupt ernstlich diskutiert wurde. Heute tritt er zusammen mit Dr. Ruppin mit bescheideneren Ansprüchen auf, die Aussicht auf Verwirklichung haben. Das Budget, welches der A.-C.-Sitzung in Prag vorgelegt wurde, bezeichnet Ruppin als das M i n i 111 u m dessen, was für Palästina erforderlich ist, es ist auf Grund der Gutachten der Finanzreferenten so niedrig angesetzt worden, selbstverständlich gibt es dringendste Bcdürfnissc, die der Befriedigung harren, sofern nur der budgetierte Betrag überschritten werden kann. Ruppin hat die Grundzüge seines Programms bercits in Berlin bei der Zentralkomiteesitzling entwickelt (siehe ״J. R.“ Nr. 51). Das Budget, das wir gleichzeitig veröffentlichen, teilt die Ausgaben in geschäftliche und nicht geschäftliche Anlagen ein. Dem eigentlichen Aufbau dienen diejenigen Anlagen, die als geschäftliche bezeichnet werden. Die wichtigsten Posten sind: Bodenkauf, Häuserbau und landwirtschaftliche Kolonisation, ln der letzten Zeit ist nach einer langen Pause endlich wieder Boden in Palästina gekauft worden. Bekanntlich gab es Gegner dieses Kaufes, und Herr de Lieme hat sogar in einem Rundschreiben dagegen Stellung genommen. Ruppin hat bei der A.-C.-Sitzung überzeugend nachgcwiesen, daß dieser Kauf 110twendig war. Auch die von de Lieme an Stelle des Emek Jesreel vorgcschlagenen städtischen Gründe hat der Nationalfonds zu kaufen beschlossen, und einer der wichtigsten Käufe in Jerusalem ist bereits abgeschlossen. Der Nationalfonds braucht für diese Aktionen 300000 Pfund, wovon 175000 bereits vorhanden sind, so daß noch 125 000 aufzubringen wären. Wenn der Keren Hajcssod in diesem Jahre nur eine Million Pfund eimümmt, so entfallen davon 200 000 Wund auf den Nationalfonds, ganz ungeachtet der Einnahmen aus seinen eigenen Sammlungen. Die gekauften Ländereien müssen jedoch sofort in Bearbeitung genommen werden. Es ist vorgesehen, zunächst 500 Familien im Emek anzusiedeln, die für den Anfang etwas mehr Boden bekommen, der ihnen bei späterer Intensivierung der Wirtschaft zum Teil wieder entzogen wird. Für die Ansiedlung eines Kolonisten wird ein Betrag von 800 Pfund zugrunde gelegt Im übrigen soll die Ausstattung Per Ansiedler nicht auf einmal erfolgen, Palästina - Budget der Zionistischen Organisation fßr das Jahr 5682 (Vorgelegt von der Zionist Commission, vom A.-C dem Kongreß zur Annahme empfohlen.) Tätlgkeltszwtäg. I. Geschäftliche Anlagen. 1. Bodenkauf durch J, N. F. und Ameliorationen 2. Kredite für Kleinhausbau in den Städten . 3. Kommerzielle Kredite.. 4. Industrielle Kredite. 5. Gewährung von Krediten an Landwirte , . Erfordcrlieh 300000*) 200000 100 000 100 000 325 000 6. Aufforstung.. 7. Beteiligung an Ruthenbergs Unternehmungen Summe . . 25 000 50 000 1 100 ÜOÜ II. Nichtgeschäftliche Anlagen. 1. Schulwesen.. . 2. Landwirtschaftliches Versuchswesen . . 3. Soziale Fürsorge, Sanitätswesen .... 4. Erste Hilfe für Einwanderer ..... 5. Politische Ausgaben. 6. Administration in Palästina . . . . . Summe . *) Hiervon sind 175 000 Pfund bereits 125 000 10 000 100 000 100 000 40 000 25 000 .| 1 500 0UÜ vorhanden. Bl Von der erforderlichen Summe sollen aus- Betrag gegeben werden durch in Pfund J.N.F.. ' 300 000 Städtische Hypothekenbank. 200 000 A. P. C. 100 000 Industriebank oder A. P. C.. 100 000 Agrarbank .. 125 000 Kolonisationsfonds (2. Hypothek u. Darlehen) 200 000 Aufforstungsfonds. 25 000 Bewässerungsgt Seilschaft. 50 (100 Summe . . i 100 000 125 000 10 000 Pakstine Executive Committee. 100 000 100 000 40 000 25000 Summe . . | 1 500 000 ■UBUMMBBBBB&MSBBn sondern auf drei Jahre verteilt werden. Die An-; Siedler erhalten von der Agrarbank eine erste Hypothek, für die etwa noch erforderlichen zweiten Hypotheken und Darlehen muß ein zu schaffender Kolonisationsfonds sorgen. Die Amelioration des Bodens muß sofort beginnen; das A.-C. hat für diese dringlichste Arbeit, die auch eine größere Zahl der jetzt arbeitslos werdenden Straßenarbeiter beschäftigen kann, sofort 20000 Pfund bewilligt. Ruppin betonte in seinem Referat auch die Not- Wendigkeit des Ausbaus des landwirtschaftlichen Erzichungswesens; in dieser Hinsicht haben die Farmen und Kwuzoth außerordentliche Dienste geleistet. Es muß ein für allemal ein Ende gemacht werden mit den sinnlosen Angriffen gegen die Kwuzoth; Dr. Ruppin zeigte, daß dasjenige, was man Defizitwirtschaft nennt, in Wirklichkeit eine Art ״Kolonisation auf Raten“ ist, weil niemals genügend Geld da war, utn eine Siedlung voll auszustatten. Die meisten Investitionen sind in der Form von Inventar oder Wertsteigerung als Aktiv um zu buchen. Ruppin hat diese Dinge schon beim XL Kongreß in Wien gesagt, und es wäre zu wünschen, daß sie endlicli definitiv gesagt sind und nicht immer wieder neue Kritiker auftauchen, welche die widerlegten Argumente wieder hervorholen. Neben diesen landwirtschaftlichen Arbeiten ist die dringendste Aufgabe der Häuserbau. Die Wohnungsnot in Palästina macht jede Wirtschaftliehe Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten unmöglich, sie macht auch eine größere Immigration unmöglich. Nach dem heutigen Stand verfügt der Nationalfonds und andere jüdische Gesellschaften über 12 000 Bauparzellen. Das wichtigste ist der Bau von Kleinwohnungen in den Städten. Für die Hypothekenbank, welche diesen Häuserbau fördern soll, hat gleichfalls das A.-C. 100 000 Pfund zur sofortigen Auszahlung bewilligt. Im übrigen wurde das Budget vom A.-C. selbst nicht genehmigt, da dies ö Wochen vor dem Kongreß als Kompetenz- Überschreitung empfunden worden wäre, trotzdem die Jahreskonferenz dein A.-C. das Budgetrecht verliehen hat. Das Budget wurde diskutiert und dem Kongreß zur Annahme empfohlen. Nur bezüglich des Scliulbudgcts wurde ein prinzipieller Beschluß gefaßt, weil die Vorbereitungen des nächsten Schuljahres dies erheischen; der Betrag selbst wird jedoch erst ab Oktober dieses Jahres, aLso nach dem Kongreß, zur Auszahlung kommen. Die Arbeit kann sofort beginnen: die Urbarmachung des Bodens im Emek Jesreel, die Vorbercitung der Ansfcdlung, der Häuserbau in den Städten, die Vorarbeiten zur Durchführung des sogenannten kleinen Rutlienbcrg-Projcktes, Die bisher angegangenen Gelder des Keren Hajcssod decken diese Ausgaben. Es sind die ersten größeren produktiven Anlagen, und sie werden der ganzen Arbeit einen neuen Schwung geben. Der Aufbau kann seinem Wesen nach nur in langsamer und relativ kleiner Einzelarbeit vor sich gehen. Aber diese kleinen Einzelarbeiten werden mehr Mut und Hoffnung geben als die großen Worte und Versprcchungen über phantastische Pläne, die nicht Realität sind. Die zionistische Arbeit findet den Weg zur Realität wieder. Sie wird, wenn auch in unverhältnismäßig größerem Umfang, dort fortsetzen, wo ihr Werk im Unglücksjahre 1914 abgebrochen ist. Das jüdische Volk, die ganze jüdische OeffentUchkeit, wird die Entwicklung dieser Arbeit mit größtem Interesse verfolgen müssen, denn zu ihrer Fortführung gehören immer wieder neue jMittel, die von den Juden gegeben werden müssen. Der Aufbau im Zeichen des Keren Hajessod beginnt. Damit das jüdische Volk wieder aufersteht, bedarf es der Arbeit, die schon der Prophet als Tröstung der sich sammelnden Zerstreuten gepriesen hat: Zu bauen und zu pflanzen. R. W. Die Bodenpolitik des J. N. F. in Palästina Prag, 18. Juli, (J. P. Z.) Anläßlich der Actions- Comite-Sitziing wurden mehrere Direktoriumssitzungen und die Generalversammlung des jüdischen Nationalfonds abgehalten. Dabei wurden die Frager» der Boden- Politik ausführlich besprochen. Die üeneralversammlung erteilte die Idemnität für den Bodenkauf im Emek Jesreel und beschloß ferner die Einleitung einer großzügigen Aktion für Kauf stiidtisehen Bodens in Jerusalem, Jaffa und Haifa. Die Einnahmen des Jüdischen Nationalfonds sind im Aufstieg begriffen. Im ersten Halbjahr 10021 wurden 110175 Püind gesammelt gegen •USO'J'i Pfund im ersten Halbjalir 1020. Dabei muß fcshgcstellt werden, daß die gesamten Spesen nur 10,78 Prozent betragen, weniger als bei anderen jüdischen Gesellschaften, was besonders hervorzuheben ist angesichts des Umstandes, daß es sich um die Sammlung von vielen kleinen Spenden handelt. Es wird gegenwärtig eine Neueinschätzung der Farmen des Jüdischen Nationalfonds vorgenommen, um■ entsprechend der Wertsteigerung das Gesamtvcrmögcn des Jüdischen Nationalfonds bestimmen zu können. Demnächst sollen auch 3000 Dunam für die Ts chicnow-Kolonie gekauft werden. Es besteht die Möglichkeit großer Bodenkäufe, wenn im nächsten Jahre vom Keren Hajessod (die dem Jüdischen Nationalfonds /.»!kommenden 20 Prozent) mindestens 300 000 Pfund eingehen timl vom Jüdischen Nationalfonds 200 000 Pfund gesammelt werden, so daß 500 000 Pfund zur Vefiigung stehen. Die Leitung des Jüdischen Nationalfonds soll in Zukunft so verteilt werden, daß drei Direktoren und ein Gouverneur in Palästina sitzen, zwei Direktoren und ein Gouverneur in Europa. Die General- Versammlung beschloß auch «inen Antrag auf Aufhebung jener Bestimmung des Statutes, wonach eine Reserve von 25 Prozent zuriickbehalten werden muß. In der Palästina-Debatte der Act io ns- Com i t e -S i t 7. 11 n g betonte Böhm, daß der Jüdische Nationalfonds gemäß den Anschauungen von de Lieme, Bodenreform erische Zwecke verfolgen müssen, daher müsse er städtischen Boden kaufen, damit nicht wieder Verhältnisse entstehen wie in Tel- Awiw, wo der Jüdische Nationalfonds mitgeholfen hat, ohne daß er eine Kontrollmöglichkeit über die privaten Hausbesitzer erlangt hätte. Tri et sch wandte sich in einer fast zweistündigen Rede gegen die gegenwärtigen Kokmisationsmethodei», insbesondere gegen die Vorherrschaft der landwirtschaftlichen Kolonisation. Er betonte, daß wir bei einer Massenein Wanderung nicht auf palästinensisches Getreide angewiesen sind, wohl aber auf eigene Häuser, und plaidiert für die Schaffung von Gartenstädten. Er wendet sich auch dagegen, daß der Keren Hajes od als vereinigter Spenden- und Investmentsfonds begründet wurde, weil er doch wesentlich als Spendenfonds anfgefaßt wird und der Eindruck entsteht, als ob Palästina durch unrentable Arbeit aufgebaut werde, während in der Tat nur ein winziger Bruchteil der Aufbauarbeit unrentabel sein muß. Jüdische Handelsschiffahrt. Palästinensische Blätter teilen mit, daß der in London wohnende reiche Konstantinopkr Jude Mazzali die Organisation einer jüdischen Handelsflotte begonnen hat. Von der englisehen Regierung hat Mazzali 15 große Handelsschiffe erworben und zu einer ״Zkm National Steamer Navi- 1 gation Company Ltd.“ vereinigt. Diese Schiffe sollen »kn Verkehr auf folgenden Linien vermitteln: 1. Alexandrien- Palästina- Syrien und Konstantinopel; 2. Schwarzes M eer-Ko ns t a ntinopel-lsmid und Marseille; 3. Piräus- Alexandrien und Syrien. Das erste Schiff hat bereits• den Hafen von Alexandrien mit zahlreichen Reisenden verlassen. Es trug die englische und zionist!?che Flagge.

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