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Jüdische Rundschau · 1921-07-26 · Heft 59 (26.7.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 59 (26.7.1921)
Date
1921-07-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 59 Seite 420 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Kongreß und Einwanderungsfrage Der bevorstehende Kongreß ist berufen, die Stellung des Zionismus zu einer großen Anzahl unserer wichtigsten Probleme festailegcn. Es war ein nicht ungeschickter Zug der aktivistisehen Halbmonatsschrift ״Die Tribüne“, in diesem Zeitpunkt au eine Reihe führender ־zionistischer Politiker eine Enquete zu versenden, mn ihre Steljung zu den bedeutsamsten Fragen zu erkunden. Au! der Liste dieser Fragen sei hier diejenige 11erausgegriffen, welche sich mit der Ein wänderitng nach Palästina befaßt. Sie lautet in ihrem wesentlichen Teil: Sali die Einwanderung »ach Palästina mir auf diejenigen beschränkt bleiben, die von der Organisation ein Zertifikat erhalten, oder soll die Einreise für alle Juden, die sich in Palästina niederlassen wollen, freigegeben werden? Durch diese Frage wird der alte Gegensatz vom Miuimalismus und Maximalismus wieder aufge-' worfen. Kein Zweifel, daß er auf dem Kongreß eine nicht unerhebliche Rolle spielen wird. Die kleine, aber regsame 'AUtivistengrup.pe neigt» wie auf politischem Gebiete, so auch auf wirtschaftlichem dem Maxiniaüsmus zu, und mit ihr wird die Gruppe um T riet sc 11 im Bunde sein, wenn es gilt, jene Frage im Sinuc der Masseneinwanderung zu beant- Worten. l::nl doch muß man sagen, daß die Frage fast jeden Sinnes entbehrt. Sie hat so viel und »י wenig Sinn wie die positive!Behauptung, daß Palästina viel oder wenig Menschen fassen könne, daß nur eine kleine oder nur eine große Bevölkerung in Palästina möglich sei. Wer würde vor 1S70 zu wagen gesagt haben, daß Deutschland einmal doppelt soviel Menschen fassen könne wie damals? Wer würde in Frankreich im gleichen Zeitpunkt haben Voraussagen können, daß die 'Bevölkerung dieses Landes stationär bleiben werde? Die Revölkcrungsziffer der meisten älteren Kulturländer hat im Laufe der Geschichte außerordentlich geschwankt. Man vergleiche den Zustand Mesopotainiens etwa im Jahre 1000 vor Christi, 1000 nach Christ! und heute. Die Entwicklung Palästinas wird sich nach der Menge der Kapitalien und g c i s t i g e n P ro d u k t i v k r ä f t e richten, die auf das Land gelenkt werden. Eine bedeutsame Rolle wird ferner die Entwicklung der Nachbarländer spielen. Ein Wiederaufblühen Syriens und Mesopotamiens sowie anderer Nachbargebiete zu einer wirtschaftlichen Höhe, die sie 5111 Römisehen Kaiserreich, zuletzt in der arabischen Glanzzeit erreicht hatten, wird Palästina mit hochtragen. Wesentlich wird vor allem sein, wieviel koinn!e׳-zicUc Talente und Energien, wieviel Kapitalien sich auf Palästina konzentrieren werden. Bei Uen Kapitalien kommen sowohl private in Betracht, die sich dem Gewerbe, dem Handel, dem Vorkehr widmen, wie auch öffentliche Kapitalien, weiche das jüdische Volk den palästinensischen Koiouisatioasinstitutcn anheimgeben wird, und welche diese vornehmlieh auf die landwirtschaftliehe!■!!nisation verwenden werden. Diese steht bei dev S-iedlimgstiitigkeit der jüdischen öffentlichen Faktoren (Nationalfonds, Keren Hajcssod usw.) mit Recht obenan. Wir brauchen, trotz des Wider- Spruchs des starken Anregers Trietsch, einen demokratischen Kleinbaucrnstand in Palästina. 1111 Gegensatz zu Trietsch darf man den Typ des Kleinbauern, als das wichtigste Element einer gesunden Gesellschaft, eines gesunden Nationallebens, nicht vernachlässigen. Die von Trietsch gewünschten andere:! Siedlungsfonnen müssen von privater Seite verwirklicht werden. Die Gartenstadtform, wo der einzelne Siedler soviel Land bekommt, daß er nur einen Teil seiner Existenz dadurch decken kann, so daß er gezwungen ist, sich außerdem noch der Tätigkeit in (jewerbe und Handel zu widmen, wird iin wesentlichen vom Privatkapital durchgeführt werden müssen, zumal ihr ja eine erhebliche Rentabilität innewolinen soll. * illuMlUu iulll 1 •er Atmxiti des jüdischen glücklicherweise in die Zeit einer außerorden gestört e n!W e f t w i r t s c!1 a f t und eines er lieh gestörten Kapitalmarktes. Die sich hicrau gebenden Hemmungen zu überwinden, ist vor ה ein psychologisches Problem. Es wird sich U: handeln, durch den Elan der zionistischen Bewe- ״״£ c u1.'״ Sc<%l5>'te Hinweisung auf die wirtsc liehen Möglichkeiten Palästinas das Kapital zu an assen, sich ,״ Palästina zu betätigen. Ocf tSS £1SfS KaPMal ~ es kommt Wer allem der Keren Hajessod in Bctracli muß vorbereitend und ergänzend mitwirken. , ’StJalsc1]׳ m saKen: Palästina kann sc so viele Menschen ernähren. Es kann viel viel mehr Menschen ernähren, als dies dk l genannte höchste Ziffer angibt. Nicht nur Palästina, j .sondern viele andere Länder sind der höchste»! Entwicklung fähig, wenn sich in einem gegebenen Zeitpunkt ein Maximum von Kapitalien und Euergien auf sie konzentriert. Aegypten ist ein gutes Beispiel. An .sich sind viele Länder gewaltiger Entwicklung fähig, wenn es gelingt, sie in geeignet er Weise in den weltwirtschaftlichen Konnex cuizubcziehcn und sie mit Produktionsstätten zu versehen, die weltwirtschaftlichen Absatz finden. Dar• Problem ist nicht zum wenigsten psycho- I logisch: Wie bringt man cs fertig, den Zuström von Energien und Kapitalien geradc auf ein bestimmtes Land zu lenken? Der ganze Gegensatz: Maximalismus und Minimalisimis, Masseneinwanderung und langsame Ent- Wicklung, ist hinfällig. Gelingt es uns, zahlreiche j Produktivkräfte auf Palästina zu lenken, so Ist eine } entsprechende Masseneinwanderung möglich. Gelingt uns dies nicht, so müssen wir uns bescheiden. Daß auch politische Voraussetzungen mitspielen (Ruhe und Sicherheit im Lande, gutes Verwaltungssystem), braucht kaum erwähnt zu werden. Eine Masseneinwanderung allerdings, der nicht der Einström der anderen Produktivkräfte parallel geht, kann nur zu 'Unheil führen. Wir haben dies im Herbst vorigen Jahres erlebt, als die große Arbeitslosenkrisc kam, die zum Mißvergnügen der Araber Montag, den I. August abends 8 Uhr Tiergartenhof (am Bahnhof Tiergarten) Hauptversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung. ״Die Wahlen zum Karlshader Kongreß.“ Es sprechen die Vertreter der einjjcreichten Listen. — Anschließend freie Diskussion. — Zum Schluß Abgabe der Stimmzettel. nur dadurch behoben werden konnte, daß man aus Regicrungsgcldem Notstandsarbeiten vergab und mehr Wege baute, als sic dem augenblicklichen Stande der allgemeinen wirtschaftlichen Kultur Palästinas entsprechen. Man wird den Arabern nicht verübeln ]rönnen, wenn sie verlangen, daß die Juden außer Menschen auch das zu Ihrer Beschäftigung nötige Kapital ins Land bringen. Dies ist der eigentliche Sinn der neuen, von Samuel und Churchill geschaffenen Einwaaderuiigsrcgulierting. Es hat darum wenig Sinn, daß der Kongreß zur Einwanderungsfrage prinzipiell Stellung nimmt. Man kann ruhig sagen, daß auch heute noch die Ein- Wanderung nach Palästina allen Juden offen Stellt, soweit ihnen durch jüdisches Kapital Arbe i t sinö gl ich kci't geschaffen wird. Aufgabe des Kongresses ist es, mit allem Nachdruck an der Schaffung der Vorbedingungen weiterzuarbeiteil. Stärkste Arbeit für den Keren Hajessod, stärkste Propaganda für den Nationalfonds, Ausbildung eines großzügigen I n f o r m a t io n s-, Nachrichten- und P ropa ga n d a a ppa ra - tes, welcher die wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas den juden aller Welt vor Augen führt, fortlaufeude U n t c r r i c 111 u 11 g und lutercssierung der Juden in allen Ländern, Unterridituiig und intercssieiung auch der gesamten sonstigen Welt, dies sind die Aufgaben, welche durch den Kongreß gefördet werrden könnten. Wir müssen nach dem Vorbilde anderer Staaten, welche damit die größten Erfolge erzielt haben, für Palästina viel mehr Propaganda treiben als bisher. Es sei wiederholt, daß de»■ Aufbau Palästinas in viel größerem Maße ein psychologisches Problem ist, als dies bisher angenotmucii wurde. Erich Marx. Wahlaufruf des Binjan Haarezzum 12. Zionistenkongreß! An der Schwelle des 12. Kongresses müssen wir mit voller Offenheit bekennen, daß das Jahr nach San Rem® uns schwere Enttäuschungen gebracht hat. Pogrome und Einwanderuiigsbcschränkung sind die Symptome der schweren politischen Krise, in der sich dar, jüdische Palästina zurzeit befindet. Wenn wir den Ur- Sachen dieser Krise nachgehen wollen, müssen wir uns des bekannten Wortes Lloyd Georges erinnern: ״Ihr Juden habt jetzt euren Start, zeigt, was ihr könnt.“ Das jüdische Volk hat die Erwartungen nicht erfüllt. Es ist bis zur Stunde nicht gelungen, ein großzügiges Aufbauwerk in Palästina ins Leben zu rufen, wie es die Mandatsmacht von uns erhofft hat. Heute sind Zionisten aller Richtungen zu der bitteren Erkenntnis gelangt, daß die Mittel der Zionistischen Organisation für diese Rieseiuufgabe nicht ausreichen und daß das jüdische ► Palästina nur mit den Kräften des gesamten jüdischen Volkes verwirklicht werden kann. 1. Die Gewinnung der gesamten Judenheit für En׳/. Israel ist deshalb unser bedeutsamstes Problem, es au lösen, ist Aufgabe des 12. Zionistenkoiigresses! In Uebcrcinsiiniiiumg mit dem Mandatsvertra״, die Mitarbeit der nichtzionistischen Judenheit am pa. lästinawerk versieht, hat der Zionistenkongreß den urganisatorischcn Rahmen für diese Mitarbeit zu schaff״!, unter Wahrung der Selbständigkeit und Rechte di•.״ Zionistischen Organisation. 2. Binjan Haare/. ist der Ueberzeugung, daß der Widerstand großer Kreise des jüdischen Volkes gegen dje Palästinaarbeit Seilwinden wird, wenn im Gegensatz zu der bisherigen Methodik . man denke an den mißlungenen Versuch, einen jüdischen Kongreß!11 Deutschland cinzubcrufcn - - das Ziel unserer ik•- 1 wegimg — die Errichtung der öffentlich-rechtlich;>c. sicherten Heimstätte in Palästina — allein maßgebend ist. Als Bedingung der gesinnungsgemäßen Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation darf lediglich das ik> kenntuis zum Baseler Programm verlangt werden. J,,|c darüber hinausgehende Forderung muß vom Kongreß als Schmälerung unserer großen Volksbewegung t!״d als Schwächung ihrer Werbekraft in unzweideutiger Fonn abgelehnt werden. Keine Sorge um den nationalen Gedanken! Ercz-Israel kamt aus innerster Notwendig, keit nur national sein, aus welchen Motiven auch immer die Mitarbeit der Diasporrijudcn sich hcrlcitcn 111:17, Der Wille zur Mitarbeit steht uns höher als ״Gesinnung*, tüchtigkcit“. Die gesamte Judenheit soll die materiellen M11!d für den Wiederaufbau des Landes schaffen. In den! Gedanken des Keren Hajessod, der Selbstbestcuerung, erblicken wir ein bedeutsames Fundament. Sache des Kongresses ist es, den Keren Hajessod mit einem Zaun gesetzlicher und organisatorischer Sicherungen zu um■ geben, daß ihm das unerschütterliche Vertrauen de» jüdischen Volkes gewährleistet wird. Der Wirkungskreis des Keren Hajessod ist gewissenhaft zu umgrenzen uM den primären Postuhtcu des Aufbauwerkes dienu’״״ zu machen. Aus seinen Mitteln sind ausschließlich die Ausgaben für öffentliche Arbeiten (Straßen. Verkehr»• mittel, Hafcnanlagcn, Aufforstungen usw.) zu bestreiten. Jede Verwendung für andere Zwecke ist strikte ab/״• Ich nett, seine Vcrvvaltuiigsunkosten sind auf das denkbar geringste Maß einzuscliränkcu. 4. Der Keren Hajessod kann nur ein, wenn auch bedeutsames Mitte! des Aufbaus sein. Die entscheidende Aufgabe, Mensche», zahlreiche Menschen, ins Land zu bringen, ihnen Arbcitsmöglichkcit zu verschaffen, ist nicht durch eine noch so große Spcndensammluug /u lösen. Nur persönlicher Unternehmungsgeist verbürgt die künftige Prosperität des Landes. Der Kongreß muß mit Deutlichkeit aussprechen, daß er alles zu tun bereit ist, um die Initiative nicht nur zu tolerieren, sondern zu ermuntern und in den Dienst des Aufbnus zu stellen. Es muß sich endlich der Gedanke d11rd1setz.cn, daß der Anschluß an das englische Imperium die Möglichkeit nusschließt, mit anderen wirtschaftlichen Methoden und Ideologien den Aufbau Palästinas zu vollziehen, als es der große Wirtschaftskörper, dessen Glied Palästina ist, zukißt. Erez-lsrael ist kein Boden für Volkswirt• schaftliche Experimente. 5. lieber der Förderung des persönlichen Untertieliutungsgeistes darf indessen die Fürsorge f ii r d i e jüdische Arbeiterschaft insbesondere ihre sorgfältigste Berufs Vorbereitung, nicht vergessen | werden. Denn die auf Grund solcher Vorbereitung geleistete Qualitätsarbeit begegnet der in der kapitalistischen Wirtschaft bestehenden Gefahr, daß die jüdischen Arbeiter durch die jeweils billigsten Arbeitskrähe verdrängt werden. ö. Die Kolonialbank ist entsprechend der Ausdehnung des neuen Aufgabeukrcises nt einem m achtigen Finanz, institut auszugestahen, das alle״ öffentlichen und privaten Palästina-Unternehmungen dient. Zweigstellen sind in allen größeren Juden/.nurett zu errichten. 7. Sicherung von Leben und Eigentum der jüdischen Bevölkerung Palästinas muß der neu zu wählenden Leitung höchste Aufgabe sein. Sie hat der Frage ihre größte Aufmerksamkeit zu widmen, in welcher Form diese Sicherung der jüdischen Siedlung am zweckmäßigsten gewährleistet ist. 8. Wir erwarten vom Kongreß, daß bei der Auf- Stellung lies Etats der ZinnLtisdieii Organisation die Grundsätze strengster Sparsamkeit zur Anwendüng gelangen, insbesondere der Bcatmenkörpcr nach Möglichkeit eingeschränkt wird. Dies sind die Forderungen, die wir vor die Oeffentlichkeit des Kongresses zu bringen wünschen. Eine Reihe hier nicht zu erörternder, schwerwiegender politischer Probleme (Grenzführung, Araberfragc usw.) wird die künftige Leitung m lösen haben. Vom Kongreß aber erwarten wir, daß er unsere Forderungen mit dem Verantwortlichkeitsgefühl behandein wird, das der Ernst der zionistischen Situation erfordert. Eine schmerzliche Dissonanz geht durch unsere Reihen. Mit tiefer Trauer vermissen wir auf diesem Kongreß, dem Kongreß des ״Aufbaues“, verdienstvolle, weite Kreise des amerikanischen Zionismus. Namen von gutem Klang im Judentum. Der Kongreß möge bemüht sein, die Forderungen, die nicht nur vom Binjan Haarez erhoben werden, sorgfältig zu .prüfen, auf daß die Kluft in den zionistischen Reihen nicht unüberbrückbar werde. Der Vorstand des Binjan Haarez i. V. Dr. Witkowsky.

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