Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 414 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 58 Die Organisation der Arbeit Von Dipl.-Ing. Ephraim Koutzenok. A mn. d. R.: Verfasser dieser Zeiten, einer unserer besten russischen Gesinnungsgenossen, sendet uns nachstehenden Artikel zur Vcröffent- Ucliimg. Wir erfüllen gern seinen Wunsch, um so mehr, als Herr Koutzenok über reiche Ei•• fall rangen auf dem Gebiete der Organisierung von Siedlungen verfügt, die wahrend der letzten Jahre von Chahi/ini teils unter dem Einflüsse des /.ionismus, teils infolge der Umwälzung in Rußland entstanden riud, und von denen im Auslände noch nichts bekannt ist. Ueber eine dieser Siedlungen schreibt uns Herr Koutzenok, der Fabrikbesitzer war, lolgerules: ״Nachdem die Bolschewisten unser Eigentum und unsere Fabriken;!!)genommen hatten, haben wir uns im April, l'JIQ zu einer Sicdlungsgcnossen- Schaft zusamniengctan und den Versuch gemacht, im Dorfe Wer sei bei Kiew eine jüdische Siedlung zu gründen. Wir verfügten über 100 Desjaiiuen (zirka 100 Hektar), die wir aber nie vollständig;u1snutz.cn konnten. Die Siedlung hestand ans einigen Familien, und wir begannen unsere Arbeit ohne landwirtschaftliche Geräte und fast ohne Mittel. Nicht einmal einen Pflug konnten wir uns beschaffen. Unser lebendes Inventar bcstand ans zwei Kühen. Wir beschlossen, zunächst einen kleinen Teil des uns zur Verfügung stehenden Bodens zu bearbeiten; mit unseren zwanzig arheitsfiihigcn Menschen haben wir fast nur mit den Händen 8 l>vsja!incn (zirka 8 Hektar) bestellen können. Wir waren glücklich, als wir die ersten jungen Kartoffeln ernteten. Als dann noch Mohrriiben, Bohnen und Tomaten ■dazukainen, hielten wir uns für reiche Leute, Nach der Kartoffelernte 11 ö r t e n w i r auf, irgendwelche Lebensmittel zu kaufe». Wir züchteten Kaninchen und Geflügel. Wir bemühten uns, Kunstdünger, soweit er in Sowjet ruß!׳and nufzutreiben war, zu verwenden. Im Februar 1<J20 bcsalien wir 1300 Pud (1 Pud 16 kg) Kartoffeln, 3000 Kohlköpfe, 250 Pud Mohrriiben, 75 Pud Zuckerrüben, 350 Pud Futterrüben für die Kühe und zirka 15 000 Tomaten. Mit Lebensmiitclii waren wir nun für ein ganzes Jahr versorgt mvd ]4! inten für das nächste Jahr die Erweiterung unserer Siedlung zu einer Gartenstadt und zu einer üroßkultur, da wir über genügend Boden verfügten. Unser Plan wurde aber durch die Invasion der De n i k i n s c 11 cn Armee vereileit, die unsere Kühe und die ganze Ernte wegnahm und es für Juden mit Lebensgefahr verblinden war. sich auf dein Lande zu zeigen.“ Die Fähigkeit, Arbeit zu organisieren, ist eine Kunst, die nicht nur den wenigsten Völkern, 90ndern auch den wenigsten Menschen gegeben ist. Die Juden als Nation hatten nie Gelegenheit, ihr Organisation!!- talcnt zu zeigen, da sie seit Jahrtausenden kein eigenes staatliches Leben führen. Einzelne Juden dagegen haben auf diesem Gebiete Ungeheures geleistet, sowohl bei privaten Unternehmungen als auch im Raluneu des staatlichen Aufbaus. Man braucht nur an Trotzki, Rathenau und andere zu erinnern. Unsere Zionistische Organisation hat!weit bis jetzt keine großen organisntorischen Talente hervorgebraeht, am wenigsten aber auf wirtschaftlichem Gebiete in Palästina. Die letzten Jahre waren natürlich für die Zionistische Organisation sehr schwer. Man kann nicht viel organisieren hei chronischem Geldmangel, der kaum dazu ausreicht, das laufende Budget zu decken. Wir besitzen jedoch in unseren C11 a 111 z i 111 ein so großes Kapital, daß es gelingen müßte, auch mit den geringen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, dieses Kapital auszunntzen. Tausende von jungen Leuten, erfüllt von ungebrochener Kraft und Arbeitsfreude, bereit, für die Idee alles zu opfern und alle Enlbclmmgen in Kauf zu nehmen, strömen ins Land. Sie beschränken ihr Existenzminimtiin auf das allernotwcndigslc, wie wir es jetzt in Palästina sehen. Aber diese jungen Leute überzeugen sich zu schnell, daß ihre Opfer vergebens sind. Von allen Seiten hört man in Palästina, daß wir für diese Chainzim kein Geld haben. Man sollte doch meinen, daß unter solchen Verhältnissen in den Cluduzim das Gegeder fühl der Selbständigkeit bis zur höchsten Potenz steigert werden müßte. Dies war jedoch nicht Fall, ln den letzten Jahren war bei uns die Kwuzal (kommunistische Siedlung) sehr beliebt. Dies Gruppen sind sehr kostspielig. Sie sind denkbar al Arbeitsgenossenscliaftei» •in bereits bestellenden Dorfen bei Versuchsstationen oder sonstigen 1 lillsarbcitcii. Abc eine kommunistische Gruppe als selbständige Landwirt schaftliche Siedlung ist undurchführbar. Darüber wäre sich alle landwirtschaftlichen Fachleute klar. Aber bi uns herrschen noch immer die rein theoretischen Prii zipien. Das ist unsere historische Krankheit. Bei al der unbeschränkten Macht der Sowjet r e g i e r u 11 g und den ihr zur V e r i ü g u 11 stehenden politischen und Wirtschaft liehen M i t tc 1 n i s t e s trotz alter Bemühut gen in Rußland nicht gelungen, auch 11 u ein einziges kommunistisches Dorf zu stände zu bringen. Interessant ist, daß die eil zögen gut funktionierenden kommunistischen Dörfer i Rußland -־- die Chaluzim-Dörfer sind, die nicht von di Regierung, sondern von ChaSuzim zum Zwecke der P, lästiivavoibereitung ins Leben gerufen worden sind. S werden daher trotz ihres ausgesprochen zionistische Charakters von den Sowjets geduldet uni sogar unte st“tZj1 ' , ־c bestehenden, von der Sowjetvegierung g gründeten Dörfer sind nicht einmal genossciischaftliei Oemcmwcsen. Andererseits hat die Kolonisation d ircicn I nvatimtiatwc infolge der schwierigen Lokalvc haltmsse und de« ge ringen Umfanges unserer Siedln gen ebenfalls zu «*genügenden Resultaten geführt. Bi tr~- ״....ל—-;———— Ein Wähler, der in der Walilzeit vom 31. Juli bis 7. August 1921 verreist ist, oder der nicht im Ortsbezirk einer Zionistischen Ortsgruppe wohnt, übt sein Stimmrecht folgendermaßen aus: I. Er schreibt einen Stimmzettel aus, der folgeiidermaßen aussehen kann: Liste Nr. 1 Liste Nr. 2 Binjan Haarez oder Vereinigte ZlonisFsctia Gruppen Dr. Kollenschar Or. tiantke der aber auf keinen Fall mit dem eigenen Namen des Wühlers unterschrieben sein darf. II. Diesen Stimmzettel legt er in einen Umschlag und verschließt denselben. III. Den verschlossenen Umschlag legt er in einen zweiten, äußeren Umschlag, der folgendermaßen adressiert werden muß: An die Hauptwahlkommission der Ziouistisehen Vereinigung für Deutschland Berlin W 15 Sächsische Str. 8. In den äußeren Umschlag legt er ferner die Schekclquittung oder Ortsgruppenmitgliedskarte und außerdem ein Schreiben folgenden Inhalts: Ort, Datum. An die Zionistische Vereinigung für Deutschland. Anliegender verschlossener Umschlag enthält meinen Stimmzettel für die Wahlen zum XII. Zionistenkongreß. Mein Wohnsitz ist.Ich befinde mich zurzeit auf Reisen, (oder: In.befindet sich keine Zionistische Ortsgruppe). Schekclquittung (bzw. Mitgliedskarte) füge ich bei. (EvtL 10 M. füge ich bei.) Ich versichere, daß ich bereits 18 Jahre alt bin und mein Wahlrecht noch nicht anderweitig ausgeübt habe. Mit Zionsgruß (Unterschrift) Hcimatsadressel IV. Wer keine Schekclquittung oder einen anderen Ausweis zur Hand hat, oder wer noch nicht Schekel gezahlt hat, kann statt der Quittung oder des Ausweises zehn Mark beifügen. Die zehn Mark werden zurückgezahlt, falls nachträglich nadigcwicsen werden kann, daß der Schekel bereits entrichtet war. V. Die Wahl ist ungültig, falls der Brief an die Zionistische Vereinigung für Deutschland vor dem 31. Juli oder nach dein 7. August 1921 zur Post aufgegeben worden ist. Die Hauptwahlkommission der Z. V. f. D. her hat man in Palästina keine Versuche mit intensiver Kolonisation gemacht. Vor kurzem wurde im J e s r c e 11 a I ein llodenkomplex von über 60 000 Dünn in erwürben. Verlährl mau nach der bisherigen Methode, so wird mau diesen Ikxlen entweder unter einige Kwuzotli oder einige hundert Familien verteilen, die, sich selbst überlassen, infolge der geringen Zahl der An- Siedler nicht entwicklungsfähig sein werden. Chedera z. B,, das auf 35 000 Dmiam nur 400 Einwohner aufweist, kann natürlich nicht prosperieren. Hätte Chederah statt dessen 4000 Einwohner, so wurde es sich binnen kurzem in eenen blühenden Garten verwandeln. 60 000 Dunam des besten Bodens in Palästina können nach den Angaben von Professor Ballod und anderen Fachleuten 30 000 Menschen ernähren. Nehmen wir mir die Hälfte davon an. Es muß also die Aufgäbe unserer Zentralbehörde sein, in allerkürzester Zeit auf diesem Boden 15 000 Menschen unterzubringen. Diese Aufgabe ist nicht nur möglich, sondern erfordert viel weniger 'Mittel, als eine Kolonisation in Kwuz o 111 oder durch Kolonisten alten Schlages. Auf Grund der Erfahrungen, die wir in Rußland vielfach gemacht haben, indem wir größere jüdische Siedlungen ohne jegliche Mittel und Unterstützung ins Leben gerufen haben, würde ich folgenden Arbeitsplan Vorschlägen: Zunächst werden zirka 1000 gesunde arbeitefähige und zu allen Entbehrungen bereite Chaluzim in die zu gründende Siedlung gebracht. Sie werden mit ן lebendem und totem Inventar ausgerüstet Vorher muß natürlich für die Wasserbcschafftmg Sorge getragen werden, was aber in diesem Fälle wegfäüt, da auf dem gekauften Boden Wasser reichlich vorhanden ist. Diese Arbeitergruppe bekommt bis zur ersten Ernte das allernotwendigste an Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfes. Im Laufe der ersten drei bis vier Monate kann diese Gruppe an Lebensmitteln das Mehrfache ihres Bedarfes ernten. Von diesem Augenblick an führt diese Gruppe gemeinsam mit den neuen Chaluzim zur Erweiterung der Siedlung eine ausschlicßliche Naturalwirtschaft. Bis zu diesem Augenblick muß natürlich die erste Gruppe in Zelten wohnen und überhaupt ein Feldleben führen. Ist sie aber mit Lebensrnitteln für sich und für die Neuankömmlinge versorgt, so muß sie anfangen, die Vorbcrcitungen für ein Kulturleben zu treffen. Neue Arbeitergruppen müssen liinzugczogcn werden, die den Boden nivellieren und die Wohn- und sonstigen Gebäude bauen. Für alle Spezialarbciten müssen natürlich von Fach-!eilten vorher ausgearbeitetc Pläne vorliegcn. Alles wird fast ohne Geld und mit den geringsten Ausgaben gemacht. Aber jedes Mitglied der Gruppe muß das Bewußtscin haben, daß cs für sich und seine Familie arbeitet und daß das Resultat seiner Arbeit, ein Häushen und eine kleine Wirtschaft, über kurz oder lang ihm gehören wird. Es werden sich Unternehmer finden, die die Wasser-, Licht- und Kraftvcrsargung übernehmen. I» einer solchen Siedlung beginnt seiir schnell die HeimiukI Kleinindustrie sich zu entwickeln, und aus der Siedlang wird eine richtige Gartenstadt Mühevoll sind nur die ersten Monate. Aber jeder Kampf ist mühevoll. Alle Kultunutioncn haben vier Jahre lang gekämpft, und die unvorbereiteten und scheinbar unfähigsten Menschen haben jahrelang in den Schützengraben das Schlimmste ertragen können. Gewiß, mancher wind dabei zugrunde gehen. Aber ohne Opfer kann kein Kampf geführt werden. Genau 90 wie der moderne Krieg zu einer Frage der Organisation geworden ist, 90 ist auch unser Kampf eine Frage der Organi- 9a tion unserer Kräfte und unserer Arbeit. Russland Dr. J. L., ein jüdischer Arzt, der sei! September 1015 jg Rußland in Kriegsgefangenschaft war und in den letzten Jahren 1!n Moskau är/tliehen Dienst leistete, erzählt im Klnuscuburgcr ״Uj Kelcth“ über das Leben und Treiben in Moskau. Wir bringen nach der ״W. Morgz.“ die dem jüdischen Leben in Rußland gewidmeten Zeilen. ״In Sibirien begann schon im Jahre 101b unter den jüdischen Gefangenen das nationale SelbstbcwuHtsein rege zu werden. Wir kamen mit der Judcnsdiaft der benachbarten Städte in Berührung, wo schon damals ein sehr stark entwickeltes zionistisches Leben herrschte. Die Juden unterstützten die Gefangenen und versahen uns mit Büchern und Zeitschriften. Es ist keine liebertrcibiuig, wenn ich sage, daß 00 Prozent der jüdischen Kriegsgefangenen als Zionisten aus Rußland heimkehren. Zur Zeit Koltschaks waren die Juden Sibiriens ständig von der Pogromgefahr bedroht, wodurch sic zur Selbstorganisatkm gedrängt wurden. Unter Mit- Wirkung der jüdischen Kriegsgefangenen entstanden so starke Selhstsc 1111 tztrtippen, daß sie in der Lage gewesen wären, jedweden Angriff auf ihre Sicherheit abzuschlagen. Zum Glück ist die Gefahr au uns vorbeigegangen. In Moskau leben erst seit tler K c r e n s k i - Rcvohitiou Juden in größerer Zahl, denn vorher durften Juden in Moskau sich nicht ansiedeln und erhielten Aufenthaltsbewilligungen für höchstens einen Tag. Hier gibt es ein so pulsierendes unterirdisches Jüdisches Leben, wie cs in der Geschichte des Judentums kaum seinesgleichen hat. Dali die hebräische Kultur keinen Rückfall aul/uweiscn hat, beweist am besten die Tatsache, daß in Moskau auch heute noch das von Hillel Zlatopolski begründete hebräische Theater seine Tätigkeit ausübt. Hier werden ailabzndlieh bei ausverkauftem Hause die besten Stücke der jüdischeu und der Weltliteratur gegeben. Vor kurzem feierte die ״Bim ah“ ihr viertes Gründungsfest, bei welchem Anlaß auch Maxim Gorki im Theater eine aufmunternde Rede hielt. Auch das jüdische Sportwescn lebt in Moskau auf. Die anerkannteste Sportvereinigung in Moskau mit 11 c bräischein Kommando ist die ״Makkabäa“. Alle diese Vereinigungen hatten anfangs mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber später entschlossen sie sich, in ihre Leitung einige sogenannte ״Paradekommunisten“ hineinztiwältlen, weiche den Verein nach außen vertreten, während innen eifrige zionistische Arbeit geleistet wird. In Moskau gehört cs zu den natür- .liehen Erscheinungen, (laß diese Menschen, besonders junge Mädchen und Männer, auf der Straße hebräisch sprechen. Die Schulvereinigung ״Tarbuth“ leistet ausgezeichnete Kulturarbeit, errichtet immer neue hebritische Schulen, allerdings im geheimen, weil die Regierung diese Schulen nicht gerne sicht. Die jüdischen Kultusgemcinden werden in ihrer Wirksamkeit nicht sehr beengt, denn intercssanterweisc behandelt der Sowjet die Kirchen im allgemeinen mit Glacehandschuhen. Der Zionismus ist als Partei nicht legalisiert, besteht aber doch. Audi Palästinaarbeit wird geleistet, obgleich die Auswanderung völlig unmöglich erscheint. Was die Teilnahme der Juden an der kommu* nistischen Bewegung betrifft, so steht es