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Jüdische Rundschau · 1921-07-22 · Heft 58 (22.7.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 58 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 412 JUEDISCHE RUNDSCHAU Konzentrationspolitik Prinzipielles zur gegenwärtigen Lage und zum Kongreß Von 1 >r. Sieg׳ ni und K a z ת e l s o 11 1. Der Normalzustand der Zionistischen Organisation seit mehr als einem Jahre ist die Krise. Diese ist, so paradox das klingt, chronisch geworden, und das hat ihr die ihr sonst innewohnende heilsame Wirkung aui die Seelen, den anfnitteluden Zwang zur Entscheidung genommen, Das Versumpfen der Krisis, Müdigkeit und Abstumpfung sind die größere üefahr als sie selbst, die noch bei jedem lebendig fühlenden Volke zur Rettung nach außen oder wenigstens zur Reinigung, Klärung, Sammlung «ach innen geführt hat. So aber ist zu befürchten, 11:111 das jüdische Volk und die Zionisten nicht mehr mit dem entschlossensten Ernst, der schärfsten, unerbittlichsten Klarsicht und dem äußersten Mut zur Wahrheit, die alle heute unbedingtes Erfordernis sind, seiiea, wie die Lage eigentlich ist und um was es jetzt geilt: daß es jetzt wirklich und wahrhaft ums Ganze, nuis l etzte geht. Das hat zwar fast jeder Aufruf bisher auch gesagt; die großen Worte und aufgcpeitscliteii Gefühle bei unverhältnismäßig geringerem Anlaß sind ja eine der traurigsten Errungenschaften des Krieges bei allen Völkern, deren verbrauchte Nervenkraft solcher Stimulantien bedarf. Aber so schlimm wie heute wird auch der unbeteiligte und leidenschaftslose Zuschauer die Lage des Zionismus kaum je gefunden haben. In Palästina der Pogrom von Jaffa, die Interpretation der Balfour-Erklärung durch Herbert Samuel, das Eiuwandeningsverhot; in der politischen Welt Europas die offen feindselige Erklärung des Vatikans, der hierzu äugensei.einlich den Zeitpunkt für günstig erachtete; vorher die antizionistischeil Reden in der französischeu Kammer und im Senat; dann der nicht schwächer gewordene Antisemitismus in England, wie ihn die ״Morning Post“ und eine Gruppe englischer Oberhausmitgllcder vertreten; und — was schlimmer als alles ist — in der Organisation seihst ein tiefer Zwiespalt oder kleinliches Gezänk 11ml unfaßbare Indolenz. Man fragt sich vor einer sulchen Sachlage, was den Zionismus eigentlich noch befähigt, ohne jedes reale Machtmittel und ohne den entschiedensten Willen aller seiner An-!länger zur Arbeit und Einigkeit, soviel gesauiineltcr Feindseligkeit staiidzuhalteii. Nach außen kamt sich ja der Zionismus auf nichts mehr, als auf sein Recht und die ihm gegebenen Verspreclnuigen stützen. Man weiß, wieviel das iii der Welt- Politik wert ist. Müßte aber angesichts solcher Lcerohung wenigstens nicht nach innen als sofortige Folge ein geradezu automatisch sich vollziehender Zusammenschluß erfolgen? Wenn das in einem solchen Augenblick nicht der Fall ist, sondern im Gegenteil, gerade zu dieser Zeit in der Organisation ein schwerer Bruch entstellt, so müssen Gegensätze vorhanden sein, die anscheinend unüberbrückbar sind, Gegensätze, die an grundsätzlichc Anschauungen der Bewegung rühren. Am deutlichsten kam dieser Gegensatz bisher im ersten Punkt des am ld, März vom damaligen Exekutivkomitce der Zionistischen Organisation Amerikas angenommenen und Dr. Weizmann überreichten Memorandums zum Ausdruck. Es heißt darin: ״'! he Zionist Organization of America Stands for concentration of tlie Zionist Organisation^ activitis on Palestine as against diffusion o!1 ״Gegenwartsarbeit" and Diaspora Nationalism.“ üegenwartsarbeit und Diasporanationalismus sind liier nur die vorsichtigere Formel für ״nationale Idee“. Ebenso deutlich zeigen die übereinstimmenden Presse- und anderen Stimmen■, wohin ־nach der einheitlichen Ucbcrzeugimg 11er ivkhtzionistisclieu Weit der Weg der Federation ״Binjnit Haare/.“ führt: zur Aufgäbe der nationalen Idee. (Ihre Führer, die das nicht walirhaben und zum überwiegende«. Teile diese Preisgabe auch wirklich nicht wollen, könnten meiner Ansicht nach ehrlicherweise auf dieses einheilige ״Mißverständnis“ nur damit antworten, daß sie in den Statuten der Federation expressis verbis erklären, daß die Zugehörigkeit zu ihr das Bekemitiils zum jüdischen Volkstum voraussetzt, und daß s׳.c jedem Mitglied dieses Bekenntnis auch abveilangen, fun sic das nach der unter den Nichtziomstcn allgemein verbreiteten Anschauung über i ne angeblichen Ziele nicht, so beweisen sic dadurch unwiderlegbar, daß sie auch mit Mitgliedern nicht national-jüdischer Gesinnung rechnen. Tun sie es aber und gewinnen sie trotzdem unter den N ichtziomsten, wie das ihr proklamiertes Ziel Mitglieder, so wird das jeder Zionist ist, neue nur aufs freudigste begrüßen können. Allein mir fehlt der Glaube.) So wird also im Zionismus heute die Existeil /frage der nationalen Idee gestellt, ebenso wie einst im Ugandastrcit die Existenzfrage Palästinas. Die psychologischen Gründe liegen klar zutage, ln den Zeiten, da es schlechter geht und das Ziel gefährdet erscheint, werden auch immer die Gemüter, die sich nicht nach Ideen und Prinzipien, sondern nach Erfolg und Mißerfolg ortenticrcn, schwankend und opportunistisch: sie glauben nicht an die Kraft ihres Gedankens und Willens, .sondern au die Gelegenheit, die es auszunüt/en gilt, im Guten wie im Bösen. — Die Frage Sei niifgenoininen, wie sie gestellt ward: braucht der Zionismus die nationale Idee oder kann er ihrer (vielleicht nur im gegenwärtigen Moment) entraten? Dieser Augenblick selbst gibt uns am besten Antwort. Betrachten wir jedoch, um ihn zu verstehen, zunächst einmal die Situation, die er uns zeigt. Der Pogrom in Jaffa, Herbert Samuels Rede und das Einwauderungsverbot haben blitzartig einen Tatbestand beleuchtet, den hingst erkannt zu haben kein Verdienst, dessen Lehren aber nicht beherzigt zu haben, ein unverzeihlicher Fehler war. Der nackte Tatbestand ist, daß die bisherige jiidisclie Einwanderung nach Palästina seit der Uebernähme des High-Cominissioner-Anites durch Samiiel auf keim■! realen, ökonomischen und politischen Grundlage erfolgte und auch nachher das Provisorium nicht in einen gesicherten Zustande einer solchen Grundlage um- Kein Beamter, der sich seiner bewußt ist und klar voraussehen Fortdauer dieser Verhältnisse auf durcii Schaffung gewandelt wurde Verantwortung muß, daß die unbestimmte Zeit zur Katastrophe, nämlich bis zu jenem Tage führen müsse, da es für die Neueingewanderten keine Beschäftigung, also kein Brot mehr gibt, hätte anders handeln können, als es Herbert Samuel tat. Sachlich-ö konomisch war das Einwauderungsverbot unzweifelhaft begründet; der schwere form al -politische Fehler des Obcrkoinmissnrs war, daß er es nach dem Pogrom von Jaffa, als!» in augenscheinlich kausalem Zusammenhänge mit ihm, nicht mit der ökonomischen Lage des Landes erließ. Es ist gut, daß damit die Situation und die Aufgabe der zionistischen Bewegung völlig klar und deutlich geworden ist. Der Protest gegen das Verbot ist zwecklos und verschleiert nur die Verantwortung, die wir, nicht der High-G.untnissioncr, der für die Sicherheit und Zukunft des Landes sorgen muß, zu tragen haben. Nirgends weniger als in der Politik wird einem etwas geschenkt mul geschieht etwas umsonst; mit fremdem Geld und ohne eigenes Hinzutuu wird Palästina nie Erez-lsracl werden. Wenn wir für unsere Ein- Wanderer selbst sorgen, daun wird ihnen, woran nicht ־zu zweifeln ist, auch die Einwanderung gestattet werden. Die Zionisten freilich, die nur das politische, nicht das ökonomische Problem zu sehen vermögen, die Nurpolitiker also, die sich zumeist aus den ehemaligen sogenannten ״politischen Zionisten“ zusanieunset/eii, bezweifeln dies. Sie meinen inimer noch, die Undeutlichkeit der Baifour-Dcklaration sei an allem schuld und die klare Proklamierung des Judenstaates würde uns retten. (Man vergleiche z. B. den ״Jewisli Chronicle“ in seinen letzten Nummern.) Immer wieder* werden au andere statt an uns selbst Forderungen gestellt. Man kann da mit der einfachen Wahrheit antworten, daß letzten Endes niem a n d, keine Macht der Weit uns Pa- 1 ä s t i!1 a geben kann, außer wir s e 1 b s t. Hat darum die Balfour-Deklaration keinen Wert? Es liegt nahe, diesen jetzt nachträglich anzuzweifeln, besonders nachdem die Deklaration eine solche restriktive Auslegung erfahren hat. Das wäre jedoch grundfalsch. Die Balfour-Erklärung gab uns die politische Möglichkeit, ohne die wir nicht hätten arbeiten können. Man darf nicht vergessen, daß auch nur das Prinzip der Gleich- Berechtigung mit den Arabern, über das doch (trotz Paul Nathans allzu gewollt-gewaltsamer Einschränkung) die Deklaration noch nach jeder Interpretation ganz erheblich hinausgeht, ein außerordentlicher politischer Erfolge gewesen wäre. Im Frieden war diese Gleichberechtigung natürlich nicht von solcher Bedeutung, da faktisch, wenn auch nicht rechtlich, für' die Juden die Politik der offenen Tür bestand. Das aber war seitdem Kriege, in folgcdessen über das Schicksal des Landes neu und für den Zionismus wohl endgültig entschieden werden mußte, nicht mehr der Fall. Hätte der Friedensvertrag, anstatt die Balfour-Deklaration (mit aller ihrer Unklarheit) aufzunchmen, Palästina Nr. 58 als arabisches Lind erklärt, dann wäre, für abseh. bare Zeit wenigstens, das Mißlingen der zionistisehen Anstrengungen besiegelt gewesen. Jetzt aber haben wir unser Schicksal iri unserer Haml1 und das ist alles, was wir nioralPclicrwcise von jemandem verlangen können, der darüber zu entscheiden hat. Wenn man sich nun aber die Frage vorlegt, was das jüdische Volk, wenn es vor die Wahl gestellt worden wäre, hätte wählen sollen: die Balfour-Deklaration oder die frühere Geschlossenheit, ökonomische Kraft, Freiheit und moralische Stärke des russischen Judentums, so werden sich die meisten zunächst wohl unbedenklich für das zweite entscheiden. Hätten wir heute das russische Judentum wie es vor dem Kriege war, dann wäre, das darf wohl als sicher angenommen werden, die andauernde schwere Krise des Zionismus überliaupt nie eingetreten. Die völlige Ausschaltung dieses mächtigsten und unerschöpflichen Rc-arvoirs des Zionismus ist der wirkliche und ausschlaggehcnde Grund seiner gegenwärtigen Schwäche. Das amerikanische Judentum ist, darüber war schon seit langem fiir seine Kenner kein Zweifel, ein durchaus unzulänglicher und irnzureichender Ersatz für das russische. Wir hätten.heute von diesem die fehlenden Mittel, vor allem aber die unerschütterliche nationale Grund- Stimmung, die jetzt nicht von allen geteilt wird, und jene unbegrenzte Opferwilligkeit, wie sic• so leuchtend eben nur russische luden in Palästina wie im Gallith bewiesen haben. Aber man wird aud! das zugeben müssen -- selbst mit dem russischen Judentum hätten wir ohne Balfour-Deklaration nach dem Kriege nichts erreicht. Line anlizionistische Entscheidung der Palästina frage bei Friedensschluß hätte wohl auch über das Schicksal des Zionismus entschieden. Wenn es also auch töricht ist, die Bedeutung der Balfour-Deklaration, so wenig konkreten ln!!alt sie an sich bieten mag, herabzusetzen und die politische Lage als möglichst ungünstig hinzustellen, so wird doch ein Politiker von Vcrantwortungsgefiihl nicht die schlimmeren Möglichkeiten außer Acht lassen. Vom Fortbestand der Balfour-Deklaration abgesehen, Ist ja die Situation schlimm genug. Nehmen wir nun an, daß England wirklich die Araber begünstigt und heimlich den Zionismus gar nicht zu fördern gedenkt; es sind ja schon viele Versprechungen gegeben und nicht gehalten worden. Nehmen wir an, wir brächten die Mittel nicht auf, deren wir bedürfen; nehmen wir an, die arabisch-nationale Bewegung sei so stark, daß sie uns an der Einwanderung lind Kolonisation verhindern kann. Nehmen wir also das Schlimmste au. Was bleibt? Wäre der Ziotiisnuis damit tot? Der Zionismus allerdings wohl, der nichts ist als eine auf die jüdische Palästinakolonisation abzielende alljüdiscli-farblose Bestrebillig. Die wahre Idee des Zionismus aber, seine nationale Idee kann nicht sterben. Projekte und Pläne politischen, ökonomischen, phüanthropisehen und anderen Charakters können mißglücken, Ideen nie; sie leben weiter und suchen für die erfolglosen neue und andere Wege der Verwirklichung. Die nationale Idee des jüdischen Volkes, die dauert, solange es selbst lebt, ist der unzerstörbare, der ewige Stützpfeiler des Zionismus, die unversiegbare Quelle seiner Kraft Mag alles verloten und vergeblich sein, wir sind unverloren und unangreifbar, wenn wir sic haben. Ein Volk kann in tiefste Erniedrigung und in den Abgrund der Vernichtung hinabgestürzt werden, es wird sich immer neu erheben, solange auch nur in einem seiner Angehörigen der Funken nationalen Bewußtseins und Geistes glüht. Der russische Dichter Saltykow-SchtscheJrin, der sich nach dem Grunde des rätselhaften F'ortlcbens des jüdischen Volkes fragt, gibt zur Antwort, daß ein Volk, das sich einmal als Nation erkannt hat, sich nicht mehr freiwillig aufgeben kann, Man begreift wohl jetzt, warum wir alle Konzessionen machen, alles preisgeben■ können, mir nicht den nationalen Gedanken, zu dem ebensowohl jüdisches Volkstum wie das jüdische Palästina gehören. Könnten wir ihn auch verlassen, so verläßt er uns doch nicht, Läßt er uns nicht los. Mit der nationalen Idee kann der Zionismus nach allen Niederlagen schlimmstenfalls wieder die Utopie werden, die er vor dem Kriege war, ohne sie stirbt er an innerer Schwäche. Wirklichkeit muß und wird er einmal doch werden. Wer nur an praktische Beweise, nicht au Theorien glaubt, dem sei die Frage vorgelegt, wer das jüdische Palästina bis vor dem Kriege im wesentlichen aufgebaut hat, wenn nicht das nationale russische Judentum, und die weitere Frage als Beispiel für die letzten Erfahrungen: warum haben die antinationalen Führer des amerikanischen Zionismus in zwei Jahren nicht soviel an Mitteln

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