Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1921)
- Date
- 1921-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 57 JU EDI SCH B RUNDSCHAU Seite 407 Zur Krise Im Zionismus I Von Moses Beilinson, Rom. Auch wir glauben, daß wir im heutigen Wo• ment mir vveiterkommen können, wenn wir rückhaltlos Selbstkritik üben. Dazu ist der beuegende Artikel ein wertvoller Beitrag. — Die Red. Gewiß sind die Ereignisse von Jaffa zum größten Teil durch die nicht ganz weise Araberpolilik von Herbert Samuel, durch die schwankende Wcltpolitik, die die Mandatsfrage bis jetzt unentschieden ließ, durch die nicht genügend konsequente Englandspolitik, durch die Passivität der Weltjudenheit dem Palästinaaufbau gegenüber usw. hervui'gerufcii. Diese Ereignisse gehen aber weit über die Bedeutung des Einzelfalles hinaus, insbesondere wenn wir sie nur als einen Ring in der Kette der mannigfachen Enttäuschungen, die der Zionismus in den letzten drei Jahren• neben den vielen Errungenschaften erlebt hat und unter welchen das Verhalten der Westjudenheit, sowohl der amerikanisdien wie auch der europäischen, die schwersten sind, betrachten. Die Hoffnungen, die seit dem November 1917 im jüdischen Volk durch j den Zionismus erweckt worden sind, waren wirklieh zu stark, um nicht die Frage zu rechtfertigen, sogar aufzuzwingen, ob nicht auch die zionistische Politik daran mitschuldig sei, daß diese Hoffnungen nicht in Erfüllung gegangen sind. Es geht nicht an, bei jeder Niederlage außerzionistische Kräfte zu beschuldigen, ohne wenigstens einen Versuch zu machen, die Verantwortung des Zionismus selbst zu untersuchen. Die kritische Lage in Palästina ist nun mehr als alle anderen Ereignisse geeignet, eine Revision der bisherigen zionistischen Politik | zu veranlassen. j Es ist wohl wahr, daß auf die Krise im Zionismus schon oftmals und von verschiedenen Standpunkten aus hingewiesen wurde; ebenso ist aber! darauf schon hingewiesen, daß die sogenannte Opposition manchmal nicht viel besser ist als die führenden Kräfte des Zionismus, daß auch sie nicht imstande ist, sich auf einen wirklich prinzipiellen Standpunkt zu stellen und eine neue Methode der zionistischen Tätigkeit zu initiieren, daß, inwieweit sie die Leitung des Mißerfolges der Bewegung beschuldigt, sie daran nicht denkt, daß die Leitung nichts anderes sein kann als der Ausdruck der in der Organisation herrschenden Kräfte. In letzter Zeit wurde noch ein anderer Weg der Opposition betreten — der Opposition des Zionismus an das jüdische Volk — noch von Weizmann mit seinem berühmten Ausruf auf der Londoner Konferenz: ״Jüdisches Volk — was hast du getan?“ inauguriert. Diese Opposition betrachtet aber offenbar den Zionismus als eine Bewegung, die vom jüdischen Volke losgelöst und ihm etwas Fremdes ist, und die zu ihm von außen kommt, um ihm seine Dienste axizubieten, und sieht nicht ein, daß, wenn das jüdische Volk wirklich nicht willens oder nicht imstande wäre, den Palästinaaufbau durchzuführen, auch der Zionismus keine weitere Existenzberechtigung hätte, wenigstens als eine Bewegung, die auf unmittelbare Verwirklichung orientiert ist. Daß die Krise im Zionismus tatsächlich besteht und daß die jetzige Situation in Palästina nur der schmerzlichste Ausdruck dieser Krise ist (und von diesem Standpunkte aus für uns viel lehrreicher sein könnte als etwa vom Standpunkte der englischen Inkonsequenz), daran ist kaum zu zweifeln, und cs handelt sich nur darum, sich bei ihrer Untersuchung nicht in Einzelheiten zu ver- Heren und sich von vorübergehenden, unvenncid- Heben, zufälligen Fehlern nicht irre machen zu lassen. Als eine von den Hauptursachen, die die gegenwärtige Situation bedingt haben, scheint die unnatürliche, nervöse Hast, mit welcher der Zionismus den Palästinaaufbau verwirklichen wollte, zu sein. Die Kriegsatmosphäre, in welcher die Grundlagen der internationalen Anerkennung der jüdischen Rechte auf Palästina aufgeworfen wurden, die Möglichkeit, verschiedene Faktoren der Welt- Politik zu unseren Gunsten auszunützen, der Anblick der anderen Völker, die am Vorabend der Realisierung ihrer jahrhundertelangen Träume standen und dann wirklich diese Realisierung erlebten, haben den Zionismus hypnotisiert und ihn der alten jüdischen Tugend, der Ausdauer und Geduld, beraubt. Einerseits boten ihm England und nach ihm alle Ententemächte Palästina an, andererseits sah er, daß Polen, Tschechen, Jugoslawen usw. zur Bildung von unabhängigen Staaten schritten, und, außer acht lassend die eigentümliche Lage des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes, Heß er sich dazu verleiten, die unmittelbare Verwirklichung der großangelegten Palästinasiede- Neuer Bodenerwerb In Palästina Prag, 15. Juli. (J.C.B.) Einem soeben aus Jerusalem eingetroffenen Telegramm zufolge wurde der Kaufvertrag über den dem griechischen Patriarchat in Jerusalem gehörenden Riesenkomplex bereits unterfertigt. Der Kaufpreis im Betrage von 350000 Pfund Sterling ist in zwei Jahresraten zu entrichten. Die Verlesung dieses Telegramms in der Actions-Comitü-Sitzung löste großen Beifall aus. lung in Angriff zu nehmen. Damals wurde die Losung ausgegeben, die bis jetzt aufrecht erhalten wird und ohne welche uns viele Enttäuschungen erspart geblieben wären: ״Jetzt oder nie", — als ob der Palästinaauibau wirklich nur von der äußeren politischen Konjunktur abhängig wäre und nicht vielmehr von der Lage, in welcher das jüdischc Volk selbst sich befindet. Damit soll nicht gesagt werden, daß das jüdische Volk allein und ohne Beihilfe oder jedenfalls ohne Zustimmung der anderen Faktoren der Palästina- und Weltpolitik Erez-Israel, im jüdischen Sinne aufbauen kann. Es ist aber augenscheinlich, daß für das Gelingen des zionistischen Planes drei Faktoren notwendig sind: erstens der entschlossene Wille des jüdischen Volkes, verbunden mit der Möglichkeit, diesen Willen in Erfüllung zu bringen; zweitens die Bercitschaft der palästinensischen Bevölkerung, mit den Juden im Frieden zu arbeiten; drittens die Zustimmung der poUtischen Mächte; — und daß jedenfalls, während gegen oder ohne die Anerkennung der Mächte vielleicht etwas getan werden kann, so jedenfalls dem Zionismus nichts gelingen j kann, wenn er das jüdische Volk nicht hinter sich hat und in Palästina selbst kein freies Feld für seine Arbeit hat. in diesem Zusammenhang muß man anerkennen, daß, wenn die Kriegsjahre für das Erringen der politischen Erfolge wirklich geeignet gewesen sind, so der Moment, den wir seit dem Kriegsausbruch und bis jetzt erleben, für die reale Ver- Iwirklichung des Zionismus seitens des jüdischen Volkes äußerst ungünstig ist. Zwar ist wohl wahr, daß das tragische Schicksal des jüdischen Volkes während des Krieges und seit dem Waffenstillstand die alte Sehnsucht nach Palästina in den jüdischen Massen mit erneuerter Kraft wachrufen mußte, aber damit ist nur die nötige Stimmung für die weitere zionistische Arbeit gegeben, nicht aber schon auch die MögUchkcit der unmittelbaren Verwirklichung. Palästina kann nicht von verzweifelten Massen aufgebaut werden, die keine planmäßige, ausdauernde, nationale Arbeit zulassen. Dieselbe Verzweiflung, die sie heute nach Palästina gehen Hißt, wird sie morgen veranlassen, Palästina zu verlassen. Was aber vor allem wichtig ist: dieselbe Situation, die eine Verstärkung der zionistischen Tendenzen im jüdischen Volke bedingen mußte, hat auch andererseits eine Fülle neuer Aufgaben dem Judentum auferlegt und gleichzeitig eine ungeheuere Verarmung und Entkräftung der Judenheit verursacht. Als der Zionismus die Erfüllung des Mandats übernommen hat (denn auch die Zionisten haben ein gewisses Mandat übernommen — man läßt sicli nicht umsonst als die das Judentum vertretende Organisation anerkennen), hat er sich offenbar darüber keine Rechenschaft abgegeben, daß die Westjudenheit, einschließlich (wie es heute immer deutUcher wird) der amerikanischen Juden, von der zionistischen Ideenwelt noch sehr weit entfernt ist und wenig Opferfreude für die palästinensische Sache an den Tag legt; daß die Ostjudenhcit, die im Jahre der Balfour-Deklaration am Vorabend der Katastrophe stand, in den Tagen von San Remo von dieser Katastrophe schon voll und ganz heimgesucht wurde und damit für die Aufbauarbeit finanziell und politisch fast vollständig ausschied; daß dieselbe Katastrophe nicht nur eine ungeheuere philanthropische und lokal aufbauende Aufgabe notwendig macht, die wiederum ungeheuere Energie und ungeheuere finanzielle Mittel verschlingen muß, sondern auch eine tiefgehende moralische Krise bedeutet, die die Ostjudenheit in sterilem Kampfe zwischen zwei Extremen, dem Kommunismus und der Reaktionsorthodoxie, zerreißen läßt; daß noch die wichtigen Aufgaben der Gleichberechtigung und der nationalen Rechte zu erledigen waren und sind. Aber auch der zweite unerläßliche Faktor des jüdischen Palästinaaufbaues — die Bereitschaft der palästinensischen Bevölkerung — ist, wie die letzten Ereignisse zur Genüge bewiesen haben, von dem Zionismus vernachlässigt worden und, sei esdeshalb, sei es aus anderen Gründen, in der heutigen Konjunktur ausgeblieben. Mehr noch: er wurde weder von der Leitung noch von der öffentlichen zionistischen Meinung rechtzeitig richtig eingeschätzt, und man hat ihn, der neben dem Willen des jüdischen Volkes jlcr zweitwichtigste Faktor ist, lange Zeit hindurch als quantite nögligeable betrachtet. Palästina kann jüdisch werden, wenn die palästinensische Bevölkerung und die internationale politische Lage den Juden dazu die Möglichkeit geben werden; Palästina wird jüdisch werden, wenn — die Erfüllung der zwei soeben genannten Bedingungen vorausgesetzt — der zionistische Wille des jüdischen Volkes genügend reif ist und diese Reife die äußere Möglichkeit haben wird, sich in Taten umzusetzen. Von den Faktoren, die zur Verwirklichung des Zionismus alle drei unerläßlich sind, können wir heute nur einen, und auch diesen nur mit Vorbehalt, als gegeben betrachten; die beiden anderen muß der Zionismus noch gewinnen, und es kann nicht in einem Jahre noch in einem Dezennium geschehen. Darin aber, daß man mit dem Aufbau solche Eile hatte und den grundlegenden Unterschied zwischen der jüdischen und etwa polnischen Befreiungsbewegung nicht in Betracht zog, besteht der größte Fehler, den die Zionistische Organisation in der letzten Zeit begangen hat und der mit dem Verlassen der Chowewe-Zion-Traditionen in engstem Zusammenhänge steht. Denn, wie eng auch die philopalästinensischc Bewegung der achtziger Jahre scheinen mag und wie eng sie auch tatsächlich war, eines wußten alle Chowewe-Zion: daß nämlich die Anerkennung nicht den Tatsachen vorgreifen kann, daß cs einen Mangel an geschiehtlichem Sinn bedeutet, etwas anerkannt haben zu * wollen, was in Wirklichkeit noch nicht besteht, daß unsere Emanzipation nur eine Autoeman?.ip־ation sein kann — in allen Aeußerungen, in allen Einzelheiten, und daß Palästina dann jüdisch wird, wenn wir, nicht wenn ״sie“, dazu reif werden. Dieser grundlegende Fehler hatte aber noch eine andere Folge, und das ist der Verlust an moralischen Gesichtspunkten bei der Beurteilung der Methoden in Erreichung des zionistischen Zieles. Da es ausgemacht war, daß die Juden sich beeilen müssen und keine Wahl haben, so war es natürlieh, daß sie jeden Verbündeten froh begrüßten und jede ihnen angebotene Hil'e dankbar annahmen, ohne auch den Versuch zu machen, zu ergründen, ob dieser Verbündete diejenigen moralischen Kräfte verkörpert, die das Judentum inspirieren, und diejenige Mission verfolgt, die das jüdische Volk mit ihm teilen kann, und ob er die Juden wirklich zum Ziele führen kann, und zwar zu dem Ziele, welchem sie zustreben, oder ob nicht vielmehr diese Hilfe ihnen den natürlichen, den sichersten, den moralischen, wenn auch den längeren Weg zu ihrem Ziele abschncidet. Mit diesem Verlust des moralischen Sinnes erklärt sich auch die zionistische Politik den Arabern gegenüber. Es wäre naiv, die ganze Tragweite der Ercignisse von Jaffa unterschätzend, die Augen davor zu schließen, daß die zionistische Bewegung jetzt die gefährlichste ihrer Krisen durchlebt. Sie kann nur dann aus der jetzigen Lage herauskommen, wenn sic sich auf ihren völkischen und moralischen Charakter besinnt. Und da keine moralische und völkische, d. h. wirklich nationale Arbeit in einigen Monaten oder Jahren gemacht werden kann, insbesondere bei der gegenwärtigen Situation des jüdischen Volkes, so muß man sicli zuerst daran gewöhnen, daß der Zionismus nodi einen sehr langen und schwierigen Weg vor sich hat, daß noch nichts wesentliches erreicht ist und nicht einmal die Wege klar vorgezeichnet sind, daß die Entwicklung eine sehr langsame sein wird und daß die Verwirklichung des vollendeten jüdischen Palästina von unserer Generation nicht gesehen werden wird und audi nicht von der nächsten. Nur wenn man an diesen bitteren Gedanken sich gewöhnt, wird eine organische, sichere und moralische zionistische Arbeit möglich. Die Sitzung des zionistischen Landeskomitees In Florenz Florenz, 10. Juli. (J.C. B.) Hier fand eine Sitzung des zionistischen Landeskomitees statt, die sich mit der Frage der Keren Ha j e ssod-Ak t io n befaßte. Das M a a s s er - P ri n zi p hatte bei einem Teile der italienischen Zionisten auf gewissen Widerstand gestoßen und auch zur Demission des Präsidenten der Föderation Revenna und des Vizepräsidenten Sullam geführt. Um eine Spaltung der Föderation zu verhindern, wurde nun beschlossen, den entscheidenden Beschluß des Karlsbader Kongresses abzuwarten Dieser Beschluß wird als absolut bindend auch für die italienische Föderation anerkannt. Der Präsident der Föderation zog daraufhin seine Demission zurück, während der Vizepräsident sie aufrecht erhielt