Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1921)
- Date
- 1921-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2652316-2652366--14173-2671969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 408 Nr. 57 JUEDISCHE RUNDSCHAU Die jüdische Universität zu Jerusalem (Schluß.) Uebcr ei neu Gedanken war man sich, von vorn-• herein klar. Vorerst mußte man für Uie Universität 11,1s 1 Inndwerks/cug schaffen, wenn sie nkiion .;fällig uäu sollte. Da; konnte nur geschehen, wenn man nicht bloß für die Laboratorien alle, nötigen Materialien und Instvumcnlc allmählich planmäßig beschaffte, sondern wenn man in erster Linie alle Hilfsmittel and! für die geistigen Fächer und für die Anschauung zusammenbrachte. Das lieilit, man war sich der Wichtigkeit von Museen und Sammlungen aller Art klar, verstand aber vor allem, daß jede Universität unmöglich sei, solange nicht eine große Bibliothek an Ort und Stelle lebendig und tätig wäre. Zu jeder wissenschaftlichcn Arbeit bedarf man der Bücher, Und es gibt kleine wichtige Arbeiten, zu denen man eine ganze Sammlung von Büchern verschiedenster Art notwendig lut Kein Student kann ohne Bücher lerne», erst recht aber kein Gelehrter ohne eine Bibliothek arbeiten. Wenn olle Schulen letzten Endes aus den Universitäten entstanden sind, so kann man ohne weiteres fcststclleii, daß alle Universitäten zuerst an den Stellen entstanden sind, wo es grolle wissenschaftliche Bibliotheken gab. Und der erste Universitätsbetrieb hat sich überhaupt in den Bibliotheken abgespielt. Alle Wissenschaft geht von den Bibliotheken aus. Sie sind das Walfcnarscnal für den Kampf der Geister, der unblutig, aber um so fruchtbarer ist. Und wo es keine Bücher gibt, da kann es keine ausgebreitete Bildung geben, da kann die Wissenschaft nicht gedeihen. Und erst recht muß das jüdische Volk hierfür Verständnis haben., das nicht mit Unrecht, wenn auch in einem spezifischen Sinne, von. den ihnen stammverwandten Arabern ’Aid al-kitab’ genannt wird, d. h. ״das Volk des Buches“. Sind doch die Juden ein Volk, das zu allen Zeiten das Buch so hoch j einschätzte, daß eine Stadt in seinem Lande die Stadt j des Buches, der Bibliothek (’Ki-rjnt Szefarim’) hieß. Mit einem Buche in der Hand hat das jüdische Volk die j Wanderung durch die zweitausciidjälirige Verbannung, j mitten durch Ströme jüdischen Blutes hindurch, zwischen Feuer lind Schwert vollbracht. UcbcraH hat es seine! l.ehrhütrscr, Bat e-mid ra sch im und Jeschibot, 1 errichtet, aber überall bei ihnen die dazu gehörigen und j dazu notwendigen Bibliotheken geschaffen. Daher ver- | steht das jüdische Volk sehr leicht die Notwendigkeit | der großen Bibliothek und weiß, daß cs nicht angeht, j eine Universität oder auch nur ein ftllgcmcines Schulj wesen zu gründen, ohne vorher die Bibliothek zu schaffen, in der alle Bücher vorhanden sind, deren der Professor bei seinen Forschungen und seinem Unterricht, deren der Student bei seinen Arbeiten und seinen Studien bedarf. Als vor einem Jahrhundert der preußische Staat zu seiner Ncuaufridiüuig eine grolle Universität errichten mußte, war er dazu imstande, weil dort seit anderthalb Jahrhunderten eine große Bibliothek existierte. Hamburg und Frankfurt schufen ihre Hochschulen so schnell und erfolgreich auf Grund ihrer großen, in Bibliotheken bereitstehenden Bücherschätze. Erst muß eine .große, eine umfassende Bibliothek vorhanden sein, erst muß Jerusalem wieder eine Stadt mit Büchern werden, ehe man daran denken Bann, eine Universität und eine jüdische holte Kultur dort ins Leben zu rufen. Die Bibliothek muß sofort geschaffen und aktiv werden. Eine Bibliothek ist aber nicht ein ungeordneter Haufe von Büchern, nicht einmal eine gut geordnete Masse von gesammelten Schriften aller Art, Sondern sie ist ein lebendiger Organismus. Und wenn sie das rächt ist, ist sie eben keine Bibliothek und bringt nicht den Nutzen, den mau von ihr erwartet. Mit einer Kenntnis von Büchern und einer Energie, die ihres gleichen sucht, hat Dr. Josef C 11 a7.a no wi cz aus '!iialystok fast 30 ja 11 re lang seine ganze Kraft daran gesetzt, in Jerusalem eine jüdische Bibliothek zu schaffen. Er hat dort mit der Zeit fast 5!»090 Werke zusammengebracht, die den Grundstock der Bibliothek bilden. Wo er irgendeine seltene Schrift von Juden oder über Juden erreichen konnte, hat er Opfer und Mühe nicht gescheut, uni sie nach Jerusalem zu besorgen. So entstand die Sammlung des Uct-Nc’eman (öinse Jofief), die jetzt den Grundstock der entstehenden National- und Universitätsbibliothek bilden soll. Aber wenn auch das jüdische Volk das Beste, was cs hat, seiner eigenen Gedankenwelt verdankt, so ist cs doch niemals isoliert gewesen. Es lut zu allen Zeiten in den vordersten Reihen der Kulturvölker gestanden imd Hat deshalb zwar allen Völkern Gedanken und Gefühlswelten gegeben, 11.at aber aucli überall uml zu allen Zeiten von den anderen Völkern empfangen. Nur war es stets stark genug, nach starken Krisen den Einfluß der fremden Umgebung zu überwinden Und oft zwar nach großen Verlusten, das fremde Geistesprodukt so seinem eigenen Wesen anzupassen, daß es dort zu etwas Neuem, echt Jüdischem, wurde. Damit ist aber gesagt, daß das Judentum sich weder von anderen Völkern und Kulturen trennen und isolieren will noch kann. Nur will und dar! cs nicht sich dem Wesen der andere« assimilieren. Sondern cs muß Uie geistigen Keime, •die es von dort entnimmt, so seinem eigenen Wesen anpassen, so zu eigenem Leben verarbeiten, daß es statt «cli selbst an die anderen 2u verlieren, dies Fremde ach selbst assimiliert. Deshalb kann sich eine von Juden und jn Jerusalem betriebene Wissenschaft nicht darauf beschranken, nur das ei״׳ene eifentliche j&1«sehe Wissensgebiet zu׳ bearbeiten, w״em. dEtch stets un Mittelpunkte alles unseres Denkens Stehen wird, sondern es wird alle Gebiete menschlichen Denkens und Wissens zum Gegenstände seiner ernsten Forschungen machen. Wir werden nicht bloß Judentum und alles, was damit »isammcnhiingt, in Jerusalem an der Universität pflegen, sondern wir werden auch Chemie mvi Physik, allgemeine Weltgeschichte und Kunst und das Studium aller Kulturen betreiben. Damit aber ergibt sieh, daß auf einer Universität alles gelehrt und alles durchforscht wird, ohne Voraussetzungen und ohne andere Schranken als sie durch die Grenzen menschlicher Vernunft gegeben sind. Die Forschung macht vor nichts Halt. Sie geht voraussetzimgslos an ihre Arbeit und kennt keine Grenzen ihrer Wissensgebiete. Daraus aber ergibt sich, daß auch das Arsenal der Universität alles enthalte« muß, was dem menschlichen Denken lind Fühlen nngehürt. Die Bibliothek muß alles aufnehmen. Selbstverständlich darf es kein Buch und keine Schrift, kein Werk und keine Drucksache geben, die sieh mit Juden und Judentum irgendwie beschäftigt, die in der Jerusalemer Bibliothek fehlt. Aber ebenso wenig soll irgendeine andere Wissenschaft in dieser Bibliothek nicht vertrete« sein. Jedes Buch aus jedem Fache mvd in jeder Sprache ‘hat Wert für die Jerusalemer Bibliothek. Die Sclieftefsaromlan? wird fortgesetztI Alle Schckalini, die bis zum 20. August 1921 eingehen, werden bei der endgültigen Fest- Stellung der auf Deutschland entfallenden Zahl von Mandaten berücksichtigt. Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Sächsische Straße 8 Heute verlangt man Bücher über römisches Und deutsches oder englisches Hecht, und morgen solche über Mikro• biologie und über Technik, alle Tage aber solche aus allen Gebieten und allen Zeiten der jüdischen Literatur j und jeglichen jüdischen Wissens. Deshalb muß jedes Buch gespendet, jede Schrift gesammelt werden. Es ist keine so klein und so Unbedeutend, und erst recht keine so groll, daß sie nicht einmal in der1 Bibliothek von Gelehrten verlangt und benutzt würde. Aber diese Bibliothek ist die unabweisliche Vorbedingung für jede wissenschaftliche Arbeit, für jede Tätigkeit der Universitiit, aber auch für jeden Lehrer und jeden Beamten, für jeden Architekten tun! jeden Ingenieur, für jeden Künstler mul überhaupt für jede« Menschen, der nicht litoll das Leben des Tages lebt, sonder« für Gedankenwerte Verständnis hat, ,Deshalb ist diese Bibliothek eine der wichtigen Aufbauarbeiten Palästinas, die nicht minder wichtig ist als das Anlegen von Straßen und Kanäle«, als das Banen von Häusern und das Pflnn/.en von Gärten. Es ist der Jungbrunnen jüdischer Kultur, der Qitdl jungen jüdischen Geisteslebens. Die Universität wird jetzt erst ins Leben gerufen werden. Aber schon entstehen ganz aus Sich heraus Vorlesungskursus, die schon an einen ersten Universitätsbetrieb erinnern. Auch ist der Grundstock der Bibliothek bereits geschaffen worden. Wie gesagt, . der unvergeßliche Gründer der Bibliothek Dr. Josef Chazanowicz hat bereits rund 50000 Bände nadi Jerusalem gebracht. Seit den letzte« Jahren hat die Bibliothek eigentlich wie jeder ehrliche Organismus nur Kriegs- Verluste gehabt. Erst jetzt tat die Arbeit wieder begönne«. In der jüngsten Zeit habe Ich die Möglichkeit gehabt, ungefähr 20 000 Schriften nach Jerusalem zu senden. East gleichzeitig langten von Amerika 5000 Bände am und dauernd laufen aus allen Ländern Bücher in geringerem Maße in Jerusalem ein. Jetzt aber gilt cs, unsere Bibliothek groß zu machen. Die Universitäts- Bibliothek zu Berlin hat allein etwa eine halbe Million Biiciier. Dicht neben ihr stellt die Staatsbibliothek mit ein und einer Viertel Million Bücher. Und ganz abgeselle« von den Tausenden von Privntbibliothckcn ür Berlin gibt cs dort allein rund hundert öffentlicher Bibliatkeken. Das ist in einer einzigen, zwar recht großen Stadt der Fall, Die jetzt entstehende Universitäts- und NationalMMiötliek zu Jerusalem wild aber für viele Jahrzehnte die einzige wissensctaftUchc Bibliothek des Landes von einiger Bedeutung bleiben. Sie wird zugleich die N a i»o 11 a 1 b i b 1 io t he k des jüdischen Volkes sein, soweit es noch im Galuth steckt. Um so mehr haben wir die Pflicht, alles daran zu setzen, daß diese Bibliothek dem jüdischen Volke Ehre macht. Dazu müssen alle Juden m i 111 e 1 f c n. Es darf nicht möglich sein, daß es einen Juden gibt, der nicht wenigstens ein wertvolles Buch der Bibliothek gespundet hat, der nicht wenigstens eine größere Geldspende für Universität und Bibliothek beigetragen hat. Wir stellen am Eingänge einer neuen Zeit Das Judentum erwacht. Selbst in Westeuropa, wo cs abgestorben zu sein schien, keimt neues Leben. Das jüdische Volk sieht siel» erstaunt um, sieht die junge« Menschen, die ihm gestern noch fern standen und fragt 'Mi jalad Iv et eie?' Aber in dieser wunderbare« Zeit des Wachsens und des Werdens, die zugleich eine Zeit solchen jüdischen Elends ist, wie cs nichts Aelinlieh cs seit der Zeit des Qiorban gegeben tat, in dieser Zeit soll ein neues jüdisches Geisteslicht aufgeben und die Fackel, von der es ausstrahlen Soll, ist die jüdische Universität und die Nationalbibliothek in der Stadt, von der es heißt: ׳Ki mi-Zljjo« tezö Tora udebar H׳ miruschalaim'. Heinrich Loewe. Die Kerzl-Baumspende Die Sammlungen für die HcrzJ-Baumspende werden Ixireits in etwa 60 Städte.» Deutschlands durchgcfiihrt. Ihre Bestimmung Ist eine doppelte: cs gilt in erster Linie, unserem unvergeßlichen Führer Theodor Herzl zu seinem Todestage, dem 20. Tammus (26. Juli), ein seiner würdiges Denkmal zu setzen. Wir alle sind uns gerade im jetzigen Moment des Aufbaus von Erez-israel, im neuen Werden des jüdischen Schicksals wie nie zuvor bewußt, daß die Erfolge der Gegenwart ohne seinen genialen Impuls, seine unerschöpfliche Tatkraft nicht denkbar wären, und jeder einzelne von uns empfindet es als Ehrenpflicht, die Persönlichkeit dieses großen Toten nicht nur durch Worte, sondern aucli durch tatkräftige Förderung seines Werkes zu ehren. Ein schönes Zeichen solcher Ehrung, zugleich aber auch ein sichtbares Symbol der lebendigen Palästinaarbeit, für die Herzl gewirkt hat, ist die Baum spende des Jüdischen Nationalfonds. Die aus ihr geschaffenen Pflanzungen dienen einer der wichtigsten Voraussetzungen für jede kolonisatorische Arbeit in Palästina, der Aufforstung des Bodens. Die Baumspende hat also neben ihrer ideellen Bedeutung auch einen hervorragend praktischen Wert. Es ist kürzlich ausführlich dargelegt worden, welche Bedeutung der Aufforstung in nationaler, hygienischer, sozialpolitischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht zukommt. Das Hauptbüro des Nationalfonds hat auch eine genaue Uebersicht über die Anzahl der bisher gepflanzten Bäume (zirka 600 000), die hierfür erforderlichen Summen und den in Frage kommenden Fiächenraum veröffentlicht. Die Aufforstung ist nach dem Kriege in großzügigster Weise ausgebaut worden, und cs wird von iiirer weiteren Fortführung abhängen, wieviel Boden kolonisiert werden kann, da der Hauptzweck der Aufforstung, die Entsumpfung des Bodens, die erste Voraussetzung für jede weitere Arbeit ist. Die Förderung der Aufforstungsarbeiten, d. h. die Unterstützung der Baumspende des Nationalfonds, gehört also zu den wichtigsten Pflichten jedes Zionisten. Darum wenden wir uns nochmals an alle unsere Freunde und bitten sie, tlic von uns eingeleitcten Sammlungen sowohl durch eigene Baumspenden wie auch durch eifrige Propaganda in ihrem Bekanntenkreise zu fördern, immer dessen eingedenk, daß jeder gespendete Baum uns der Erschließung Palästinas näherbringt. Sprccbsaal (Ohne Verantwortung der Redaktion.) Illusorische Wahlen Es sei gestattet, in voller Oeffcntiidikeit ein Wort der Verwunderung auszusprechen über die mclir als seltsame Art und Weise, in der die Wahlen zum Kongreß in Deutschland, durchgeführt werden. Nach acht Jahren tritt wieder ein ZionistenkongrcU zusammen. Seit drei׳ Jahren wird er von allen Seiten gefordert. Er soll nach langer Zeit wieder eine Klänrng innerhalb des Zionismus bringen, eine Entladung der angcsammeltcn Spannungen, eine Auseinandersetzung über die wichtigsten Grundfragen der Bewegung, eine Festlegung der Richtlinien für unsere künftige Arbeit. Man sollte meinen, die Wahlen zum Kongreß würden unter dem Zeichen einer solchen Auseinandersetzung und Klärung stehen; es würde so etwas wie einen Wahlkampf geben; es würden Wahlversammlungen stattfinden, Kandidaten verschiedener Richtungen würden ihren Standpunkt unterbreiten und die einzelnen Zionisten so veranlaßt werden, Stellung zn nehmen zu den wichtigsten Fragen der Bewegung. Was sehen wir statt dessen? Der ״Nationale Einheitsbiock“ in Berlin schließt eine Vereinbarung mit der sogen. Gruppe Gronemann-Löwe (wo ist deren Programm 1׳), der ״HapoüI-Hazair‘‘, vor, dem man nnuehinci! sollte, er werae für einen freie« Wahlkampf Sorge ir.igvn, markt •— wie immer — mit, und der berühmte ״ftnlieitsbiock“ ist fertig. Diese Einheitsliste macht jeden Wahlkampf unnötig, macht jede programmatische Auseinandersetzung überflüssig, macht — seien wir offen - die ganze Wahl illusorisch. Dies heißt also: de facto werden die Wahlen von einigen Parteiführern und Parteikritikem in Berlin gemacht unter Hinzuziehung der Ortsgruppen- Häupter der großen Provinzstädte. Zum Uebertluß wird dann noch — in ausdrücklichem Widerspruch übrigens zu Art. XIV der von der Exekutive aufgestelltcn Wald- Ordnung, ein Widerspruch, der gelegentlich nocli den LegitLmationsa us schuß des Kongresses beschäftigen dürfte — bestimmt, daß jede Kandidatenliste von 100 Schekelzahlern unterschriebe« sein muß, um bei der Kürze der Zeit — allen außerhalb der Fraktionen Stehenden cs sehr zu erschweren, Sonderlisten aufzustellen. Ich frage: Können solche Wahlen den Zweck erfüllen, den sie erfüllen sollten? Können sie eine Klinmg; (Fortsetzung Seite 409.)