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Jüdische Rundschau · 1921-07-15 · Heft 56 (15.7.1921) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 56 (15.7.1921)
Date
1921-07-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 56 Seite 4M *״■** Die jüdische Universität zu Jerusalem Der Gedanke, eine Universität in Jerusalem m!יrunden, scheint der aller jüngste n Vergangenheit anzugehören. Vor wenigen Jahren lvat man zuerst davon gehört. Und doch ist die Idee zwar beibclviltcn, aber alter als die meisten meinen. Zu Beginn der achtziger Jahre gab es in Odessa zwei nebeneinander bestehende Kreise, die den Netiaufbau des jüdischen Volkes i«tu Auge Iiatteu. Der Mittelpunkt des einen war Dr. Leon Plnskcr. Er nur der Bannerträger der Idee eines materiellen Aufbaus des jiidisdhen Volkes, Er wurde diruu der Vorsitzende unu Leiter der unter dem Nruucii Chobcl>c-Z;o» bekannten zionistischen Organisation für die Kolonisation I'ulästinas und Syriens, Sein Leitstern war ״Antoemnuzipation“. Der andere Kreis gruppierte sich um Dr. Lion. Dieser gründete speziell einen Verein, um eine jüdische Universität in Jerusalem ins Lehen zu ruien. Er wollte im Gegensätze zu Pinsker ein kulturelles Zentrum der Juden in Palästina schaffen. Hier war die Geburt!;- statte so mancher Kulturbeslrelnuig des jüdischen Stamnies, die erst später in die Erscheinung trat. Auch A ch ad H a a m s bekannte Theorie vom geistigen 'Zentrnm hat liier ihren Ursprung genommen. Ein Mitglied dieses Vereins war jener junge Schapira aus Tauroggen in Litauen, der später im Zionismus eine so markante patriarchalische Erscheinung wurde, der - - frei-!teil damals bereits ein ehrwürdiger Greis — anfangs der Fünfziger war, als er seinen Freunden und Verehrern entrissen wurde, Aiie diese kulturellen Anregungen, die sich zum großen Teile ün Achad-Haamismus auswirkten, gingen letzten Endes auf jenen Dr. Lion zurück, der ein warmherziger und ideenreicher Mensch, aber als Person schwach war. Er ist später völlig aus seiner Balm gekommen und muß als ein Verunglückter angesehen und beurteilt werden, liier in Odessa ist der Gedanke an eine jüdische Universität in Jerusalem zuerst nusgekommeu. hn Jahre 1SSÖ oder 1887 hat Prof, Dr. Hermann Schapira in Heidelberg angeregt, in Jerusalem eine hebräische Universität zu schaffen. Das war ein Mann, der durch eine ganze Reihe von neuen Gedanken den Zionismus und das jüdische Gemeinschaftsleben befruciitet bat. Unter andenn war er es, der den ersten Plan zur Errichtung des jüdischen N a t i o n a 1 f o 11 d s ,iiifgesiellt hat. Für die Einführung von Industrie in Jerusalem hat er eine }ganze Reihe von Anregungen gegeben. So hat er selbst viele kleine Erfindungen gemach•:, um die Uhreiviidiistrie zu vereinfachen. Er war der Meinung, daß unter Verwendung dieser Erfindungen die jüdische Bevölkerung Jerusalems imstande sein Werde, Uhren lierzustellen, die «gleich gut wie die Schweizer Uhren, aber infolge der leichteren und einfacheren Konstruktkm bedeutend billiger wären. Daß er, der selbst einer der hervorragenden Delegierten des ersten Kongresscs gewesen ist, nicht mehr selbst nach Jerusalem gehen konnte, um diese Pläne, wenigstens zum Teil, auszuführe», gehört zur Tragik so vieler Begründer der zioivls',Dchen Bewegung, Sie haben das Land itirer Sehnsucht nur von fern gesellen. Er selbst war Professor der Mathematik in Heidelberg. Es war schon einem deutschen Juden unendlieh schwer, an einer deutschen Universität Professor zu werde», erst recht aber einem russische» Juden, Sein Ideal war es, einmal an einer jüdischen Universität lesen und lehre» zu können. Das war der persönliche Beweggrund, der ihm die Idee eingab, eine Universität in jemsalem ins Leben rufen zu wollen. Viel wichtiger war der sachliche Grund. Professor Schapira war sich darüber klar, daß das jüdische Volk in Palästina nicht allein durch materielle Kräfte den Vorrang im Laude erreiche» und behaupten könnte. Er sagte sich, daß das jüdische Volk nur dann im Lande wurzeln und die vorherrschende Nation werden könnte, wenn es durch Bildung und Wissen eine solche Stellung einnehmen würde, daß es nicht bloß den anderen Nationen im Lande an Kultur überlegen sei, sondern daß es selbst innere Befriedigung an seinem eigenen Leben finden würde. Er verstand, daß cs nicht genügen könnte, ein jüdisches Gemeinwesen im Hcimatlmdc Israels auf Grund von Ackerbau und Handwerk zu errichten, und daß cs notwendig wäre, diesem jüdischen Volke eine jüdische Eigcnkultur zu verleihen. Denn das neue Leben in Erez-Israel soll nicht bloß die materielle Not des jüdischen Volkes beseitigen, es soll vor allem auch der geistigen Not des Judentums Einhalt tun. Nur wenn von neuem jüdische Kultur im jüdischen Lande erblüht und jüdische Ewigkeitswerte von Zion ausgehen würden, nur dann würde das jüdische Palästina von bleibender Bedeutung für das jüdische Volk sein. Durch die Schaffung einer jüdischen Kultur würde nicht bloß das Kolonisationswerk gekrönt werden, sondern ohne dieses Knlturwerk könnten Land und Volk keinen Bestand haben. Um einen jüdischen Staat zu schaffen, aber um auch nur eine Kolonisation von größerem Umfange zu haben, an dem ’Juden aller Länder teil nehmen können, dazu bedarf es der lebendigen hebräischen Sprache, die nur in einem großzügigen Sdiulwerk geboren und ausgebildet werden kann. Darum muß das jüdische Volk zuerst einmal außer den landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Stützpunkten eine lebendige jüdische Volksschule errichten, und auf dieser Schule das Gymnasium und jede Art von höherer Schule aufbauen. So entstanden den» auch in Palästina eine ganze Reihe von Kindergärten und Dorfschulen, von Volksschulen, Realschulen und Gymnasien, von Lehrerseminaren und Lehrerinnen- A: 1 sbildungsansta 11cn. Und nun denkt man daran, daß JUED1SCHE RUNDSCHAU Kritik Wie immer, wenn der Zionisten-Korigreß naht, treibt die Kritik bei uns Blüten. Das ist ein Zeichen der Lebendigkeit unserer Bewegung und gereicht ihr nur zur Ehre. Kritik muß auf die Dauer die Organisation stärken, wenn sie von dem Streben beherrscht wird, sich durchzusetzen, den Oang der Entwicklung und die Ocstalt der Organisation entsprechend ihren Anschauungen zu ändern. Kritik, die sich damit begnügt, ihre Meinung vorzutragen und nicht alle Mittel anwendet, ihre Forderangen zu erzwingen, ist unfruchtbares Gerede. Sic wird zum Verbrechen, wenn sie in einem Moment der Gefahr sich laut brüstet und damit die Gefahr vermehrt, andererseits aber bewußt sich der Möglichkeit entzieht, ihre Forderungen in die Tat uinzusetzcn. Das tut in diesem Augenblick die amerikanische Gruppe um Brandeis, und sie spricht sich damit ihr Urteil vor der jüdi־ sehen Geschichte, Das tut aber auch jeder, der sein Recht, seine Pflicht der Kritik ausübt und nicht mit aller Energie dafür sorgt, seiner Meinung zum Siege zu verhelfen. Dies zu erreichen, hat er sein einfaches Mittel: Die Agitation für den Schekel. Je kritischer er veranlagt ist, je lauter er seine Kritik vorträgt, desto mehr ist er verpflichtet, seine! Meinung Anhänger zu werben, damit sie sich beim Kongreß durchsetzt. Gerade bei diesem Kongieß kommt es wie nie zuvor darauf an, daß die Kritik stark sei und Macht habe. Darum ist es gerade vor diesem Kongreß, der über das Schicksal der zionistischen Bewegung für seine ganze Epoche bestimmend wird, die zwingendste, die heiligste Pflicht eines jeden, mit aller Kraft für den Schekel zu agitieren und überall den Schekel zu Verlangen. Nur wer willens ist, soviel neue Schckelzahler zu werben, daß seine Meinung damit Einfluß auf den Kongreß erhält, hat das Recht, mit kritischen Forderungen aufzutreten. —■■■11■ ■111 M inirnm rxamuttMmmammmimmm1 die Universität, da,s Technikum mit der landwirtschaftlichen Versuchsstation das Werk kröne» sollen. Es ist aber ein Irrtum, daß die Universität nur ein Dach ist, das man über dem ganzen Schulgebäude errichten kann. Es ist nicht wahr, daß erst die Schule da war, die einfache Volksschule, aus der daun die höhere und endlich die Hochschule hervorgegangen sei. Im Gegenteile, bei allen Völkern und zu allen Zeiten hat es zuerst die Hochschule gegeben, aus der sich dann später die unteren Grade des Bildungswesens abgeleitet haben. Die älteste öffentliche Schule in Europa ist die Universität zu Bologna gewesen. Von dieser italienischen hohen Schule aus sind die Universitäten zu Paris, die berühmte Sorbonne, und ebenso die. Prager Universität ausgegangen. Das war in der zweiten Hälfte des Mittelalters. Als dieses zu Ende ging und die Neuzeit in die Weltgeschichte hereinleuchtete, da wurden von den Universitäten, die immer zahlreicher geworden waren, die humanistischen A!1stallten gegründet. Sie empfingen von dort aus ihr Leben und ihre Impulse. Erst viel später, hn achtzehnten Jahrhundert, wurde in West- und Mitteleuropa das Volksschulwesen allgemein, und io Osteuropa zum Teil noch später. Man sicht, daß die Universität früher da ist, als die Volksschule. Und so notwendig diese ist, bedarf sic doch der hohen Schule als Wegweiserin. Nur wenn eine Universität an der Spitze der Volksbildung vora,»schreitet, wird auch die Volksschule ihre Aufgabe erfüllen, in anderem Falle wird sie nicht bloß still stellen, sondern dauernd zurückgehen. Das merkt man schon heute in dem jungen jüdischen Palästina, Niemand vermißt das Vorhandensein der allgemeinen Hochschule und der graften Bibliothek mehr als die jüdischen Lehrer, ebenso sehr jene, welche an den Volksschulen den ersten Unterricht leiten, wie erst recht alle die, welche an Realschulen und Gymnasien, an Lehrer- und Lehrerinnen- Seminaren der aufstrebenden Jugend ein höheres Maß von allgemeiner Bildung und jüdischem Wissen insbesondere v-crleihen wollen. Daß cs heute in ganz Europa viele Zehntausend« von jungen Juden gibt, depen cs geradezu unmöglich gemacht wird, eine europäische Universität zu beziehen, ist bekannt, in, jedem Semester kommen Hunderte von jüdischen jungen Männern und auch Frauen zu uns, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen wollen* tun in eine deutsche Universität aufgenommen zu werden. Nur' in den allcrseltensten Fällen können wir wirklich helfen. Die große Mehrheit solcher hoffnungsvollen Schüler der Wissenschaft bleibt vom Studium ausgeschlossen, weil die Universitäten nur ausnahmsweise jüdische ausländische Studenten zur Immatrikulation zulassen. Auch aus diesem Grunde müßten wir wünschen, daß bald eine Universität entstellt, die für die Aufnahme nur wissenschädliche Voraussetzungen verlangt, aber nicht wegen der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke oder zu einem anderen Staate den Ausschluß vom Studium verfügt. Aber das ist nur ein äußerer Grund. Der innere Grund ist viel wichtiger. Wir bedürfen der hebräischen Universität, als des Zentrums der jüdisehen Bildung und der in Palästina aufwachsenden hebräischen Kultur. Von hier wird der Geist der jüdischen Lehre ausgehen, und nicht bloß in Palästina ein neues Judentum;,ä,".::zea. Schon jetzt hat das hebräische Gymnasium in Jaffa, das seihst noch so jung ist, nicht bloß in Palästina gewirkt, Tn Deutschland, wo das Judentum, und erst recht die hebräische Sprache, Seit Jahrhunderten erstorben war, ist ein neues jüdisches Leben in der Jugend überall unverkennbar. Der Drang danach Dt aus dem deutschen Judentume heraus geboren. Jedoch diese Gesinnung allein hätte auf die Dauer nicht genügt. Nun aber lernt diese neue jüdische Jugend Deuischtands von den wenigen früheren Zöglingen des hebräischen Gymnasiums aus Jaffa, die in Berlin und anderen Städten die Universität bezogen haben, die hebräische Sprache. Und ein Hauch jener palästinensischen Atmosphäre, die das Hebräische neu belebt hat, ist auch nach Deutschland herübergeweht. Wenn aber erst eine Universitat in Jerusalem sein wird, da werden nicht bloß aus Deutschland, sondern aus allen Ländern jüdische Studenten es sich zur größten Ehre anrechnen, wenn sic auch nur c i n Semester oder zwei, in Jerusalem studieren dürfen. Diese aber werden bei Ihrer Rückkehr in die Heimat von dem Geiste und der Sprache des neuen aufblüheuden jüdischen Palästina so erfüllt sein und so viel in ihre Herkunftsländer mitbringen, daß in ganz, kurzer Zeit ebenso die Juden im Galuth wieder liebraisiert uivd verjüdischt werden, wie fn alter Zeit, als der zweite Tempel bestand, %or allem Babel von E r e z-1 s r ae 1 aas mit dem jüdischen Geist erfüUt wurde, der später die tausemijährige Blüte des babylonisehen Judentums zeitigte und es möglich machte, daß von dort aus nicht bloß der Talmud seinen Ausgang nahm, sondern daß das heute lebende Judentum ohne das babylonische Judentum ganz undenkbar ist. Das Judentum in Westeuropa und in Amerika bedarf der hebräischen Universität fast noch viel dringender als selbst das nach Bildung und Wissen hungrige jüdische Palästina. Diese Gedanken waren es, die nicht bloß Hermann Schapira dazu brachten, zuerst den Gedanken an eine hcbiiiischc Universität zu verkünden, sondern sogar den ersten Versuch z.u ihrer Verwirklichung zu machen. Der Verein freilich, den er zu diesem Zwecke gründete, hatte nur geringen Erfolg. Ein!war tausend Mark )tat er gesammelt, aber weiter nichts erreicht. Dann ist er eingeschlaien. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Später wurde der Gedanke von anderer Seite wieder aufgenoinnien. Als ich im Jahre 1895 von Jaffa aus dafür eintrat, daß man dort ein hebräisches Gymnasium errichten solle, ein Vorschlag, mit dem ich damals einen fast noch geringeren Erfolg hatte, als Schapira mit dem seinigen, geschah dies in der Absicht, damit eine reale Grundlage für eine zukünftige hebräische Universität ins Leben zu rufen. Dann liaben W e i z m a n n , Huber, Mozkin und Feiwel den Gedanken in anderer Form wieder mitgenommen. Sie dachten freilieh in erster Linie nicht an die geistige Not des Judentums, das dieser Hochschule dringend bedarf, als vuv.nehr au che tnatctielle Not der Tausende von jüdisehen Studenten, denen in Europa immer mehr die Universitäten und erst recht die technischen Hochschulen verschlossen werden. In dieser Richtung lag auch zum Teil der Versuch, in Haifa ein Techn i k it m zu gründen. Aber der elfte Zionistenkongreß in Wien beschloß ernstlich an die Gründung der Universität heranzutreten, und setzte ein vorbereitendes Komitee ein, das bereits Wichtige Schritte zur Verwirklich« r״g des Planes unternommen hatte, als der Ausbruch des großen Krieges einen dicken Strich unter alle jüdischen Kulturuntcmchmimgcn machte. Aber u־nmittelbar nach Abschluß des Waffenstillstandes waren Weizmann und Genossen wieder auf dem Plane, und bereits im Juli des Jahres 1919 wurde auf dem Har-haz-Zofim (Soopusbcrg) wenigstens formell der Grundstein der neuen hebräischen Universität gelegt, wenn wir uns auch alle klar waren, daß jetzt erst die unendlichen Schwierigkeiten, nicht bloß für den Aufbau des Landes im allgemeinen, sondern insbesondere für die Schaffung der Universität beginnen würden. (Schluß folgt.) Heinrich Löwe. Konferenz der Misrachl-Weltorganisation London, (J. C. B.) Ene Konferenz der Misrachi- Weltorganisation wird kurz vor dem Zionistenkongreß iitaittfinden. Der Misrachi von Preßburg hat die Exekutive der Misrachiorganisation ersucht, die Konferenz dorthin zusammenzuberufen Vorstaadswahl in der ß. Z. V. In der letzten Sitzung der Vertreterversammlung der B.Z.V. am 6. Juli wurden Herr Dr. Egon Rosenberg zum Vorsitzenden, außerdem als Mitglieder des Hauptvorstandes die Herren Frank, Dr. HerUtz, Dr. Landau, Dr. Arthur Stein, Eh־. Steinert, Hugo Wolfcrtnann gewählt. J

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