Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1921)
- Date
- 1921-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652316-2652365--14164-2671959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
OCR text
Seite 400 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Russland Jüdische Kommunisten und jüdische Religion Die sozialistische jiddische Zeitung ״Vor wärt s“, New York, die bis jetzt die einzige war, der die Kommunisten jüdische Zeitungen ans Rußland verschafft haben, bringt einen Aufruf aus der jiddischen Zeitung ״Der Rote Stern“, Witcbsk. Die schönsten Stellen dieses Aufrufes ,![eben wir wieder: ״Die jungen jiidisehen 'Arbeiter sollten sich nicht den :Forderungen ihrer Eltern tinterordiien. Sie sollen nicht beten, nicht die Synagoge besuchen, im Gegenteil, sic müssen ihre freihcitlichcn Anschauungen demonstrativ zeigen, offen und sicher ihren Standpunkt vertreten. Sie sollen nicht au der Sabbatiitafel teil nehmen. Wir wollen essen, wenn wir Hunger oder Zeit haben 1 Sabbath ist für u!1s kein heiliger Tag. Wer an Werktagen raucht, sott auch am Sabbath öffentlich rauchen. Wir dürfen tms nicht verbergen, sondern müssen alles am Sabbath tun, was wir 'an Werktagen tun. Damit werden wir 1msc re Eltern an unsere Weltanschauung gewöhnen. Wir werden sie daran gewöhnen, gegen uns duldsam zu sein, wie wir gegen sie duldsam sind.“ ,Wie man frommen Juden durch die Entweihung des Sabbath neue ״Anschauungen“ boibringen kann, bleibt Rätsel der jungen Leute aus der ״Jewsek“ (der ״Jüdischen Sektion“ des Bildungs!mnistcriums). Alle werden sich aber in der Beurteilung dieser ״Kulturträger“ einig sein. Mit Entrüstung bemerkt sogar der ״Vorwärts“, daß man mit solchen Heldentaten der freiheitlichem Bewegung mehr schadet als nützt. Die Juden von Witebsk, die während des Krieges unsagbare Leiden erdulden mußten, die noch jetzt vor Hunger umkommen, müssen auch noch die moralischen Qualen von ihren eigenen Kindern, die ihnen gegenüber ״duldsam“ sind, ertragen. Vor -JO -50 Jahren, am Höhepunkt der Haskaln (Aufklärungsbcwcgung) haben jüdische junge Leute, unter dem Einfluß nihilistischer Ideen ebenfalls oft ostentativ gegen die!Religion verstoßen. Sie haben der Sache wenig gedient, nicht einen einzigen Juden überzeugt und wurden bald aus dem jüdischen Leben ausgestoßen. Es stand ihnen aber keine Regierungsmacht zur Verfügung, wie den jetzigen Bekämpfern der jüdischen Religion. Es muß hier aber ausdrücklich festgestellt weiden, daß die Zentralrogierung der Sowjets sich in die inneren Angelegenheiten des religiösen Lebens nicht hinein mischen und Reibungen mit den religiösen Schichten der Bevölkcnmg möglichst vermeiden. Solche kulturlosen Taten rühren ausschließlich von ,der ״jüdischen Sektion“ her, die ihre wichtigste Aufgabe in der Bekämpfung der jüdischen Religion, der hebräischen Sprache und des Zionismus sieht. Der Biaiik’sche Verlag ״Morija“ Wie dem J. C. B. aus Riga gemeldet wird, hat der hehniisebe Schriftsteller Beu-Zio» Kat/ gemeinsam mit Bialik beim russischen Kommissariat für Außen- Handel das ganze Lager des früher Bialik gehörenden und dann von der Regierung konfiszierten hebräischen Verlages ״Moria“ käuflich erworben. Das Lager enthüll zirka <100(10:1 Druckbogen an hebräischen Lehrbüchern und Klassikerausgaben (Bialik, TscHcrnicliowski, Sclinüur, MeivJelc, Scholcm Aleichem u. a,). Das ganze Lager wird im Laufe des Juli nach Riga transportiert werden. Der Verlag ״Morijn“ hatte auch einen großen Bestand an jiddischen Büchern, deren Ausfuhr jedoch von der ״jüdischen Sektion“ nicht gestattet wurde. Eia Perez •Denkmal Die Sowjetregierung hat dem jüdischen Dichter J. L. Pcrcz in Witcbsk ein Denkmal setzen lassen, das am sechsten Todestag־ des Dichters enthüllt wurde. Polen Die Rechte der Juden in Polen Eine stürmische Debatte im Landtag . ln der letz.ien Freitag-Sitzung wurde der Antrag des Rcchtsaussdmsses wegen Abschaffung einzelner, in Bürgerlichen Gesetzbuch enthaltener Bestimmungen durch welche die Rechte der Frauen eingeschränkt wer den, in Verhandlung gezogen. Der Referent erwähn hierbei, <k1ß das jüdische Mitglied des Ausschusses dei Antrag gestellt habe, daß aus diesem Aulall au ul!,unkt 6 des Artikels Hl, laut welchem Nicht Christen die Vormundschaft über Christen untersag wird, als in Widerspruch zum Friedensvertrag mul zu Verfassung stehend, eliminiert werde. Der Aussclui habe jedoch beschlossen, über diesen Antrag zur Taget ordnu״״ überzugehen, weil dem Sejm in absehbarer Ze! eine Vorlage, wegen Abschaffung aller die Gieichberee! ügutvg der Konfessionen beeinträchtigenden gesetzliche Vorschriften zugehen werde. Im Verlaufe der IX-hatt wies Abgeordneter Hartglas darauf hin, daß di Ww!c1VKla$s1ui£ des jrcjvanikicn Öeset/.arti*kels jjn Burne licltm Gesetzbuch eine Verletzung der Verfassung b< n«,C’ "i״ f,e zuschulden kommt lassen dürfe. IX-r Vorwand, daß es sieh in diese; Augenblick um dm Reformierung der FrauewecWe ui mcht derjenigen der Juden handle, erinnere an jc״t Polmisten in Warschau untor (loni russjBchen der, di ihm gemeldet wurde, daß In einem nkegcl«^^ Geschäftsladen Einbrecher baust■״, mit der grollten; Seelenruhe antwortete: ״Das gehört nicht zu meinem; Revier.“ Hartglas verweist darauf, daß trotz der Rati-; fizierung des Versailler Vertrages im Bia ly stoker j Kreis alte- Rechte der Juden einschränkende Rechts-! bestimumngen noch immer in Kraft sind und geübt wer-! den. Als Abgeordneter Hartglas darüber sprach, daß die; Regierung den ihr gewordenen Auftrag des Sejm, samt- J liehe Rcchtsbegretvuingen gegenüber einzelnen nationalen j mul religiösen Gruppen auf den durch den Rigaer Vertrag j Polen ziigefallcnen Gebieten schleunigst abzuschaffen, bis ן zu in heutigen Tage nicht Folge geleistet habe, während | im Gegensatz, hierzu der polnische Gesandte in Amerika j der gesamten amerikanischen Presse die offizielle Mitj teil!mg zugehen ließ, daß in Polen bereits sämtliche ' gegen die Juden gerichteten Reelitsbeschränkungcn aufi gehoben worden seien, entstand auf der Rechten ein! furchtbarer Lärm. Der Tumult und die antisemiti-; sclu-n Schimpfereien, bei denen sieh der Geistliche Mas e-; jewicz. und Dimowski besonders hervortraten, hielt; mehrere Minuten an. Hartglas schloß schließlich seine , Die Zionistische Exekutive hat den! Endtermin für die Schekelablieferung i auf den 20. Juli 1921 festgesetzt Wir bitten alle Ortsgruppen und Vertrauensleute dringend, uns die gesammelten Schekel mit spezifizierter Aufstellung bis zum 19. Juli d. J. einzuschicken. Zionistische Vereinigung! für Deutschland! Bankkonto! Postscheckkonto ׳.; Nationalbank für Deutschland Berlin Nr. 8091• ן Depositenkasse KurfOretsadamm 211.! Rede mit der Fordenuig, zur Wahrung der Grundlagen i der Verfassung den von ihm angefochtenen Gesetz- I artikel zu streichen.; In der Debatte ergriff auch der neue JusUzmimstcr; Suligowski das Wort und meinte, der Vorwurf ׳ Hartglas’, daß mit der Erweiterung der Frniienreciite : nicht gleichzeitig ein Teil der Jtidcufrage gelöst wird. ' sei sclion vom rein formellen Gesichtspunkt unbegründet, 1 da der Termin, bis zu welchem die Bestimmungen der I Verfassung ins praktische Leben cingcführt werden! müssen, noch nicht verstrichen sei. Bei der Abstimmung! wurde der Antrag Hartglas abgelelmt. (״W. Morgen- : Zeitung.") j Die jüdischen Forderungen and die! Assimilanten in Polen j Aus W a r s c h a u schreibt man der ״W. Morgenzcitung“: ״Die polnische um! jüdische!‘resse bcseh.iftigt sich eingehend mit der ßcsprccliung eines Vor-! träges über die Juden frage in Polen, den dieser j Tage der jüdisch-sozialistische Abgeordnete Dr. Dia-! nrand gehalten hat. L)r, Diamand ist bekanntlich eben > aus dem Ausland zurückgekehrt, wo er versucht hat,! Verständnis upd Sympathie für die Angelegenheiten i Polens zu erwecken, und bekannt ist namentlich die! schroffe Ablehnung geworden, welche er bei den Führern! der englischen Arbeiterpartei (L a h o!1 r Party) er- ' fahren mußte. Mögüehervveise sind es die im Ausland gesammelten Erfahrungen, welche Diamand minmehr veranlaßt haben, die bei diesem alten Verfechter der Assimilation sehr überraschen mußten. ״Man!miß sich erinnern, daß Diamand vor ungefähr einem Jahre ausländischen Journalisten ausciiiandcrgcsctzt hat, die Juden!'rage in Polen könne nur auf dem Wege der Auswanderung;jelöst werden, da die Beziehungen zwischen Polen und Juden nie normale sein werden, solange diese in so großer Zahl im Lande leben. Nunmehr aber hat Herr Diamand in seinem Vorträge erklärt, daß die Judenfrage in Polen durch die Emigration nicht gelöst werden könne und daß di,e realen Interessen des Landes Regierung und Gesellschaft zwingen werden, Be- Oingungcn für die Juden zu schaffen, unter denen sie sich als Voll bürg er fühlen können. Aber Herr Dianiaivd ist noch weiter gegangen und hat zugeben müssen, daß seine bisherige Taktik falsch war. Vor zwei Jahren hat Diamand, wie erinnerlich, auf Ersuchen des damaligen Premierministers Pa d c r c vv s k i bei M o r g e iv 111 a u vorgesprochen, um die Politik der Regierung in der Judenfragc zu verteidigen; nun gesteht er offen zu, daß diese Taktik nicht nur gegen das Interesse der Juden, sondern auch gegen das Polens selbst verstoßen habe. Audi die Methode der einseitigen Protektion der christlichen Kauf Leute und Unteriieluncr findet an Diamand einen scharfen Kritiker, und der Sozialist, der für die jüdische Bourgeoisie nie ein Wort übrig hatte, fintkt, daß auf solche Weise Demoralisation ins Land getragen werde, indem ein privilegiertes Element In einem demokratischen Staat geschaffen werde. Audi für die früher vielgeschmähtc Orthodoxie, welche allen Verfolgungen trotzend, an ihren Lebensformen festhalte, findet Diamand jetzt verständnisvolle Worte. Oie Rede Diamand* muß nicht allein als Aeußc- ״mg eines Politikers, der bisher völlig Im Fahrwasser der Assimilation schwamm, registriert werden, sie kt nicht die Aeußerung eines elnäditen, •andern vielmehr ______ Nr. 56 die des Vorstehers des ״Verbandes der unabiüin׳ri׳rC״ Juden“ (Nco-AssimiUnten), welche Vereinigung diesen Vortrag veranstaltete. Daß die Assimilanten sich auf eine Revision ihrer Anschauungen zu besinnen scheinen, geht auch aus der Rede des jüdischen Kollegen üiainands, des Abgeordneten Liebermann, hervor, welche er in der juridischen Kommission des Sejm gelullten lut und in der er nicht nur für die jüdischen Bürgerrechte eintrat, sondern auch deren nationale Forderungen verteidigte, Alk diese Erscheinungen sind An- Zeichen, daß sich auch im J.ager der Assimilanten eine gewH-e Evolution der Anschauungen zu vollziehen scheint,“ Polnische Regierung und jüdische Presse Der neue polnische Außenminister, S k i r m u!11 hat, dem allgemein in i*olen eingerissenen Gebrauche folgend, bei dem von ihm veranstalteten Prcssccmpfang die jüdischen Pressevertreter übergangen. Dagegen |1a! er für die jüdische Presse einen besonderen E1m> fang veranstaltet, der am 28. Juni stattfand. Skirmunt betonte, daß dieser SonJcrcmpfang deshalb veranstaltet worden sei, weit er mit den jüdischen Vertretern spezielle Fragen, die die Jmicmheit betreften, besprechen wollte. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sei cs, ein harmonisches Zusammenwirken aller Bürger ohne Unterschied der Konfession zu ermöglichen. Die polnischjüdischen Verstäadigungskonfercnzen wären nur proviso risch ausgesetzt worden und würden bald wieder aufgenommen werden. Er sei vollkommen vorurteilslos und bitte als Phäosemit um moralischen Kredit für seine Politik. Deutschland Stargard Das Arbeiterfursorgcaim teilt .uns mit: ״Die Untersuchung über die Vorgänge im Lag« Stargard ist nunmehr abgeschlossen. Sic hat die Darstellung des Arbeiterfürsorgeamts in weitgehendem Maße bestätigt gefunden, und es muß anerkannt werden, daß das preußische Ministerium des Innern euergisch durchgegriffen hat. Es sind Wachmannsch.ir.e 1 entlassen worden. Wie wir hören, soll gegen sie bei uer Staatsanwaltschaft Anklage erhoben werden. Die Ve,- pflcgung wurde erheblich ,verbessert, die Behanlhmg ist jetzt, wie die internierten aussagen, menschenwürdig. Wie wir hören, wird das In:en1i.־rm1:-! iger in S::1r yird 111 Kürze aufgelöst werden. Diejenigen Personen, die nach Polen zurückzukehren wünschen, werden nach Polen abtransportiert werden. Eine Anzahl besonders krasser Fälle ist bereits neu untersucht worden; die Ent- Fassung dieser Personen steht un.niuelbar bevor. Ein dritter Teil endlich wird bis zur Klärung des Völkerrechtlichen Sachverhaltes - es handelt sich hier vor allem um Deserteure — zunächst nach dem Lager K o 11 bu s - S i e 100־ überführt werden, H; eine Ent- Scheidung, die die einzelnen Fälle jedoch zu berückdciitigen hat, erfolgt jst. Es ist die selbstverständliche Pflicht der jüdischen Organisationen und der ge-amten jüdischen Oeffentlichkcit, auch weiterhin auf der Wacht zu sein, um Uebergriffc und Vorfälle, wie sie in Internicrtmgslagern nur z־u leicht passieren können, sofort zu verhindern. Insbesondere muß eine grundsätzliche Ent- Scheidung darüber herbeigeführt.,sverden, daß arbeitende Elemente nicht interni-ert werden dürfen. Eine solche grundsätzliche Entscheidung ist bisher noch nicht gefallen, wenn auch die Behandlung der Einzelfä'lc der Internierten Grund 7.« der Annahme gibt, daß dieses Vorgehen gegen Arbeiter einer Revision unterzogen wird.“ r Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund j bittet uns um die Veröffentlichung folgender Zeilen: I Das Kuratorium der Friedrich-Wilheim-Viktoria-SFftimg hatte für die Zeit vom 1. Oktober 1920 bis dahin 1921 die Zuschußquoten zu den Prämien der bei der ״Viktoria“ abgeschlossenen Lebensversicherung für die Klienten der Stiftung automatisch um 100 °ö erhöht. Da diese Frist demnächst ablauft und die Teuerung sieh! noch gesteigert hat, hat das Kuratorium beschlossen, j vom 1. Oktober )‘>21 ab auf 1 Jahr die Zuschüsse j automatisch um F>01 der zugrunde Legenden Be- 1 willigungen zu steigern. — Da die freiwilligen Lchrerlmfsj kassc» von ihren Klienten erhöhte Beiträge zu erheben I gezwungen sind, so ist auch die Gesamtsumme Jur Bei- I hilfen zu den Lehrerkassenbeiträgeii verdoppelt worden. Das Hochverratsverfahren gegen Oberrabbiner Dr. Löw eingestellt. Der Anklagesenat des Szegediner Gerichtshofes befaßte sich mij der Angelegenheit des Oberrabbiners Dr. Löw, der durch den berüchtigten Hollosv denunziert wurde, er habe gegenüber einem holländischen Journalisten Aussprüche getan, die das Verbrechen des Hochverrates beinhalten. Die Horthy- Banditen bemächtigten sich bekanntlich dieser Demm/iation und Dr. Löw — ein Greis — wurde verhaftet und monatelang in Untersuchung gehalten. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen Dr. Löw wegen Beleidigung des Reichsverwesers, sowie wegen Hochverrates und Aufreizung das Strafverfahren ein. Der Anklagesenat fällte nach mehrstündiger Verhandlung die Entschcidüng, daß Dr. Löw wegen des Vergehens der Beleidigung des Rcichsvcnvesers unter Anklage gestellt werde. Dagegen wurde der auf die Verbrechen des Hochverrates und der Aufreizung bezügliche Teil der Anklageschrift abgewiesen, bezüglich dieter Delikte da« Verfahren eingestellt und dm aofertige Entlastung des Beschuldigten angeordnet.