Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1921)
- Date
- 1921-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 56 Seite 399 Zentralämter oder Privatwirtschaft Versteht man unter dem Staatssozialismus den mono■ polartigcn Betrieb wirtschaftlicher Unternehmungen für die Rechnung des Staates (in unserem Falle der Zionistischeu Organisation) und mit seinen Beamten, so kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß wenigstens in dem Kreise der deutschen Leitung eine - - allerdings sehr vorsichtig angedcutete — Absicht be» steht, die Gelder des Keren Hajessod staatsso/ialistisch zu verwalten. Mit staatssozialistischen Neigungen muß schon aus dem Grunde gerechnet werden, weil Staatssozialismus eigentlich die einzige bisher praktisch erprobte Form des Sozialismus ist und weil diese Wirtscliaftsnrt bei verschiedenen Beamten (gleich welcher Organisation und welchem Volke sie angehören) starke Sympathien gcnießt, da sie ihnen die Macht über die Wirtschaft ver• k*ihr. Die Frage ist auch zeitgemäß geworden. Sie wird auf dem bevorstehenden Kongreß der Gegenstand lebliaftcr Erörterungen sein; der Zeitpunkt der ersten produktiven dauernden Verwendungen des Keren Hajessod ist hoffentlich nicht mehr sehr entfernt, so daß Klarheit über die Grundsätze der Verwendung geschaffen wenden muß. Dies erscheint übrigens audi im Interesse des Fortganges der Sammlung erwünscht. Ich möchte also mit diesem Aufsatz die Frage; ״Keren Hajessod und Staatsso/jalismus“ der öffentliehen Meinungsäußerung unterbreiten. Meine eigene Stclltuigualum• ist die unbedingte Verwerfung jeder staatssozialistischen Tätigkeit des Keren Hajessod. Erstens fehlen dazu die politischen Voraussetzungen. Die ״Staatsäluilichkeit“ des Keren Hajessod, sein Ver■ gleich mit dem merkantilistischen Staat, die Bezeichnung der Beiträge zum Keren Hajessod als Steuern י diese Ausdrücke erscheinen mir unbegreiflich (daß sie ״leere Redensarten" sind, möchte ich aus Höflichkeit nicht sagen). Das Wesen des Staates besteht in den ihm zur Verfügung stehenden materiellen und geistigen Zwangsmitteln, wie Gerichtsvollzieher, Soldaten, Pflicht• fortbildungsschule, Notenpresse. Diese Werkzeuge der Macht hat der Keren Hajessod nicht; deshalb sind alle Vergleiche zwischen Keren Hajessod ttml dem Staat \ von vornherein der Grundlage beraubt, nicht nur tat- | sächlich, sondern begrifflich falsch. Das Steuer■ 1 recht, die Momopolgeset/gebung, die Verfügung über! den Geld verkehr — kurz gerade das und all das, was die Untemehmimgstäfigkeit des Staates vor derjenigen der Privatunternehmer auszeichnet — fehlt dem Keren Hajissod, Es gibt manche Zionisten, die — in der j Verkennung des Charakters unserer Bewegung — darüber sehr mißvergnügt sind, daß dem Zionismus keüie Steuerschraube und keine Notenpresse zur Verfügmig stellen; mag die Tatsache noch 90 traurig sein, sie ist mm einmal da und man muß sich nach ihr richten. Jeder staatssozialistisehe Versuch der sich nicht auf Steuerschraube und Notenpvesse stützen kann, wird sehr kurzlebig sein. Aber wenn wir sogar in der Lage wären, uns einen solchen Versuch zu gestatten, so müßte man — und damit komme ich von der politischen Seite zu der wirtsehaftliehen — hiervon uns dem Grunde Abstand nehmen, weil die mit staatlichen Unternehmungen gemachten Erfahrungen viel zu enttäuschend sind. Diese Erfahrengen lauten, technisch: der Rückgang der Erzeugung, finanziell: Fehlbeträge, sittlich: Günstlingswirtschaft. Noch ist der jüdische Staatssozialismus ein bloßer Gedanke, und schon hat man Gelegenheit, Erörterungen zu lesen, die ganz ״kriegsgeseilschaftüch“ anmuten, Der Verband Jüdischer Ingenieure behauptet, daß das bekannte Kuthenbergsehe Projekt, für das die ersten Beamten der Zionistischen Organisation öffentliche Propagunda machen, gerade den Sachverständigen . . . nicht bekannt ist. Dieses Projekt sei gar nicht das einzige, es seien noch mehrere andere, teilweise im verwrit, Seine P.iibsuphie sei keine wissenschaftliche Weltanschauung, die auf ewigen, universalen Wahrheiten bereut, sondern eine passive galulharlige Weltbetrachtung, die außerhalb dem Bereich des Lehens stellt und alles durch konventionelle übernonunene Wahrheiten erklären will. Auch die Poesie Halevis ist für Hurwitz ״die Poesie des Galuth und des Sklaventums, nicht aber der Freiheit und der Kraft, Poesie der Vergangenheit und des Todes, nicht aber der Zukunft und des Lebens“. Halcvi habe sich mit dem Ueberlieferten und Konvenlionellen abgefunden, es fehle ihm der revolutionäre Schwung. Alles war für ihn klar, er hatte keine Fragen und kannte keinen Zweifel. Dieselbe Umwertung hat Hurwitz auch dem Chassidismus, insbesondere dem Neochassidistnus gegenüber gelten lassen. Hurwitz versuchte, den mystischen Schleier vom alten und vom neuen Chassidismus zu lüften. Im Gegensatz zu den landläufigen Anschauungen über den Chassidismus, die sowohl der Historiker Dubnow wie die Dichter Perez, Zeitlin, Berditschewski, Steinberg u. a, vertreten haben, die im Chassidismus eine neue mystisch-religiöse Welt- Anschauung sehen und ihn als ein neues Judentum dem alten rabbinistisehen, talmudischen Judentum gegenüberstellen, entdeckt Hurwitz in der Entwicklungsgesdiiehte des Chassidismus und in seinem Wesen neue Momente, die die anderen nicht bemerkt haben. Hurwitz ist der Theoretiker der Neomisnagdim (Antichassidim). Er verschont nicht einmal den Baalschcm selbst, in dessen Leben er Züge findet, die seine Gloriole zu verdunkeln imstande sind. Der Chassidismus ist für Hurwitz keine Volksbewegung, da das Individuelle in ihm stärker sei als das Nationale. Der JUEDISCHE RUNDSCHAU Aufträge der Zionistischen Organisation ausgearbeitete Lösungen derselben Aufgabe vorhanden. Diese Geschichte ist ungemein charakteristisch. Es kommt cheu bei dem Staatssozialismus gar nicht darauf an, ob die Sache an sich gut oder schlecht ist, sondern lediglich darauf, daß der maßgebende Beamte aus irgend welchen Gründen hieran Gefallen findet. Der Privat- Unternehmer muß die Güte des Projektes eingehend prüfen, da sonst sein eigener Beutel bluten wird; der Staatsbeamte wirtschaftet nicht mit eigenem Oelde. Au« diesem Grunde, )!in ich auch gegen das von dem Verbände vorgeschlugene technische Zentralamt Der Verband bemerkt überaus treffend, ״daß die Gefahr zu nahe liegt, daß der Beamtenapparat, den sich der Keren Hajessod für Zeichnung und Propaganda geschaffen hat, allmählich dazu übergeht, die Verwaltung des gesammelten Fonds an sich zu reißen“. Diese Gefahr besteht in der Tat; und es muß dafür Sorge getragen werden, daß die Verwaltung des Keren Hajessod nicht den — um die Sammlung noch so verdienten Rednern und Organisatoren — sondern den Praktikern der Wirtschaft anverfrnut wird, Aber der Verband übersieht, daß nicht mir die beruismälligen Beamten, sondern auch die Techniker sehr wohl Bürokraten sein können. Irrtümer tmd Mißbräuche bei der Staatswirtschaft liegen in dem System tmd lassen sich durch Einrichtung neuer Aemtcr, bzw. durch Teilung der Macht zwischen Juristen und Technikern nicht vermeiden. Die bayerische oberste Baubehörde hat seinerzeit ״fcstgestcllt“, daß die Züge unmöglich auf einem Damm fahren können; die Unterläge für die Schienen müsse unbedingt aus Mauern be* stehen. Das Privatkapital hat trotzdem den Bahnbau gewagt, und es ging auch ohne Mauern, 1Die Entscheidung׳ der Frage, was und wie in Palästina gemacht werden soll, muß in erster Linie dem nationalgeslnntcn Privatkapital Vorbehalten bleiben. Wie im Zusammenhang damit die Geldanlagen des Keren Hajessod geschehen «׳erden, ist eine Frage, die besonderer Erörterung bedarf. Dali aber jeder Staatssozialismus bet dem Keren׳ Hajessod ausgeschlossen sein soll, daß auch die Zahl der Zentralämter möglichst auf j Null reduziert werden mutt, glaube ich bewiesen zu! haben. Und es wäre erwünscht, daß diejenigen, die an■ I derer Meinung sind, das unzweideutig bekennen und begründen, Dr. J. Kronstein. Hmerika Brandeis an die Exekutive Oberriclrtcr B r a n d e i s, der jm vorigen Jahre in London zum Ehrenvorsitzenden der Exekutive gewählt wurde, sandte der Exekutive folgendes Schreiben: ״Washington, 19. Juni 1921. Sehr geehrte Herren! - Ich muß Sie ersuchen, dem Kongreß meine Demission als Ehrenpräsident «der Zionistischen Weltorganisation zu unterbreiten. Nachdem ich dieses Amt im vorigen Sommer übernommen hatte, ist dic Arbeit des Reorganisations-Komitccs, welche genehmigt ,worden war, vorsätzlich durchkreuzt worden. Ihre Mitglieder, die Herren Simon und de Lieme, waren dadurch gezwungen, aus dein Exekntivkoniitee aus/uscliciden und, als eine Folge hiervon, hörte die Exekutive auf, so zusammengesetzt zu sein, daß sie imstande wäre, ihre Pflichten genau zu erfüllen. Es erfolgte dann der Wechsel in der Führerschaft der amerikanischen Organisation, weil der Präsident der Weltorganisation sogar die Grundsätze und die Politik der amerikanischen Organisation ,angriff, welche identisch waren mit denen, für die die Herren Simon und de Lieme eiiigetrelen ,waren. Chassidismus hat sich mit der Wirklichkeit abgefunden, er hat den Geist nicht erneuert, er hat keine neuen Lebensbedingungen für das jüdische Volk angestrebt, sondern in der Mystik die Wirklichkeit zu vergessen, gesucht. Hingegen sieht Ft 11 r w i t z in der H a s k a! a h (Aufkliirimgsbewegung) den stärksten Protest gegen das jüdische Leben in der Diasjiora, das Streben nach Vollkommenheit, die Befreiung des menschlichen Geistes, das Emixirhehen des Menschlichen in jüdischen Herzen. Die Ha Skala 11 bekämpfte die Diaspora. Sie hat die Diaspora und ihre Schöpfungen dem Juden verhaßt zu machen gesucht, und das ist ihr größtes Verdienst. Der Chassidismus aber hat sich mit der Diaspora abgefimden und keine neuen Wege gesucht. Hurwitz meint natürlich nicht d i e Haskatah, d. h. die in der Literatur bekannte Aufklärungsbewegung, die sehr oft zwar aus der Diaspora, aber auch zugleich aus dem Judentum geführt hat. Hurwitz versteht unter Haskalah das Streben nach neuer Kultur im höheren Sinne, nach einer Kultur, die den Menschen produktiver, schöpferischer macht. Der Auszug aus der Diaspora ist das einzige Ziel, das wir anzustreben haben, und die Vorbereitung zu diesem Auszug muß das einzige Programm für unsere Zukunft sein. Interessant ist die Stellungnahme von Hurwitz zu Schabtei Zwi. Genau so wie er den Baalschcm verwirft, hebt er besonders Schabtei Zwi hervor, weil er sich gegen das Ga'nith aufgelehnt hat. So weist Hurwitz darauf hin, daß Schabtei Zwi es war, der den Schönhci.tskuit zuerst eingeführt hat, der die Fasttage abgeschafft hat, der hebräisch gesprochen hat usw. — Dinge, die ganz aus dem Rahmen des Lebens I jener Generationen hcrausfaUen. Der Einfluß von Das strengste Festhalfen fw jenen Grundsätzen ist durch hohe jüdische Ideale geboten. Die standhafte Verfolgung jener Politik jst wesentlich für die schneite und würdige Entwicklung unseres Heimatlandes. Wir, die wir jenen Grundsätzen und jener Politik treu sind, können unmöglich an irgendeiner Verwaltung jüdischer Angelegenheiten teilnehmen, welche sie verleugnet. Unser Platz ist als bescheidene Arbeiter in den Reihen, wo wir hoffen können, durch unsere ,Arbeit das Kommen des Tages zu beschleunigen, wo die Richtlinien, welche wir aufzustellen und aufrcchtzucrhaltcn versuchen, als unerläßlich für die Erreichung unseres großen Endzieles anerkannt werden. Mü tiefem Bedauern (gez.) Louis D. Brandeis.“ Palestine-Developement-Coancil Die alte Leitung der amerikanischen Zionisten, mit B r a n d e i s und Mack an der Spitze, hat ein Palestine - Dcvclopcmcnt Caiuicil (Pakistina-Entwicklungs- Hat) gegründet. Eine in Pittsburg abgehaltene Kottferenz beschloß, einer» Paläsbnaaufbaufonds in Höhe von 5 Millionen Dollar zu schaffen. Während der Konferenz wurden 250 000 Dollar gezeichnet Mrs. Fels gibt 50G00 Dollars für die zionistische Minorität New York, (J. C. B.) Uns wird berichtet, daß Mrs. Mary F eis, die sich jetzt in Jerusalem aufhält, 50 000 Dollar an die zionistische Minorität, die von den Richtern Brandeis und Mack geleitet wird, telegraphisch übersandt hat. Das Geld wird zur Gründüng einer Handelsgenossenschaft in Palästina verwandt werden. Jüdische Acrzte für die Universität Jerusalem New York. (J. C. B.) Bei dem von amerikanisehen jüdischen Acrzten zu Ehren Dr. Weizmanns gegebenen Abschiedsbankett zeichneten diese Anwesenden für weitere drei Jahre eine Summe von 3 000 000 Dollar für die hebräische Universität in Jerusalem. Untermayer und Mar&chaU Im Hinblick auf die Tatsache, daß Samuel Unterm a y e r die Leitung des Keren Hajessod für Amerika übernommen hat und Louis Marschall an der Keren Hajessod-Aktion lebhaftes Interesse nimmt, äußert sich die jüdisch-amerikanische Wochenschrift ״Sentincl" folgendermaßen über diese beiden Persönlichkeiten: . Samuel Untermayer ist einer der reichsten Juden und einer der führenden Juristen des Landes. Untertnayer und Marsch a 1-1 sind populär in allen Schichten des New Yorker Judentums, obwohl MarsclmlJ als ein Mann von konservativen Ansichten zu bezeichnen ist, während Untermayer als gemäßigter Radikaler angesehen werden kann. Beim ersten Appell an die New Yorker Judenschaft in bezug auf den Keren Hajessod wurden gleich 3 Millionen Dollar gezeichnet, 9ש ist das erstemal in der Geschichte der New Yorker Juden, daß alle Schichten und Parteien sich zu einem großen Werke für Palästina vereinigen und daß sich unter den Zeichnern für den Keren Hajessod sowohl Milliardäre wie einfache jüdische Arbeiter, sowohl reiche Klubs, wie arme Arbeitervereine, Orthodoxe wie Reform- )»den, Radikale wie Konservative finden. Dr. Weizmann kann sieh beglückwünschen, daß es Ihm ge־■ lungen ist, diese beiden hervorragenden Männer für Palästina gewonnen zu haben. ■"ייי——MM I l—mi HU Hill .. Schabtet Zwi auf M. Ch. Luzatto und somit auf die Entwicklung der neuhebräischen Literatur ist bekannt Hurwitz verwirft das Galuth, weil cs unschöpferisch ist. Er will auch jetzt an die Wiedergeburt des Volkes ln Palästina glauben, weil er darin das einzige Mittel sieht, das jüdische Volk zu schöpferischen Mer»- selten zu machen. Er kann sicli aber nicht den Parteiwahrlieiten unterwerfen und erlaubt sich, an vielem m zweifeln. Das Zweifeln ist überhaupt für Hurwitz charakteristisch. Er will nicht in konventionellen Wahrheiten erstarren. Er ruft uns immer zur Auflehnung gegen jede Tradition auf. Auknüpfend an den berühmten Ausspruch von Ach ad Haan», daß das jüdische Volk nur durch Priester und Propheten erlöst werden kann, sagt Hurwitz: ״Nicht Priester, die das Bestehende sorgsam behüten und nicht Propheten, die sich nur schwer zu einer Tat aufraffen können, werden uns Rettung bringen, sondern Aufrührer und R e - bellen, die imstande sind, das Alte abzuschütteln und neue Wege zu suchen.“ S. Rawidowitz, Vom hebräischen Theater lm hebräischen Theater in Jaffa wurde ״Der Vater“ von Strindberg mit großem Erfolg aufgeführt. Ke Dekorationen sind von jüdischen Künstlern speziell für diese Aufführung entworfen. Die Hauptrolle spielte Frau Cohn-Bernstein, ehemaliges Mitglied des Moskauer Kaiserlichen Eremitage -Theaters.