Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 54 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 54 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 3S5 ״Fremde im eigenen Haus“ Der ״Kurjer Polski“, Warschau, vcröffontlicht folgenden Artikel, der für unsere Leser außerordentlich interessant sein dürfte, da er bc- ,weist, wie geleistete jüdische Kulturarbeit auch politische Wallungen, sogar FernwLrkungen, ausstrahlt Dr, Vor einigen Tagen hielt ein gewisser Grone mann in Berlin einen Vortrag über die Geschichte der Entwicklung des jüdischen Theaters. Die Zuhörer erfuhren, daß das jüdische Volkstheater aus festlichen Maskenumzüge» hervorgegangen ist, bei denen eine Art Tragödie von der Königin Esther aufgeführt wurde, und daß sich auf dieser Grundlage gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine andere Art des Dramas, die historische jüdische Operette entwickelte, die zuerst in Odessa, später auch im Ghetto von New York gespielt wurde. In einer späteren Epoche brachten Jacob üordin und seine Schule Umarbeitungen europäischer Stücke in jüdischer Sprache. Diese Umarbeitungen bc* ruhten in der Hauptsache darauf, daß bekannte Dramen aller Länder zu einem sentimentalen Kitsch verarbeitet wurden, der den Augen einer wenig wählerischen, aber rührseligen Zuhörerschaft Tränen entlockte. Shakespeare, Goethe, Lessing, Gerhard Hauiptmann mußten sich dieser schmerzhaften Operation unterziehen, während Süden• mann und Fulda ohne jede Acndcrung gespielt werden konnten, ein für literarische Feinschmecker sehr ergötzlieber Umstand. Erst nach alt diese» Uebergangsstadien kam die Zeit für das eigentliche jüdische Volksdrama, das umweht wurde von dem Geist eines chassidischc» Mystizismus. Schalom Asch, Pinski, Nomberg, An-ski und der sie alle an Talent überragende Pcrez Hirschbcin. Es ist dies die Epoche, die man die ״Wiluaer Epoche“ nennen könnte, denn erst der hohe Stand des jüdischen Theaters in Wilna ermöglichte die schnelle Entwicklung des Dramas. Der Berliner Vortrag, an den wir diese Bemerkungen anknüpfen, war eingerahmt von Darbietungen Wilnacr Schauspielerinnen und Schauspieler, deren einer, Asro, von deutschen Zeitungen ein elementares Genie ge- 1 tonnt wird. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, als ob dieser Vortrag mit diesen Illustrationen nicht In Ber- 1 in, sondern in Warschau hätte statt finden müssen. Für die Deutschen, für die die Judenfrage unter dein Gesichtspunkt der internationalen Politik ein sehr erfolgreiches Instrument ist, während sie im Innern lediglich eine Frage der Doktrin ist, *st das Thema des Vortrags von Gronemann, wie es scheinen könnte, nur eine Art literarisches Kuriosum. Für die polnische Oeffentiiciikeit wäre sie etwas Be deutsames, aber sie müßte etwas Alltägliches sein unter den allgemein bekannten literarischen Erscheinungen. Und wenn wir diese Dinge im politischen Teil des Blattes erwähnen, so geschieht es deshalb, weil sie eine der Hauptquellcn unserer inneren Schwäche bcleuchten, die auffallende Tatsache nämlich, daß sich im polnischen Staate eine viele Millionen zählende Volksmasse befindet, von deren innerem Leben und deren geistigen Bestrebungen die polntsche Gc Seilschaft ni ch ts weiß und etwas a! wissen weder das Bestreben, noch das Bedürfnis hat. Eine ergötzliche Rückwirkung dieser geradezu umgktuibiiche» Nachlässigkeit ist der Umstand, daß sich in der polnischen Gesellschaft jeder für eine Autorität auf dein Gebiet der Judenfragc hält, der sich selbst dazu ernennt. Eine ernstere Wirkung liegt darin, daß in Polen eine völlig in sich abgeschlossene, unzugängliche Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft besteht und sich ausbreitet. Und da sollen wir uns wundern und Anstoß daran nehmen, wenn diese Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft, sobald sie das Wort nimmt, um ihre Postulate zu formulieren, bisweilen mit der Forderung hervor• tritt, einen Staat im Staate zu bilden! Dieses in seinen Gründen wie in seinen Folgen gleich furchtbare Symptom, daß nämlich die polnische Gesellschaft nicht weiß, was in ihrem eigenen Hause vorgelit, begrenzt sich übrigens nicht bloß auf die Judenfragc; die gleiche Unachtsamkeit und Unwissenheit in bezug auf das geistige Leben anderer Völker herrscht bei uns in der ukrainischen und litauischen, in der deutschen und wei ß russischen Frage. Im Grunde entstehen dann ans der Gedanken faulheit und Dünkclhaftigkeit in der Nationalitätenfrage jene fabeUiaften Blüten politischer Dummheit, deren Duft immer eindringlicher aus den Grenzgebieten zu uns kommt. Auf dieser Grundlage gelingt es tuisereu Beamten und Offizieren, Lm Schweiße ihres Angesichts im Osten und Westen der Republik Haß zu säen gegen den polnischen Staat und das polnische Volk. Jeder von ihnen lut die bequeme, weil keinerlei Gedankenkraft und keinerlei Kenntnis der Mctischcr» und der Dinge be- ,msprudiende Theorie geerbt, daß der ״wahre“ Litauer oder Russe nichts mehr wünscht, als solche polnischen Behörden, wie sie gerade sind, daß er aber durch radikale, sozialistische, bolschewistische Agitatoren verwirrt wird. Wir kennen doch die alte Formel, wonach es in Polen überhaupt keine Nationalitätenfrage gibt, sondern nur den sozialen Neid des Bauern gegenüber dem Herrn. Das schlimmste bei alledem ist, daß diese Unwissenheit den Rückfall aus anderen, hundertmal moderneren Bahnen in die Faulheit, Indoletu und Oberflächlichkeit der sächsischen Zeiten bedeutet An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hat Polen, nachdem es seine politische Selbständigkeit und die Führung seiner früheren Grenzvölker verloren hatte, den Weg beschritten, der zur Eroberung ihrer geistigen Leitung führte, in der Epoche der Guicki, Staude und Surowkckl konnte es sdietnen, daß diese Leitung sich schon in unseren Händen befand. Aber sie hatten keine Nachfolger, Selbst in der Ethnographie lind Gesdiichte der slawischen Völker nahm die russische Wissenschaft die Stehe der polnischcn ein, und vom Westen her drängte sich überall die deutsche Wissenschaft ein. Der Berliner Vortrag ist nur eine Einzelheit in der großen, konsequent durchgeführten deutschen Aktion, deren Ziel cs ist, die Angclegenhd* der Ostjuden in ihre Hand zu nehmen. Das Archiv der Büros in der Behrenstraße <j enthält sicherlich in tezug auf die Judenfrage in Polen Materialien und Daten, von deren Vorhandenscin und Bedeutung die polnische Regierung keinerlei Vorstellung hat. Zu Zeiten der deutsdicr» Okkupation zeigten einzelne Vorfälle, daß der deutsche Referent für die Judenfrage, der jetzige Reichst.agsabgeordnete Dr. Haas, sich in bezug auf die judenfragc in Polen lind deren internationale Zusammenhänge besser informierte, als selbst die Juden bei uns im Lande. Die Deutschen haben sich stets tatkräftig und erfolgreich für da־s innere Leben der 'Lausitzer, Masuren, Litauer interessiert, und zwar viel intensiver als die Polen, Die Geschichte der litauischen Frage in der letzten Zeit, von ״Oberost“ bis zur Brüsseler Konferenz, und die Ergebnisse einiger Volksabstimmungen, die uns eine unerwartete Demütigung brachten, zeigen, welche riesige politische Bedeutung die geistige Erforschung der Rassen und Völker hat, mit denen man zusammen lebt. Aber das bedeutet Arbeit und verlangt Vertiefung. Werden wir noch lange etwas über die Rolle des jüdischen Theaters in Wilna erst aus den Vorträgen der Gronemänner in Berlin erfahren? Es würde sich lohnen, hierüber in dem Augenblick nachzudenken, ln welchem der Kampf um dieses Wilna, in dem das jüdische Element eine so große Rolle spielt, in das entscheidende Stadium tritt. Es lohnt sich, an das Wort zu erinnern: Man muß lernen; das goldene Zeitalter ist vorüber! Das goldene Zeitalter, das uns der für einen Polen schwersten Last überhob, der Last der Vcrantwortimg für das eigene Schicksal. Hs, Die Boykott ־ Bewegung in Polen Die antisemitische Tageszeitung ״Dwa Grosze“ hat ihre Kampagne zugunsten des wirtschaftlichen Boykotts der Juden in Pole» wieder aufgenomrnen und greift die Zeitungen ״Robotnik“ und ״Kurjcr Poranny“ heftig an, indem sic sic beschuldigt, die Juden zu protegieren, Die ״Dwa Grosze“ erklärt, daß das Beispiel der Posenschen Landsleute, welche ihre Provinz von den Juden befreit und auf diese Weise sich das Wohlwollen der lokalen Bevölkerung erworben haben, in Polen nachgcalvmt werden solle. Nationale Autonomie in der Russischen Republik des Fernen Ostens Die Konstituierende Versammlung der Russisehen Republik im Fernen Osten, welche ihre Sitzungen in Chita abhält, enthielt in der der Vcrsammlung im April vorgelegten Verfassung einen Paragraphen, der allen Minoritäten der Republik nationale Autonomie untersagt und Jiddisch zur nationalen Sprache der jüdischen Minorität der Republik erklärt. Diese Bestimmung gab den Anlaß zu vielen Protesten. Verschiedene jüdische Organisationen, bcsonders die Jüdische Gemeinde in Chita׳, beriefen Ver- Sammlungen ein und nahmen Resolutionen an, in denen gegen diese Entscheidung mit der Begründung protestiert wurde, daß die alleinige Nationalsprache des jüdischen Volkes Hebräisch sei, und daß die Konstituierendo Versammlung kein Recht habe zu bestimmen, welche die nationale Sprache der Juden sei. Es wird vorgcschlagen, eine Konferenz aller jüdischen Gemeinden im Fernen Osten einzuberufen, um eine endgültige Entscheidung über diese Frage herbeizuführen. Die Auswanderung aus Rußland Moskau, 25. Juni (J. C. B.). Auf einer hier unlängst stattgefundenen Konferenz der Kommissariate für nationale Angelegenheiten, Arbeit, soziale Hilfe umJ Wohlfahrt, wurden folgende Beschlüsse angenommen Die Auswanderung aus Rußland nur solchen Personen zu gestatten, die 1. von militärischen Arbeiten und anderen öffentlichen Pflichten frei sind, 2. beweisen können, daß man sic in das Land, wohin sie auswandern wollen, hincinlassen wird, und daß die Regierungen oder öffentliche Institutionen in den betreffenden Ländern den Schutz der Emigranten nach Ucbcrschreitung der russischen Grenze auf sich nehmen werden, 3. die Auswanderung nur gruppenweise und bloß über bestimmte Punkte zu gestatten. Der Vatikan and der Zionismus Von unserem römischen Korrespondenten. tn, b. Rom, den 28. Juni 1921. Der Eindruck der Papstrede wirkt noch immer in der italienischen Presse fort, besonders in der katholischen, und auch im Parlament hat sich ihr der Führer der Faszisten, Mussolini, vollständig angeschlossen. Mehr noch als aus den Presscstimmen wird die Stellung des Papstes durch Gespräche mit Persönlichkeiten beleuchtet, die dem Vatikan nahestehen. Besonders die Aufklärungen, die mir von einem in vatikanischen Sphären gut eingeführten und inforinierten Geistlichen gegeben wurden, scheinen mir für die jüdische Oeffentiiciikeit von Interesse zu sein. Es ist außer Zweifel, daß der Zionismus bei dem Vatikan einer entschiedenen und scharfen Opposition begegnet. Als 1917 zum ersten Male die palästinensischjüdische Frage als internationale Frage gestellt wurde, hat diese Opposition keine klaren Formen angenommen, denn man glaubte kaum, daß die englische Regierung die Sache wirklich ernst meint, und man traute auch dem jüdischen Volke nicht 90 viel Entschlossenheit und Kraft zu, um den Aufbau durchzuführen. Heute fiat sich die Lage wesentlich geändert, da man klar einsieht, daß weder die englische Regierung noch das jüdische Volk die Balfour-Dcklaratkm lediglich als ein Kriegskunststück aufgefaßt haben. Die erste und größte Gefahr, die die katholische Kirche dabei für sich sieht, besteht in der Nichteinhaltung der bekannten Prophezeiungen über die endgültige Zerstörung Jerusalems und Zer- Streuung des jüdischen Volkes, Der Wiederaufbau von Palästina durch Juden und für Juden ist nach katholischem Dogma eine Sache, die sich nie erfüllen dürfte und, inwieweit dazu Schritte unternommen werden, fühlt die Kirche den Boden unter den Füßen schwanken. Außer dieser allgemeinen Voreingenommenheit gibt es beim Vatikan e'ine Reihe von kleineren praktischen Beschuldigungen gegen die zionistische Politik. Es ist zu bemerken, daß der Vatikan über die palästinensische Lage umständlich, wenn auch natürlich einseitig, informiert ist und ausführliche Berichte besitzt, nidit nur über den Gang der Kolonisation, über die Zahl der jüdischen Immigranten und über die von ihnen geleistete Arbeit, 90ndern auch über den Charakter der jüdischen Immigranten, über die verschiedenen Strömungen im alten und neuen Jischuw, wobei den inneren religiösen Zwistigkeiten ein großes Gewicht beigelegt wird. Die neuen Einwanderer werden beschuldigt, den antlreligiösen Geist ins Land getragen zu haben; die palästinensische Administration, die angeblich größtenteils aus Juden bestehen soll, wird beschuldigt, der freien Ent- Wicklung der christlichen Institutionen Hindernisse in den Weg zu legen. Hier gehen die Vorwürfe schon in solche gegen England über, wobei man aber den Zk>- nismus für die englische Administration (wie aber andererseits Elngland für den Zionismus) verantwortlich macht. Und wenn dem Zionismus zum Vorwurf gemacht wird, daß er zu England, das als antikatholische Macht par excellcr.ce angesehen wird, in zu enge Verbindung getreten und ein Werkzeug seiner imperialistischen Politik geworden sei (es ist merkwürdig, wie in diesem Punkt der Vatikan und die italienischen Nationalisten dieselbe Sprache wie die HL Internationale sprechen), 90 wird England beschuldigt, im Orient nicht nur eine jüdische, sondern auch — durch seine Missionare — eine ausgesprochen antikatlioüsche Politik zu treiben. Dazu kommt noch das weltliche Leben, Cafes, moderne Hotels, Kinos und Lusthäuser, die die neue Siedelung nach Palästina gebracht habe und die eine beständige ßeleidigung für die christlichen Gefühle darstellen. Das ist ungefähr die offiziöse Motivierung der vatikanischen Opposition, Es ist selbstverständlich, daß die Argumente der katholischen Kirche teilweise auf ungenaue Information sich gründen, teilweise, inwieweit sie das katholische Dogma berühren, außer jeder Diskussion stehen. Hinter diesen Argumenten stellt aber höchstwahrscheinlich einfach die Befürchtung, den orientalischen Einfluß und das Weltprestige der Kirche vermindert zu sehen. Nichtsdestoweniger wäre ein Ausfilciclisvcrsuch mit dem Vatikan vielleicht doch nidit ganz ausgeschlossen und, wenn er auch nur teilweise gelingt, für uns nützlich — nicht nur deshalb, weil der Vatikan heute eine aufsteigende Macht ist (durch die letzten Ereignisse ist man ja gezwungen, sich immer skeptischer gegenüber den Verhandlungen und Verträgen mit okzidentaten Mächten zu verhalten), 90ndern vor allem deshalb, weil damit einer von den Anlässen zur Hetze in Palästina vielleicht eliminiert und eine Brücke zu einem Teile der palästinensischen Bevölkerung geschlagen würde. Vernichtung hebräischer Bücher in Rußlam Ein ukrainische״,־ Flüchtling erzählt in ״Haare2“ daß in det letzten Zeit in Rußland gro'ße Mengen von hebräischen Büdnern durch die Sowjetregierung, die dazu von den jüdischen Kommissaren veranlaßt wurde, vernichtet worden and. Auf dem Bahnhof In Odessa stehen sieben mW hebräischen Büchern und Hand■ schritten beladene Güterwagens deren Schicksal von vornherein entschieden ist. Sie werden unter dem. Vor• wand der Papiernot den Papierfabriken zur Verarbeitung zugewiesen, Der wahre Grund aber kt der Haß der sogenannten jiddischen Sektion gegen das Hebräische, das nU eine ״konterrevolutionäre“ und ״reaktionär«“ Sprache von der Regierung betrachtet wird. Verfolgung des Zionismus in Syrien Beirut, 28. Juni (J.C. B.). Drei hiesige Zionisten, die Herren Ventur, Basun und Louis erhielten von der Polizei die Weisung, ihre zionistische Tätigkeit einzustellen, da sie Unzufriedenheit unter der lokalen Bevölkerung hervorrufe. Die Genannten erklärten hierauf, daß der Zionismus nicht verboten sei Trotzdem riet ihnen die Polizei, von ihrer weiteren zionistischen Tätigkeit Abstand zu nehmen und sich wegen weiterer Einzelheiten an den Gouverncur von Libanon zu wenden.