Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 52 (1.7.1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 371; ״ ־-41 Wir der 'die »dit der kse der terhitrfne die die die auf iaiitik Nr. 52 Ml iCTlt des täte >110, ciliallind ige 1en der Jeu ״'K 1( len noten der Jas idi 'ge ir- Laß Jeu ge hm ui: S1die (ini kn P‘־ es ü- ״st. mi r■־.- aß חס׳ Hj» teil in tsgto em mise zu die, *31. ne tes tor en ch st »- ile es! irlie Im- 1»» Der Aufbau Palästinas als Aufgabe der Judenheit Eine jüdische Massenkundgebung in Berlin lin überfüllten Blüthner-Saal, vor dem poße Menschenmengen noch vergeblich Einlaß begehrten, fand in Berlin am 27. Juni eine Massenkundgebung für das jüdische Palästina statt. Die Versammlung war gemeinsam veranstaltet von den verschiedencn groben jüdischen Verbänden Deurschlands, die eine positive Stellung zu dem Palästina- Programm eingenommen haben. Als erster Redner sprach der Vorsitzende des deutschen Rabbinerverbandes, Rabbiner Dr. Nobel aus Frankfurt a. M., welcher den Nachweis führte, daß der Palästinagedanke unmittelbar mit der jii- (l'ischcn Religion verknüpft sei und die Erdhaftigkeit Palästinas kein Gegensatz, sondern ein Symbol der jüdischen Religion sei. An der Hand der reichen niisrachistischcn Literatur wies er auf die gewaltige jüdische Kraft des Palästinagedankens hin. Das Diaspora-Judentum, so führte er aus, werde in Palästina geistig Bürgerrecht gewinnen,• noch ehe es nach Palästina zuriickgckchrt sei. Am Schlüsse seiner Ausführungen forderte Rabbiner Dr. Nobel alle Anwesenden auf, sich zu erheben, und er endete mit den Worten des Prophcten: Meine Hand verdorre, wenn ich dein vergesse, Jerusalem. Als zweiter Redner sprach Professor Einstein. Er wurde mit stürmischem Jubel empfangen. Professor Einstein winkt ab mit den Worten: Nichts auf Vorschuß, meine Herrschaften! (Heiterkeit.) Dann sagte er etwa folgendes: Der Wiederaufbau Palästinas ist für uns Juden keine bloße Wohltätigkeit oder Ko'.oivalangelegenheit, sondern ein Problem von zentraler Wichtigkeit für das jüdische Volk. Palästina ist in erster Linie nicht ein Refugium für Ostjuden, sondern die Verkörperung des wiedererwachenden nationalen Gemeinschaftsgefühls aller Juden. Ist cs nun zeitgemäß und notwendig, dieses Gem e i n s cli a f 1 s g e f ü 111 zu erleben und /. u stärken? Auf diese Frage glaube ich nicht mir aus meinem spontanen Gefühl heraus, sondern aus verniinftigen Gründen mit einem unbedingten Ja antworten zu müssen. Lassen Sie uns einen kurzen BUck werfen auf die Entwicklung der deutsehen Juden in den letzten hundert Jahre». Vor einem Jahrhundert noch lebten unsere Vorfahren mit wenigen Ausnahmen im Ghetto. Sic waren arm und von den Nichtjudcn durch einen Wall von religiöser Tradition, weltlichen Lebensformen und gesetzlichen Besehränkiuigcn getrennt und in ihrer geistigen Entwickhing auf ihre eigene Literatur beschränkt, nur relativ schwach beeinflußt durch den gewaltigen Aufschwung, den das europäische Geistesleben in der Renaissance erfahren hat. Aber eines hatten diese wenig beachteten bescheiden lebenden Menschen vor uns voraus: Jeder v o n i h 11 e 11 g e 11 ö r t e m i t a! I e n Fasern seines Herzens einer (i e m e i n s c h a f t a 11, in der er ganz aidging, in der er sieh als vollwertiges Glied fiildte, die nichts von ihm forderte, was seiner »atürliehen Denkweise widerstrebte. Unsere damaligen Vorfahren waren körepiiieh und geistig ziemlich verkümmert, aber in sozialer Beziehung in einem bald■ denswerten seelischen Gleichgewicht. Dann kam die Emanzipation. Sie bot ungeahnte Entwicklungsmöglichkeifen. Die einzelnen Individuen erlangten rasch Füll■ hing in höheren wirtschaftlichen und sozialen Schichten der Gesellschaft. Sie sogen gierig die herrlichen Errungenschaftcn in sich auf, die Kunst und Wissen- '.׳liaft des Abendlandes geschaffen haben. Sie belci ligten sich mit glühender Liebe an dieser Entwicklung, indem se selbst bleibende Werte schufen. Dabei nahmen sie die Daseinsformen der nichtjüdisciien Welt an, wandten stell, in steigendem Maße von ihrer religiösen und sozialen 1 ieberliefertmg ab, nahmen nicht-;irdische Sitten, Formen und Denkweise an. Es schien, 1], lösten sie sich restlos in den zahlenmäßig weit mxrkgenen, politisch und kulturell höher organisierten Wirisvölkcm auf, so daß nach einigen Generationen nichts Sichtbares von ihnen übrig blieb. Eine vollständige Auflösung des j'üdischen Volkstums in Mittel- und Westeuropa schien unvermeidlich. Es kam aber anders. Es scheint Instinkte rassenhaft ver- '•diicdcner Nationen zu geben, die einer Vermischung entgegenwirken. Die Anpassung der Juden an die etiropäi'schcn Völker, unter denen sic lebten, in Sprache, Sitten ja sogar zu in Tal in religiösen Formen konnten nicht jenes Fremdheitsgefühl auslöschen, das zwischen den Juden und ihren euro- [virschen Wirtsvölkern bestand. Kura, dieses spontane Gefühl der Fremdheit ist in letzter Instanz auf die Encrgievermuvdcrimg zu rück zu führen. Dies ist deshalb auch nicht durch wohlgemeinte Druckmittel aus der Welt zu schaffea Nationalitäten wollen mcht vermischt sein, sondern ihre eigenen Wege gehen. . ■st m]r herbeizuführen» Ein Friedenszustand daß sie sich gegenseitig dulden und achten. Dazu gehört vor allem, daß wir Juden uns unserer Existenz als Nationalität wieder bewullt werden, und daß wir diejenige Selbstachtung wieder erwerben, die wir zu dieser Existenz, notwendig brauchen. Wir müssen wieder lernen, uns zu unseren Vorfahren und zu unserer Goschichte zu bekennen und wir müssen als Volk wieder K ultura u f gaben auf uns nehmen, welche geeignet sind, unser Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Es genügt nicht, dall wir uns als Individuen an der kulturellen Entwicklung der Menschheit beteiMgen, wir müssen auch solche Aufgaben in Angriff nehmen, die die nationale Gesamtheit zu fördern imstande sind. Nur so kann das Judentum wieder sozial gesund werden. Vor. diesem Standpunkt aus bitte ich Sic, die zionistische Bewegung anzusehen. Die Geschichte hat uns heute die Aufgabe zugewiesen, beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau Palästinas tätig mitzuwirken. Begeisterte und hoch begabte Männer haben die Arbeit vorbereitet. Viele vortreffliche Stammesgeivossen sind bereit, sich ihr voll und ganz zu widmen. Möchte jeder von ihnen die Wichtigkeit des Werkes voll fühlen und nach Kräften zu dessen Gelingen beitragen! Ich möchte Ihnen jetzt noch einige Worte sagen über meine Erfahrungen auf einer Reise nach Amerika. welche ich im Dienste der Zionistischen Organisation speziell für die Förderung der Universität in Jerusalem in den letzten Monaten unternommen habe. Mein größtes Erlebnis war, daß ich zum ersten Male in meinem Leben jüdisches Volk gesehen habe. Meine Damen und Herren! Juden habe ich schon ungeheuer viel gesehen (Heiterkeit), aber jüdisdics Volk habe ich in Berlin und anderswo in Deutschlatvd noch nicht gescheit. Dieses jüdische Volk, das ich in Amerika gesehen habe, war aus Rußland, Polen, überhaupt aus Osteuropa in Amerika eingewandert. Diese Menschen halten noch das gesunde Nationalgefühl in sich, welches nicht durch die Atomisierung und Verteilung des Individuums zerstört ist. leb habe gesehen, wie außerordentlich opferungsvoll und gestaltungsfähig diese Menschen sind, Sic haben in kurzer Zeit es dahin gebracht, daß zum Beispiel die geplante Univ c r s; t ä t, wenigstens soweit die medizinische Fakultat in Betracht kommt, gesichert ist. Ich habe dort auch gesehen, daß es meistenteils der Mittelstand war und überhaupt das einfache Volk, nicht diejenigen, welche durch besondere soziale Stellung oder sonstige Gaben der Natur ausgezeichnet waren, daß die einfachen Menschen es sind, welche noch das gesunde Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Opferwilligkeit in stärkstem Maße gehabt haben. Ich habe dort den Eindruck gewonnen, daß, wenn cs gelingt, die Zentrale des jüdischen Volkes in Palästina wirklich zu bekommen, dann haben wir, trotzdem wir in unserer großen Mehrheit über die Länder verteilt bleiben, wieder ein geistiges Zentrum, utul das Gefühl der Vereinsamung wird von uns weichen. Dieses ist die grolle erlösende Wirkung, welche ich mir von dem Wiederaufbau Paliisünas verspreche. (Tosender, stets sicli erneuernder Beifall.) Hierauf erhielt das Wort der Vorsitzende des Verbandes jüdischer Jugcndvcrcine Deutschlands, Dr. Alfred Apfel. Er verliest zunächst die Resolution des genannten Jugetidverbandes vom 1<>. Mai und führt dann aus: Es wird bald ein Märchen sein, daß ein Fünfzehn- Millionen-Volk, das Gott so wundersam durch die Jahrtausende geführt hat, seine beste Kraft damit verjjendete, sich zu entschuldigen, daß cs da ist. Zur Erweckung fruchttragenden Seibstbewußtseins bedurfte es des gemeinschaftlichen Erlebnisses. Pa- 1 ä s t i n a ist das Gemeinschaftscrlcbnis der modernen J u d e n. Jetzt gilt cs, das heilige Land zur Kraftquelle des Judentums zu machen. Die Errichtung und Durchführung der jüdischen Heimstätte in Palästina wird das Fanal sein, das der Weit zeigt, daß Juden positiver, aufbauender Arbeit fähig sind. Jeder Juda dem Ihr die Möglichkeit gebt, als Pionier, mit dem Spaten ir» der Hand, das heilige La ml als freies jüdisches Land aufzubauen, wird tausend anderen Juden Halt in der Verzweiflung sein, die von Land zu Land wandern müssen, die heute nicht wissen, wo sie morgen mit ihren Kindern das Haupt nicdcrlcgen sollen. Jede Kolonie, jede Schule, jede Fakultät, die Ihr dort drüben errichten helft, wird es Euch hierzulande leichter machen, jüdische Religiosität und Sitte, jüdische Geistigkeit und jüdisdte9 Ethos, kurz jüdisches Mensehen tum zu pflegen. Die edelsten, weitblickendsten Juden der ganzen Welt haben eine Phalanx zum Aufbau Palästinas fcbildet. In allen Erdteilen findet Ihr die besten Namen, ie glühendsten Patrioten ihrer Länder ergriffen von der Größe des Augenblicks, in dem dem Ewigen Juden die erste Ruhe winkt. Die innere Bereitschaft der gesamten Judenheit für Palästina ist vorhanden. Wie aber steht es mit der äußeren? Die Beantwortung dieser Frage birgt die größte Aufgabe in sich, die dem deutschen Judentum wohi je gestellt worden ist, die ihm die Möglichkeit eröffnet, seinen Einfluß in der Gesarntjudcnheit wieder zu stärken. Es gilt, die großen Geldmittel für Palästina aufzubringen. Wie nüchtern das klingt: ״Geldmittel“! Und dach birgt heute dieses Wort fast den ganzen Fragenkomplex ״Palästina“ in sich. Denn entweder wird binnen kürzester Frist — wieviel kostbare Zeit ist bereits verloren! — die Judenheit die notwendige Summe aufbringen, und Palästina wird erstehen, nicht heute, nicht morgen, aber in zwei bis drei Generationen - oder aber Palästina wird ein Mißerfolg sein, in seinen Wirkungen schlimmer als tausend Pogrome, abgrundtief, der uns der Verachtung und dem Lächeln der Weit aussetzen wird. Warum ist das Geld noch nicht da? Trotzdem tausende und abertausende Hände bereit sind, es zu geben? Weil noch in keinem Lande an einem weithin leuchtenden Beispiel gezeigt worden ist, wie die Kräfte, die für den Aufbau Palästinas fruchtbar zu machen sind, zu großzügiger, unparteiischer, alljüdischer Einheit zusammenzufasscu sind. Wir deutschen Juden wolle n, - viel-!eicht darf heute schon gesagt werden: werden die ersten sein, die eine Einheitsfront für Palästina!!erstellen und den Beweis liefern, daß die Juden ,■nein־ sind als ein ״Volk von Disputatoren“. Was sollte uns hemmend sein? Etwa die Rücksicht auf den deutschen Antisemitismus? Dessen Unsittlichkeit hat sich ja wohl nirgends deutlicher erwiesen, als gerade in der Palästinafrage. Früher hieß es immer: Die nationalen Juden, die Palästina erstreben, seien die einzigen kurvsequenten Juden, vor denen man den Hut abzichen müsse. Heute ist es derselbe Antisemitismus, der in geradezu zyjiischcr Weise die Weit dagegen aufzuhet/.en sucht, daß Palästina den Juden gegeben wird. Wenn wir deutschen Juden uns doch endgültig abgewöhnen würden, unser Verhalten nach dem Antisemitismus einzurichten, statt uns auf uns selbst zu verlassen! Sollen wir aus religiöser Auflassung des Judenturns Bedenken gegen die Beteiligung am Aufbau des heiligen Landes haben? Wir dürfen uns wohl mit der einstimmigen Entschließung des deutschen Ranbinerverbandes begnügen, der am Tage nach der Casselcr Jugcnd/iisammenkunft ״cs für eine heilige Pflicht des gesamten Judentums erklärt, an diesem Werk Anteil zu nehmen und sich an der Aufbringung der Mittel tatkräftig zu beteiligen“. Jugendverband, Rabbitvcrvcvband und Großloge haben sich für Palästina ausgesprochen; die deutschen Zionisten haben bereits die' gewaltigsten Opfer dafür gebracht. Also: Laßt’s uns schaffen! Wenn wir in Deutschland den Einheitsbund für Palästina errichtet haben, werden automatisch die anderen Länder nachfolgcn. Daran zweifelt kein Kenner der in Betracht kommenden Verhältnisse. Ich erlaube mir nun die Voraussetzungen darzulcgcn, unter denen in Deutschland alsbald an die einheitliche Palästinaarbeit herangegangen werden kann. Die erste dieser Voraussetzungen wird aus dem Munde eines Nichtzionisten vielleicht erstaunüch klingen: Es ist die Notwendigkeit der völligen Einheitlichkeit und Geschlosseuheit der zionistischen Partei und •zwar nicht nur der deutschen, sondern auch der Zionistischen Weltorganisation und zwar aus folgendem Grunde: ln Artikel ■1 des vorläufigen Mandatsont wurfes ist die Zionistische Organisation in bedeutsamer Huisicht als Vertreterin des ücsamtjudcuruuts anerkannt worden. Wenn nun diese Partei i:1 einem Augenblick, wo ihr durch eigene Kraft und durch das .Schicksal die gewaltigste Aufgabe zugewiesen worden ist, etwa sieb selbst durch mangelnde Disziplin,, durch persönliche und unsachliche Differenzen in ihrer Stoßkraft, in der Möglichkeit rascher, positiver Arbeit lähmt, wenn also die Skeptiker Recht behalten, die da annehmen, daß Juden nicht zu einheitlicher Tat zusammenzufassen seien - dann ist die P a 1 ü s t i n a - A k t i o 11 gescheitert! Denn, wenn wir auch Palästina ״entparteüsieren“ wollen und müssen die z.kmistisdie Partei ist nun einmal der Kcrmrupp der jüdischen Pnlüstinaarmcc, und wenn der Kern Zeichen der Fäulnis zeigt, wie soll da die Frucht reifen? Auf der ersten internationale» Zusammenkunft der Zionisten seit Beginn des Weitkrieges, auf der zionistischcn Jahreskonferenz, die im Juli 1Ö20 in London zusammentrat, wurde der einzig richtige Weg eingeschlagen, der die großzügige Aufbringung der Mittel für Palästina nach ciurin einheitliches! Plan ermöglicht. Man beschloß, einen grollen alljüdischen Emigration«- und Kolonisations-Fonds zu schaffen, der den Namen Keren Hajcssod (Grünclungsfonds) erhielt. Seine Hauptaufgabe soll die Beschaffung der tür der. Aufbau der palästinensischen Heimstätte erfordcrlidten fünfundzwanzig Millionen engl. Pfund (acht Milliarden Mark) sein. Ob die Spcmlia der Londoner Beschlüsse richtig waren oder nicht» darüber wird gewiß noch sehr ernst zu diskutieren sein, aber der Grundgedanke des Beschlusses war zweifellos richtig. In allen europäischen Ländern wurde die Werbearbeit aufgenommen, Zionisten tmd Nichtzionisten setzten sich zu mühseligen, aufreibenden gemeinsamen Arbeiten an den Verhandlungstisch (vielfach zum ersten Mal), um die einheitliche Sammeltätigkeit zu organisieret» — da kommt die Kunde von dem Zwist in der amerikanischen zionistischen Föderation, d׳'e. trotzdem sie in London dem Keren Hajessod-Besthluß zugestimint hatte, dessen Durchführung ablehnte. Diese Kunde lähmte die Arbeit innerhalb und außerhalb der Zionistischen Organisation, ja erstickte vielfach die ersten Erfolge in ihrem zarten Keim. Ich weiß wohl, daß durch das energische Eingreifen Weizmanins die amerikanische Stellungnahme inzwischen zum