Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Seite 358 _ Rundscbäii Berlin, 23. Juni• Wir veröffentlichen in der heutigen Nummer einen Bericht unseres italienischen Korrespondenten über den Eindruck, den die .Hede des Papstes zur Palästinafrage in der italienischen Öffentlichkeit gemacht hat. Die Stellungnahme des Papstes ist zweifellos ausschlaggebend bestimmt von politischen Motiven, und die Kombination liegt nahe, daß hier der Einfluß Framkreich9 eine gewisse Rolle spielt, das ja nut allen Mitteln gegen die englische Orientpolitik, in deren Rahmen das jüdische Palästina gehört, arbeitet. Es ist aber doch bedauerlich, daß der Papst, in einer derartigen Weise von den jüdischen Palasüiiabcsircbun^cu sprechen konnte, wie er es getan hat. Gerade von dieser Stelle sollte doch Wert darauf gelegt werden, nur ernsthaft und sachlich zu diskutieren und vor allem den idealen Gehalt einer Bewegung, wie cs der Zionismus ist, /n respektieren. Dem Papst durfte nicht die Tatsache unbekannt sein, was das Ziel der aufopfmingsfreudigen Arbeit der jüdischen Palästina-Pionicre ist. Gerade er durfte nicht den Zionismus ironisicren. Tat er es im guten Glauben — woran eigcutlieh nicht gc/weifelt werden sollte —, dann ist es um so bedauerlicher, daß sein Informationsdienst so schlecht funktioniert. Noch Ixalaitcrlidicr ist es jedoch, daß unsere zionistische Politik bisher nicht Gelegenheit hatte, den Vatikan über das Wesen und Ziel des Zionismus entsprechend aufzuklürcit. Wir stimmen ganz der Ausicht unseres Korrespondenten bei, daß ein derartiger politischer Faktor nicht vernachlässigt werden dürfte. Wir glauben, daß es gelingen müßte, auch ihm gegenüber Klarzustellcn, daß die jüdischen Absichten in Palästina keineswegs auf eine Vierdriingung der airistenlieit von ihren heiligen Stätten gerichtet sind. Sehr richtig hat gerade in der vergangenen Woche Ormsby-Gore im englischen Parlament darauf hingewiesen, daß durch die geordnete Verwaltung, durch den kulturellen Aufschwung, den die Juden dem Lande bringen, auch für die christlichen Pilger und für die heiligen Stätten mehr Sicherheit gewährleistet ist, als unter dem türkischen Regime, wo alljährlich Reibereien staltgcfumlen haben. In diesem Sinne müßten in Rom und Paris zumindest alle jene Stellen iut'ormiert werden, die der Wahrheit zttgiinglcih sind, und nicht vorgefaßte politische Absichten dttrclt Argumente maskieren, von deren zweifelhaftem Wert sie selbst überzeugt sein müßten. Der ״Berliner l.okalanzciger“ hat in seiner Sonntag:,- n1,.11n1er eine nutschenerrcgcml« Mitteilung über neue strenge «Maßnahmen gegen die lästigen Ausländer veröffeiitlidit. Danach hätte der preußische Minister des Innern, Dominien-., einen neuen verschärften Erlaß hernusgegeben, mul auf Grund dieser neuen Vorschriften sollen in der vergangene״ Woche 301) fremdländische yerbrccher, davon 03 ״״ Ostjuden, verhaftet und nach Stargard ins lulernienmgslager abgcschobcn worden sein. Das Blatt schildert in den grellsten Farben, welche Verbrechen diese Juden begangen haben, und fordert kategoriscli, daß mmmclir mit aller Schärfe gegen die kriminellen Ausländer vorgegangen und sie in das Konzcutrationslagcr überführt werden sollen. Diese Notiz, deren antisemitische und verhetzende Tendenz offenkundig ist, wurde zwei Tage später vom Polizeipräsidmm dementiert. In der amtlichen Mitteilung wird festgestellt, daß aus Groll-Berlin bisher insgesamt nur 103 Ausländer nach Stargard gebracht wurden, wovon die 1 i.ilfte kriminelle Elemente sind. Selbst wenn wir also amiehincn, daß alle diese Ausländer Juden sind — in Wahrheit trifft dies nicht zu so kommen wir auch erst auf die Höchstzahl 54, die wahrhaftig keinen Rekord clarstelll. Es .ist aber bezeichnend, daß eine -ettiuig gerade zu einer Zeit, wo die empörenden Untaten im Intcrnicnmgslagcr Stargard bekannt geworden sind mul zu einer strengen Untersuchung seitens der Regierung geführt haben, wo sich also das ganze System der Internierungslager als völlig unbrauchbar und kompromittierend erwiesen hat, daß zur selben Zeit der Lokalanzcigcr nichts Besseres zu tun weiß als aufs neue gegen die Ostjuden zu hetzen und den Intcnueniiigslagcrn das Wort zu reden. Um so encrgischer müssen alle Parteien, die die Wahrheit wissen vor allein aber das ganze deutsche Judentum, fordern* daß der Schmach der Internierungslager ein für allemal c«1 Ende gemacht wird. Zum Artikel Professor Einsteins Wir habe״ hei dem in der vorigen Ni.min ״Jüdische« Rundschau•• veröffentlichten Artikel vc “for ..WH־ ich Zionist wurde« zu be; übersehen, daß der Artikel nicht von ihm per hanil't^'lchז“״80 ׳™ da“ CS sich um ci" l״ handelt, welches er dem Vertreter des ICH i York gewahrt hat. Der uns vom J. C. B. in diese Wßdcgt und von ihm mit Acnderungen approbiert. llJEPiSCHE RUNDSCHAU Juilcn lind Araber in Palästina Ein Artikel der ״Times“ Kurz nach dem Ausbruch der Unruhen in Jaffa veröffentlichte ״Times“ einen grundsätzlichen Artikel ״״•es palästinensischen Berichterstatters zur Araberfrage. Es heißt in den bemerkenswerten Ausführungen: Die arabisch-inolianuucdanischc ,Effcndi'-Klnssc, die allein für die mohammedanische öffentliche Meinung In Palästina gilt mul allein politisch von Wert ist, uml die sich atis G r u n d b e s i t z e r n, Beamten mul Intellektuellen, darunter einer gewissen Zahl von Geistlichen, zusnmmensctzt, hat niemals irgendwelche Sympathie für den Zionismus gezeigt. Die türkische Herrschaft vor dem Kriege war in Palästina jiicht unbeliebt. Die Türken waren stets bereit, den Söhnen der angesehensten palästinensischen Araber An- Stellung im Zivildienst anzubicten, und die städtischen Verwaltungen waren in arabischen Händen, sogar die von Jerusalem, wo die jüdische Mehrheit der Bevölkerung sich meist aus fremden Untertanen ziisammeiisetztc und daher nicht wahlberechtigt war. Beamte und sogenannte Beamte, Bürgermeister und Stadträte, waren damals wegen jüdischer Konkurrenz nicht besorgt. Heute aber, wo ,alte' Juden um! neue, nach dem Kriege ins Land kommende Einwanderer meistens ,Palästinenser‘ werden, fürchten sie die Juden mehr denn je, ebenso wie cs die mohammedanischen (und christlichen) Kaiifleute und sonstigen Interessenten tim. Die Geistlichen sind natürlich bei keiner Rehgion oder Konfession prozionistisch. Was die Grundbesitzer betrifft, so verkaufen sie zwar nicht gern Land an die Zionisten, aber in der Zukunft, wie in der Vergangenheit, wird der in Verlegenheit befindliche mohammedanische landjtmkcr nicht imstande sein, ein gutes, von einem Zionisten gemachtes Angebot zurückztiweisen. Hinterher aber wirit er -״ ein menschlicher Zug — dem Juden vor, daß er ihn ,verlockt‘ habe, den stark belasteten Grundbesitz zu verkaufen, von dem sein soziales Prestige herstammt. Es gibt auch prozioiiistische Moslims, Dies sind viele Beduinen, welche hoffen, ihre Rechte oder Anspriiehe auf große Flächen spärlich oder ganz 1111bebauten Landes zu guten Preisen zu verkaufen, und manche Landleute, welche sich bemühen, von den jiklisehen Kokmisationsmetlvoden Nutzen zu ziehen, und hoffen, daß der Zustrom jüdischen Kapitals sowohl dem Araber wie dem Juden zugute kommt. Diese aber zählen politisch nicht mit. Einige der Angriffe auf die Zionistische Kommissioit und die führenden Zionisten in Palästina sind höchst unfair. Es ist ebenso lächerlich, sie als Bolsche» wisteu zu bezeichnen, wie sie zu kritisieren, nur weil sie Zionisten sind. Aber mit Recht darf gerügt werden, daß die Zionisten cs versäumt haben, zu erkennen, wie wichtig es ist, die arabische Meinung zu versöhnen und ihren oft sehr heißblütigen Anhängern eine strenge politische Disziplin autzuerlegcn. Die Araber, welche wenigstens 85 ״/« der Bevölkerung Palästinas bilden, lieben es natürlich nicht, ihr Land ,Erez-Israel‘ nennen zu lassen. Vor Moslims von dem Wiederaufbau des Tempels Salomoni an der Stelle, wo sich jetzt die Omar-Moschee erhebt, zu sprechen, wie es einige übereifrige Jünglinge• getan haben, ist natürlich strafbar närrisch. In Tagen religiöser und politischer Spannung verursachen solche Aussprüche unendliches Unheil, mögen auch diejenigen, von denen sic stammen, noch so unbedeutend sein Dr. Weizmann iiikI einige andere zionistische Führer waren, wie mir scheint, zu bereitwillig, sich auf das politische Taktgefühl ihrer Anhänger zu verlassen. Sie erwarteten von Männern, die direkt aus dem russischen Treibhaus des religiösen, politischen und Klassenhasses kamen, daß sic großes menschliches Verständnis und ״״gemessenen politischen Takt entfalten würden. Die Unruhen verbessern die Zustände insofern, als sie manchen Zionisten die Augen, für die Notwendigkeit öffnen werden, die arabische Meinung zu versöhnen und die Extravaganzen ihrer eigenen Radiknien zu dämpfen. Aber wenn auf jüdischer Seite Fehler gemacht wurden, so sind die Araber nicht weniger zu tadeln. Der. Gründung eines christlich-mohammedanischen «arabischen Klubs folgte die Bildung einer politischen Partei,. tler sogenannten Haifner Konferenz (nach der Stätte ihrer letzten Zusammenkunft). Die Führer dieser Partei bewiesen ihren Mangel an politischem Taktgeiüht dadurch, daß sie Herrn Churchill ersuchten, die B a 1 f o 11 r-D ek I a r a t ion zu r ü ckzuz ic h c n, die weitere jüdische Einwanderung zu untersagen und alle Gesetze und Verordnungen aufzuheben, welche seit dem Waffenstillstand mit der Türkei erlassen worden sind. Sie verlangten ferner einen Paragraphen, der eher eine Denunziation der Juden im allgemeinen war als eine vernünftige Auseinandersetzung der arabischen Sache. Sie fanden den Kolonialministcr in kriegerischer Stimmung. Er widersprach heftig und bestätigte die Baltour-Dcklaratian von neuem, gab aber am gleichen Tage einer jüdischen Deputation einen Wink, «laß, wenn der Zionismus reüssieren wolle, man eine Politik der Versöhnung gegenüber der arabischen Majorität treiben müsse. •״, umgen ix reise״ Halt man daran fest, daß die arabische Widerstand gegen den Zionismus kün! lieh erzeugt werde und nur den Standpunkt ei kleinen Minorität darstellc. Die Vertreter dieser sicht erklären, daß verschiedene der arabisdien 1 zufriedenen der Regierung erklärt hätten, sie wä bereit, ihren ,edlen Zorn gegen den Zionismus niet Zuschlägen‘, wenn man ihnen oder ihren Verwandt״, gewisse offizielle Posten ein räumen würde Es ist jedoch leichtsinnig und gefährlich, die Tatsache daß arabische IGßtikcr, wie andere auch, StellungsjiV״׳ sind, zu wichtig zu nehmen. .Man erinnere sich daran daß die nationalistische Bewegung in Aegypten!ig- und IRIS künstlich unterdrückt wurde, und daß Minik-r. beiten, die ein populäres politisches Geschrei erheben 1 leicht zu Mehrheiten werden können. ' i Daß das arabische Gefühl leicht gefährlich erreg! werden kann, wird nach Meinung des Schreibers dies״ I Zeilen bewiesen durch einen Zwischenfall, der g,d1 l wahrend des Besuches Churchills in Palästina ereignete ■ Der Emir Abdullah besuchte die Omar - Moschee י in Begleitung des Gouverneurs von Jerusalem, Starr-, ( Ein paar Minuten später war die Moschee überfüllt t und über 2000 Mohammedaner drängten sich in dem \ großen Hof raum. Kaum war der Emir eingetreten, a!s I einer der Versammelten ausrief: ,Gott sei Dank, daS f der Königssohn unter uns weilt, Gott sei Dank, daß der Tag der Tyrannei bald vorüber sein wird!‘ und «infing, die Zionisten anzuklagcn. Herr Storrs, der ge• wahrte, daß die Atmosphäre elektrisch geladen war erinnerte ihn, daß die Moschee kein passender Ort für politische Ergüsse sei, worauf er verstummte. Es möge hier erwähnt werden, daß die Stellungnahme des Emir Abdullah während seines Aufenthaltes in Jerusalem nicht nur völlig korrekt, sondern auch den englischcn Behörden sehr nützlich war. Aber während man fühlt, daß der arabische Ami. Zionismus nicht leichtherzig als ,künstlich‘ bezeichnet werden kann, kann man andererseits nicht die Tatsache leugnen, daß fremde Einflüsse die Hand im Spiel hatten beim Schüren der Feindseligkeit der Araber gegen den Zionismus. Es ist unangenehm, die Verwaltung unserer französischen Verbündeten m Syrien kritisieren zu müssen, aber man möge sich fragen, ob es logisch von General Gouratal gehandelt ist, nachdem Syrien in verschiedene ,freie und autonome Staaten' geteilt worden ist, eine Pressekampagne für die Vereinigung (wahrscheinlich unter französischein Mandat) Syriens und Palästinas zu fördern, und ob es politisch «der ökonomisch ist. so viele bezahlte inoffizielle Agenten zu unterhalten, deren Haupttätigkeit darin besteht, die arabischen Fe״:(!- Seligkeiten gegen den Zionismus zu schüren und die Engländer zu ,plagen‘. Auch kemalitische Intrige kann in Palästina nachgcwicscn werden. Eine gerechte Kritik der arabischen Führer k.mstatiert, daß sie noch nicht die großen wirtschaftlichen und finanziellen Vorteile erkannt zu haben scheinen, die sie in Zusammenarbeit mit den gemäßigten Zi,>- nisten erreichen können, die nach allem die Zionisten sind, welche in Betracht kommen. In diesem Zusnmmcnhaug muß das Gesuch nach einer ,semitischen Union' von Juden tind Arabern erwähnt werden, das von 1 len 11 II. M. K a l v a r i s k y , einem Mitglied des Advisorv Council, cingcrcicht wurde, der als kluger und gemäßigter Zionist gilt, Palästina genau kennt und mit einem humanen Idealismus ein entschieden praktisches Temperament verbindet. Wenn der Araber viel von einem Bündnis mit dem Zionisten zu gewinnen lut, so wird sich der verminftige Jude erinnern, daß sogar ein vorwiegend jüdisches Palästina, sei es noch so stark, immer eine hebräische Insel in einem arabischen Ozean sein wird, und daß, so lange der Islam und das Christentum Kräfte sind, mit denen die Welt zu rechnen hat, der Zionismus versuchen muß, die mohammedanischen und christlichen Araber zu versöhnen. Methoden, die den Boden für ein solches Bündnis vorbereiten, werden sicher ru finden sein. Inzwischen muß man sagen, daß, wenn auch der arabische Nationalismus in Palästina nicht übersehen werden kann, doch auch kein kluger Mann den Zionismus leicht nehmen kann, weil keine jüdischen Millionäre in Jerusalem leben oder weil die Zionisten Fehler gemacht haben. Mau braucht nur die jüdischen Kolonien zu besuchen und die C h a 1 ti z i m bei iitrer Arbeit zu sehen, um zu erkennen, daß hier eine Macht am Werke ist, welche schlimmere Irrtiüner überleben wird als diejenigen, die begangen worden sind.“ Eine arabische Delegation nach England Jerusalem, 10. Juni. (J.C.B.) In Ausführung des seinerzeitigen Beschlusses des arabischen Kongresses in Haifa, begibt sich unter Führung von Mussah KasD Pascha Husseinis eine ■arabische Abordnung nach London, um dort die englische ()Öffentlichkeit über die arabischen Forderungen aufzuklären. Legalisierung der zionistischen Organisation Mesopotamiens Der Oberkommissar für Mesopotamien teilte der zionistischen Ortsgruppe Bagdad mit, daß er die Zionistischc Organisation .«Mesopotamiens genehmigt, die sich als Abteilung des Londoner Büros betrachtet. Es wurde cm Komitee gewählt, das die zionistische Arbeit Überhaupt, sowie die Arbeit für den Keren Hajessod m Mesopotamien leiten soll. Es wird beabsichtigt, grüMra 1Ra ei״e K0k>nie mcs0P0tamischer Juden zu