Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1921)
- Date
- 1921-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ו Seite 352 JUEDISCHE RU NßSCHAU Nr. 49 י/*** •v; Fort■ deutsche Judentum dem Antisemitismus seinen io bestand verdankt. Die religiösen Fennen welche früher die Vermischung der Juden und ihre Autlösunc in ihre Umgebung verhindert haben, sind mit dem wachsenden Wohlstand und der wachsenden Bildung im Schwinden begriffen, so bleibt nichts anderes als dieser Gegensatz zur Umgebung übrig den man als Antisemitismus bezeichnet, der eine Trennung im gesellschaftlichen Leben herbeiführt Ohne diesen Gegensatz wurde die Vormischung der Juden in Deutschland schnell und ungehindert vor sich gehen, Ich habe das an mir selbst beobachtet. Bis vor sieben Jahren lebte ich in der Schweiz und solange ich dort war, war ich mir meines Judentums nicht bewußt und war nichts in meinem Leben vorhanden, das auf meine jüdische Empfindung gewirkt und sie liclebt hätte. Das .änderte sich, sobald ich meinen Wohnsitz nach Berlin verlegte. Dort sah ich die Not vieler junger Juden. Ich sah, wie ihnen durch ihre antisemitische Umgebung unmöglich gemacht wurde, zu einem geordneten Studium zu gelangen und sich zu einer gesicherte״ Existenz diirchzuringcn. Insbesondere gilt das von den Ostjuden, die unaufhörlich Schikanen ausgeset/t sind. Ich glaube nicht, daß ihre Zahl in Deutschland eine große ist. Nur in Berlin gibt es vielleicht eine größere Anzahl. Dennoch ist ihre Anwesenheit •zu einer Frage geworden, welche die deutsche Oeffentlichkcif in wachsendem Grade beschäftigt. 111 Ver- Sammlungen, Konferenzen, Zeitungen drängt man auf ihre rasche Entfernung oder Internierung. Man gebraucht die Wohnungsknupphcit und die wirtschaftliche Depression als Argumente zur Begründüng dieser harten Forderungen. Man übertreibt diese Tatsachen geflissentlich, um die öffentliche Meinung gegen die ostjüdischen Einwanderer zu stimmen. Man macht die Ostjudcn zuin Sünden• bock für gewisse Gebrechen des heutigen deutschen wirtschaftlichen Lebens, die in Wahrheit Nachwelien des Krieges sind. Die Stellungnahme gegen diese unglücklichen Flüchtlinge, die sich aus der Hölle, die Osteuropa heute bedeutet, gerettet haben, ist zu einem wirksamen politischen Kampfmittel geworden, das von Demagogen erfolgreich angewendet wird. Ich habe, als Maßnahmen gegen die Ostjuden von der Regierung erwogen wurden, eine Lanze für sie gebrochen und im ״Berliner Tageblatt“ auf die Unmenschlichkcit und Unvcrnunft dieser Maßregeln lüttgewiesen. Zusammen mit einigen Kollegen, Juden und Nichtjuden, veranstaltete ich Universitätskurse für Ostjuden, und ich möchte hinzufügen, daß wir in dieser Tätigkeit die offizielle Anerkennung un:l volle Unterstützung seitens des Unterrichtsministeriums genossen. Diese und ähnliche Erlebnisse haben i-:1 mir das jüdische nationale Gefühl geweckt. Ich bin nicht in dem Sinne nationaler Jude, daß ich die Erhaltung der jüdischen oder irgendwelcher Nationalität als Selbstzweck fordere. Ich betrachte vielmehr die jiidische Nationalität als eine Tatsache und bin der Meinung, daß jeder Jude aus dieser Tatsache die Konsequenzen ziehen muß. Ich erachte die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins auch im Interesse eines natürlichen Zusammenlebens mit den Nichtjuden für erforderlich. Das war das Hauptmotiv meines Anschlusses;111 die zionistische Bewegung. Für mich ist der Zionismus nicht etwa bloß eine auf Palästina gerichtete kolonisatorische Bewegung. Die jüdische Nation ist eine lebendige Tatsache in Palästina sowohl wie in der Diaspora und das jüdische Natio״״!geinhl muß überall, wo Juden wohnen, lebendig erhalten werden. Die Augehörigen eines Stammes oder Volkes müssen unter den heutigen Lehensverhältnissen ein lebendiges Stammesbewußtsein haben, um nicht haltlos und würdelos zu werden. Die ungebrochene Lebenskraft der Massen des amerikanischen Judentums hat mich erst deutlich erkennen lassen, wie angekränkelt das deutsche Judentum ist. Wir leben in einer Zeit der Uebertreihung des Nationalismus und müssen als kleine Nation diesem Umstande Rechnung tragen. Aber mein Zionismus schließt nicht kosmopolitische Anschauungen aus. Ich gehe von der Realität der jüdischen Nationalität aus und glaube, daß jeder Jude Pflichten gegenüber seinen Mitjuden hat. Die Bedeutung des Zionismus ist übrigens viel »eher Art. Er eröffnet heute viel-.״־ Juden, die in der ukrainischen Hölle schmachte״ oder in ז ölen ökonomisch verkommen, Aussichten 7״Velnrm1״CnSC1,enwürdigcrc Exis^‘״z. Durch die Zuruckfuhiung der Juden nach Palästina und ihre Dbe^Sdratetd״• lCsu.ndc־«™ -״malen Wirtschaftslenen ncdeutet du Zionismus eine produktive Tätl״ keit, welche die menschliche Gesellschaft bereichert" Aber die Hauptsache ist, daß der Zionismus dkl für die Existenz der Juden in der Diaspora notwendige Würde und ihr Selbstgefühl stärkt und durch das jüdische Zentrum in Palästina wieder ein starkes Bindemittel schafft, das den Juden Hai gibt ich habe die würdelose Anpassungssucht vieler meiner Standesgenosse״ immer als sehr abstoßend empfunden. ... , Durch die Gründung eines freien jüdischen Gemeinwesens in Palästina wird das jüdische Volk wieder in die Lage kommen, seine schöpferischen Fähigkeiten zn ungehinderter und voller Entfalhing zu bringen. Durch die Errichtung der liebräisehen Universität und ähnlicher Institute wird das jüdische Volk nicht bloß seine eigene nationale Renaissance herbeiführe״, sondern die Möglichkeit haben, auf freierer Basis zum geistigen Leben der Welt beizutragen als bisher. Die ״Times“ zur Churchill-Rede Die ״Times“ veröffentlichen einen ausführlichen Leitartikel über die englische Politik in Middle-East. Der Artikel knüpft an die Rede Churchills im Parlament an, besonders an den Teil, in dem er über P a 1 ä s t i n a sprach. Es heißt dort; ״Mr, Churchill findet, daß das Palästinaproblem komplizierter ist als das meso* potamische, weil, wenn man in Palästina das Prinzip der Selbstbestimmung in Anwendung bringen wollte, die Araber wahrscheinlich diese Gelegenheit benutzen würden, um die jüdische Einwanderung zu verbieten. Churchill hat seiner berechtigten Bewunderung der von den jüdischen Kolonisten geleisteten Arbeit Ausdruck gegeben, und er sieht in der jüdischen Intelligenz und im jüdischen Kapital das einzige Mittel zur Schaffung eines palästinensischen Staate:!. Ohne jüdische Hilfe wird Palästina nie etwas anderes werden als ein kranker Appendix der arabischen W c 11, Die Zionisten sehnen den Tag herbei, an dem Palästina der große Vermittler zwischen Orient und Okzident, das Zentrum einer 11 e u c 11 Kult u r, die Garantie für den k ü n f - tigen Frieden werden wird. Wir würden wfmscheu, daß Clnnthill die Untersuchung der Schwierigkeiten in Palästina etwas gründlicher vorgenommen hatte. Er würde dann wahrscheinlich gefunden haben, daß eine der Hauptstörnngen des Friedens in einer gewissen Unentschlossenheit liegt, die einige Vertreter der Regierung in Palästina in bezug auf den Zionismus und die jüdisch-nationale Heimstätte an den Tag legen. Sir Herbert Samuel, der die jüdische Einwanderung nach den Ereignissen in Jaffa unterbrochen hat, war ein Opfer seiner Mitarbeiter. Dieses Einwanderungsverbot, das inzwischen bereits aufgehoben ist, war ein großer politischer Fehler. Nicht durch solche Konzessionen an die arabische Gewalt und an die arabischen Vorurteile kann man die Mißverstandnisse beseitigen, sondern einzig und allein durch eine klare Politik der nationalen Heimstätte, der alle unsere Organe treu sein müssen. Churchill bemerkte sehr richtig, daß die Araber den Zianisums nicht nur nicht zu fürchten haben, sondern im Gegenteil, sic können von ihm sehr viel erwarten. Aber Taten wirken stärker als Worte, und die Einstellung der jüdischen Emigration, wenn sie auch durch die äugen-!dicklichen Ereignisse zu entschuldigen wäre, kann von den Arabern als eine Rechtsprechung ihrer Angst und sogar ihrer Ucborfälle gedeutet werden. Das kann schädlich werden, obwohl wir überzeugt sind, daß es unter den Arabern genug besonnene Elemente gibt, die mit den Zionisten für das Wohl beider Rassen und des ganzen Landes zu arbeiten bereit sind. Um dies zu erreichen, muß aber die Politik der Mandatarmacht immer bestimmt, entschlossen und klar sein.‘• Feierlicher Empfang der arabischen Abordnung in London London, 17. Juni. (J.C. B.) Wie wir erfahren, wird die aus Palästina hier erwartete arabische Abordmmg überaus feierlich empfangen werden. Es werden Vorbereitungen getroffen für Bankette, feierliche Reden und andere Veranstaltungen. In zionistisclien Kreisen betrachte man dies nicht als Symptom einer mvtizionistischcn Stimmung in den amtlichen englischen Kreisen, sondern als den Ansdruck besonderer Freundlichkeit gegenüber der musel manischen Welt. Ein jüdischer Scout-Kongreß Die jüdische Piadfinderorganisation in Antwerpen veröffentlicht einen Aufruf an alle jüdischen Pfad* fiuderorgtuüsationcn, Scouts, Wanderbündc usw., mit der Aufforderung, mit ihr wegen der Einberufung eines all weltlichen jüdischen P i a d f i n derkongresses in Verbindung zu treten. Der Zweck des Kongresses sollen die Schaffung einer all weltlichen jüdischen Sooutorganisation, Festsetzung eines einheitlichen Erziehungs- und Arbeitsprogramms, Schaffung eines Zentralorgans, Vereinheitlichung der nationalen Sprache, Erörteren(״ der Stellung gegenüber den politischen Organisationen usw. sein. Alle Anfragen in dieser Angelegenheit sind zu richten an Rosh-Hakcn M. Kinder, 34, Rue van Gecrt, Ansvers, Was erwartet die Welt vom Zionismus? Von Arthur Meigban, Premierminister ww Kanada Die folgende Rede hielt der kanadisch. Ministerpräsident bei dem offizielle״ Empfangsbankett für die Zionistische Delegation ״Es ist mir eine freudige Aufgabe, einen jn (jrcj Weltteilen so berühmten Mann, wie es Herr Dr. Ww. mann ist, in der Hauptstadt Kanadas begrüßen m können, als das 1 laupt der Zionistischen Wel:organi;ation Ich besitze keine genaue Kenntnis der Sache, m welcher Dr. Weizmann zu uns kommt; doch indem'i;h ihn aufs herzlichste willkommen heiße, darf ich vielleicht einige Bemerkungen zur Frage der Politik, für die er Sympathie und Unterstützung zu gewinnen sticht machen. Ich bin nicht in der Lage, mich mit präg tischen Anregungen an der Diskussion über die prak. tischen Methoden des Zionismus zu beteiligen. Id, kann nur allgemein sagen, daß der Zionismus sich glücklich schätzen darf, nun, da er sich zu seinem letzten großen Unternehmen anschickt, der Verwirk, liclmng all seiner Hoffnungen, daß er der Träger eines großen Ideals ist. Das jüdische Volk hat Palästina van jeher als seine geistige Hoffnung betrachtet; nun soll«־, der Schaffensort und die Schatzkammer des jüdischen Idealismus werden. Welch erhabene Rolle hat der jüdische Geist in der Weltgeschichte gespielt! Verdanken wir Griechenland unsere Auffassung vom Schönen, Rom unsere Rechtsgrundsätze, so verdanken wir Palästina die Religion, die den Grundstein unserer weltlichen Zivilisation bildet. Sinai i;t ein jüdischer Berg; Oelberg und Kalvarienberg aber sind es gleichfalls Seine höchste Daseinsberechtigung findet der Zi> uismus jedoch m. E. nicht einmal in diesem kostbaren Weltvermächtnis. Es ist dies nur eine Andeutung dessen, was die Judcnhcit zutn Wöhle und zum Fortschritt der Welt noch beitragen dürfte. Nach einer neun zehn Jahrhunderte dauernden Zerstreuung, Verirrung und mehr oder minder Unterdrückung, was dürfen wir nicht alles von dem befreiten Genius einer begabten Rasse er• warten? Gefesselt, wie der Jude gewesen ist, hat er reiche Galten in den Dienst der Menschheit gestellt, und wenn erst das Erwachen seines natio• nalen Selbstbcwußtseins durch Schaltung eines nationalen Fleims ihm seine persönliche Freiheit und seine Selbstachtung nicht nur in Palästina, sondern auch in jedem anderen Lande gesichert haben werden, wird er die Welt durch die Erzetmisgsc seiner Energie und seines Geistes bereichern. Es ist, so scheint es mir, eine glückliche Vorbedct:- tung, daß dieser große Versuch der Wieder• geltendmachung des jüdischen Nationalbewufltseins auf eigener Scholle unter der Aegidc Englands geschehen soll. Das prophezeit gerade uns Kanadiern eine Icpnsequente Entwicklung, und aus unserem eigenen Werden zur Nation dürfen auch Sic, aube ich, Hoffnung und Mut schöpfen. Die Verhältnisse sind zwar nicht die gleichen, doch im Wesen unterscheiden sie sich nicht so sehr. Walt• reiid eines Jahrhunderts wuchsen die zerstreuten Kolonien in der einen Hälfte dieses Kontinents unter dem Schutz des Mutterlandes sündig heran; durch Vcrciaigütig haben sie diese Stärke vor einem halben Jahrhundert bekräftigt, und heute sind sie in ein Stadium gelang!, wo sie als reife Einheit einer grandiosen Gesamtheit ihren Platz unter den Nationen der Welt behaupten können. Es gibt noch einen Vergleich, den Sie nicht als phantastisch bezeichnen dürfen. Der Jude ist zurzeit nicht die einzige Stammesart in Palästina, wird es wahrscheinlich auch niemals sein. Wir sind ebenfalls nicht alle gleicher Abstammung. Durch Ucbung von Nachsicht jedoch und in dem ehrlichen Bestreben einer gegenseitigen V c r s t ü 11 d i g u n g haben wir ein« Gerechtigkeit erzielt, die unser Heimatland einig und groß gemacht hat. Zu dieser Entwicklung haben unsere jüdischen Mitbürger nicht wenig beigetragen. Mir schwebt für den Juden in Palästina nach eine andere Mission vor. Trotz seiner außergewöhnlichen Begabung, sich der westlichen Zivilisation atratpassen, ist der Jude ein Kind des Ostens. Die Welt wächst unaufhaltsam und beständig zusammen, und über P״- lästina hinaus liegen jene Länder, die von Milliarden von Menschen alter Kulturen und mysteriöser Bräuche bewohnt sind. Wie soll der Okzident sie verstehen lernen? In Indien hat man gerade einen Versuch gcmacht, eine Regierung nach westlichen Prinzipien ein• zuführen. Wäre es nicht möglich, daß die Judenhcit. die England einen ihrer größten Staatsmänner gegeben hat, mul die Rassenverwandtschaft zum Orient, aber geistige Beziehungen zum Okzident besitzt, wäre es nicht lieh, daß sie die Vermittlerrolle zwischen beiden spielen könnte? fkich ist dies nicht die Grenze der Dienste, welche die Judenhcit der Welt zu leisten vermag. l)cr Jude gehört seither und gehört auch noch zu den Bürgern jeglichen Staates der Erde. Er sollte — ich .glaube sogar, er muß — wenn er sein nationales Heim begründen will, von einein Brüdcrschaftsgefühl beseelt sein, nicht nur zu seiner eigenen Rasse, sondern auch zu den Angehörigen jeder anderen Nation. Wäre es ein zu hohes Ziel, die Brüderschaft unter der gesamten Menschheit wirklich zu fördern? Kann man von einem auserwählten Volke Geringeres erwarten?“ i,1 i