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Jüdische Rundschau · 1921-06-17 · Heft 48 (17.6.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 48 (17.6.1921)
Date
1921-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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In den letzten Tagen finden immer neue Beratungen siatt, um die Stellung der Regierung endgültig festzulegen, bevor Churchill am 11., anläßlich der Vorlegung des Budgets des Kolonialamtes iin Parlament, seine langerwartete Erklärung über die ganze Politik im Orient abgibt. Lloyd George hält sicli aus Gesuiv.lheitsriicksichten auf seinem Landsitz Chcipters auf und hat gestern dorthin eine Miiustcrkonfercnz einberufen, Um besonders die Situation im Nahen Osten zu behandeln. An der Konferenz nahm, unter anderen, neben dem Minister des Addieren, auch Sir Alfred Mond teil, Ls heißt, daß keine neue Entscheidung gefällt wurde, daß aber die Situation gründlich besprochen und alle Möglichkeiten der Entwicklung untersucht wurden. Soweit es sich um die Haltung Englands im Kampf der Griechen und Kemaiisten handelt, sei noch kein Beschluß gefaßt worden, der von der bisherigen Neutralität abführt, aber es wird darauf lüngewiesea, daß die Entwir klung zu einer schnellen Acnderung dieses Standpei'ktes führen kann. Der .,Daily Telegraph‘■ gibt als Einleitung zu dieser Mil.hmg einen lleberblick über das Problem im Osten aus der Feder seines diplomatischen Korres!Kmdenlen, in dem unterstrichen wird, daß Frankreich und Italien sich von der Verantwortung an den ihnen zugewicseiien Einflußsphären in Kleinasien, aus Gründen der Rück- Mchtnahme auf Angora, nicht zurückziehen können, ohne auch das Recht zu verwirken, eine Berücksichtigung der für sie sprechenden Interessen zu verlangen, die sich auf den allerdings noch nicht ratifizierten ttirkisehen Friedensvertrag gründen. 1111 Zusammenhang da* mit. schreibt der diplomatische Korrespondent, daß mit Pückkclit aut die Agitation an bestimmten Stellen, die lur die Verleugnung der Baifour-Deklaration in bezug auf das jüdisdmationaic Heim in Palästina geführt wird, der Brief des Präsidenten Harding von Bedeutung sei, den er anläßlich der Begrüßung Dr. Wcizmanns :11 Washington geschrieben hat. Der Hinweis zeigt, daß es für die englische Politik auch jetzt noch nicht ohne Bedeutung ist, daß Amerika seine Sympathien für den Zionismus bekundet. Da die Zionistische Organisation Amerikas nach der Tagtuvg votv Clcvcland wieder vollkommen geschlossen hinter Dr. Weizmann und der zionistischen Leitung stellt, wird sich die Rücksichtnähme auf Amerika möglicherweise wirklich wieder zum Nutzen einer energischen Durchführung der auf die Balfoux-Deklaration gestützten Politik geltend machen. Die Ausgaben in Palästina Die Kandidatur des prominenten Mitglieds der englischeu konservativen Partei Sir Herbert Jessel in das englische Parlament, stieß infolge seiner Zugehörigkeit zum Judentum auf Schwierigkeiten. Einige antisernitische Zeitungen, darunter die ״Morning Post“, sind gegen ihn aufgetreten und haben ihm insbesondere \orgcworfen, daß er nicht gegen die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina eintreten will. Sie l^iiauptetcn, daß die Regierung 29 Millionen jährlich in Palästina ausgebe, was dem englischen Steuerzahler <1- 8 Pence von jedem Pfund Einkommensteuer koste. Mr. Marsh, der Privatsekretär bei Churchill, hat in einem Brief an Sir Herbert Jessel die Behauptungen dieser Zeitungen widerlegt. Mr. Marsh schreibt, daß alle Ausgaben für die Garnison in Palästina nicht einmal einen Pence pro Pfund der Einkommen Steuer ausmachen. Die britische Garnison wird dort zur Erfüllung der Bestimmungen des Mandates gehalten. Unsere Okkupation in Palästina, heißt es in diesem Briefe, hat nichts mit der nationalen Heimstätte für die Juden zu tun. Die Ausgaben, die mit der nationalen Heimstätte im Zusammenhang stellen, werden von den Juden selbst g e deck t. Das Budget der Zivilverwaltung enthält keine Ausgaben für die nationale Heimstätte. Die Ausgaben hierfür werden von den Zionisten gedeckt Letze Nachrichten Die Unruhen in Jaffa. Eine Reuternachricht meidet aus Kairo felgendes: ״Aus Jaffa wird gemeldet, daß ein Araber, der in den Straßen mit einem Messer in der Hand herumlief, eine Prügelei verursachte, bei der zwei Juden und ein Araber getötet und mehrere Personen verwundet wurden. Die Ruhe wurde sofort wieder hergestellt. Die Polizei verhaftete zwei Araber, von denen einer, wie man annimmt, an der Prügelei schuld ist.“ Die Blätter bringen nachstehende Reuter- Meldung: ״Bei der Einbringung eines Ergiiimingskredits von siebenundzwanzig Millionen Pfund für den Mittleren Osten, der zum Ressort des Kolonialamts gchört, führte Churchill im Unterhause aus, Großbritannien habe feierlich die Stcllungeiner Mandatarmacht für Palästina und Mesopotamien übernommen und sei daran gebunden, aufrichtige und entschiedene Anstrengütigen zu machen, um seine Vcrpflichtungen einzulösen. Er betonte indessen, daß eine Einschränkung der Ausgaben für diese Gegenden notwendig sei. Innerhalb der gesamten arabischen Halbinsel befolge England zurzeit eine einfache und klare ltoiitik. Während beim Waffenstillstand ein Heer, von rund 7ÜÜÜ0Ü Mann oder 175 Bataillonen in Mesopotamien und Palästina gestanden habe, werde das gegenwärtige Finanzjahr mit 200000 Mann in Palästina und Mesopotamien eröffnet, ausschließlich 3Ü000 Fluchtlingen und einbegriffen 41 Bataillone Truppen. Die Regierung sei entschlossen, diese Streitmacht sofort ein zuschränken, indem sic zwei von Indien dorthin entsandte Divisionen zurückbefördere, und ferner die Möglichkeit weiterer Einschränkungen in diesem Jahre in Erwägung zu ziehen. Die Ausgaben für Mesopotamien betrügen aber im laufenden Jahre noch 35 Millionen Pfund Sterling. Auf der letzten Konferenz Ln Kairo sei beschlossen worden, daß im Zusammenhang mit den politischen Abmachungen eine unmittelbare Ein- Schränkung in Mesopotamien von 33 auf 23 I!afaillonc stattfinden solle, ein Stand, der am 15. Juli erreicht werden würde: ferner eine weitere Verringerung nach dem Oktober auf einen Stand von 12 Bataillonen. Wenn diese Politik nicht durch unvorhergesehene Ereignisse unterbrochen werde, nehme er an, daß die Ausgaben für Palästina sieb in den nächsten Jahren auf nicht mehr als 9000־ oder 10000 Pfund belaufen würden (wahrscheinlich pro Monat — A. d. R. der ״J. R.“). Die vorläufige Ein geborenenregierung, die gegenwärtig in Mesopo tamien bestehe, solle im Laufe des Sommers durch ein Parlament und einen arabischen Herr scher ersetzt werden. Er hoffe, daß das Voll eine weise Wahl des Herrschers treffen werde Churchill empfahl der endgültig gewählten Regie rung, den Versuch zu machen, rings um Bag dad herum einen arabischen Staat auf■ zubauen, der den alten Ruhm und die Kultur der arabischen Rassen wieder aufleben lassen könne. Danach würde sich die Sache ganz anders darstellen, als in der auf der ersten Seite gebrachten Meldung, Unmittelbar vor Erscheinen des Blattes gelangen wir in den Besitz des vollen Wortlautes von Churchills Rede. Daraus ergibt sich, daß er mit großem Nachdruck unzweideutig für die Erfüllung des in der Baifour-Deklaration gegebenen Versprechens eingetreten ist. Wir können den Wortlaut leider erst in der nächsten Nummer bringen. Eine Anfrage im Oberhaus Atn 9. Juni stellte Lord Sydcnham im englischcn Oberhaus eine Anfrage wegen der Lage in Palästina. Er verlangte Aufklärung über die Unruhen in Jaffa und fragte, ob die Ergebnisse der Untersuchung dem Parlament vorgelegt werden und ־ob der Bericht General Palins, welcher im Vorjahre die ähnlichen Unruhen in Jerusalem untersucht hat, jetzt veröffentlicht werden kann. Der Vertreter der Regierung antwortete, daß die Untersuchungskommission ihre Arbeiten noch nicht beendet hat. Es wäre zwecklos, Ergebnisse mitzutcilen, bevor sie in vollständiger Form, vorliegen. Bevor der Bericht der Kommission nicht eingelaufen ist, sei es unmöglich, seine Vorlage an das Haus zuzusichern. Die Bedingungen, unter welchen wir in jenen Ländern tätig sind, sind von singulärem Charakter, und der Bericht dürfte so abgefaßt sein, daß es den öffentlichen Interessen widerspricht, ihn zu veröffentlichen. Bezüglich des Berichtes votv General Palin sei sofort nach der Einsetzung Herbert Samuels dessen Meinung eingeholt worden. Samuel war der Meinung, daß die Veröffentlichung i!m Augenblick unz w e c k m ä i) i g sei und ein Präjudiz für die künftige Politik der Regierung schaffen könne. Da er von der Veröffentlichung abriet, hat rief* di« Regierung an diesen Rat gehalten, Der Emir Feisal sei davon unterrichtet worden, daß seiner Kandidatur für den Thron von Mesopotamien kein Hindernis Ln den Weg gelegt werden solle, und daß er, wenn seine Bewerbung erfolgreich sei, von britischer Seite Untersjt ii t z u n g erhalten werde, Feisal habe demgemäß Mekka verlassen und werde in etwa zehn Tagen in Mesopotamien ankommen. Die 5000 Mann Truppen in Palästina würden vielleicht noch einer unerheblichen Verstärkung bedürfen. Wenn England und Frankreich ihre Stellung im Mittleren Osten aufrechterhalten und den übernommenen Verantwortlichkeiten gerecht werden wollten, müßten sic eine Politik des friedliehen Ausgleichs und der Freundschaft gegen Araber und Türken verfolgen.“ Nach einem telegraphischen Sonderbericht der ״Voss. Ztg.“ soll Churchill noch gesagt haben: ״Wir haben feierlich übernommen, als Mandatarmacht für Palästina und Mesopotamien zu fungieren. Wir können die Verantwortung nicht abwälzen und unsere Heere nicht an die Küste z u rück zi e hen, weil wir dadurch die Bevölkerung der schlimmsten Anarchie überlassen würden. Wir können die Juden in Palästina den Mißhandlungen der Araber und Städte wie Bagdad der Plünderung wilder Beduinen nicht preisgeben.“ Churchill meinte ferner, cs könne nicht garantiert werden, daß die Pläne erfolgreich durchgeführt werden könnten, aber sie erschienen zurzeit als die einzig mögliche Lösung. In Palästina sei die Gefahr von Unruhen größer als in Mesopotamien. Die Ursache davon sei die zionistische Bewegung, die die arabische Bevölkerung beimruhigt habe, well die Eitig. daß sie aus dem Lande vet Die jüdische Ei tuvand• faltig überwacht und nur soviel Juden erhielten Zutritt, wie den Hilfsquellen des Landes angemessen sei. Zum Schluß sprach Churchill auch noch über die französische Politik in Syrien und sagte: ״Die Politik der britischen Regierung ist, Frankreich in Syrien auf jede nur mögliche Weise zu unterstützen. England und Frankreich müssen gemeinsam den Türken und Arabern gegenüber eine Politik der Pazifizierung und Freundschaft führen und dadurch eine ernste Interessengemeinschaft begründen. Damit unsere Politik in Palästina und Mesopotamien aber erfolgreich durchgeführt werden kann, müssen wir auch ein dauerndes Abkommen mit der Türkei haben.“ nen befürchteten, •t werden sollten. :1 g würde sorg- 111 r o 11 i e r t, und Mr. Ormsby Gore über die Lage London, 10. Juni. (J. C. B.) Auf Initiative der hiesigen Misrachi-Organisation fand unter Vorsitz Herbert Bentwichs eine Massenversammlung statt, in der der bekannte Juüenfreund Mr. Ormsby Gore, Mit giied des Unterhauses, als Hauptredner auftrat. Mr. Ormsby Gore sagte, er sei überzeugt, daß die Ausschreitungen in Jaffa nicht nur ein antijüdischer, sondern auch ein a ntibrvtischcr Ucbcrfall seien, deren Ursprung in Konstantinopel und in den antibritischen Kreisen in Aegypten zu suchen sei. Oie gegenwärtige Lage in Palästina sei zweifellos ernst. Man müsse aber, um künftighin Reihungen zwischen den verschiedenen Rassen zu vermeiden, eine engere Zusammenarbeit zwischen den Juden und Arabern fördern. Es sei unsinnig, von einem nationalen! Heim zu sprechen, wenn englische B a jo - nette das Blutvergießen verhindern müssen. Palästina solle nicht nur eine Zufluchtstätte für die entwurzelten Juden aus Osteuropa, sondern auch eine Stätte der Zivilisation, Kultur und Wissenschaft sein. Die Juden sollen stets das religiöse Moment ihrer Ile wegung betonen, und wenn sie beim durchschnittlichen Engländer Verständnis finden wollen, so sollen sie ihm von der jüdischen Kult u r sprechen. Er selbst unterstütze den Zionismus, weil die Juden das Volk der Bibel und die Engländer ein die Bibel liebendes Volk seien. ״Wir erwarten, daß ihr in euch den alten Geist eurer Propheten und Psalmisten entfachen werdet.“ Arabische Protestaktionen Jerusalem, 12. Juni. (J. C. B.) Das Exekutivkomitce des arabischen Kongresses in Haifa verschickte an den englischen König, das Unterhaus und Herrenhaus, ferner an die Außenämter in London, Washington, Paris, Rom mul Madrid sowie an den Papst einen Protest, in dem das Einwanderungsverbot für jüdische Einwanderer nach Palästina gefordert wird. Gleichzeitig wandte sich die Exekutive an den englischen König mit dem Ersuchen um Abberufung des Justlzsekrctärs der palästinensischen Regierung, Mr. Norman Bentwichs, den sie der Parteilichkeit für den Zionismus beschuldigt.

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