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Jüdische Rundschau · 1921-06-17 · Heft 48 (17.6.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 48 (17.6.1921)
Date
1921-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 340 hören• gerechtes Gericht zu fordern, lind strengste I Bestrafung der Verbrecher, ohne Zubilligung mildernder Umstände; im Gericht nichts zu vertuschen, nichts zu beruhigen und zu glätten. Die Frage unseres politischen Verhältnisses zum arabUehen Volk Palästinas und die■ nach dem Wesen der arabischen Bewegung, die ihr vorauszugehen hat, ist nicht eine Frage des Strafgesetzbuches und nicht eine der heutigen blutig erregten Minute, sondern ist die Frage nach den Formen unseres in aller Zukunft notwendig gemeinsamen Lebens im Lande; ist gleichzeitig eine Schicksalsfrage des Zionismus indem sie die Frage nach den inin-erpolitischen Möglichkeiten einer schöpferischen, aufbauenden Arbeit des jüdischen Volkes in Palästina ist. Das arabische Problem Palästinas wird hier als ein politisches aufgeworfen, nicht aber,, wie es bisher last stets geschehen ist, als ein soziologisches, ökonomiscli-historisch-etlinographischcs oder gar sozialctliischcs. Das heißt: gibt cs eine politische Kraft im Lande, die ״arabische Bewegung“ heißt, wie wirkt sie, wie verschiebt sic das Parallelogramm der au Skr ihr wirkenden Kräfte und welcher Art müssen die־ Beziehungen zu ihr sein. Das sind die Entscheidungen, die uns liier einzig interessieren. Alle anderen Problemstellungen führen irre. Erbebt man nämlich die Frage, die Wissenschaftlieh in der Tat ebenso anziehend wie bedeutsam ist: ״Existiert und wirkt eine arabische Nationalbewegung in PalästinaI׳׳“, so wird man mit Recht zu negativen Resultaten gelangen können. Besonders wenn man noch Maße europäischen Nationalismus an sie anlegt. Geht man etwa von den wirtschaftlichen und gcsellsdiafdichcn Bedirigungeif aus, auf deren Boden der italienische oder polnische oder selbst jüdische Nationalismus erwachsen ist, so wird man unschwer zu beweisen imstande sein, daß* keine jener Voraussetzungen für einem arabischen Nationalismus in Palästina gegeben ist. Die Produktionshcdiiigungen des überwiegend größten Teiles der Bevölkerung entweder völlig nomadisch oder ganz primitiv agrarisch, Handel größtenteils regional begrenzt und unentwickelt, Industrie kaum in den Anfängen vorhanden — es bedarf keiner besonderen Kunst um zu beweisen, daß das ein wcsensverscliieden anderes wirtsehattlxhes Milieu ist als jenes des reifenden Kapitalismus, Ln dem die europäischen Nationalismen groß geworden sind — und das mutatis mutandis auch die Nährerde des Nationalismus in Japan, Aegypten und Indien gewesen ist. — Dementsprechend die Ge- Seilschaft, noch längst nicht mit dem gleich belebcndcn Safte gemeinsamen kulturellen una sozialen Wesens durclitränkt, sondern in sich in — wie cs scheint •— unzählige Fraktionen geteilt und ge״ spalten. Diese Spaltungen sind sozialer Natur — der arabische Fellache fürchtet den Beduinen wohl fast mehr als der jüdische Kolonist; sind religiöser Natur, wie der tiefe Gegensatz zwischen Christen und Mohammedanern; sind wirtschaftlicher Natur wie der Antagonismus zwischen Effendis und Pächtern; daneben eine schier unübersehbare Fülle von durch- und gegeneinander wirkenden Sonder״ Interessen von Sekten, Addsgesclilechtern, Stämmen, Familien. Die allgemeine Bildungsstufe ist derart niedrig, daß sic die Bevölkerung,für die Aufnahme eines wahren nationalen Bewußtseins und Gcfühls noch wenig zugänglich erscheinen läßt. Rechnet man dazu, daß im Orient überhaupt scheinbar ein Nationalbewußtsein in unserem Sinne nicht zu existieren scheint, sondern untrennbar mit religiösen, rassenmäßigen und sippenhaften Bestand• teilen, als ein unentwirrbares Gewirr aller diese! auftritt — so wird man, wie gesagt, das tlicoraiscl haltbare Urteil fällen dürfen, daß eine arabisch! Nationalbewegung nicht existiert und auf Grund de! sozialen und ökonomischen Bedingungen auch keim Existenzberechtigung hat. Was aber ist mit dieser Feststellung gewonnen! Gleicht sie nicht der des Arztes, der am Bett de: sterbenden Patienten die Krankheit leugnet, wei die Bazillen, die er gefunden, in ihrer Form denei nicht gleichen, die er sonst unter dem Mikrosko! zu sehen gewohnt war? Nein, das arabische Problem in Palästina mul als ein politisches hingcstcllt werden und forder als solches eine Antwort. Gibt es also eine poli wunf? Faft ■ul i:a״d0’ dic ״arabische Bewegung' di^ Amre״^ dl%Kr;dt׳ Verschließen wir nick du Augen davor. Es gibt eine Massenkrait u 5i’d1c unter arabischer Losung zusammen« setyrm" n -lS ’ Und 1J1* der w‘r uns auseinande; müssen, zu der wir unser gewolltes Vc hdtms klar festlegen müssen. Gleichgültig, ob w anckr?1^ CmC Natf״al,bew«fßmg oder irgend m andere zu nennen beschließen. Man pflegt namentlich an dieser Stelle ständig cinzuwcndeii, daß diese ״arabische Bewegung ‘ keine eigene, natürlich gewachsene und gewordene Kraft da’rstclle, sondern ein künstliches Erzeugnis von außen hereingetragener Agitation und Hetze, daß ״fremde Hände“ im Spiel sind. In der Tat sind es ja wohl offene Geheimnisse, durch viele Zeugnisse bestätigt, daß unter der arabischen Be״ vülkerung dic herrschenden Effendis, dic reichen Großgrundbesitzer und städtischen Eigentümer und außer’ ihnen europäische Agenten verschiedenster Art und Sendung ain Werk sind, um eine arabische, insbesondere antijüdische Bewegung groß zu ziehen und zu organisieren. Aber auch dieser Eirnvand ist unwesentlich. Wesentlich ist, daß es diesen ״fremden Händen“ gelungen ist, wenigstens in gewissem Maße, ihr Ziel zu erreichen. Eine irgend* wie geartete, wahrscheinlich halb instinktive arabische Bewegung existiert. Und es wäre meiner Ansicht nach verhängnisvoll, wenn wir diese Tatsachc weiterhin vor uns oder irgend jemand verheimlichen; oder sie leicht nehmen und uns mit Bajonetten — unseren oder englischen, gleichviel — trösten wollten. Ich will, um diese Worte Zu beweisen, nur einen Gesichtspunkt hervorheben, der, wie es mir scheinen will, die Situation blitzartig beleuchtet: Man vergleiche die arabische Position von heute mit ihrer Stellung beim Einzug der englischen Armee (oder gar vor dem Kriege) — ihre innere Organisicrung, den Ausdruck ihres Bcwegungswillens, die Einsicht und die Intensität ihrer Forderung — u!1d man wird zugeben müssen, daß sie in den letzten Jahren in großen Sprüngen fortgescliritten ist. Was uns heute schon selbstverständlich erscheint, lag damals noch außerhalb des Gesichtsfeldes; und vieles, was heute noch außerhalb des Gesichtsfeldes Hegt, wird uns morgen selbstverständlich erscheinen. Seien wir uns darüber klar — denn nichts ist schäd- Heller, als über dic Stärke des Gegners im unklaren zu sein. Auch darüber hätten die Ereignisse der letzten Wochen den Letzten aufklären dürfen. Sie brachten — in der Folge der Jaffaer Ereignisse — einige Erschcinungcn, die symptomatisch genug waren. Und die als politische Aktionen oder Gegenaktionen der Araber überraschend gelungen, organisiert ausge- ,führt wurden und wirkten. Ein Beispiel: Sieben 1Araber werden von der Regierung unter der oder jener Anklage verhaftet. Beschließen nicht die Araber Jaffas einen organisierten Protest? Schließen nicht am folgenden Tage alle arabischen Kaufleute ihre Laden zu seinem Zeichen? Will man nicht eine Demonstration vor dem Regicrungsgcbiiude organisieren? Entsendet man nicht eine Deputation, die ultimativ die Freilassung der Gefangenen fordert? Und ein anderes Beispiel: der Boykott. Dieser Boykott, der heute längst, in sich zusanunengebrachen ist, war ökonomisch gesehen wohl ein Unikum -- und von vornherein zum Mißlingen verdammt. Ein Boykott, der ein seltenes Phänomen in der Wirtschaftsgeschichte, nicht ״Kauft nicht bei Juden!“ schreit, sondern den Verkauf an Juden verbieten will; der so den arabischen Produzenten und den arabischen Händler in Gegensatz zu den arabischen Losungen bringt; und der sich in keinem Fall wirtschaftlich längere Zeit halten kann. Aber die Boykott-Erscheinung an sich, die Tatsache, daß es dort einen organisierten oder organisierenden Willen gibt, der selbst für kurze Frist und selbst einen so unsinmigen, beinahe komischen Boykott durchzuführen vermag, die ist es, die mir überaus symptomatisch erscheint. Wer nicht Vogel-Strauß-Politik treiben will, indem er den Kopf in den Sand steckt und glaubt, die anderen sähen ihn dann nicht — wer vor dieser Wirklichkeit nicht die Augen verschließen will, wird finden, daß cs für uns, in unserer Lage und in unserem Bestreben, den Aufbau der nationalen Heimstiitte soweit als möglich sicherzustellcn, nur einen Weg geben kann: den Weg des 'Friedens, und nur eine Politik, die Politik des Ausgleichs. Gerade in dieser "Stunde der Erregung und Verbitterung sei es klar und besonnen gesagt. Die Weisheit der ״starken Hand“ liat noch niemals zum Ziele geführt, wo Kräfte solcher Maße in einen politischen Rahmen gedrängt wurden; und wo Bewcgungen, wo vitale Interessen, dieser Art sich kreuzen, kann nur dic Uebereinkunft, die friedliche Liebercinkunft, der innere Ausgleich Erfolg haben. Vieles ist gewiß in den Jahnen unserer Palästinaarbeit versäumt worden, was uns die Zuspitzung des Intercsscnkonfliktcs zu solcher Schärfe vielleicht erspart hätte. Aber auch heute noch ist keine andere Schlußfolgerung als diese möglich: auf Grund des gegebenen Verhältnisses, auf Grund I der wirkenden politischen Kräfte, sind Juden und Araber gleichermaßen auf diesen Weg gedrängt auf diese Politik angewiesen. * Es will beinahe scheinen, als hätte der Naziw aus der klaren Einsicht in diese Lage und aus der bewußten Erkenntnis dieser elementaren Nofwe». ׳ digkeit heraus, das ganze Jahr und auch die letzten! Wochen hin durch, die Richtlinien für seine Politik ’ geschöpft; für die einzige, die auf die Dauer Be. stand haben kann. Nur daß, während viele, dg• : ihm einst zustimmten, heute seine ״starke > Hand“ vermissen, er unbeirrt und kaltblütig ךג : dieser Politik festgehaltcn hat. Daß er sie nicht ' plötzlich kopflos abriß, während unsere nationale Politik, von den Ereignissen nlcdcrgcscliinettcrt > fast steiler- und richtungslos hin- und schwankte,! Selbstverständlich kann das nicht den schweren I politischen Fehler entschuldigen, den sein Entschluß in bezug auf dic Immigration darstellt, ein F.r,;. Schluß, der anstatt das Gleichgewicht der Kräfte . zu garantieren, nur seine stärkere Störung bedeutet und der anstatt zu beruhigen, auf der Seite der luden äußerste Verbitterung und heftigen Widerstand hervorzurufen geeignet war; und der schließlieh auf arabischer Seite falsche Hoffnungen er• wecken mußte und so den Weg zu einer Verstand 1• gwng nur erschweren konnte. Sowieso kann die notwendige Politik des Friedens und des Ausgleichs nicht sx>!1 heute auf morgen aufschießen, und der Weg zu ihr wird lang und mühsam sein. Sie wird nicht einmal heute die Wunden zu heilen vermögen, die der gestrige Tag geschlagen hat. Aber das alles kann nicht hindern, unsem Willen ־zu ihr auszuspreclien, weil sie die einzige Möglichkeit ist. Auch die Araber werden das begreifen müssen. Je schneller sic es hm, desto geringer!werden die Opfer auf beiden Seiten sein. Die Araber werden begreifen müssen, daß cs auch für sie nur eine Politik des Friedens und des Ausgleichs mit unserer Kraft geben kann. Denn der Entschluß des jüdischen Volkes, Palästina zu seiner nationalcn Heimstätte zu machen, steht unverrückbar fest. Mögen sie es wissen: je mehr junges jüdisches Blut dieser Boden getrunken hat, desto unlöslicher sind wir ilini verknüpft; desto stärker ist unser Wille, in ihm Wurzel zu schlagen. Sobald man uns angreifen wird, werden wir uns furchtlos zu verteidigen wissen. Aber keine Macht der Welt kann uns von hier weichen machen. Aber auch die arabische Bevölkerung des Landes wird in aller Zukunft seine Bevölkerung bilden. Wo zwei Lebensinteressen solcher Wucht einander treffen, gibt es nur eines: Verständigung. Und alle diejenigen, dic diese Verständigung hintertreiben wollen, die daran interessiert sind, Haß zu säen, sind schuldig des Blutes, dns 1111 Namen des Hasses vergossen wild. Der nationale Wille des jüdischen Volkes muß die Araber Palästinas davon überzeugen, daß sic die Kriegssclireicr abschüftcln' und den einzig mögliehen Weg gehen müssen. Schweigen wir davon, daß auch ihr Nut&n es gebietet. Das Leben selbst wird es lehren. Kann man sich vorstellcn, wie groß die Sehnsucht der Araber nach der jüdischen Einwanderung werden würde, wenn heute die Juden das Land verließen, alle Preise fielen, die Produzenten keinen Absatz, die Händler keinen Markt hätten, die Arbeitsgelegenliciteii verschwänden, alle kulturellen find hygienischen Institute verfielen, Palästina wieder dns armselige, wüste Land wäre, das es Jahrhunderte hindurch war, bis mit der jüdischen Immigration die Anfänge zu neuer Kultur, neuer Wohlstand und fruchtbares Leben sich bildeten? Ungeachtet der Trauer und der Verbitterung, die uns erfüllt, haben wir — wir, und niemand anders für uns, diesen Weg zu beschreiten; alles zu versuchen, was zu der Politik der nationalen Verständigung führt, dic uns von einer clenicntaren politischen Erkenntnis diktiert ward. Professor Eiostein in England Professor Einstein ist am S. Juni in Liverpool cingetroffen. In einem Interview mit dem Korrespondeuten des ״Daily Expreß“ sagte er, 11. a.: ״Meine zweimonatliche Vortragsreise Ln Amerika war für eine andere Sache (als die Relativitätstheorie) unterrvommen, die mir sehr am Herzen liegt: den Zionismus. Ich bin mit meinem ganzen Herzen interessiert an der Errichtung einer Universität in Jerusalem, und wir haken schon die praktischen Sicherheiten für eine medizinische Fakultät geschaffen.“ Von Liverpool begab sich Ein׳- stein am selben Abend nach Manchester. Eisenbahnverbindung mit dem Ostjordanlande• ‘™®" Haifa und Aman, der Residenzstadt des Emir Abdullah im Ostjordanlande, verkehrt neuerdings wöchentlich ein direkter Zug.

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