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Jüdische Rundschau · 1921-06-10 · Heft 46-47 (10.6.1921) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 46-47 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 334 Nr. 46,47 JUED1SCHE RUNDSCHAU sfc zur Rulic“. — Aber wie hart verurteilt das Leben diese unglückselige!» Geschöpfe! ״Ihnen gegenüber feiert nun Feste um! tobt voller Lebenslust und Kraft, und sk liegen in ihrem Winke! hingekauert wie verstoßene Waisen mit hungernden furchterfüllten Augen; neben ihnen verschwendet die Sonne ihre goldenen Schätze, ihnen leuchtet sie nicht‘4. , . III. Tiischbi durchschreitet die Straßen, streiit auf den Märkten umher, uml wie er sie schweigend betrachtet und weitergeht, verbittert sich sein Gemüt und sein Herz wird ilun schwer, daß er seine Schmerzet» bczwingen muß. — L>a dringt eine Stimme au sein Ohr, ״ein Mann mit eingefallenem Gesiebt, vertrocknet vom Alter, sitzt über ein zerrissenes buch gebückt, lind während er Lest und seinen Körper hin und her wiegt und dabei eine langwierige Melodie summt, die aus lauter Seufzern und ewigen Wehklagen besteht, wiederholt er diese eingeüblen Töne immer wieder, daß sic wie das Geheul des Windes in einer Ruine klingen.“ Ein tiefes Seufzen «lurehsehüttelt Tischbis Körper und er stößt diese Worte aus: ״Was suchst du, fluchtige Seele, in diesen zerfallenen Ueberresten, wanun klagst du ob der Zerstörung und irrst umher zwischen Mauern, die dem Winde preisgegeben sind?“ Nicht durch die Alten wird das Volk erbaut werden, Nicht von jenen wird uns die Erlösung kommen 1 Da sieht Tischbi Kinder spielen, ״alte Kinder — ihre Körper Haut und Knochen, ihre Augen erfahren und wissend — und sie hiipfei» umher wie junge Böeldein und zwitschern wie fremdartige Vögel, als hätten sie sich selbst vergessen", Zwei von ihnen schauten ihn mit großen, fragenden Blicken an, und sein Name liegt auf ihren Lippen und ilun ist, als wenn er ihn hinter sich nennen hört, und sein Herz ist von Furcht und kam er zu ihnen, mit dem Lied des Begräbnisses ging er von ihnen; doch in seiner Einsamkeit entstand ״das Lied von dem Reigen der dräuenden Himmelscrschcinungen“, das einzige, das die in ihrem Leben abge* storbenen Menschen erzittern und von ihrem, Lager aufrütteln kann, so daß sie staunend fragen würden: ״Wo sind wir, leben wir oder sind wir tot?“ Dieses Dräuen, diese Gewitter wurden ja zu nichts anderem geschaffen, als die Ränke aus dem ,Herzen, auszumerzen. V. Nicht lauge Zeit konnte Tischbi seiner Einsamkeit leben, die großen Nöte und die Qualen seines Volkes ließen es nicht zu. So machte er sich auf den Weg zu den Trauernden, und wenngleich ihre Zerrüttung unendlich groß war und ihr Kummer unnennbar, so kam doch aus Tischbis Munde kein Wort des Trostes. Eine bittere Weissagung prophezeit er ihnen und vorrät ihnen, da sie ihn für einen Fremdling halten, der nur gekommen wäre, noch Salz auf ihre brennenden Wunden zu streuen, — daß er Tischbi wäre. Doch sie glauben ihm nicht und treten auf ihn zu, um seinen Mantel und seinen Gürtel, anstatt die Wahrheit seiner Worte, 7.11 untersuchen. Das war für Tischbi Zeichen genug, sich von ihnen zu lösen und wieder in seine Einsamkeit zurückzukehren. Doch nicht lange hielt es ihn dort, und als er wiederkehrte, prophezeite er seinen gepeinigten, unterdrückten Brüdern ״kommende Tage, böse, finstere Tage“. Da erzitterte der eine oder andere von ihnen vor dem Kommen dieser Tage und betete für sich und für das ganze Volk Israel um den Tod, Aber der Schützer des Volkes steht noch immer da und driingt sie zur Tat und ruft ihnen zu: Wachsetl und Tischbi steht ihm zur Seite und vollendet, denn er hört Gottes Stimme ihm verkünden: Wir alle stehen augenblicklich auf dem Wege zur Erlösung, wir stehen allein, ohne Tischbi, der, noch ehe er die Verwirklichung seiner Prophetie erleben konnte, nach oben abgerufen wurde. Und da wir min keinen Propheten haben, der den Weg zu unserem Herzen gefunden hätte, dessen festes Schloß aufgebrochen und das Innerste aufgerüttelt hätte, werden wir von Zeit zu Zeit ohnmächtig und schwach. Darum sei der Dichter Kalian gesegnet, daß er uns in dieser Zeit die Prophezeiung Tischbis verkündet hat. Alle Feucrmale und Brandwunden der Seele, die in dieser starken Schöpfung verkörpert sind um! die selbst zwischen den Zeilen gären, werden auch das Herz des Lesers erglühen lassen. Ein jüdischer Mensch wird dieses Buch nicht schließen, ahne unendlich erschüttert zu sein; uml die Welle der Tränen, die aus den Augen des Dichters floß, als er die letzten Zeilen zu Ende schrieb, wird ungezählte Tränen aus den Augen von tausend und aber tausend unserer Volksgenossen wachruferv und sich in einer großen Quelle sammeln, in einer Quelle des Trostes und des At> Sporns zum Werk 1 Berlin. Joseph Fink. Neuentdeckte Briefe des Baalschein Der bekannte hebräische Schriftsteller Hillel Zetl i n macht in ״Haiwri“, New York, Mitteilung über während der russischen Revolution entdeckte Briefe des Baal sehen! an seine Freunde lind Schüler. Aus den Briefen, die von großem historischem Wert sind, gellt 11. a. hervor, daß er nicht, wie die Sage erzählt, Sohn eines einfachen Dorfjuden war, sondern daß sein Vater Rabbiner war. Banguis gepackt; ״eine Inseider Hoffnung verbirgt sich und schimmert zu gleicher Zeit hindurch zwischen Wellen und Sturm“. Diese Kinder, wenn sie auch alt sind, sic sind das letzte Geschlecht der Knechtschaft und das erste der Erlösung. IV, Aber der Weg zur Erlösung ist noch weit und fern. Nur ״schlaues Lächeln, listige Winke und Spöttereien hörte Tischbi in seiner Umgebung, als er seinen Brüdern die bittere Wahrheit über ihr Leben verkündete, über dieses Leben, das dem eines Hundes ähnlich ist und einem Leichnam ״leicht mit seinem häßlichen, verwesenden Geruch. — Furcht vor der Wahrheit ist auf den Gesichtern der Hellsehenden zu lesen, die Augen haben und nicht sehen wollen, während die Blinden dagegen, von denen das Lieht gewichen war, hellsehend wurden und lieber nach dem Tode trachteten, als auscrwiihlt zu einem Leben, zu einem solchen I verachtungswürdigen Leben, zu! werden“. " i Uml der Blinde singt und stöhnt: ״Licht, Licht, wer wird mir Licht geben, ich mochte die Sonne sehen mir einen vorübergehenden Moment meines Lebens!“ Wahrlich, er betet um einen Moment Lichtes, um einen Augenblick Lehens in der Freiheit. Tischbi fordert von dem blinden Alten seine Harte und er beginnt darauf zu spielen und singt das Lied von dem großen Begräbnis. Welch einen Eindruck macht dieses letzte Lied auf die Menge der lauschenden Zuhörer! ״Friede sei 111.it dir, unser Bruder, woher kommst und wer bist du, du großer Säuger?“ Doch Tischbi wendet sich voller Wut und Zorn j und wildpoclienden Herzens von ihnen ab und begibt j sich in die Einsamkeit. Mit dem Lied der Auferstehung j ״Steige zun! Berge Karmel hinauf־ und wende dein Angesicht zur Morgensciic und lasse einen heiligen Weckruf zu allen Verstreuten des Galuth dringen,“ Endlich nabt die Erlösung; auch «1er Tag des Gerichts und der Vergeltung wird kommen; das Gericht für jedes mit unschuldigem Blut befleckte Gewand und die Vergeltung für jede zerrissene Tliorarolle. Dann wird der uralte, längst vergessene Gott alle Völker zum Gerichtstag zusammenrufen; doch wenn sie dann von ihren bösen Taten zurückkehren würden, dann würde auch ״der zürnende Gott sein Haupt langsam erheben und Zufriedenheit würde seine Miene ausstrahlen“, und er würde verzeihen, denn ־wenngleich er ein eifervoller Gott ist, so ist er docli in viel größerem Maße langmütig und voll von Gnade. VI. Von nun an verließ Tischbi seine Brüder und Schwestern, die allmählich an ihrer Pein zugrunde gegangen wären, nicht mehr, sondern ging unter ihnen ein und aus, und nur ein Gebet strömte aus seinem Mumie, daß Gott ihn stärken und ermutigen möge, die Last seines Volkes zu tragen und ilun den Weg zur Erlösung freizumachen. Jetzt erfuhr man auch in Jaakob über Tischbi; die Herzen seiner Brüder wurden wach und die Fäden ihrer Seele bewegt, alt tmd jung strebte der Erlösung entgegen. Ja, cs wird kommen, daß eines Morgens eine heilige Erleuchtung wie ein Blitzstrahl die Gedanken eines schönen und bescheidenen Mädchens durchzucken wird: ״Ich werde den Maschine!! gebären!“ Die zweite Abteilung besteht aus vier Wissenschaftliehen Abhandlungen, von denen jede einen Teil eines selbständigen Buches bildet. Der erste Aufsatz von Dr. Simon Beruf cid ist eine Einleitung zu den Gcschiebtsbüchcm der Bibel (Samuel I). in den früheren Bänden der ״Hat’kufa“ hat Bern feltl bereits meltrere ähnliche Einleitungen zu verschiedenen Teilen dei Bibel veröffentlicht, die nach ihrem Erscheinen zu einem Buche vereinigt werden sollen. Es ist dies die erste ausführliche, von einen! Juden in hebräischer Sprach« geschriebene Einleitung• zum alten Testament. Dei zweite Aufsatz ״Jüdische Zeitrechnungen“ von Born■ stein ist das letzte Kapitel der bereits früher ver üffcntlichtcn Teile eines großen, dieses Thema bchan dclnden Werkes. Auch der dritte Aufsatz ״E i n f ü 11 rung in den So har“ von Hilel Zeitlin ist cit Teil einer größeren Arbeit über den Sohar, mit den sich Zeitlin seit längerer Zeit beschäftigt. Der in de vorigen Nummer der ״Hat’kufa“ abgedruckte erste Tei behandelt die Entstehungsgeschichte des So h a r, wahrend der vorliegende zweite Teil in die Lehret in o!'ar• cin!ührt• "er vierte Aufsatz von Raw Zai (tJr. Gliajim T sch e rno wi tz) behandelt die letzte! Kodmkatorcn und bildet somit den Abschluß eine grollen, nur auszugsweise veröffentlichten Werkes übe aut Unsere Tag?* Rcd״cs von dcr Bibcl bi w; 9..cdichtcn bringt dieser Band außer de wÄlrr״ D'Cl'nr׳ WiC dcs obc" erwähnte Wo fowsk 1 sowie Poliakewitsch und Hai cFu” '״0״ David Schimon« sehr schöne Ballade von ״Jakob Kfh" MEter^ubc rtutor. tu! wertvoller Beitrag dieser Abteilun״• Ut die von den! früh verstorbenen Jakob Lcrner herrä «ende Uebersetzung eines orientalische״ P^״!s 7 ma1 Bey > des russischen Dichters M. Leroktoff ” An Kritik brachte ״Hat’kufa“ einen Aufsatz von dein in Berlin lebenden Dr. D. A. Fried mann über ״Genießerpoesic“. Fncümann knüpft an die vor kurzem im Stybel-Verlag erschienene Uebcrj setzun״ der Gedichte von Anakrcon au, die Tsciierj nichowski aus dem Original ins Hebräische übertragen! hat, und weist darauf hin, daß die Annahme, die jüdische j Poesie zeige wenig Lebensfreude, falsch ist. Außer i dem Hohen Lied besitzen wir besonders in der mittelalterlichen Dichtung eine ganze Reihe von Gedichten, die von Lebensgenuß und Lebensfreude überströmen. Er weist ferner auf die zahlmcltcn religiösen Gedichte und die Gedichte der Kabbalisten hin, in denen sehr viel erotische Elemente vorhanden sind, wenn sie auch nicht in der Form zum Ausdruck kommen, wie wir sie in der nichtjüdischen Literatur finden. Im siebenten der ״Briefe über Literatur“ beschäftigt sich Frisch mann mit dem Rätsel, vor das die Welt durch die soeben veröffentlichten Briefe der Rosa Luxemburg gestellt wurde. Niemand, der Rosa Luxemburg nur oberflächlich nach ihrer politischen Tätigkeit beurteilt hatte, würde in dieser extremen Politikerin die für die Vernichtung der gegenwärtigen Kultur eintrat, etwas anderes als eine engherzige Parteiführerin, als eine verbitterte, hysterische Frau sehen. Die Briefe zeigen uns einen ganz anderen Menschen, liebevoll, zartfühlend, den Blumen und Tieren verwandt, voller Verständnis für Kunst und Poesie. Dieses Rätsel beweist uns, dal! jede Kritik schließlich nur das ist, was der Kritiker sehen will oder zu sehen glaubt, ln die Tiefe def Menschensecle kann er doch nicht blicken. Literarische Notizen über lebende und verstorbene Schriftsteller und Wissenschaftler und bibliographische Aufzeichnungen über jüdische und nichtjüdische Bücher schließen den reichhaltigen neunten Wälzer der ״Hat-׳ 1™י»"• Ch. A. K. Bücherschau הרעיון הציצית, בישראל. Geschichte der jüdischen Mcssianulogic, kritisch untersucht und im Rahmen der Zeitgeschichte dargestellt. Dr. J. Klausner, Jerusalem. Zweiter Teil. Apokryphen und Pseudoepigraphen. Noch als Student faßte Klausner den originellen Gedanken, die inessianisehen Vorstellungen des jüdisehen Volkes von den Uranfängen unserer Geschichte bis auf die letzte zu schildern und sie aus der Entwicklung der historischen Ereignisse zu erklären. Dieser Plan ist direkt ein Schulbeispiel für den Unterschied zwischen den jüdischen und den christlichen Gelehrten in der Auffassung der ״Wissenschaft des Judentums“. Für die christlichen Gelehrten mündet die Mcssianoiogie in die Christologie. Nach dem Christentum gibt es für sie keinen schöpferischen Geist des Judentums mehr. Klausner wollte uns die Vorstellungen des g e s a m t c 1! jüdischen Volkes von der ethischen, sozialen und natio* nalcit Erlösung der jüdischen Nation und der ge* samten Menschheit sowie von dem Träger, dem 1 lao die» scr Erlösung, dem Erlöser, dem Messias übermitteln. Mit der Bibel anfangend, wollte Klausner das jüdische Ideal der Erlösung und ilcs Erlösers in der uadtbiu'isdien lind talinudisdien Literatur darstellen, mit uns durch die mittelalterliche Kabbalah wandert! und uns in die Gedankengätigc des netteren Zionismus sowie der jungsten zionistisch-sozialistischen Parteien einweihen. Es ist eigcntlicii die Geschichte des Zionismus in weiterem Sinne, nicht als Bewegung, sondern als nationales Ideal. Zuerst erschien der dritte Teil (Deutsch, als Doktorarbeit in Heidelberg), der das Zeitalter der Tana i ten behandelt. Darauf folgte der erste Teil, und jetzt der zweite. Letztere beiden Teile waren vorher in ״Haschiloach“ erschienen. Der Verfasser hat in ilt ten viele Vorarbeiten der christlichen. Bibelforscher unter jüdischnationalcm Gesichtspunkte verarbeitet. Mit diesen drei Teilen schließt die erste Epoche, die palüstine ns i sehe. Gespannt warten wir auf die folgenden Teile dieses interessanten und wertvollen Werkes. K. * Rosinkcss mit Mandlcn. Aus der Volksüteratur der Ostjuden. Gesammelt von Dr. Immanuel Olsvangcr. Basel. Verlag der schwcizciischct» Gesellschaft für Volkskunde. 1020. ״Rosinkess mit Mandlcn“ (Rosinen uml Mandeln) waren die bereits aus der Bibel «lern jüdischen Kinde bekannten orientalischen Spezereien. Orientalische Leckerbissen wollte auch Dr. (Olsvanger dem ettropäischcn Publikum auftischeu. Er hat sie aber statt im Osten selbst zu sammeln, zum größten Teil in der Schweiz unter den dort wohnende;! ostjüdischen Kautleuten und Studenten gesammelt. Daher sind mehrere Nummern gar nicht jüdischen Ursprungs. Viele an sich entzückende Anekdoten sind international, uml werden auch dadurch nicht jüdisch, «laß ihre Hehlen jüdisch« Namen tragen. Besonders befremdend ist die Tatsache, daß große Stücke aus dem Talmud liier als ״Ostjüdische Literatur“ veröffentlicht werden.“ Das einzig Schöne in diesem Buche ist die Sprache. AH.c. Anekdoten und Geschichten sind in glänzendem Jkulisch (Litauer Dialekt) wieder,״ogehen. Auch ist die Transkription seltr gut. Das Buch ’ist dalter vor allem für die deutsche Sprachforschung von großem Werte. An-sky hebräisch. In Wilna erschien vor kurzem der erste Band der Schriften An-skys in hebräischer Uebersetzung. Außer dem Drama ״Zwischen zwei Wclten“, das von Bialik übersetzt wurde, sind ir» diesem Bami noch mehrere andere Werke von An-sky, die von Zitron 1ns Hebräische übertragen wurden, enthalten. Die weiteren Bande folgen demnächst. ״»* ״•'־״״“•־״׳luitnan•• ericnemi am 1/. a. n«.

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