Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 46-47 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 329 Nr. 46/47 Rundschau Berti», deu 8. Juni. Verschiedene Blatter verbreite» eine Meldung der ״Times‘', wonach Herbert Sam uel i» seiner Rede vom I. Juni, als er von der Einschränkung der Einwanderung sprach., erklärt habe, man müsse _ei»e strenge Aufsicht organisieren, tun unerwünschte Elemente iern/.uhalten. In letzter Zeit seien eine Reihe von Bolschewisten eingewandert, und es wird daher eine strenge Untersuchttng augeordnet werden, um die Einwanderung von Bolschewisten zu verhindern. Dieser Passus der Rede ist in dem Test nicht enthalten, welcher auf Grund des telegraphischen Berichtes aus Jerusalem durch das Loivdoner Büro uns übermittelt wurde und in der heutigen Nummer unseres Blattes vollinhaltlich abgedruckt ist. Wem» also dieser Fest /»verlässig ist, dann hat Herbert Samuel die erwähnte» Erklärungen nicht abgegeben, W'ir würden es allerdings für außerordentlich bedenklich iuilten, nenn solche Gedanken au offiziellen Stellen überhaupt auftauchten. Das einzige Resultat einer solche» Anordnung׳ könnte sein, daß sämtliche Einwandere!■ vor der Erteilung der Einreisebewilligung (huch eine unerträgliche Inquisition und Gesimitmgsschnüffelet behelligt werden, dail Vorwände für Schikaniertmg und Belästigung der Einwanderer gefunden werden, wie wir sie aus anderen Ländern, bereits kennen, und wie sie mit V'orliebe gerade Juden gegenüber angewendet werden. Daß inan durch, solche Maßnahme» wirklich ho-lseitevvistisch0 Agitatoren von einem Lande fcrnhaltcn kann, dies aii/.uuehmen, wäre zumindest naiv. Noch keinem Lande ist es gelungen, durch solche Mittel sich vor dem Bolschewismus zu bewahren. Gleichzeitig aber gäbe diese Verordnung willkommenen Anlaß zu einer starken Agitation gegen Eng!and und den Zionismus, einer Agitation, die geeignet wäre, die Palästina,sadie in den Augen aller freiluitiicli gcsiluite» Menschen hcrabzusetzen. Neuerdings hat allerdings verlautet, daß die Moskauer Regierung Agitatoren nach Palästina schicken will und sieh hierzu naht mehr der poalc-ziomstischen Kommunisten beda ne» will, sondern echt russischer Agitatoren. Mau dürfte nicht fchlgeltcn, wenn man diesen Plan in Zu- -.mimenhang bringt mit dem bevorstehenden Konflikt zwischen England und den Kemaüsteii. Die türkischen Nationalisten von Angora sind bekanntlich mit Moskau verbündet, und es ist nicht ausgeschlossen, daß Moskau versuchen wird, durch eine antienglische /Agitation südlieh des kleinasiatisclien Kriegsschauplatzes seinen Bundesgenossen zu Hilfe zu kommen. Dies ist mm freilich eine Angelegenheit, die weder mit Bolschewisuuis noch• mit Sozialismus etwas zu tun hat, und es ist selbstverständlich, wenn die englische Regierung sich gegen derartige Aktionen energisch zur Wehr setzt. Aber auch die Zionisten müssen mit aller Macht dagegen Verwahrung einlegen, daß Palästina zur Operationsbasis für derartige Manöver gemacht wird und daß das zarte Leben des Jischuw durch Aktionen gefährdet wird, die völlig jenseits der jüdischen Interessen liegen. Es ist aber unsinnig, wenn die englische Regierung diese Angelegenheit — sofern den Gerüchten und Zeitungsmeldungeu irgendein Anspruch, auf Wahrheit zu kommt — mit der Sache der jüdischen Immigration in Zusammenhang bringen will. % Im ״Jewisli Ommicle“ hat Morris Myer heftige Angriffe gegen die zionistische Exekutive erhoben, weil sie bis heute den Bericht der Reorganisationskomtnisskm nicht veröffentlicht hat und dadurch indirekt ermöglicht hat, daß dieser Bericht als Agitationsschrift gegen sic Zu Schewuoth An diesem Tuge ist die Rede von dem Größten ju Israels Geschichte: der Gesetzgebung am Sinai. Es sei mm gestattet, an diesem Tage davon zu sprechen. Als das Volk aus Aegypten kam, mußte cs den Sinn dieser Befreiung lernen. Aber die Masse w iderstrebte dem Sinn. Sic wollte frei sein, schrankenlos, unbändig, sie wollte tun können, was ihr beliebt, frei ihren Trieben frönen. Da kam an das Volk der Befehl, das Joch des Gesetzes auf sich zu nehmen, und als es sich weigerte, da stülpte der Gott, der es aus der Knechtschaft geführt, ״den Berg wie ein Faß“ auf das Volk: es mußte anuehmen — oder vernichtet werden. Dies ist die Entscheidung: entweder dem Geiste gehorchen oder untergeben. Die Begegnung des Volkes mit Gott auf dem Sinai ist ein ungeheurer, großer Kampf, hei dem es um dns Letzte gellt. Und die Forderung, vor die Israel gestellt wird, ist ungeheuer• 'uh: ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, «iu heiliges Volk I hin heiliges Volk! Dies ist das schlechthin Uiimqg• Lehe, allem Leben Widersprechende, ein endloses Ideal, Wie kann ein lebendes Volk, verstrickt in die Notdurft des Tages, ringend mit der Macht der Materie, umlauert von der Versuchung, wie kann ein ganzes Volk -- ״heilig“ werden! Und dennoch erscholl dieser Befehl, den Sinn des ganzen Sinai-Erlebnisses zusammenfassend; er stellt die ewige, nie erfüllbare, xtets sich erneuernde Aufgabe, Das Letzte und Schwerste, das je einem Volk geboten ward. Das Gesetz der Sittlichkeit, das Israel gegeben wurde, ist ein nationales: nur in der lebendigen Menschengemeinschaft des Volkes zu verwirklichen׳. Alle Einzelgebote dienen diesem Ziel. Eine Menschengcmeinschuft wahrhafter Beziehungen, sozialer Gleichheit, in nunmehr von der amerikanischen Exekutive veröffcnllicht ׳worden ist, Herr Myer beschwert sich auch über die einseitige Information betreffend die Konstitution des Keren Hajcssod, Nunmehr erwidert der Sekretär der Exekutive Herr Landman und erklärt, daß die Reorganisationskommission ihren Bericht erst Ende März vorgelegt hat und daß die Exekutive zunächst eine Acußcrung der zionistischen Kommission in Jerusalem eiiiholcn mußte, da es eine Ungerechtigkeit gewesen wäre, den Bericht ohne Acußcrung der für die Palästioaarbeit verantwortlichen Behörde der Oeffentlichkcit zu übergeben. Die Antwort der Zionist Commission sei aber infolge der Unruhen in Palästina bis heute nicht vollständig in London eingetroffen. Die Veröffentlichung werde sobald als möglich geschehen. Gleichzeitig erscheint eine Zuschrift des Sekretärs des Keren Hajcssod- Direktoriums Leo Hermann, worin dieser die Bedenken bezüglich der Statuten des Keren Hajcssod zerstreut und darauf hinweist, daß die Konstitution lediglich provisorischen Charakter hat. Wenn wir auch die von den letztgenannten beiden Schreibern vorgebrachten Momente voll würdigen, so können wir doch nicht umhin, auch unsererseits auf das lebhafteste zu bedauern, daß die Veröffentlichung des Berichtes der Reorganisationskommission mit so großen Verzögerungen vor sich gellt. Dieser Bericht ist das für die Beurteilung unserer gegenwärtigen Arbeit in Palästina und somit auch zur Vorbereitung der Actkms-Gomitd-Sitzung und des Kongresses vielleicht wichtigste Dokument. Es wäre durchaus möglich gewesen, zuerst den Bericht zu veröffentlichen und daun die Entgegnung der Zionist Goinmission separat nach- Zuträgern Es ist jedenfalls ein ungewöhnlicher Zustand, daß eine Landcsorganisation die wichtigsten Dokmnente der zionistischen Exekutive selbständig veröffentlich!, ln der letzten Nummer von ״New Palestiue“ ist auch der Brief abgedruckt, mit welchen! Simon und de Lieme ihre Demission begründet haben. Als einer der Hauptgründe wird angeführt, daß die Exekutive ohne Befragung der zwei in Palästina weilenden Mitglieder das bekannte Abkommen mit Jabotinsky geschlossen hat, das die beiden Mitglieder sowohl formell als auch sachlich mißbilligen. Dritter Zionistentag des Orients Ko 11 s t a n t i 11 o p c 1, den 22. Mai 1921. Der dritte Zionistentag des Orients ist heute morgen lü Uhr in Koustantiiiopel zusammengetreten. Anwesend waren zumeist Vertieter der zionistischen Gruppen Kenstantinopds. Das Präsidium führte bis zur Wahl des Büros der Tagung, Ihr Dr. Ca leb, der die Eröffnungsredc hielt, die Delegierten begrüßte und ihnen eine fruchtbare Arbeit wünschte. Die Wahl des Büros wurde getroffen, zu dessen Präsident Herr Moni Abraham gewählt wurde. In Anbetracht dessen, daß die frühere Zionistische Föderation des Orients (F, S. ü.) bisher sehr wenig geschaffen hat, und daß manche auf der letzten Tagung gefaßten Initiativen nicht ausgeführt wurden, ist jetzt zu wünsehen, daß der dritte Zionisteutag des Orients die nötigen Maßregeln ergreife, daß in Zukunft wahre Konkreta geschaffen werden. Erfreulich ist cs, daß sich mehrere Gruppen schon vor dem Kongreß in vielem geeinigt und ein bestimmtes Arbeitsprogramm aufgcstellt haben; sie bilden jetzt einen festen Block, s!0 daß die zionistische Bewegung im Orient die besten Hoffmmgen hegen darf. Es sei nicht zu vergessen, daß Konstantinopel eine große Rolle in der zionistischen Weltbewegung spielt und spielen wird. -- Eingehender Bericht folgt. der keine eigensüchtigen Triebe herrschen, in der der Geist das Leben formt: ein heiliges Volk. Wir Zionisten denken oft daran, wenn wir auch nicht davon sprechen. Wir denken daran, daß wir, ein freies Leben unseres Volkes herbeisehnend, für seine Verwirklichung arbeitend, für eine unendliche Aufgabe arbeiten, die unserem Tun den Sinn gibt. Daß es dartun geht, ein Gemeinschaftsleben zu schaffen, das vom Geist gestaltet sein, iu dem Gerechtigkeit höchstes Lebensziel sein wird. Einer der reinsten und besten Menschen, die es im Zionismus je gegeben hat, der leider so früh verstorbene Poalc-Zionist Max Rosenfcld, hat in einer wundervollen, ״Soziale Stcintafeln“ genannten Schrift die Lehre verherrlicht, die auf den Stcintafeln des Sinai über das Gesetz des Zusammenlebens des jüdischen Volkes verkündet worden ist, Wenn wir In allen Kleinlichkciten des Tages versinken und unsere Kräfte verbrauche», wenn wir gegen tausend Widersacher einen mtfreibeiKleii, oft entwürdigenden Kampf führen, gibt dieser Gedanke uns Stärke und Zuversicht. Wir denken daran, aber wir sprechen nicht davon. Aber heute, am Fest des Sinti, ist es notwendig, davon zu sprechen, well der Name des Sinai mißbraucht worden ist, Weil Sinai und Thora zur Staffage eitelster Parteipolitik gemacht werden, was wir iin Interesse der Reinheit des Zionismus nicht zutassen dürfen. Ich erkläre ausdrücklich,־ um keine Mißverstanduissc entstehen zu lassen, daß ich hier nicht von der Orthodoxie spreche und uicht vom Misrachi. Deren Sache ist es, die Erfüllung der Thora, die ihnen wirklieh heilig ist, zu üben, wie sie es verstehen. Aber ich rede von Leuten, die die Thora im Munde führen, ohne sie im Leben zu erfüllen, gegen deren Gebaren der Misrachi zum Schutze seiner Idee sich verwahren sollte; von Leuten, die sich auf den Sinai berufen, um nachzuweisen, daß im Grunde die Entwicklung bei uns denselben Weg gehen müsse wie bei allen andern Das Echo von Jaffa Kundgebung der B. Z. V. Am Dienstag, den 7, d. M., fand im Saale des Tiergartenhof eine von der Berliner Zionistischen Vereiniguug einberufene Protestversamniiung gegen die arabischen Pogrome in Jaffa statt. Die nach mehreren Hunderten zählenden VersanunUiiigsbesiicIier folgten mit größtem Interesse den Ausfülmmgen der drei Redner des Abends, der Herren Kurt B lu m c n f c 1 d , Rechtsanwalt Barth und Rabbiner Dr. Emil Lew, die die Einzelliehen der Vorgänge in Jaffa noch einmal ausführlich schilderten und von den Wirkungen sprachen, die die blutigen Ereignisse auf die Weiterführung des Aufbau- Werkes von Erex-Israel haben müßten. Besonders die Ausführungen des dritten Redners, die darin gipfelten, daß cs für den Zionismus nur einen wirksamen Protest gegen die Ereignisse von Jaffa gebe, dem• einmütigen Willen, den Aufbau Palästinas mit allen Kräften fortzusctz.cn, lösten die stürmische Zustimmung der Versammlungsteilnehmer aus. Von der Annahme einer Protestresolution wurde Abstand genommen, eine Sammlung für die Opfer des Pogroms in Jaffa, die während der Versammlung veranstaltet wurde, hatte ein beträchtliches Ergebnis. Protest der Zionisten Estlands Aus Reval (Estland) schreibt mau uns: Zu Ehren der Opfer der Ausschreitungen in Jaffa veranstaltete das hiesige Komitee der Zionistischen Organisation am Donnerstag, den 12. Mai, in der Synagoge einen Gottesdienst. Nach Abhaltcn des üblichen Oebetes sprachen die Herren Rechtsanwalt Kalmanowstock und Dr. Jo eitel in an. Nach dem Schlußwort des Vorsitzenden des Komitecs, Herrn Pomcranz, wird von demselben die auf der Versammlung gefaßte Resolution vorgelesen, welche von den Anwesenden durch Erheben einstimmig angenominell wird. Gleichzeitig wird eine dre:!׳!iedr1:;e Deputation gewählt, die die Resolution dem hiesige» Vertreter Englands zu überreichen hat. Aehnüche Protcstvcrsaminlungcn wurden in Dorpat, Walk und Narva einbenifen. Die dort angenommenen Resolutionen wurden dem Revaler Komitee mit der Bitte übersandt, sie gleichfalls dem englischen Konsul cin/.uhündigen. Dienstag, den 17. Mai, wurde die Deputation vom englischen Vertreter empfangen, der sein Bedauern über die Ereignisse in Palästina den Zionisten Estlands zu übermitteln bat und versprach, die Resolution unverz.iiglich seiner Regierung zu übersenden. Um die Notlage der Chaluzim in Triest einigermaßen zu lindern, hat das hiesige Zionistische Komitee auf einer Sitzung eine besondere Notfoudskomtnission gebildet und beschlossen, telegraphisch fürs erste 100 £ zu überweisen, welche Summe teilweise unter den anwesenden Kommissiousmitgliedcrn gesammelt wurde. Z v\ i . Der englische Gesandte in Polen für die Aufhebung der Einwanderungssperre Warschau, iO. Mai. (J. C. B.) Der englische Gesandte empfing eine zionistische Abordnung, die ihm ein ausführliches Memorandum über die ungeheuren Schäden der Einwanderungssperre in Palästina übers reichte. Der Gesandte versprach die Forderungen der Juden nach unverzüglicher Aufhebung des E i n w a 11 d e r u 11 g s v c r b o t e s bei seiner Regierung in London wärmstens zu befürworten. Völkern, daß wir keine ״verstiegenen" Forderungen stellen dürfen, daß wir uns dem Leben anpassen müssen; die den Sinai als Vorwand benützen, um jeden wirkliehen Eingriff in die Trägheit ihres Lebens abzuwehren. Auch solche Anschauung ist möglich und sie kann von ganz rationalistischen Nationalisten durchaus vertreten werden. Aber auf den Sinai darf sich nur berufen, wer weiß, daß es um das Letzte geht, um letzte Entscheidungen, um höchste Anstrengungen und unerbittlichen Ernst. Im ganzen Bereieli der Geistesgeschichte gibt es nichts, was jedem Kompromisse so entgegengesetzt ist, was so sehr Unbedingtheit und Ausschließlichkeit fordert wie die Lehre vom Sinai, Denn auf dem Sinai brannte ein ״verzehrendes Feuer“! Es ist keine alltägliche Forderung, ein heiliges Volk zu sein; kein anderes Volk hat solches am Anfang seiner Geschichte, fortwirkend durch alle Geschlechter, Wir sind kein heilige» Volk, Wir sind heute ein erbärmliches Häuflein schwacher Menschen, Wir habe» noch vieles zu tun und viel zu arbeiten, um uns auf die Beine zu bringen, auf daß wir der ewigen Forderung ins Gesicht schauen können. Darum reden wir nicht vom Sinai, wenn wir auch manchmal seiner gedenke». Aber wir werden nicht dulden, daß mit seinem Namen Unfug getrieben wird, daß man in seinem Namen Ideen und Anstrengungen verhöhnt, die immer noch mehr von seinem Geiste haben als die Selbstgerechtigkeit von Thora-Schwarmern, die kaum die Oberfläche des Gesetzes wirklich respektieren. Die jüdische Sage erzählt, daß Gott nach dem Auszug aus Aegypten den Israeliten die Thora nicht geben wollte, weil sie von der jahrelangen Knechtschaft und Fronarbeit verkrüppelt waren. Erst mußten ihre Rücken wieder gerade gemacht werden. — Großer Gott, mach unsere Rücken wieder gerade! Robert Weltsch.