Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1921-06-03 · Heft 44 (3.6.1921) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 44 (3.6.1921)
Date
1921-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2652316-2652354--14060-2671844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nr. 44 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 315 t 11er sinlen len ina 11 cli zur .c!1. ווה׳ ser len Be. enbst lng ese c!1t ins ten en. che Jen eil. her die olk ber iisa• jahr Jer“ l!ieh eher I in »iert eits. t zu du• ände ldclt son- und che 11 ihrer ■ßere A r - msatsche! zu• edernerktzten v e rvon idle» t die ältern i 6• iten Mil!■ ntcrdie ußert der Der;«neu * mit 1 ah* die nicht •acke darrten, atvnt. die wurimpft t fob ange- Jrand ,sie und beim 1 Mi- : eine . Ein i ent* } das zarten jlaitb- 1■ נ! t!1 l I I 1 ) 1 t ■f i i! j Rundscbau Churchill — Wcizm&nn ־־־ Storgard Berlin, den 1. Juni. Itoiuierstag soll Churchill seine lange erwartete• Erkkirung über die Politik des Mittleren Ostens im ca י■;istlicn Pariaincnt »hgehen, Es wird berichtet, daß am gleichen Tage llerhcrt Samuel eine öffentliche Rede über die Lage halte» wird, welche sich insbesondere mit der Frage der Immigration beschäftigen wird. Wir erwarten mit großer Spannung diese zwei wichtigen Kundgebungen, weiche für die zionistische Politik und die Arbeit der nächsten Zeit von entscheidender Bedvutimg sind. Churchill hat bereits während seiner Anwesenheit in Palästina sich eindeutig auf die Politik festgelegt, die England seit der Balfour-Deklaration beobachtet und wiederholt bekräftigt hat. Es ist kein Zweifel, daß die letzten Ereignisse in Palästina mit der offenkundigen Absicht inszeniert wurden, um vor der engiisehen Purlameiitsdcbal tc über die Palästiuafrage Material zu liefern, das im antijüdischen Sinne ausgebeutet werden kann. Wir keimen schon aus den letzten Verhandlungen des Oberhauses alle die Argttmente, die zweifellos auch diesmal wieder auf marschieren werden. Eine grolle Rolle wird dabei sicher das (icspenst des Bolschewismus spielen, das in geschickter Weise von verschiedenen Agenturen einschließlich ״liavas״ beschworen wurde. Den Arabern ist cs mundgerecht gemacht worden mul sic sind selbst diessiert worden, hei allen möglichen Gelegenheiten zu betonen, daß sie die jüdische Einwanderung aus Angst vor dem llobchew isimts ablehncn. Dabei ist kein Zweifel, daß die Araber selbst sehr weit von einem Verständnis der ■*i/iak'U Probleme entfernt sind, zumal ja die bolscheu :'stisehe Politik im Orient rein machtpolitisclic Wege geht, ohne sich viel um die soziale Revolution zu ].;"immer». Die Bolschiwiki haben• •sich mit Kemal verhm,Ict, und England hat dieses gegen Frankreich ger chtetc Bündnis unterstützt; es ist kein Wunder, daß geratle französische Quellen sieh dadurch rächen, daß -ie den Engländern bei allen Anlässen bolschewistische (,etabren in den von ihnen verwalteten Gebieten an die Wand malen. Die jüdische Oeffentlichkcit muß ein 111 r alle Male verlangen, daß dieser Unfug aufbört, und daß man nicht alle möglichen politischen Schachziige durch Argumente zu maskieren versucht, die damit in Wahrheit nichts zu tun 11:theu. Es war ein schwerer Fehler Herbert Samuels, daß er sieh hat verleiten lassen, im ersten Coinmunique einen Zusammenhang zwischen 11er kleinen kommunistischen Maifeier und dem sei: vielen Tagen wohl vorbereiteten Pogrom zu konstruicren. Die Judenfeinde, die auf die Anklagebank gehören, werden sieh zweifellos auch diesmal vermi's.-eu, wieder als Ankläger aufzutreten. Es wird auch das Argument wivderkchrcn, daß die jüdische Minorität die arabische Majorität unterdrücken will. Wie so oft haben wir auch diesmal wieder den Fall, daß die entgegengeset/ten, einander widersprechenden und auf. hebenden Vorwürfe gegen die Juden gerichtet werden. Einerseits wollen sie die Araber unterdrücken und ausbeuten, andererseits machen sie bolschewistische Propagamla, von der ja, wie immer man über sie denken mag, zumindest zugegeben werden muß, daß sie für eine Verbrüderung mit den Arabern und gegen jede Ausbeutung auftritt. Seit den Vorgängen von Jaffa ist ein ganzer Monat verflossen und das provisorische Einwandentngsverbot ist noch nicht aufgehoben. Wir werden hören, was Churchill und Samuel über diese Frage zu sagen haben. Es war jedenfalls eine durchaus unkluge Maßregel, gegen die die jüdische Oeffentlichkcit auf das schärfste protestieren, muß. Sie steht im schärfsten Widerspruch imf der Politik der Errichtung der nationalen Heim- Stätte. Das Einwamleritngsverbot ist ein politischer Schritt, und cs geht auch nicht, es nachträglich etwa mit wirtschaftlichen Motiven zu begründen. Zunäciist muß die politische Frage ganz klar fcstgestellt sein, sonst wird immer wieder die Gefahr bestehen, daß durch Terror und Pogrome ״provisorische“ Maßregeln dieser Art erzwungen werden. Die nächsten Tage werden zeigen, wie die verantwortlichen Männer und englischen Politiker sich die Lösung vorstellcn; dann wird darüber gesprochen werden können, wie 'die zionistisch-e Politik darauf reagieren muß. X Dienstag, den 7. Juni 1921 abends 8 K Uhr im großen Saal des Tiergartentiofs am Bahnhof Tiergarten der Berliner Zionisten anläßlich der Unruhen in Palästina Ketin e r: Rabbiner Dr. Emil Levy Kurt Blume-nfeld Ahron Barth ———— . -! ■ Eintrittsgeld zur Deckung der Unkosten 1 Mk, Wir bringen in der heutigen Nummer einen Brief Wciz manns über den amerikanischen Zionismus. Der Brief ist von einer Schärfe, die nur durch die Erregung verstanden werden kann, die der entnervende und aufreibende Kampf mit den amerikanischen Füllrern erzeugt hat, Wcjz.man» fällt über den anieriku- »ischcn Zionismus ein geradezu vernichtendes Urteil, Er sagt nicht mehr und nicht weniger, als daß der Zio nismus in Amerika zusammeiigcbroelicii ist oder eigentlieh niemals existiert hat, und daß er von neuem von Grund wieder aufgebaut werden muß. Wcizmattn schiebt die Schuld an diesen Zuständen den Führern zu, die keinen Zusammenhang mit dem Volk haben, seine Sprache nicht sprechen und es verabsäumt haben, die zionistische Sache durch eine entsprechende Propaganda den Massen nahe zu bringen. Dieser Brief zerstört eine Illusion, der man sich lange Zeit in Europa liingcgeben hat. Er zeigt aber gleichzeitig ungeheure tunte Aufgaben, die durch die erprobten und geschulten Zionisten zu erfüllen sind: die Gewinnung des amerikanischen Judene — ■■■■ ff■!■ »!«;׳il. fff■1■ 1■ IN WW* W"" ,1.■11;■S'i!:!■!.!.■■ li. ü» J 1'י■U■*■■ ■*■ÜB?*11 ״!ÜB U l[■■■1MJ.1 ü. ׳. .׳■J tums, das heute die größte kompakte jüdische Masse»־ Siedlung darstcllt. Eine solche Arbeit crfor.lett eine lange und mühevolle Erziehung. Wenn!«-וני sieh mit Gchlsnmincln mul obcrflächlMier Agitation begnügt, dann hat man auf SanJ gen..1:׳ und riskiert solci.e Resultate, wie wir sie heute in Amerika erleben. IXe zionistische Arbeit muß in Amerika sofort in größten» Umfange aufgenommen werden, da der Aufbau Par lüstinas vom amerikanischen Judentum abhängt. Aber gleichzeitig muß daraus eine Lehre gezogen werden, daß nur jener Zionismus Standfestigkeit mul Dauer hat, der die ganze Seele des Menschen erfaßt hat, der durch Erziehung, Vertiefung und Verinnerlichung über eine!*arleisache oder Vereinssaeiie hinan .gewachsen ist. Ob die Convention in ClevelanJ am 5. Juni bereits den Anfang einer neuen zionistischen Epoche in Amerika bilden wird, wird davon abhüngen, ob eine geeignete Führung in Amerika heute schon zu linden ist, die die nlten Führer abzulösen imstande wäre. * Die Vorgänge im Intermertcnhiger in Stargard, über die wir heute berichten, sind so unglaublich und uuerhört, daß die ganze Oeffentlichkcit das größte Inter* esse an schleuniger restloser Wiedergutmachung hat. Zurzeit, wo in Leipzig deutsche Kriegsverbrecher sich zu verantworten haben wegen Mißhandlung von Ge• fangenen, Roheiten und Gemeinheiten, begangen an wehrlosen Internierten, zur selben Zeit geschehen in (der deutschen Republik Schandtaten, die den Vergleich mit jenen Verbrechen nicht zu scheuen brauchen. Wir verlangen eine sofortige strenge Untersuchung nicht nur des letzten Falles, wo man Juden verbrennen lassen wollte, sondern der ganzen völlig unhaltbaren Zustände int Lager. Wir fordern, daß die Schuldigen bestraft werden und daß den Geschädigten voller Ersatz geleistet wird. Aus der Mitteilung des Arbeiterfürsorgcamtes gellt hervor, daß das Ministerium sieh der Sache mit anerkennenswerter Schnelligkeit angenommen hat. Abet wir können uns nicht damit begnügen, daß der Einzelfall untersucht wird, wir verlangen Acnderung des Sy stems. Wir protestieren dagegen, daß unschuldige Menschen wie Verbrecher in Internierungslagern zusaiimtengepfercht und dort physisch und moralisch ruiniert werden; wir protestieren dagegen, daß man heute noch ״Ausländer“ mit der Brutalität behandelt, die man in der großen Zeit gegen ״Feinde“ an wenden zu müssen glaubte. Die Internierungslager sind ein Schandfleck der deutschen Republik und müssen sofort abgcscliafft werden. Dafür muß sielt nicht nur die jüdische öffentliche Meinung ciusetzcn, sondern alie gutgesinnte 11 Deutschen, die eine Fortsetzung der Kriegsl verbrechen und der Betätigung des Kriegsgeistes ver* abscheucn. Tagung der jfidUchcn Volksschulen in Amerika New York, 16. Mai. (J. C. B.) in Philadelphia fand eine Konferenz der jüdischen Volksschulen in den Vereinigten Staaten statt, um die Bewegung der sogenannten ״n a t i o n a I ra d i k a I c 11 Schulen“ einlicitlich zu gestalten. Nach einer stürmischen Debatte über die Frage der Zulassung von zwei poalezionistisehen Delegierten, die mit gewissen Einschränkungen bejahend beantwortet wurde, wurde u. a. die Einführung einer Schulsteuer, die nach der Zahl der die einzelnen Schulen besuchenden Kinder zu bemessen ist, beschlossen. Die Tagesordnung erschöpfte sich hauptsächlich in der Debatte über das jüdische Lehrerseminar, dessen Budget durch eine außerordentliche Sammelaktion von 5Ö01X) Dollar sichergestellt werden soll. 1 Hebräer in Berlin Von H c b r a i c׳ tt s. Im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege schien sich in Berlin ein Kreislauf zu vollenden, der vor ungefähr 150 Jahren von da aus seinen Ausgang genommen hatte. Die ticuhebriiischc Literatur der letzten hundert Jahre war in ihrer ursprünglichen Form der ״Aufklärung“ (llasknla) so sehr ein Berliner Kind, daß noch vor 50 Jahren ihre Anhänger in Rußland, die sich längst vom romantischen Berlin der Lessing und Schiller abgewendet und sich nach dem niltilistischen Petersburg der Pissnrew und Michajlowsky geselmt haben, als ״Berlintschikcs“ (Berliner) gescholten wurden, Aber Petersburg und Moskau versagten den jungen Sdirit'trtcllcrn das Gastrecht und schlossen immer enger ■Itre Tore vor der Aufklärung und europäische Kultur "tibemien jüdischen Jugend, Diese mußten »Ich "irtlcium gen Weiten wenden, der zwar lange nicht 'iti-iir romantischer, immerhin doch noch gastfreundlicher 1R der Osten war. Der erste große Etappenpunkt auf dem Wanderungswege der ostjüdischen Jugend nach Westeuropa war Berit», das neben Wien ein Sammelpunkt für hebräische Schriftsteller wurde, die teils dauernd, teils auf ihrer Weiterreise sieh in Berlin aufliieltcn. So wohnten hier vor dem Kriege M, J. Berdyczewsky, S. j, liurwitz, Cli. Tsdiernawitz, Jacob Kahan, S. Schneur, Simon Bernfcld, Agnon. Ein paar Tage vor Kriegsausbruch kam auch Fichmann, um seine Uebersiediung naeh Berlin vorzu bereiten. Oft weilten hier David Frischmann, Klatzkin u. a. Es existierte hier ein hebräischer Klub, der von hunderten liier Studierende» und hebräisch sprechenden Studenten besucht war und in dem jeden Mittwoch Vorträge über die verschiedensten Fragen des jüdischen Lebens mul der ■jüdischen Literatur gehalten wurden. Das Zentrum der damals gegründeten ״I iistadrut Iwrit“ (hebräische Kultur-Liga) war ebenfalls Berlin. Ein würdiger Ausdruck dieses Lebens waren die von S. J, H u r »v i t z. hernusgegebenen Hefte des ״H c a t i d“ (Die Zukunft), die der ernsten Erörterung der sclnvierigsten Probleme unserer Kultur, Geschichte und nationalen Bewegung gewidmet ,war. Der Kriegsausbruch hat zunächst diese Tendenz Berlins, sich zu dem wichtigsten Mittelpunkt hebräischer Kultur in Westeuropa zu gestalten, jäh unterbrochen. Die Lebensfäden, die Berlin mit Warschau, Odessa, Petersburg und Wilna verbunden haben, waren durchschnitten. Die Studenten waren teils interniert,! teils ausgewiesen. Man versuchte zwar während des Krieges die Tätigkeit des Klubs wieder aufzunchmen, aber die Arbeit wollte nicht recht gelingen; es fehlten die Kräfte, es fehlte der Mut, es fehlte die Stimmung. Hingegen hat der Krieg um! noch mehr der Au!־ gang d«1 Kriege» die liitbriiUehcn Chancen Bei lim wieder gesteigert. Die großen Zentren hebräischen Leben», Odessa, Kiew, Moskau, Petersburg, Charkow, die besonders während der Regierung Kcrcnski eine nie geahnte Höhe erreicht haben, sind während der Balschewistenhcrrschaft, teils mit, teils ohne Absicht vollständig lahmgctcgt worden. Die hebräischen Schulen sind geschlossen, die Bibliotheken konfisziert, die Verlagsanstultcn nationalisiert, hebräische Bücher dürfen nicht mehr verlegt werden, da die Regierung weder das Papier, nach die Druckmaschinen dazu!»ergibt, und die Schriftsteller hungern. Wer es kann, flüchtet nach dem Westen.!Und wiederum ist Berlin die erste Etappe des flüchtenden Hebräers, der liier nkäit mehr ״Aufklärung“ und Bildung, sondern sein täglich Brot und die nötige Ruhe sucht, deren Mangel ihm in Ruföand ן jegliches Schaffen verleidet, wem» nicht unmöglich macht, j So erscheint nun, nachdem Odessa, Moskau und Petersburg gänzlich ausgcschaltet, und War sch au und Wilna durch die politische und wirtschaftliche Misere Icistungsunfähig geworden sind, Berlin als das wichtigste Zentrum auf dem Kontinent. Es wohnen liier dauernd Dr. S. Bernfeldt, Dr. Berdyczewsky, S. Schneur, Dr. Cli. Tschcrnowj tz, D. Frisch mann, S. J. liurwitz, Dr. A. Fried mann, Ch. J c w i n, S.ii. Streit, J. Steinberg, Dr. N. Simchoni und andere jüngere Schriftsteller. Mehrere, wie J. Fiel»- mann, J. Kopie witz, B. Ka tz, haben sich zur Uebersiediung nach Berlin angcmeldet. Neuerdings ist auch P. L a c 11 o w c r, Generaldirektor des angesehensten Verlages Abraham Joseph Stybel nach Berlin übergesiedelt, um die Haupttätigkeit des Verlages hierher zu verlegen. Das wird eine wertvolle Bereicherung des hiesigen hebräischen Lebens sein. Auch andere hebräische Verlagsplänc sind in Vorbereitung begriffen, die von den aus Rußland zuitrömeiide» Kräften ins Lehen Berufen werden sollen. War ei noch vor einem Jahre 11011 unmöglich, in Berlin «In hebriiwehes Buch *u be- 8ri1uffen, so bieten die in dem letzten Jahre gegründeten hebräischen Buchhandlungen eine reiche Auswahl an Werken älterer sowie moderner hebräischer Weise. Sollte cs sich bewahrheiten, daß Bialik, Tsehe rni c 11 o w s k i und R a w n i t z k y, die sidi gegenwärtig bei der Sowjetregierung um eine Ausreisebewilligung bemühen, nach Berlin zu kommen gedenken, so wüte damit dem hebräischen Berlin die Krone aufgesetzt. Wie es heißt, sollen die hebräischen Schriftsteller in Odessa trotz der unsagbaren Leiden, die ihnen wie allen. Ödessaern nicht erspart geblieben sind, unschätzbare Werte für die hebräische Literatur geschaffen haben. Bialik wird nach Berlin die Tradition der Odessaer Gruppe verpflanzen, der in der Geschichte der hebräischen Literatur der letzten Periode ein besonderer Ehrenplatz gesichert ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.