Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 44 (3.6.1921)
- Date
- 1921-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4! ג Seite Nr, 44 J it {•!>ISCHE RUNDSCHAU Nächste Aufgaben Der XVII, ndegiertentag ist vorüber, uml die Zionisten .sind wieder an die Arbeit gegangen. Die zionistische Arbeit des nächsten Jahres wird von den Richtlinien bestimmt sein, die der Delegicrlcntag gegeben bat. Zwei Probleme sind es vor allem, in die die praktische Mitwirkung beim Aufbau Palästinas /erfüllt: Die Beschallung׳ von Geld und die Beschaffung von Menschen.. Wurde in der vorhergehenden Zeit die Geldfrage fast ausschließlich betrachtet — begreiflicherweise, da die Krise in Palästina zum größten Teil eine Folge des Geldmangels ist so hat dieser Delegiertentag in verstärktem Maße die Aufmerksamkeit auf die nicht minder brennende Frage der Menschen gelenkt. Es wurde cingcseheii, daß auch die Menscheuiiage zum großen teil eine Geldfrage ist. Denn wenn unvorbereitete oder schlecht ausgebildete odei übel gesinnte Menschen die Arbeit in Palästina machen, daun liegt die Gefahr nahe, daß die Aibcit unfruchtbar bleibt und daß dauernde Mißerfolge auch die wirtschaftliche Kraft des Jisclmw hccinträchtigert. Die Klagen über die Defizitwirtschafi werden immer häufiger verbunden mit Klagen über die Unfähigkeit der Arbeiter und Beamten, ohne daß• jemals das Kernproblem erfaßt worden wäre, daß eben die besten unserer Menschen noch immer nicht gut genug für diese Aufgabe sein können, weil sie durch ihre ganze Erziehung, Bildung und Gewohnheit nicht für diese Aufgaben vorgebildet wurden. Die Kolonisation Palästinas hat ihren Anfang genommen, als vor 40 Jahren einige begeisterte junge Menschen ohne alle Sachkenntnis, ins Land kamen, unzählige Male Schiftbruch litten und dennoch mit Hilfe der jüdischen Oeffentlichkeit sich allmählich emporarbeiten konnten. Ebenso hat die Eiuwanderungswelle 1005 und 1020 zunächst einmal Menschen ins Land gebracht, die nicht viel mehr mitbrachten als ihren großen E11tlmsiasnms. Diese Menschen, die auf schwierigsten Posten nusgeharrt haben, die zuiu großen Teil ihr Lehen hingeben mußten, haben Höchstes geleistet; aber sie sind noch nicht imstande, den Wirtschaftliehen Aufbau zu tragen und die palästinensische Wirtschaft produktiv zu machen. Denn cs ist vorsäumt worden, ihnen die erforderliche Ausbildung zu geben. Palästina braucht heute Menschen, die ihre Alben in jeder Beziehung׳ exakt tun. Sie müssen ein Maximum leisten, und dazu gehört nicht nur guter Wille, sondern auch genaue technische und fachliche Kenntnisse. Bei uns ist in der letzten Zeit viel von Fachmännern gesprochen worden, mau hat aber immer nur au die großen Fachmänner gedacht, an die Ressortleiter und Direktoren; man!tat übersehen, daß der wesentliche Träger des Aufbaus der kleine Fachmann sein wird und daß das jüdische Volk mit seiner überwiegend aus Händlern und Intelligenzlern bestehenden Masse gerade an diesen Arbeitern Mangel hat. Sie zu schaffen ist ein Hauptproblem des Zionismus, Es ist ein psychologisches, ein technisches und ein ökonomisches Problem. Psychologisch darum, weil es eine innere Umstellung der Juden auf produktive Handarbeit erfordert, die nur aus tiefster Erkenntnis nationaler 11 ad menschlicher Notwendigkeit erfolgen kann. Ein technisches Problem darum, weil, wie schon dargelegt, die jüdische Jugend bisher keine technische Arbeitsausbililung erhalten hat und daher die Ausbildung unter großen Gesichtspunkten ein.set/en muß. Ein ökonomisches Pro* bient, weil die aus anderen wirtschaftlichen Schieb* teil herkommenden, geistig fortgeschritteneren Mensehen sich nicht in primitive Wirtschaftsstufen einzwängen lassen, ohne daß gleichzeitig (ökonomische und soziale Formen gefunden werden, die ihnen das Leben in dieser Wirtschaft ermöglichen. Der ganze Komplex dieser Fragen ist es, den man gewöhnlich als die Chaluzfragc bezeichnet. Während noch auf dem vorigen Delegiertentage mir ein kleines und verketzertes Häuflein die überragende Bedeutung dieser Menscbcnfrage betont bat, hat dieser Delegiertentag sich einmütig mit ihr als einer der wichtigsten Angelegenheiten des uoniMmts beschäftigt Alle Fraktionen haben geoider , daß die Tätigkeit der Z.VJ.D. für die Heranbildung geeigneter Menschen für Palästina intensiviert und erweitert wird. Die Resolution Auf rntc2 ,צ*! vViw“ crkliirt als erste 11 ״ y־f,D• d,c »«״schliche, geistige und fachliche Vorbereitung unserer Jugend für ein nationales Leben in Palästina. Damit ist der!resamten zionistischen Arbeit in Deutschland ein Ziel weüT Zukunft *f dcn Taß' s<i,Klc1'11 für die mdd nMaßrcScln notwendig maenr. cs bedarf dazu großer Geldmittel;״ ־״I. «ta־ faU* ״״d alizu ,־״SS 111m zu glauben, daß dieses Geld dem Aufbau Palästinas *verloren gellt, vielmehr ist auch dies eine , Investition, die sieh rentiert. Deutschland ist he- .sonders geeignet, als Land der fachlichen AusbiUUmg zu dienen. Hier können wir Arbeiter von höchster Qualifikation heran/ieben, die cs in der jüdischen Wirtschaft bisher nur sehr sporadisch gibt und die gerade für Palästina von größter Wieldigkeit sind. Um aber die Menschen für Palästina tauglich zu machen, dazu bedarf es vor allem einer Atmosplüire des zionistischen Enthusiasmus. Der üedanke der Erneuerung des jüdischen Volkes, der Gedanke der Befreiung aus der Enge des Gallith /um Voilmcitseheimiiu kann allein den Menschen die Kraft geben, die großen Opfer auf sich zu nehmen, die Leben und Arbeit in Palästina fordern. Leben ist Kampf, und das Leben i!1 Palästina ist Kampf nicht nur mit äußeren Feinden, sondern auch mit der Widerspenstigkeit der Materie und mit der Macht der I rägheit und des Kleinmuts im eigenen Innern. Die große nationale Idee hat Menschen von wirklicher Pionicrgesinimng zu erdann Aussicht auf Erfolg, wenn solche menschzeugen vermocht. Jede zionistische Arbeit hat nur liehen Kräfte sich schöpferisch in ihr auswirken. Darum darf es nicht ztigclassen werden, daß, aus welchen Gründen immer, die Reinheit des Gedankens verwischt wird, daß die scharfe Scheidung zwischen üalutli und Zion nicht im Bewußtsein lebendig bleibt. Der Delegicrtentag hatte sich mit Strömungen atiseinaiideizuset/en, welche in der letzten Zeit nicht nur im deutschen Zionismus - aufgcLmdit sind und die nationalen Postulat« des Zionismus zu verkleinern bereit sind, um die Mitarbeit des iiiehtzionistischen Judentums zu gewiniicri. Der Delegiertentag hat diese Auseinandersetzung in sachlicher und windiger Form geführt. Jede Herabsetzung der Gruppe, deren Führer durch Nichterscheinen die öffentliche zionistische Meinung geradezu provozierten, ist unterblieben. Aber der Delegiertentag hat machtvoll und entschieden die Auffassung zum Ausdruck gehr,acht, daß unsere einzige Macht, unsere stärkste und wertvollste Waffe die nationale Idee und die nationale Organisation ist. Wir alle wissen, daß Palästina heule keine Parteisache mehr ist und daß das gesamte Judentum den Aufbau finanzieren muß. Aber wir wissen auch, daß dieser Aufbau nicht vor sich gehen wird, wenn nicht diejenige Gruppe stark bleibt, die immer der unbedingteste Vorkätnpfer׳ Palästinas war, auch zu einer Zeit, als die ganze Well ihre Idee noch verlachte. Nur wenn' diese Gruppe innerlich stark bleibt, wenn ihre flammende Zionsliebe der ganzcu Arbeit das Gepräge gibt, werden jene Impulse das Gesamtjudeutum erfassen können, die für das Werk des Aufbaus notwendig sind. Darum muß gerade die Politik des Bündnisses mit Niditziauistcn begleitet sein von einer Politik der inneren Konsolidierung des Zionismus, der Stärkung und Vertiefung zionistiseher Gesinnung. Einsichtige Nichtzionisten, denen Palästina wirklich am Herzen Hegt, haben für dieses Erfordernis volles Verständnis. Der Delegiertentag hat auf Angriffe, die aus Kreisen deutscher Juden gegen das Palästinawerk gerichtet wurden, direkt zu antworten verschmäht. Die beste Antwort war seine Entschlossenheit zu verstärkter Arbeit und seine erneute Aufforderung an das ganze deutsche Judentum, sich an der Arbeit zu beteiligen. Es ist vielleicht symptomatisch, daß gleichzeitig mit dein Delegiertentag die Tagung des Neutralen Jugeudbiiiicles stattfand, die einen bedeutsamen positiven Beschluß in der Palästinafrage faßte. Der Jugeudbund, dessen Führer Dr. Apfel wiederholt in seiner Propaganda darauf hingewiesen hat, daß die historische Tatsache der Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina von allen Juden aneikamil werden und eine Eiulieitsfront des deutschen Judentums für diese Arbeit geschaffen werden muß, hat verstanden und aus• gesprochen, daß Palästina parteimäßiger Behändlung entrückt ist. Durch seinen Beschluß werden wetttolle Kreise der jüdischen Jugendbewegung für Palästina aktiviert. Und zwei Lage später bat der Rabbinerverband es für eine heilige Pflicht des gesamten Judentums erklärt, an dem Werk der jüdischen Heimstätte mitzuarbeiten und siel an der Aufbringung der Mittel tatkräftig zu bc teiligen. Dieser Beschluß des Rabbincrverbande! ist eine Tat von weittragendster Bedeutung. Ei charakterisiert eine Umkehr in der Haltung de■ maßgebendes Teiles der deutschen Rabbiner. Ei läßt die Hoffnung entstehen, daß der Typus de! Protestrabbiners im Aussterben begriffen ist Herz bat einst vorher geahnt, daß man von den Kanzel! der bynagogen für das Gelingen unseres Werke! beten wird. Allmählich bricht sein Gedanke siel Balm. Nach diesem Beschluß, der nach reiflicher Ucberlegimg und eingehender Diskussion ei״, stimmig gefaßt wurde, werden die deutschen Rabbiner ihren ganzen Einfluß auf ihre üemeimle״ aufbieten müssen, um das Interesse für Palästina zu wecken. Und schließlich hat vor kurzem auch die Großloge B’nc-Brith die deutschen Logen /ur Beteiligung am Aufbauwerk aufgerufen. Die nachste Aufgabe wird es sein, eine geeignete F0<m zu finden, um die Zusammenarbeit aller dieser Faktoren und noch anderer Kreise des deutschen Judentums für Palästina zu ermöglichen. Der Be- Schluß des Zentralvereins darf im deutschen Judentum kein Echo finden, und im Zcntralvercin seihet wird die Bewegung erstarken, die eine Aendcrung des Kurses fordert. Nur dann aber wird diese Stimmung für die Palästinaarbeit fruchtbar gemacht werden können, wenn der deutsche Zionismus, stark und aktiv bleibt und wenn die Zionisten mit Beweisen ihrer Opferbereitschaft vorangchen. Der Delegiertentag hat deutlich gezeigt, weiche Aufgaben vor dem deutschen Zionismus liegen und in weichem Geiste sie gelöst werden müssen. Wir haben bisher schon manches erreicht, aber noch lange nicht genügend. Gerade jetzt ist die Lage wieder kritisch geworden. Das jüdische Volk hat sich aber in Zeiten der Not immer besser hewährt als in Zeiten des Erfolges. R.W. Greuel im Internierungslager Stargaril Das Arbcitcrfürsorgcanii der jüdischen Organisationen Deutschlands teilt uns folgendes mit: ׳ Wie bekannt, existiert seit ungefähr einem Vierteljahr ein Internierungslager für sogenannte ״lästige Ausländer“ in Stargard. Während in der ersten Zeit hauptsächlich Ausländer dort interniert wurden, die sich irgendwelcher krimineller Vergehen schuldig gemacht hatten, sind in letzter Zeit leider auch zahlreiche Ausländer interniert worden, die früher einmal wegen zeitweiliger Arbeit־«• losigkeit ausgewiesen wurden, ohne die Möglichkeit zu ll.'ihai, der Ausweisung iiadi/ukonuueu, da ihnen die Rückkehr in die Heimat wegen der bekannten Zustände im Osten Europas zurzeit nicht möglich war. Es handelt sich also hier nicht nur um kriminelle Elemente, «..)!!- dem zum großen Teil um durchaus arbeitswillige und arbeitsfreudige Ausländer, die zum Teil inzwischen längst wieder Arbeit gefunden hatten und nun von ihrer Arbeitsstelle weg interniert wurden. Unter den so Internierten befindet sich eine größere Anzahl ostjüdischer Flüchtlinge und Arbeiter. Das Arhcitcrfürsorgcaint der jüdischen Org.unsationen Deutschlands hat von Anfang an sehr energische Vorstellungen gegen diese Politik erhoben und die zu• ständigen Stellen, insbesondere die Ministerien, wiederholt auf die Unzweckmäßigkeit dieser Praxis aufinerksain gemacht. Nun haben sich im Lager Stargard in der letzten Zeit die Verhältnisse ganz außerordentlich vorschlechter!. Die Behandlung der lnternierien von seiten der Wachmannschaften spricht allen menschlichen Empfindungen Holm. Das Arbeiterfürsorgeamt hat die Fälle untersucht und fcstgestellt, daß zahlreiche Internierte unbarmherzig geschlagen und in i ßhandelt wurden. Die Internierten werden mit den gemeinsten Ausdrücken beschimpft. Infolge der Mit!- haiulltmgen, sowie der außerordentlich schlechten Unter• briitgtmg und der mangelhaften Verpflegung ist die Zahl der im Lazarett liegenden Kranken eine außerordentlich hohe. Der Verkehr der Internierten mit der Außenwelt unterliegt schweren Beschränkungen, Der Briefverkehr wird zensuriert. Die Klagen der Gefangenen werden nicht genügend beachtet. Vor einigen Tagen ist im Lager Stargard eine mit SO Mann belegte Baracke abgebrannt. Da ah- ,solut keine Lösciunittel zur Verfügung standen, die .Wachmannschaften offenbar, entgegen ihrer Pfiiclit, nicht rechtzeitig Umsprangen, brannte die ganze Baracke nieder. Mehrere Internierte erlitten Brandwunden, darunter einer sehr schwere. Die Kleider der Intern erien, deren Wertsachen und ihre Papiere sind verbrannt. Pa die Baracke verschlossen war. sprangen die Internierten zum F cnstcr lim u s. Sic wurden daraufhin von den Wachmannschaften beschimpft und zum Teil mit Kolbcnschlägcn mißhandelt. Am fob ißcnden Tage beim Appell wurde den Internierten angvdroht, daß sie, falls nochmals eine Baracke in Brand geraten würde, nicht mehr hcrausspringen dürften, Ge sollten ruhig verbrennen. Das Arbeiterfürsorgeamt bat sofort an Ort und Steile die Vorkommnisse nachgeprüft und dann beim Ministerium schärfsten Einspruch erhoben. Das Mi- «isterium des Innern teilt uns mit, daß es sofort «ine strenge Untersuchung der Vorfälle eingelcifef hat. Ein höherer Beamter des Ministeriums ist nach Stargard ent- ^arnlt worden. Es muß anerkannt werden, daß das Ministerium demnach schnell eingreift. Wir erwarten nunmehr die unverzügliche Abstellung dieser unglaub- Lehen Mißstände.