Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1921)
- Date
- 1921-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 Seile 308 Wie si1v:l die Tatsache»? Die Allgemeine Arbeiter- Organisation erhielt die Erlaubnis zur Abhaltung einer Maifeier, die komm;nistisdic!,artet der M. I*. $. — vulgo ״Mops“ genannt •־־ erhielt sie nicht, veranstaltete aber dennoch den Umzug. Nun sind die Bolschewiken innerhalb der palästinensischen Arbeiter in verschwurdemler Minorität — auf dem Arbeiterkongreß in Haifa ludten sie <> von S6 Stimmen! — und ihre Demousiratkm war dementsprechend klein. Und die Juden waren so alimmgslos und so sicher, dal) sie mit den Bolschewiken auf der Straße zankten — als plötzlich de!r Pogrom anshrach. Erst nachher haben Zeugen festgestellt, daß noch am Morgen des I. M a i Hunderte von Arabern aus den benachbarten Dörfern bewaffnet nach J a t f a zogen. Und auch das ist festgestellt worden, dal! der Pogrom auf das Heim der Cltaluziin mul am Meeresufer attsbrach, noch ehe die Nachricht;uieh nur dahin dringet» konnte, daß in dem entfernteren Stadtteil Neue* Sehalom ein boischewikischer Umzug »tattgehmden habe. Aber dieser Umzug sollte dun Pogrom beschönigen. Nun konnte man sagen - und der Mufti von Jaffa lut es in öffentlicher Versammlung am 5. Mat gesagt - daß man ja nicht gegen die Juden und sogar nicht gegen die Zionisten ist, sondern daß man das Land vor der bolschewiJiischen Gefahr schütze, welche das Land zu zerstören im Begriffe sei. Wir kennen die Weise, wir kennen den Test. Es sind die teuflischen Argumente, die man gegen tms in Ungarn und in Polen, in der ״Morning Post“ und in der Ford-Presse gebraucht. Wer liat sie den Arabern beigebracht V Gewiß: Audi wir haben Felder begangen. Unser Fehler war unsere Zuversicht und unser Sicherheit'•'־ gefiihi. Nach den Ereignissen in Jerusalem zu Ostern des vergangenen Jahres haben die Juden überall Selbstwehren organisiert — aber als Herbert Samuel ins Land kam, wurden sie aufgelöst. Wir habet» nichts dazu getan, daß die jüdischen Polizisten blieben. Die Entlohnung, welche diese Polizisten von der Regierung bekamen, war bekanntlich zu gering, und so mußten sie von» Waad Hazirim einen Zuschuß erhalten. Als dann die Regierung den Polizisten verbot, diesen Zuschuß anzunehmen, hatten wir nicht Energie genug, die Aufhebung dieses Verbotes bei der Regierung durdtzusetzea Freilich: Es war auch kein Geld da, um die Zuschüsse zu zahlen, und der Mangel an Geld hat die Energie der Zionist Commission gelähmt. So verließe« die jüdischen Polizisten, die von dem minimalen Lolin iiidtt leben konnten, nach und nach ihre Povition — für uns mm ein unersetzlicher Verlust. Und schließlich muß noch eines Fehlers gedacht werdet», den wir gemacht haben, des größten: das war unsere Untätigkeit in Palästina. Im Jahre unserer größten politischen Erfolge, im Jahre von San Ilemo und der Ernennung von Herbert Samuel, haben wir in Palästina nichts, nichts Neues geschaffen. Mit Mühe und mit gekürzten Budgets wurde das Alte fortgeführt. Was Wunder, daß die Regierung, die ja doch mit Realitäten und nicht mit politischen Versprechungen von anderen an uns oder von uns an andere rechnest -kann, in immer größere Abhängigkeit von den Arabern geriet und das Land behandelte als das, was es tatsächlich ist; ein arabisches Land. Die arabischen Extremisten erhielten leitende Regierungsstellen, wir konnten nichts erhalten, weil wir ja nicht im Lande waren. Die blutigen Ereignisse der Woche lehren uns, daß die letzte Stunde geschlagen hat, wenn .wir die äußerer» großen politischen Erfolge der zionistischen Führer in Wirklichkeiten umsetzen wollen: Nur eine starke und schnelle Einwanderung kann den Arabern zeigen, daß 1ms die blutigen Attentate nicht abschrecken. Schon gehen Gerüchte um, daß die Regierung den Arabern nachgeben und die Enwanderung für einen Monat sperren will. Nichts wäre verfehlter als das. Dann brauchten ja die Araber — das werden sie verstehen — nur immer wieder von Zeit zu Zeit die Ereignisse von Jaffa und den Kolonien zu wiederholen, um immer wieder ein Einwanderungsverbot durdmisetzen. Nein! Das jüdische Volk muß fest bei seinem Willen beharren. Der Schrei der Entrüstung, der durch die ganze jüdische Welt gehen wird, mul! ausklütgen in die energische Forderung: Unterzeichnung des Mandats! Verdoppelung, Verdreifachung der E i n w a nd c ru ng! Die medizinische Hilfe Frau Szold, die am 3. Mai aus Jaffa nach J salem zurückgekehrt ist, erzählt folgende Emzelhe Die Lage der ins Krankenhaus überführten Ver' detcn, ist entsetzlich. Noch nie im Leben hab! so wn Bild gesellen, Verwundete durch Schläge an ihrem Enden mit Blelküpfeu versehenen Stil durch Sterne, durch Messer und durch Kugeia Krankenhaus der Hadassa befinden sich 54 Verl und mi Gymnasium von Tcl-Awiw 56. Zahlreiche L« verwundete wurden ins Immigrantenheim zurückgescl viele befinden sich auch in Privathäusern. Die 1 Had«״ ° v?wü«lich• Sämtliche Amte!׳ertehwn י‘0!'/״״ ‘•w n,uk'’'‘־n Amte, alle fesi gestuiien und freiwilligen Schwestern beteiligen ״ dvcrr«h1f£8tWnr>r A?c8.wurdc Ketal> ״״ Ltad, zu verschalten. Dr. Jackson von der!cm« Hadassa hat sich mach Jaffa begeben, ״m dort me Operationen vorzunchmen. Alle Bewohner TcUA beteiligen sich an der Verwundetenpflege. JUED1SCHE RUNDSCHAU Klarheit tut not? Ic mehr Ein/eliieitcn über die• Vorgänge in Palästina bekannt werden, desto unbegreiflicher i.»t, dal! es zu dem Pogrom kommen konnte, ohne daß versucht worden ist, ihn rechtzeitig zu verbindern. Die Tatsachen, die jetzt erwiesen sind, werten auf die Ereignisse ein ganz anderes Licht, als gs zunächst den Anschein haben konnte. Es zeigt sich, da» ein grober Teil der Schuld und der” Verantwortung die palästinensische Regierung trifft, die wohl nicht aus Bosheit, aber aus einer nicht zu rechtfertigenden Sorglosigkeit trotz ernsten Warnungen den Dingen ihren Lauf ließ. Die Person Herbert Samuels ist über jeden Zweifel erhaben. Aber es scheint, da» es ihm nicht gelungen ist, alle diejenigen Personen aus seiner Umgebung und' aus den verantwortlichen Verwaltungsstellen zu entfernen, welche durch die vorjährigen Vorgange belastet sind und aus ihrer judenfeindlichen Gesinnung niemals ein Hehl gemacht haben. Da» der Pogrom von Jaffa genau vorbereitet war, wird in der letzten Nummer des ״Kuntrcß“ durch ausfü!.!!׳liehe Angaben erwiesen. Eine ganze Anzahl von Juden sind vorher durch ihnen befreundete Araber gewarnt worden. Seit einem Monat vor dem Pogrom halten sich die berüchtigten Bcamten des Militärgouverneurs Bois, Gabriel und Walters-Taylor, in Palästina auf. — Obwohl die Vorbereitungen zum Pogrom einer aufmerksamen Regierung nicht hätten entgehen dürfen, wurde auch, nachdem die Ausschreitungen bereits begönnen hatten, zunächst nicht mit der nötigen Energie cingeschritten. Es zeigte sich sofort, daß die arabische Polizei sehr aktiv an dem Morden und Plündern teilnahm und daher für die Aufrechterhaltung der Ordnung nicht in Betracht kommt, Trotzdem hat die verantwortliche Regierungsstelle ־ Jaffa selbst ist Sitz eines Distriktsgouverneurs — nichts getan, um das nur wenige Stunden von Jaffa lagernde Militär zur Verstärkung heran zuziehen. Drei volle Tage hat siel! der Pogrom!!ingezogen, und fünf Tage nach dem Pogrom kam es zu dem Angriff auf Petacli-Tikwah, der geradezu wie ein Feldzug unternommen wurde von einem Heer von mehreren tausend Arabern mit grünen Fahnen, und die größte jüdische Kolonie Palästinas wurde nur durch Zufall gerettet, da nach mehrstündiger heldenhafter Verteidigung durch etwa 20 bewaffnete Juden zufällig eine Militärabteilung vorüberkam und ohne Befehl dazu zu haben, eingriif und die Araber vertrieb. Und nach dem Pogrom geschahen noch eigentiimlichcrc Dinge. Viele Tage hat die Regierung verstreichen lassen, ohne mit einer richtigen Untersucluing einzusetzen. Trotz der vielen Beweise und Anzeigen wurde nicht das Geringste unternommen, um der schlimmsten Verbrecher habhaft zu werden. Die verschleppte Habe, die in sehr vielen Fällen noch auffindbar gewesen ist, wurde nicht beschlagnahmt. Die Regierung hat sich damit begnügt, am sechsten Tage nach dem Pogrom eine Verlautbarung zu erlassen, daß die gestohlenen Gegenstände zurüekgcstellt werden sollen. Tatsächlich haben auch eine Anzahl Araber die Sachen zurückgebracht. Aber alle Anzeigen von jüdischer Seite, alle Bitten um Rechtshilfe wurden ignoriert. Der bestialische Mord an Brenner und seinen Genossen blieb völlig ununtersticht, obwohl man nach der Tat in der Umgebung des völlig isoliert stellenden Hauses zumindest den verschleppten Leichnam des getöteten Dichters Luidor hätte finden können. Die Untersuchung wird jetzt in einer Weise geführt, als ob die Juden die Schuldigen wären und bestraft werden müßten. Die Strafen gegen die arabischen Plünderer werden so festgesetzt, daß man ihre Tat als Diebstahl beurteilt, ohne zu berücksichtigen, daß dieser ״Diebstahl“ in der Form der Beteiligung an einem mörderischen Pogrom vor sich gegangen ist. Dies alles geschieht unter der Verantwortlichkeit eines jüdischen Justizchefs, der doch eine gewisse Objektivität haben müßte. Dieser Zustand ist unerträglich. Das ganze jüdische Volk, das sich mit den Opfern in Palästina solidarisch erklärt, verlangt Aufklärung und protestiert gegen das grausame Spiel, das hier getrieben wird. Uebor politische Fragen, vor allem die Araberfrage, wird noch zu sprechen »ein. Aber wenn das Mandat überhaupt einen Sinn haben soll, dann muß zunächst Gewalt und gemeines Verbrechen verhütet und, wo geschehen, gesühnt werden. r. Protest gegen die Zensur Jerusalem, 24. Mai, (J. C, B.) Die jüdische I rcsÄD ist 741m Protest gegen die streng« Handhabung: der Zensur heut« (21. Mai) nicht erschienen Die Untersuchungskommission Vorsitzender der von Samuel für Jaffa eingesetzten Untersuchungskommission ist der palästinensische Ober, riditer H a y c r a f t. Außer den zwei englischen IR׳!, sitzen! ernannte Samuel auch drei Vertreter der religiösen Gemeinschaften, je einen christlichen und mohammeda-!״sehen Araber und einen Juden — Dr. Eliascli . zu Beisitzern dieser Kommission, allerdings nur mit beratender Stimme. In einem Artikel im ״Haare/.“ vom 11. Mai weist Daniel Auster darauf hin, daß diese Bestellung vo״ Repräsentanten je nach dem Glaubensbekenntnisse aut den! trüberen türkischen Brauche beruhe, der nur nach Religionen, aber nicht nach Nationen zu unterscheiden pflegte. Nachdem jöloch England die Jude! als Nation anerkannt habe, sei es ungerecht, wenn stets zwei Araber und nur ein Jude zur Vertretung herangezogen werden. Bei derartigen Untersuchungen habe man sich noch nie vom Prinzip der Majorität und Minorität leiten lassen. Die Zahl der Kläger auf der einen und der anderen Seite sei für eine paritätische Zusammensetzung der Gerichte stets ohne Einfluß. Es wäre also zu fordern, daß die Juden hier, wie auch bei allen Vergleichsverhandlungen in derselben Anzahl wie die Araber herangezogen würden. Habe ja auch bei der in Jaffa stattgefundenen Verständigiingskonfercn/ die Zahl der christlichen und mohammedanischen Araber mehr als doppelt so viel betragen, wie die der Juden. Die leichten Fälle Reuters Jerusalemer Korrespondent meldet: ״Di- Zivitgericht hat eine Anzahl von Arabern und Juden wegen kleüierer Vergehet» iin Zusammenhang mit den letzten Unruhen ü! Jaffa verurteilt. Die Strafen für diejenigen, in deren Besitz geraubtes Gut gefunden wurde, betragen von 6 Monaten Gefängnis mit Prügelstrafe bis 3 Monate mit kleinen Geldstrafen. Die schwereren Verbrechen werden von einen Sondergericht ahgeurteilt.“ Schilderung eines Verwundeten Einer der Jah'acr Verwundeten, Nathan Schapiro, der in der Augenklinik darniederlicgt, schildert .im ״Doar Hajoin“ den Ucberfall auf seinen Laden. Gleich nach Beginn der Unruhen schloß er sein Geschält und blieb mehrere Stunden auf der oberen Galerie, wo er die Schüsse der plündernden Araber vernahm. Er glaubte sich schon gerettet, als plötzlich einige Araber die Türe erbrachen, in den Laden eindraitgea und alle darin nufgestapcltcn Waren zum Teil raubten, zum Teil vernichteten. Sie drangen darauf auch in die obere Galerie ein, wo er ihnen 100 Pfund aus• händigte, damit sie nur ihn und seine Geschäftsbücher in Ruhe lassen. Sie nalunen zuerst das Geld, vernichteten jedoch darauf die Bücher, rissen ihm die Kleider von! Leibe, raubten einige weitere hundert Pfund und warfen ihn, nachdem sie ihn furchtbar geschlagen hatten, von der obe-ren Galerie herab. Sich mit diesen Grausamkeiten nicht begnügend, gossen sie auf seinen Körper einige im Laden gefundene Flaschen von Ackie Acetique, welche Flüssigkeit auch in seine Augen drang. Er verblieb so eine Zcitlang auf dem Boden, siel! in seinem Blute wälzend, bis er in das Regierungsgebäude und dann in die jüdische Heilstätte in Tel-Awivv gebracht wurde. Schapiro erklärt, die Verbrecher, die alle Lastträger und Fleischer sind, genau zu kennen. Die deutschen Chaluzoth ״Doar Hnjom“ hebt in seinem Bericht über den Kampf bei C. h e d c r a die besondere Tapferkeit der deutschen Chaluzoth hervor. Wiihrend die anderen Frauen der Kolonie während de- Kampfes sich versteckt hatten, haben die Mädchen aus Deut sch Land alle notwendigen Arbeiten verrichtet und unter dem Kugelregen Brot für die Kolonie gebacken. PressesUmmen Ben j eh 1tda schreibt im ״Doar Hajom“: Obwohl die diesjährigen Ereignisse in Jaffa viel schlimmer waren als die Ereignisse von Jerusalem, ist die Stimmung der jüdischen Bevölkerung im Lande jetzt viel ruhiger und die Haltung viel fester als im vorigen Jahre. Trotzdem dürfen wir uns nicht dem Ernst der Lage verschließen. Gewiß, auch jetzt kann cs unsererseits nur eine Antwort geben: Wir weichen nicht zurück! Um so mehr Energie werden wir für Palästina erübrigen müssen. Wir werden auch nicht auf eine einzige F'orderung verzichten. Wir müssen aber auch einen Weg zur gegenseitigen Verständigung zwischen uns und den Arabern finden; denn viele Anzeichen sprechen dafür, daß cs auch unter Urnen vernünftige Leute gibt, die den Schaden sehen, den solche Ercignisse dem ganzen Lande zufügen. Die Bemühungen, diesen Weg zu finden, sind die wichtigste Arbeit, de wir jetzt zu leisten haben, und wir dürfen sie nicht vernachlässigen. ״Doar Hajom“, die einzige Zeitun״, die die Ereignisse m Jalta vor drei Monaten in aller Deutlichkat vorausgesagt hatte, schreibt jetzt in einem Artikel über die Aufrechterhaltung der Ordnung: ״Unserer Meinung nach muß in Palästina für die Aufrechterhaltung der Ordnung von einer fremden Polizei gesorgt werden, die auch die besten inländischen Eiemente in sich aufnehmen kann. Nur eine fremde Polizei wird imstande sein, die Wiederholung solclter Ercig-