Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 J UEDISCH E RUNDSCHAU Seite 299 Die britische Regierung und die Einstellung der Einwanderung London, 20. Mai. (J.C.B.) Wie wir erfahren, wurde die Verordnung des High Cominissiouer Sir Herbert Samuel zur zeitweiligen Ein- Stellung der Einwanderung nach Paliistiun von der britischen Regierung offiziell nicht bcstätigt. Das Kolonialministerium verlangte von Sir Herbert Samuel genaue Einzelheiten über die ganze Angelegenheit, ln zionistischen Kreisen wird zuversichtlich erwartet, daß diese Verordnung in sehr kurzer Zeit werde zurückgezogen w erden. Entwaffnung der arabischen Polizei in Jaffa Wie die palästinensischen Zeitungen nmtcilen, wurde die unzuverlässige arabische Polizei in Jaffa nach Verkündung des Kriegszustandes entwaffnet. Verhaftung arabischer Scheiks nie palästinensische Regierung hat in Jaffa sieben arabische Scheiks verhaftet, die nach Jerusalem übern,hrt wurden. Sie werden als politische Verbrecher behandelt. Die Araber in Jaffa haben gegen die Verhaflang protestiert. Auch Abraham Schapira, der berühmte Verteidiger Pc t a ch T i k w a h s, wurde verhallet. Sämtliche Kolonisten haben bei der Regierung H errischen P;־ote:t dagegen erhoben und seine sofortige! reilassiing gefordert. Zur Frage der Verteidigung Palästinas Der in der ״Times“ veröffentlichte Brief Jabot111>kvs, in dem er die Schaffung einer jüdischen Legion zur Verteidigung Palästinas fordert, (siehe letzte Nuni- ן liier der ״Jüdischen Rundschau“), hat eine ganze Reihe I von Zuschriften an die ״Times“ zur Eolgc gehabt. 1 Luter anderem äußert sielt zu dieser Frage Colonel Patterson, ehemaliger Kommandant der ״Judeans“ (jüdische Legion), die einen großen Anteil an der Eroberiing Palästinas gehabt hatte. Er ist gegen die gemischte Legion, die niemals ein wirklicher Schutz Palästinas sein kann. Dagegen schlägt er vor, im Ostjordanland eine rein arabische Miliz ztt gründen, während im Wcstjurclanland die ״Judenns“ wieder einz.ufültrcn «■eien, die allein die Ordnung im Lande nufrcchterhahcn könnten. ״Lord Justus Percy meine, daß die Juden sich nicht der Legion aiischlielicn werden. Ich kamt ihm versichern, daß diese Furcht unbegründet ist. Ich habe die Rekrutierung der Juden wahrend des Krieges in Palästina vorgenontmen und bin bei der Aushebung der besten Kolonistcnsöhnc auf keine Schwierigkeiten gestoßen. Ich würde auch jetzt keine Schwierigkeiten haben, ein Bataillon von 500C jüdischen Soldaten auf- /!(stellen, wenn dies der Wunsch der Maudatarmaelit sein sollte. Es ist der Allgemeinheit kaum bekannt, dal! die jüdischen Truppen es waren, die in Palästina ein Jahr lang nach Bee nd igütig der Feindseligkeiten die Ordnung! a 11 f r e e h t c 1' 11 a 11 e 11 ]1 a b c n. Sie waren In kleinen (iruppcit über das ganze Land zerstreut, in arabischen Dörfern und Beduinenlagern, und niemals ist cs zu Reibungen zwischen den ״Vettern“ gekommen.“ Lag b’omer ln der langen Reihe der Tage zwischen Pessach und Schawuot, die um so länger scheinen, als man sie lag für Tag zählen muß, war cs ziemlich öde an der jüdischen Straße. Die verhängte Halbtrauer verbietet jede Freude, jede Veranstaltung, die die Eintönigkeit des Lebens ablösen könnte. Nur der 33. Tag dieser 1' •ihe, Lag b’omer, tot einige Abwechslung. An diesem Tage durfte man heiraten, Haare schneiden, zum erstenmal im Flusse baden, neue Kleider zum erstenmal anlegen usw. Zu einer Feier ist es doch nicht gekommen. Die Großen haben längst vergessen, an Lag b’omer. Nur in Palästina pflegten die Scphardiiu eitle große Feier in dem Dorfe Miro!», in Oltergnliläa, am Grabe c.es angeblich dort begrabenen, geheimnisvollen, sagen- 11111 wobenen Heiligen Tana Rabbi Schimon ben Jochai zu veranstalten. Aus allen Ländern strömten dorthin •Seohardi.n, lagerten um das־ Dorf, zündeten gegen Abend grolle Bcliälter mit Oel an, tanzten die ganze Nacht hindurch um das Grab und warfen in ihrer Ekstase ihre bunten seidenen Gewänder in das Feuer. Im Galuth aber waren es nur die Kinder, die den D• Tag des Omer (seit der Darbringung des neuen Getreides im Tempel am zweiten Pessachtage) feierten. Der Chtder war an diesem Tage schon um 12 Uhr aus. Nachmittags brachten alle Kinder ihr Essen mit, eo'vk׳ allerlei Spielzeug, darunter ein Flitzbogen mit der Inschrift aus dem zweiten Buche Samuel: ״Auf daß die Söluie Jehudas in dein Gebrauch des Bogens unterwiesen werden“. Dann zogen alle Chadarim, Rabbi und Schüler, nach außerhalb der Stadt, wo sie sich den ganzen Tag, den einzigen während des ganzen Jahres, tummelten und im Freien spielten. Nach dem Grunde der Feier gefragt, erzählt der Rabbi: Vor ungefähr zweitausend Jahren, als sich Bar- Kochba gegen die Römer erhob, war es der greise Rabbi Akiwa, der sich ihm mit seinen 24000 Schülern äugeschlossen hatte. Sie kämpften mutig gegen die Bedrücker 11ml 3 Jahre lang hielten sie gegen die zahlenmäßig überlegenen Römer stand. Aber Neid und Eingeiz beschlichen ihr Herz, sic fingen an, untereinander zu hadern Arabischer Boykott Die Araber in Jaffa haben einen Boykott gegen die Juden organisiert, indem säe ihnen keine Lebensmittel verkaufen wollte». Der Boykott dauerte bis 21. d. Mts. und hat einen neuen Beweis für die Not- Wendigkeit der Selbstversorgung der Juden mit Lebensntittcln erbracht, damit man nicht immer auf die Araber angewiesen ist. Ein Aufruf der jüdischen Atbeiferschaft Palästinas an die jüdische Arbeiterschaft Cer ganzen Welt Die jüdische Arbcitcrvereinigung in Palästina hat an alle jüdischen Arbeiter der ganzen Welt einen Aufruf erlassen, in dem es u. a, heißt: ״Es wäre ein großes nationales Unglück, wenn in diesem Moment nicht eine große Einwanderung nach Palästina cinsetzcn würde, Dieses Ausbleiben der großen Einwanderung ist i11׳s:a1u!e, alle Deklarationen und Versprechen zu entwerten, auf uns liegt die Pflicht, den Weg für diese Einwanderung zu bahnen. Wir bitten daher alle Chawerim, uns sofort mitzuteilen, wieviele Chawerim bereit sirxl, nach Pnkistina zu gehen, wieviele sich unterwegs befinden, was für eine Vorbereitung jeder hat, was wir jetzt unternehmen sollen und wie sie sich die Verbindung mit Palästina vorstellea“ Die Agudah und die Ereignisse in Jaffa Am 3. Mai, zwei Tage nach dem Pogrom in Jaffa, kamen die Rabbiner Sontienfeld und Genossen zum soeben aus Polen nach Palästina gekommenen Rebbe von Gura (Ger) mit der Bitte, er möchte seinen Namen auf einen Che rem (Llannspruch) gegen die modernen Schulen in Palästina setzen. Der Rebbe lehnte das ab, weil noch zu wenig palästinensische Rabbiner diesen Cherem bisher unterschrieben hatten. Besseres hatten die Agudalt-Führer in Jerusalem j in diesen fürchterlichen Tagen wahrhaftig nicht zu tun. Die agudistischc ״Jüdische Presse“ aus Wicn-Preßbürg vom 20. Mai ist auch das einzige jüdische Blatt, das die Unterbrechung uer Einwanderung von Juden nach Palästina gntheißt. Es heißt dort: ״Glücklicherweise gibt es in Palästina noch eine verantwortliche Regierung, die in dieser schweren Lage das tat, was getan werden mußte die Einwanderung stoppen, bis mit den Arabern irgend ein modus vivendi getroffen werden kann. Die jüdischen Weisen von San Remo haben auf die SidivrlicitsvöTiditimg des national ho:nc ganz vergessen, obwohl der ganze Nachdruck des Baseler Programms auf das Wort gesicherte gelegt worden ist. Der kommende Zionistcnkongrcß hat die Aufgabe, Bedingungen der Sicherheit des Lebens und des Besitzes in Palästina zu schaffen.“ ln dieser Bemerkuitg spiegelt sielt die ganze Demagogie und Veriogeiilieit der agudistischeu Presse ab. Die Agudas beruft sich auf das Baseler Programm und rechtfertigt das Eiinvandenmgsvcibot unter der Maske des Scivulzcs von jüdischem Leben und jüdischem Besitz. Die einzige Sicherung besteht darin, daß möglichst viel jüdische Menschen, jüdische Arbeit und jüdisches Kapital Ins Land strömen, die allein imstande sind, die Araber von unserem Willen ztt überzeugen, das Land mit ihnen zusammett zum Nutzen aller Einwohner, nufzubauen. und zu streiten. Da bestrafte sic Gott mit einer Pest, die unter ihnen von Pessach bis Lag b’ojner wütete. Erst am Lag b’ottter hörte der Tod in ihren Reihen auf. Daher der Flitzbogen •־• den die Schüler mit ihren Büchern vertauschten, um zur Verteidigung ihres Volkes zu eilen, tutd daher die Feier zum Andenken an den Toten und zur Eiuigimgsmah.mmg an die Lebenden. * 111 diesem Jahre mußten wir uns leider wieder verteidigen gegen unsere Feinde. Wiederum mußten unsere Schulen von iitrett Schülern geräumt werden. Das Gymnasium zu Jaffa und die Schule zu Petach-Tikwah mußten als Lazarette und Verbandsplätze verwendet werden, während die Schüler zur Selbstwehr eilen mußten. Aber vielleicht wäre es gar nicht so w׳eit gekommen, wäre nicht die andere Strafe Gottes, die uns noch mehr schadet, als die Ueberfällc der Araber: Nie war das Judentum so zerkliifiet, so zerrissen: nie haben die verschiedenen Parteien, Richtungen, Meinungen sich so bekämpft, als gerade jetzt, in der entscheidendsten Zeitspanne der jüdischen Geschichte. Die große Zeit hat kleine, ja kleinliche Menschen gefunden. Das jüdische Volk hat kein Verständnis für die Größe der Zeit, für die Schwierigkeit der Lage. Möge der Anblick der Toten in Jaffa ein Mahnruf an alle Juden sein! Mögen sich alle Juden zu einer großen Tat auiratfen. ihre kleinlichen Streitigkeiten znrückstcllen utKt der großen Stunde sich gewachsen zeigen! Vielleicht würden wir dann den Lag b’omer zu einem neuen Feiertage machen — zu einer Feier der Einigkeit und des inneren Friedens! Ch. A. Krupnik. Literarische Mitteilungen Eine neue Jugendzeitschrift. Seit kurzem erscheint in Prag eine vom Verein jüdischer Hochschüler ״Bar Kochba“ gemeinsam mit dem ״Blau-Weiß“ in Teplitz- Schönau herausgegebene Monatsschrift unter dem Titel ״Jüdische jugc ndblä11e r“. Ehe vorliegenden־ zwei Hefte beweisen, daß hier mit Erfolg der Versuch gemacht ist, eine Tribüne zu schaffen, die der jüdischen Jugend die Möglichkeit einer freien Aussprache über die sic bewegenden Probleme bietet. Besonders zu begrüßen ist es, daß eine enge Beziehung zu Palästina von Schwere Ausschreitungen in Aegypten Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Jaffa ist es interessant zu erfuhren, daß es in Alexandrien und in Kairo zu äußerst schweren Ausschreitungen gegen Europäer gekommen ist. Europäische Quartiere wurden ausgcpUinJcrt, mehrere Europäer ermotdet, darunter auch englische Soldaten. Einige Europäer wurden von den Arabern lebendig verbrannt. Das englische Militär mußte cinschrciten und von der Waffe Gebrauch machen. Zionistische Friedensdclegatlon nach New York ״Der Tog“, New York, teilt mit, daß die Zionistische Organisation Kanadas eine Abordnung nach New• York entsandt hat, die den Zweck hat, zwischen Weizmamt und Mack den Frieden wicderherzustcllen. Die Delegation hat folgende Punkte als Basis für die Friedcnsvcrlutndlungcn vorgeschlagcn: 1. Die amerikanische Organisation anerkennt den Keren Hajessod, arbeitet am Keren Hajessod-Büro mit und hilft, die großen Summen in Amerika zu sammeln. 2. Die Ausgaben für die Mcdical-Unit (Hadassah) in Palästina werden vom allgemeinen Budget bestritten. 3. Die vorläufig in Pakistina nicht gebrauchten Gelder bleiben in Amerika zugunsten der Zionistischen Organisation Amerikas und des Keren Hajessod-Büros deponiert, evtl, soll noch eine dritte Institution zugezogen werden. Wie verlautet, werden weitere Friedcnsverhandlungen zwischen Weizmann und Mack geführt werden. Man hofft, daß cs gelingen wird, den Frieden zwischen der Organisation und dem Keren Hajessod in Amerika wicderherzustcllen, um die Mitarbeit aller Zionisten Amerikas tut der BeschaftTuig der Gelder zu erlangen. Ch. N. Bialik in Moskau Kowno, 14. Mai. (J.C.B.) Der berühmte hebrätsche Dichter C11. N. Bialik besuchte anläßlich der Erstaufführung von S. An-skys ״Dibuek“, der von ihm ins Hebräische übersetzt wurde, Moskau. Als das Publikum seiner gewahr wurde, wurden ihm langanhaltende, begeisterte Ovationen bereitet. Bialik antwortete in einer langen hebräischen Rede. Bialik bemüht sich seit langem um eine Ausreisebewilligung. Die Sowjctregicrnng bat ihn, in Rußland zu bleiben. Sic hat ihm das Amt eines Präsidenten der ״jüdischen Akademie“ angetragen. Die Weltauswanderang London, 16. Mai. (J.C.B.) Die von der Internationalen Arbeitsorganisation eingesetzte ״Internationale Auswanderungskonunission“ tritt im August in Genf zu einer Sitzung zusammen. Diese Tagung wird auch für die Zukunft der jüdischen Auswanderungsfrage von großer Wichtigkeit sein, da der Gesamtkomplex dieses Problems —- sowohl die Auswie auch die Einwanderung — einer eingehenden Erörterung auf dieser Konferenz unterzogen werden wird. vornherein dadurch hergestellt ist, daß eine Anzahl Jugendlicher, die dem Kreis der Herausgeber nahe stehen, m Palästina sind und von dort Briefe schreiben, die in den Jugendblättern veröffentlicht sind. Die Briefe von Paul Drucker und Franz Lederer beweisen, wie sehr unsere westjüdischen Chalttzim mit den tnenscitliehen und sozialen Problemen ringen, aber sie zeigen auch, wie fruchtbar dieser innere Kampf ist tunl wie die jungen Menschen dort in ihrer Arbeit und in ihrer Aufgäbe wachsen. Aus dem übrigen Inhalt dieser beiden Hefte sei nur die ״Grabrede auf den Prager Blau- Weiß“ von Egon Drucker hervorzuhehen, eine «ehr ernste Auseinandersetzung mit 'der jüdischen Jugendbewegung und den Erfahrungen des Blau-Weiß, wo zwei Mcnschcntypen, der ״Politiker“ (mit dem Willen zur Macht) un:f der ״Erotiker“ (mit dem Wißen ziun Wert) miteinander kämpften; daß der Prager Blau-Weiß in dem Augenblick, wo die ״Erotiker“ gesiegt und das Höchste zu verwirklichen gewollt haben, zerfällt, das beweist dem Redner den Mangel einer inneren Notwemligkcit seiner Existenz. Gegen Drucker polemisiert Ernst Elniich, der ihm Mangel an ״Blau-Wciß-Geist“ vorwirft. Auch die Probleme des zionistischen Lebens werden in der Zeitschrift behandelt, und es ist zu erwarten, daß sie der Klärung und Kräftigung der Jugendbewegung sehr förderlich sein wird. Hoffentlich wird sie nicht dasselbe Schicksal haben wie frühere Organe, etwa Bernfelds ״Jcrttbbaal“, die nach kurzer Zeit wieder cingcgangcn sind. Dies zu verhüten, sollen ־־tle Fretmde der Jugendbewegung mithelfen; (Las Abonnement der Zeitschrift (9 Ke. vierteljährlich) kann jedem wärmstens empfohlen werden, der als Jugendlieher oder Erwachsener an der Jugendbewegung Anteil nimmt und in ihr eine der stärksten Kräfte nationaler und menschlicher Erneuerung sieht. tr. Littmann, Morgenländische Wörter im Deutschen. Berlin 1920, Verlag Karl Curtius. 6 M. — Das Büchlein ist eine populäre etymologische Abhandlung, die den Ursprung zahlreicher Wörter aus dem Altorkntaüschen, Hebräischen, Arabischen und Türkische!» nachweist Das Rf'P'tcl über hebräische Lehnwörter behandelt auch das JudischaDeutsche, aus dem gewisse Wörter in die sogenannte ״Gaunersprache“ cingedrungen sind. Die einzeinen Wörter werden kurz erklärt, ohne viel Bei- Werk, so daß das Buch, das durch ein Register brauchbar gemacht ist, eine gut orientierende und interessante Uebersicht gibt