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Jüdische Rundschau · 1921-05-13 · Heft 38 (13.5.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 38 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 JUBD18CHB RUNDSCHAU Seite 265 Für oder gegen Palästina Aus der letzten Nummer der Zeitschrift ״lm deutschen Reich“ erfahren wir, daß der Vorstand des Zentralvereins außer der Resolution gegen den Keren Hajessod noch folgende These angenommen hat: ״Dct politische nationaljüdische Zionismus, der für die deutschen Juden Palästina als ihr wahres Vaterland hinstellen will, steht in unüberbrückbarem Gegensatz zum Zentralverein. Auch eine Förderung eures religiösen und humanitäreil Zionismus gehört, gleichviel wie er innerlich zu bewerten ist, nicht zu den Aufgaben des Zentralvereins, dessen Kraft nach wie vor auf die entschiedene Verteidi* gung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden zu richten ist.“ Diese These ist eine neue, scharf formulierte Kampfansage an den Zionismus. Sie ist, wie die Resolution gegen den Keren Hajessod, aus der Angst vor Dr. Naumann und aus dem Geist des Rabbiner Dr. Jacob in Dortmund entstanden, Dr. Jacob hatte schon vor der Vorstandssitzung des Zentralvereins, in der er für die Ablehnung jeder gemeinsamen Arbeit für den Aufbau Palästinas eingetreten ist, in einer Zuschrift an das Hamburger ״Israelitische Familicnblatt“ seinen Standpunkt dargelegt. Dort stand der unerhörte Satz: ״Im gegenwärtigen Augenblick erscheint mir jede deutsche Mark für den Aufbau der jüdisch-englischen Kolonie in Asien als unerlaubte Kapitalflucht und Ver- Schiebung ins Ausland.“ Sind wir sonst auch gewohnt, Angriffe mit Gelassenheit über uns ergehen zu lassen, zumal wir bemerken konnten, daß gerade solche antizionistischen Behauptungen, die als Denunziationen bei der nichtjüdischen Oeffentlichkeit wirken mußten, immer sichtbare Zeichen für die wachsende Kraft unserer Bewegung waren, so ist es jetzt unsere Pflicht, auch den nichtzionistischen Juden zu sagen, daß unserer Ansicht nach von diesem Rabbiner und der von ilun vertretenen Meinung sich alle Juden lossagen müssen, die den Wunsch haben, daß innerjüdische Kämpfe nur mit anständigen Mitteln ausgefoditen werden dürfen. Zu unserer Freude sehen wir, daß auch zahlreiche Nichtzionisten die in dem Brief des Dr. Jacob zum Ausdruck kommende Gesinnung mißbilligen. ln der Breslauer ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ schreibt Erich Spitz: ״Dr. Jacob gibt dem Zionismus den blutig ernst gemeinten, aber wie blutiger Hohn wirkenden Rat, in 50, vielleicht schon in 30 oder 20 Jahren wiederzukommen. Nein, und hundertmal nein! ,Armut gibt der Armut gern‘ . . Und da obendrein ein erheblicher Teil der deutschen Juden immerhin auch heute noch in einem Wohlstand lebt, der ihrer Opfer fä h i g k e i t nicht eben enge Grenzen setzt, so gilt es nur, an das jüdische Herz und Gewissen dieser Männer und Frauen zu appellieren, ihnen immer wieder einz.uhämmern, daß es ein ״ich kann nicht“ für sie nicht geben kann und darf. Sollten sic ... Bedenken liegen, wie l>r, Jacob, der jede für Palästinaarbeit gezahlte Mark als ״unerlaubte Kapitalflucht und Ver- Schiebung ins Ausland“ ansielit, dann brauchen wir sie nur auf die geu׳iß sehr patriotischen deutschen Katholiken hinzu weisen, die sich durchaus nicht abhalten lassen, Millionen und Abermillioncn jälirlieh für den nach ihrem Religionszentrum Rom abfließenden Peterspfennig zu zahlen. Seien wir nicht j päpstlicher als der Papst. Lassen wir uns nicht durch unsere Mitbürger beschämen, die nicht minder arm sind als wir, hüten wir uns vor Illusionen über das, was wir leisten können, aber bleiben wir nicht mit unserem bescheidenen Beitrag dem großen Werke jüdischer Gemeinschaft fern, das dort unten un Werden ist.“ Der Zenfralvercin hat cs seit Monaten auf Urund unserer Darlegungen aufgegeben, die unbegründete Behauptung aufzustellcn, daß der Aufbau Palästinas keine jüdische, sondern eine englische Kache sei. Haben Antizionisten uns im Kriege *egen unserer jüdischen Haltung als allzu neutral verdächtigt, so versucht Dr. Jacob noch heute die aus seiner Psychologie verständliche Behauptung mf/ustellen, daß wir in England assimilatorische Politik treiben. Sollte seine Meinung sich durchsetzen, dann würde allerdings Palästina ausschließlieh von Juden der Entcntcländer aufgebaut werden und nidit der Ort sein, auf den die Kräfte der gesamten Judenheit sielt vereinen. Dr. Jacob weiß, daß die Juden in diesen Jahren von den furchtbarsten Katastrophen heim gesucht worden sind, daß keine Not der Welt dieser jüdischen Not zu ver• gleichen ist, daß es niemanden gibt, der willens und verpflichtet ist, sich für Juden einzusetzen, wenn die jüdische Gesamtheit versagt. Glaubt man, daß der größte Teil der Juden in ihren Ländern bleiben muß, dann muß eine ge• eignete aktive jüdische Politik den Versuch machen, die Lage der Juden wirklich zu verbessern. Dr. Felix Goldmann hat in einem in der Zeitschrift ״Im deutsehen Reich“ erschienenen Artikel diese Aufgabe der Ententejudenheit zugedacht. Wir wissen, daß nur die gesamte Judenheit sie zu leisten vermag, und daß nur die jüdisdhe Entwicklung Palästinas einer jüdischen Zentralinstanz das Recht gibt, im Namen der judenheit für die Opfer der Pogrome, für vergewaltigte und ausgeplünderte Menschen einzutreten, eine wirkliche Emigrations- Politik zu führen, den Zurüdkbleibenden Garantien für eine erträgliche politische und wirtschaftliche Entwicklung zu geben. In dem Augenblick, in dem Millionen von Juden ihrer großen Pflicht gegenüber der jüdischen Gesamtheit sich bewußt werden, in dem Palästina als das einzige Land erscheint, in das Juden frei einwandern können, gibt sich der Rabbiner Dr. Jacob dazu her, solche Juden, die immer zu geben gewohnt waren, und jetzt in erhöhtem Maße wirkliche materielle Opfer für die Gemeinschaft bringen, der sie entstammen, der niditjüdischen Oeffentlichkeit als Menschen zu denunzieren, die sich der ״unerlaubten Kapitalflucht und Kapitalverschicbung“ schuldig machen. Dr. Jacob muß wissen, was diese Worte bedeuten. Mit solchen Ausdrücken bezeichnet man Menschen, die in eigensüchtiger Absicht ihr Geld ins Ausland bringen. Diejenigen, die imstande sind, für ihr jüdisches Volk Opfer zu bringen, werden gewiß die letzten sein, die sich notwendigen Verpfliclvtungen dem Staat gegenüber entziehen. Am Anfang seines Briefes erklärt Dr. Jacob, daß er als religiöser Jude Zion, das heilige Land, die Wiege seiner Religion, liebe. Die Konsequenz dieser angeblichen Liebe besteht darin, daß er denen in den Rücken fällt, die aus wahrer Zionsliebe den notwendigen Anforderungen gehorchen wollen. 111 Logenkreisen ist kürzlich auf zwei Reden des vor 100 Jahren geborenen Dr. Adolf Jellinek hingewiesen worden. Zweimal spricht dieser jüdische Prediger über Zion. In seiner zweiten Rede behandelt er die Frage der Zionsliebe im Zusammenhang mit der vaterländischen Gesinnung der Juden. Er sagt: ״Je teurer Zion unseren jüdischeu Herzen ist, desto treuer sind wir Israeliten unserem Vaterlande .... Gewiß werden die meisten urteilsfähigen Menschen unserer Zeit darin übereiiistimmen, daß derjenige ein wahrer Patriot zu werden verdient, welcher sein Vaterland frei, gerecht, liebevoll und human will, welcher in der Fesselung der menschlichen Kräfte, in der Schwächung der allgemeinen Gerechtigkeit, in der Verkleinerung der Liebe und der Humanität nichts anderes als die Fesselung, die Schwächung und die Verkleinerung des ganzen Vaterlandes sieht. Wohlan denn: Zion ist der Ausdruck für Freiheit, Gereditigkeit, Liebe und Humanität; Zions Selbständigkeit bedeutet nichts anderes, als daß es einen Staat gab, in welchem jeder frei, das Gesetz gerecht, das Ganze voll Liebe und Humanität sein sollte. Ist daher Zion unseren jüdischen Herzen teuer, wird das Bild Jerusalems nicht aus unserer Seele verwischt, so werden wir unserem Vaterlande die besten Dienste leisten, werden als treue Anbänger Zions des Vaterlandes Wohl fördern, dessen Kraft mehren, dessen Ruhm ausbreiten, indem wir uns bestreben werden, ihm jene hohen Güter zu erwerben, die in Zion heimisch waren, es frei durch Gerechtigkeit und Liebe und stark durch Humanität zu machen . . .“ Wir haben immer darauf hingewiesen, daß Gleichberechtigung nicht nur für eine bestimmte vorschriftsmäßige Gesinnung bestehen darf, sondem daß jedem Juden die Möglichkeit gegeben werden muß, ohne Rücksicht auf von der Mitwelt gesetzte Schranken sein jüdisches Leben nach seinem Wunsch auszubauen. Dieser Gedanke findet sich schon bei Jellinek: ״Wer ist ein treuer Sohn seines Vaterlandes? Ist es etwa derjenige, welcher den Kräften der einzelnen Fesseln anlegt, daß sie sich nicht frei und ungehindert bewegen, welcher dem Geiste beschränkte Bahnen vorzeiehnet, die er nie verlassen darf, welcher jedes Wort, das gesprochen wird, und jedes Gefühl, das dem Herzen entsteigt, eifersüchtig bewacht und mit einem bestimmten Malte mißt — oder derjenige, welchem die Freiheit der Kraftentwicklung, die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Persönlichkeit eine Sonne ist, unter deren Strahlen das Vaterland zur Blüte gelangen kann?“ In den B’ne Brlthlogcn scheint sich der Ge• danke immer mehr durduusetzen, daß auch die deutschen Logen verpflichtet sind, an dem all• gemeinen Aufbauwerk teilzunehmen. Mit Genugtuung stellen wir ferner fest, daß zahlreiche deutsche Rabbiner für den Keren Hajessod eingetreten sind. Die palästinafreundliche Stellungnahme nichtzionisti• scher Kreise berechtigt uns zu dem Urteil, daß der Kampf für und gegen Palästina im Zentralverein, ausgefoditen werden wird. Staatsrat Dr. Cohn, Dessau, ein entsdiiedener Gegner des nationalen Judentums, tritt, wie wir hören, für eine Revision des Zentralvereinsbeschlusscs ein. Der von Dr. Apfel geführte Verband jüdischer Jugendvereine wird sidi durch den Vorstandsbeschluß des Zentral- Vereins voraussichtlich nicht beirren lassen. Ein Führer des Zentralvereins hat offen ausgesprochen, daß der vorliegende ablehnende Beschluß ihm sehr willkommen sei; denn jetzt erst sei die Möglidvkeit gegeben, die Geister zu sdieiden und wirkliche Klarheit zu schaffen, während ein vielleicht zur Annähme gelangter Kompromißantrag allen ernsthaft am Aufbau Palästinas interessierten Männern die Arbeit auf die Dauer erschwert hätte. Im Zentralverein beginnt ein Kampf mit der Losung: ״Für und gegen Palästina“. Die äugenblickliche Mehrheit setzt sich energisch gegen die von Geheimrat Fuchs eingeleitete jüdische Ent- Wicklung zur Wehr. Das ist in der Vorstands- Sitzung von mehreren Mitgliedern offen ausgesprechen worden. Man will den Zentralverein wieder zu einer reinen Abwehrorganisation machen und hat daher auch in der angenommenen These zum Ausdruck gebracht, daß auch die Förderung eines religiösen und humanitären Zionismus nicht zu den Aufgaben des Zentralvereins gehört. Was erwarten wir von diesen Kämpfen und von einem etwaigen späteren Sieg der Palästinafreundlichen Minderheit? Keineswegs eine Annähcrung an unsere zionistischen Ideen. Wir wissen ganz genau, daß es uns ausschließlich darauf ankommen kann, uns rnit nichtzionistischen Organisationen zu gemeinsamer Tat für Palästina zu verbünden. Palästina und der Keren Hajessod dürfen nicht dazu führen, daß irgendwelche Gcsinnungskompromisse jüdischen Gruppen aufgezwungen werden. Wir haben uns gefreut, als einer der Berliner Führer des Zentralvereins uns erklärte, er sei für tlie Beteiligung am Keren Hajessod, aber nur unter der Voraussetzung, daß die gemeinsame Palästinaarbeit nicht zu einer Verkleisterung von wirklich bestehenden Gegensätzen in jüdischen Grundanschauungen führe. Er sei in seinen jüdisehen Anschauungen genau so radikal, wie die Zionisten in ihren Grundauffassungen. An den Auseinandersetzungen im Zentralvereüi haben wir ein Interesse, weil wir hoffen, daß sie zu einer Mitarbeit der nichtnationalen Juden an der Aufrichtung eines jüdischen Palästina führen werden. Wir glauben aus den schon oft dargelegten Gründen, daß alle Juden ohne Unterschied ihrer Anscliauung gezwungen sind, sich heute am Keren Hajessod zu beteiligen. Unsere Hoffnung, daß der Keren Hajessod zur Gesamtorganisation der Judenheit für die Palästinaarbcit wird, wird nur dann ihre vollen Früchte tragen, wenn zugleich in steigendem Maße eine wirkliche Radikalisierung der Zionistischen Organisation erfolgt. Gemeinsam mit allen haben wir die Mittel aufzubringen. Uns aber ist außerdem noch die Aufgabe gestellt, die Menschen für Palästina zu schaffen. Dieser wahre zionistische Radikalismus, der Anforderungen an die eigenen Anhänger stellt, ward in Zukunft größere Erfolge haben müssen als bisher, damit wirklich die Gelder der Gcsamtjudenheit mit vollem Erfolge in Palästina angelegt tverden können. Zehntausende von persönlich und sachlich geeigneten Menschen müssen aus unseren Reihen nach Palästina gehen. Hier aber müssen wir sie fachlich ausbilden und menschlich erziehen. Die jetzt beginnenden Kämpfe im deutschen Judentum werden den Aufbau Palästinas unterstützen, wenn die Zionistische Organisation ihrer spezifischen Aufgabe treu bleibt und sie imstande ist, ־ für das große Werk die erforderlichen, uns heute noch fehlenden, Menschen zu stellen. Nur so können w׳ir dem Schicksal entgehen, daß aus dem Bündnis für den Aufbau Palästinas, das wir allen jüdischen Organisationen angeboten haben, ein Kompromiß wird, das uns zu einer unterstützenden, opportunistischen Gruppe herabsinken läßt, die niemandem etwas zu bieten hat. Kurt Blumenfeld. auf 11 000 Mitglieder gesuchten außcrordÄen Gen' ralveraamntlung hat der OeaterreichIsche Toi ristenklub mit 3058 gegen 782 Stimmen den Ar lei Pa1־r®P;aphen anpomrnen. Auch die nlchtnatkm gesinnten Juden achemen bekehrt woröen zu sein, inde sie jetzt eine Aufforderung an die jüdischen Tourist« erlaßen, dem genannten Klub, den Rücken «1 kehre

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