Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1921)
- Date
- 1921-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 246 Den Ländern, den Organisationen, den Einzelnen ' überlassen, bleibt sie das, was sie bisher war:! Vereinsarbcit. Und man 9011 nicht glauben, daß nidit auch die Zionisten einer Leitung in diesen Fragen bedürfen. Gerade, wenn wir wünschen, daß diese Arbeit letzten Endes auch unter dem Gesichtspunkt des jüdischen Erez-lsrac! geschieht, müssen wir erst recht verlangen, daß sie nicht regionalen und lokalen Bestrebungen ausgeliefert witxl. Die Entwicklung des Zionismus in!^)len z. B. zeigt uns, wie sich zionistische Arbeit vorwirren und verstricken und Palästina verloren gehen kann, die im Fahrwasser der territorialen Gegen• wartsarheit ׳scliwimuicncl, die Beeinflussung durch überterritoriale Gesichtspunkte entbehren muß. Die Gegenwarlsarbeit aus dem Arbeitsbereich der Welt- Organisation aussdieiden, kann nur heißen, das jüdische Lclren des betreffenden Landes unter nicht• nationale Gesichtspunkte oder diese Entwicklung in eine Balm geraten zu lassen, die sie unter nationalen SChlagwortcn von Palästina wegführt. Man braucht nur an den ungeheueren Fehler zu erinnern, den die amerikanischen Zionisten be- ,gangen hahen, ah sie aus der Leitung des Joint Distribution <k>m1niHec aiisgeschieden sind, weil sic ihre Kraft auf Palästina konzentrieren wollten. Sie haben damit die Zionistische Organisation ihres Einflusses auf diese größte Finanzkraft, die für das jüdische Volksleben von heute in Frage kommt, beraubt. Wir sehen also, daß wir eines dauernden siarken Antriebs nationaler Art bedürfen, wenn wir vom Judentum die Gelder bekommen wollen, die für Palästina erforderlich sind und daß zu diesem Zweck eine sehr intensiv arbeitende, außerordentlieh lebendige und außerordentlich weitreichende ־zionistische Organisation nötig ist. Man könnte nun vliesc Voraussetzung immer noch bestreiten, wenn keine Erfahrung auf dem Gebiete zionistischer Finanzpolitik vorläge. Stellen wir fest: in den Ländern, wo die Zionistische Organisation tatsächlich nichts ist als eine Vereinigung zum Zwecke der Ausiediung von Juden in Pakistina, wo der Zionismus ohne Einfluß geblieben ist auf die Gestaltung des jüdischen Lebens, war es bisher kaum möglich, in nennenswertem Um• fang Geld für den Aufbau des jüdischen Palästina zu erhalten. Die bisherigen Ergebnisse all der zahlreichen ׳Finanzaktionen, die für Palästina unternomincn worden sind, in England z. B., sind direkt beschämend, und wir sehen ja auch, wie langsam die Keren Flajessod-Aktion dort vorvvärtsschreitct. Und auch in Amerika konnte jene mechanische Auffassung, die ohne nationalen Impuls Geld für Palästina verlangt, nur ein einziges Mal Erfolg haben, dank dem großen und überaus kostspieligen Apparat, der darauf aufgewandt wurde und der zurzeit vollkommen abgewirtschaftet hat. Auf der anderen Seite sehen wir die Ergebnisse der Keren Hajessod-Aktion in den Ländern, in denen der Zionismus als ein regulierender Faktor des jüdischen Lebens auftritt, in Zentral- und Osteuropa. Dort haben wir jetzt schon Beträge für den Keren Hajessod gezeichnet und gezahlt bekommen in einer Höhe, die sowohl als Gesamtbetrag wie als Einzel- Zeichnung vor zwei Jahren noch als phantastisch gegolten hätte. Und wir sehen auch, daß es gerade diese Länder sind, wo es uns am ehesten zu gelingen scheint, eine Einheitsfront des Gesamt- Judentums für die Beteiligung am Aufbau des jüdischen Palästina zu erzielen. Hier wirkt der Zionismus eben überall, betätigt sich richtunggebend, kontrollierend, anregend auf allen Gebieten, des jüdischen Lebens, schafft wieder ein jüdisches Leben, das allein die Vorbedingung ist für die Anteilnahme des Judentums an Palästina. Noch geschieht diese Betätigung aus alter Gewohnheit, aus überlieferter Tradition heraus in der Einheitlichkeit, die vor dem Kriege von der Leitung der Zionistischen Organisation ausging. Aber wir können sehr gut sehen, daß die Intensität der Arbeit und ihre Wir- Wvmg in wachsendem Maße nachläßt unter dem Mangel einer zentralen Beeinflussung von London aus, und der Keren Hajessod ist letzten Endes der Leidtragende. Unsere großen Erfolge in der Ffnanzicrungsaktion — wir haben große Erfolge — erzielen wir da, wo ein starkes zionistisches Leben pulsiert, wo eine starke nationale Bewegung herrscht. Man frage die Menschen, die das Geld . Keren Hajessod herbeischleppen, wo die ־־™'l'J.. , uncJ sie schwer ist und ob nicht die huirke des zionistischen Radikalismus in einem Lande Gradmesser ist für die Höhe seiner Leistung für den Keren Hajessod und für die Sympathie, die das Gesamtjudentum des Landes dem Palästinawerk entgegenbringt, Das sind unsere Erfahrungen und es sind die einzigen Erfahrungen. Und wenn r JUED1SCHE RUNDSCHAU_ Julius Simon eine andere Auffassung vertritt, eben um des Gelingens der Finanzaktion willen, müssen wir ihm in aller Bescheidenheit entgegenhaiien, daß seine Methode dem Zionismus bisher noch keinen Pfennig erbracht hat, daß seine Auffassung sich auf keinerlei Erfahrung bezüglich der Aufbringung der Gelder stützen kann. Wenn wir auf den Ausbau der Zionistischen Organisation und ihres Arbeitsbercichcs verzichteten, würden wir bei der Finanzaktion das tun, was die Amerikaner unserer bishörigen Paliistinaarbcit vorwerfen: daß wir sie nach Ideologien statt nach praktischen Gesichtspunkten durchführen. Und noch eines können wir feststeßen: nur da gedeiht die Keren Hajessod-Aktion, wo sic unter dem direkten Einfluß der Zentrale steht. Die Länder und Organisationen auf sich angewiesen, versagen vollkommen. Dasselbe aber trifft für die zionistische Arbeit im allgemeinen zu. Ob wir sie einschränken oder erweitern, gut gedeiht sie nur da, wo die Zentrale Einfluß darauf nimmt. Es ist die Hauptbeschwerde der Zionisten, daß dies allzuwenig geschieht, seit die zionistische Leitung in London residiert. Der Apparat, den die Linder von früher her noch haben, verdorrt allmählich, die Willenskraft rostet ein, die Mitarbeiter verlieren sich. Und ganze Länder werden eben deshalb von uns nicht erfaßt, ganze Judenhcitcn sind eben deshalb unserem Einfluß entzogen. Das ganze ungarische Judentum, nicht nur das in dem fast unerreichbaren Ungarn, sondern auch das in den sehr gut erreichbaren jugoslavischen und rumanischen, ehemals ungarischen Ländern, in der Vojvodina, im Banat, in Siebenbürgen, weiß sozusagen noch nichts von uns. Ucberall in diesen Ländern und sicher in noch sehr vielen anderen, vor allen! in England und in Amerika, ist noch enorm viel zu tun für den Zionismus und für die Zionistische Organisation. Die Länder und ihre Organisation bringen es offenbar nicht zuwege, es fehlt durchaus die Zentrale, die die Arbeit einleitet, beeinflußt, ausbaut. Und es fehlt darum ganz folgerichtig das gute Resultat für den Keren Hajessod. Aber kann eine Zentrale das, was die Einzelstellen nicht vermögen? Nun wohl, sie muß cs können, muß es ebenso können, wie sie die politische und die ökonomische konstruktive Aufgabe bewältigen muß. Wird sic diesem dritten Teil ihrer Aufgabe nicht gerecht, so wird sic auch die beivlen anderen nicht erfüllen können. Wir wissen sehr wohl, wie viel und wie wenig eine starke zionistisdie Organisation für die Politik des Zionismus bedeutet. Noch ist die politische Aufgabe bei weitem nidit gelöst, und niemand von uns vermag zu sagen, wann wir die cinheitlidie Willenskundgebung des jüdischen Volkes noch einmal gebrauchen und verwerten müssen. Vielleicht schätzt man einen solchen Akt gering ein, meint, daß sein Nutzen weit hinter dem der Erringung wirtschaftlicher Positionen in Erez-lsrael zurücksteht. Aber das eine wird man gewiß zugeben, daß die Tatsache des Fehlens eines einheitlichen Palästinawillens beim jüdischen Volke oder gar, was ja, wie wir sehen, durchaus noch möglich ist, die Zerreißung dieses Willens und seine Verdrehung ins Gegenteil ganz gewiß politisch höchst unerwünscht ist. Was aber die wirtschaftlich-konstruktive Aufgabe anlangt, wie und wo wollen wir die Menschen für den Aufbau Erez-Jsraels bekommen — von den Mitteln nicht mehr zu reden — wenn nicht auf Grund einer einbcitlichen Willcnsrichtung iin jüdischen Volk? Sollen siel! die Einwanderer nur zusatnmensetzen aus den Entgleisten der alten Welt, den Opfern des Krieges, den Invaliden der Pogrome? Und wollen wir unsere Fachleute und Funktionäre wirklieh nur auf dem Wege des Zeitungsinserates gewinnen und können wir sie 90 für Palästina gewinnen? Das Lockmittel des doppelten Gehaltes, wie es etwa die ״MediCal Unit“ der Amerikaner anwendet, wird ja wohl allgemein und auf die Dauer nidit gut zu gebrauchen sein. Wie immer wir die Sache betraditen, wir braudien die einheitliche Willensbildung beim jüdischen Volke. Wir brauchen die starke, zentral geleitete Zionistische Organisation. Wir brauchen die Durchdringung des jüdischen Lebens und des jüdischen Schaffens in der ganzen Welt mit nationalctn Geiste, mit dem Geiste der Gemeinschaft und der Verbundenheit mit Palästina. Diese Aufgäbe aus dem Arbeitsbereich der Zionistisdien Organisation ausschalten, heißt der politischen Aktion die kostbarste Waffe, dem wirtschaftlichen Aufbau die materielle Möglidikcit entziehen. Wir verlangen daher vom Kongresse, daß er eine Leitung wählt, die willens und imstande ist, auch diesen dritten Teil des Arbeitsbereiches auf sich Nr. 36 zu nehmen und durdizuführen. Wie diese Arbeit im einzelnen gestaltet werden muß, wie weit ihr Kreis gezogen werden soll, wie die Zentrale sie leiten und beeinflussen kann und welche Wege und Methoden dazu angewandt werden müssen, darüber soll in einem nächsten Artikel mehr gvsagt werden. Zentralverein und neutraler Jugendverbaod Wir erhalten folgende Zuschrift mit der Bitte um Abdruck in unserem Blatte: Königsberg, 2b, April |b_׳l. Aus Zeitungsnachrichten erhalte ich Kenntnis v<x einer Rede, die Herr L>r. Apfel, Vorsitzender dt, Verbandes der jüdischen Jugemlvcreine Deutschland,, am 12. April in Dresden gehalten hat. Ohne auf die sonstigen Ausführungen näher einzugehen, erscheint e, doch notwendig, das, was Herr Dr. Apfel über die Jugendfrage gesagt hat, sowie die Wiedergabe der Acullcrungen, die ich als Vertreter der ״Kam e raden" in der Vorstandssitzung des Z. V. vom lü. April g,. macht habe, in einigen wesentlichen Punkten zu bertchtigen. Ich stelle deshalb folgendes fest: ), 11h 11:1111* mleli nicht gegen den schließlich an■ genommenen Antrag in der Jugeudfragc gewandt. Du, konnte ich um so weniger, da dieser Antrag nur ein Bekenntnis des Z. V. zu seinen eigenen Zielen enthalt und es eigentlich selbstverständlich ist, daß ein Verein, der, wie der Z. V., eine bestimmte politische Richtung vertritt, die Jugendorganisationen unterstützt, welche sich gleiche Ziele erwählt haben. 2. Dagegen habe ich gegen die von einigen Seiten vertretene Ansicht versprochen, der Z. V. könne einzelne Vereine des neutralen Verbandes, welche im Sinne de, Z. V. arbeiten, unterstützen. Ich habe dazu ausgeführt. es bedeute eine Prämie auf Gesinnungslosigkeit, wenn mail die Vereine unterstütze, welche sieh neutral nennen und dein neutralen Verbände noch angehören und gleichzeitig, um irgendwelcher Vorteile wißen, nur eine bestimmte Richtung, z. B. die des Z. V., verträten. Solche Vereine müßten eben die Konsequenz aus ihrer Tendenz ziehen und aus dem neutralen Verbände austreten. Ich habe also nicht von einer ״C h a r a k te r to * ig. keit“ des Z. V. gesprochen, wie es Herr Dr, Apfel darstellt, sondern von einer Ge s in n u n g s 1«!s 1 p - k c i t derjenigen neutralen Vereine, du etwa, ohne aus dem neutralen Verbände auszmrcte.i, ihre Neutralität bredicn. Ich gehe sogar noch weiter: Es erscheint mir racrkwftrdij׳, dal! ein neutraler Verband einem nicht neutralen Verein vorwirft, von ihm nicht unterstützt zu werden. Dieser Vorwurf wäre nur dann berechtigt, wenn er der Gegenseite auch gemacht würde. Ich habe aber noch nicht gelüirf, daß Herr Dr. Apfel der Zionistischen Vereinigung vorwirft, sie unterstütze seinen Verband nicht Für'die Unterstützung eines neutralen Verba mies kommt eben tatsächlich nur eine neutrale Organisation in Frage. Das war der Z. V, einst. Er ist es aber heute nicht mehr, und das vergißt Herr l>r. Apfel. 3, Was die gemeinsame Entschließung der Jugend- Vertreter betrifft, die von Herrn Dr. Apfel crwäluit wird, so wurde diese Entschließung neben dem wo« Herrn Dr. Apfel bekämpften Antrag glcicßf.d'n zum Beschluß erholien, I);!raun gellt schon herv<n׳, daß sie nicht einen Gegensatz, sondern eine Ergänzung zu dem anderen Antrag darstellt. Ihr wesentlicher und zu begrüßender Inhalt besteht darin, daß hier einmal die Vertreter der verschiedenen Jugendverbände an einen Tisch gesetzt werden. Daß bei dieser persönlichen Aussprache der Jugend Gutes herauskomtnea wird, davon bin ich überzeugt Um so mehr bedauere idi die Haltung, die Herr Dr. Apfel jetzt (in puncto Jugendfrage) einnimmt Gerade wir Jugendlichen sollten doch niemals vergessen, daß die verschiedenen Anschauungen uns zwar zu getrennter Arbeit, aber nidit zu gegeneeitiger Bekämpfung zwingen. Erwin Lichtenstein, Königsberg L Pr. Wir haben Herrn Dr. Alfred Apfel gebeten, sich zu dieser Zuschrift zu äußern. Herr Dr. Apfel schreibt uns: Berlin, 1, Mai 1021, Zu der Zuschrift des Herrn Lichtvnstcin habe idt folgendes zu bemerken: 1. Gegenüber der gewiß clulidi gemeinten Argumentation des Herrn Liditenstein möchte ich mich zunächst darauf beschränken, hervorzuheben, daß einer der bekanntesten und namhaftesten Führer des Zentral- Vereins die gefaßten Beschlüsse und meine Dresdener Rede nach meiner Meinung richtiger aufgefaßt zu haben scheint, als Herr Lichtenstein. Der Betreffende schreibt mir unter dem Eindruck des Zeitungsberichtes über meine Rede dieser Tage in einem warm zustimmende• Brief u. a.: ״Ich stehe nicht an, zu erküren, daß ich ihm (d. 1. der Vortrag! vollinhaltlich und insbesondere sowohl in der Jugenafragc, wie in der Palästinafrage zustimme.“ Ferner: ״Die fraglichen Beschlüsse des Vorstandes des Zentralvereins erweisen sich nach jeder Richtung hin als schädlich für die Interessen des deutsehen Judentums.“ Der Briefschreibcr, der der fraglichen Vorstands- Sitzung des Zeatralvercms beiwohnte, ist, wie kern Zweiter, berufen, die Situation, den Wortlaut und die Tragweite der gefaßten Beschlüsse zu beurteilen. 2. Die Schlußbemerkung des Herrn Lichtenstcin unterschreibe ich mit aller Wärme. Der Verständigung der jungen jüdischen Generation Deutschlands war der größte Teil meiner und des Jugemivcrbamtes Arbeit gewidmet und wind sic nach wie vor gewidmet bleibe«!. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Apfel