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Jüdische Rundschau · 1921-05-06 · Heft 36 (6.5.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 36 (6.5.1921)
Date
1921-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Zionismus orslrobl für das!Odlsche Voll! die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Pal&stina. ״Baseler Programm". / 1 1 \ \ 1 V; ■I ז Zusammenstöße in Jaffa Zweiundzwanzig Tote — Die Ruhe wieder* hergestellt Jaffa, 2. Mai (Jüd• Korr.-Bureau). Inder alten Stadt von Jaffa haben sich schwere Aus* schreit»ngen der Araber gegen die Juden ereignet. Den Exzessen sind drei jüdische Menschenleben zum Opfer gefallen, die Zahl der Verwundeten betragt 141. Viele Geschäfte wurden geplündert L 0 n d o n, 3. Mai. (Jüd. Korr.-Bureau). Laut telegraphischen Meldungen an die Zionistische Organisation sind in Jaffa bisher 22 Tote und 80 Verwundete gezählt worden. Die Ans• schreitungen fanden an Sonntag statt. Ein in Berlin eingelaufcnes Telegramm vom 3. Mai besagt, daß die Ruhe in Jaffa wieder hergestellt ist. Die ״Tefcgr.-Union“ verbreitet nachstehende Nachricht aus London vom 3. Mai: ״Offiziell ‘wird aus Jerusalem gemeldet: Am Sonntag hat in Jaffa ein Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden stattgefunden, wobei 20 Personen getötet und 150 verwundet wurden. Truppen, die hinzugerufen wurden, vertrieben die aufständischen Plünderer.“ W.T. B. meldet: Paris, 2. Mai. Nach einer Havasmeldung aus Kairo kam es in Jaffa anläßlich einer bol sehewistischcn Demonstration, an der russisehe Zionisten tcilnahmcn, zu einem Kampfe zwischen Christen und Mohammedanern einerseits und Israeliten andererseits. Es soll etwa 50 Tote und mehrere Hundert Verwundete gegeben haben, hauptsächlich Israeliten. Die jüdischen Geschäfte seien beinahe alle geplündert worden. Die ״Berliner Morgenpost“ schreibt: ״ln Jaffa (Palästina) ist es zu Unruhen gekommen, weil israeli tische Kommunisten eine Arbeiter- Versammlung störten. Die Kommunisten wurden in das mohammedanische Viertel zurückgedrängt, wo cs zu einem heftigen Zusammenstoß kam, in dem englische Truppen mit Artillerie und Panzerautomobilen eingriffen. Insgesamt wurden 30 Israeliten und 10 Araber getötet, 142 Israeliten und 37 Araber verwundet.“ Die vorstehenden Meldungen gehen uns unmittelbar vor Erscheinen des Blattes zu. Sie beweisen aufs neue, wie sehr durch die Stagnation des letzten Jahres die jüdische Position gefährdet ist. Vor einem Jahr war der Zusammenstoß in Jerusalem, seitdem war San Remo, Herbert Samuel, Churchills Reise — aber das jüdische Volk hat nicht zugegriffen, nicht aufgebaut, nichts zur Stärkung des Jischuw getan. Wir sind seit vorigem Peßach nicht vveitergekommen, wenn wir nicht die Er• fahrung dieser Ereignisse als Gewinn buchen wollen. Nähere Einzelheiten stehen noch aus. Audi wider, sprechen die vorliegenden Meldungen einander. Die Havasmeldung ist zweifellos tendenziös entstellt. Es scheint jedoch, daß die Exzesse irgendwie mit der Feier des ersten Mai Zusammenhängen. Konferenz zwischen Weizmann und Brandeis Washington, 28. April. (J.C.B.) Einer authentischen Mitteilung zufolge hatte Dr. Weizmann eine neuerliche längere Besprechung mit Oberrichtcr Brandeis in Washington. Von der Anwesenheit Weizmanns in Washington hatte die OeffentJichkeit keine Kenntnis. Man erfuhr erst später, daß Weizmann vor seiner Abreise auch eine Delegation der hiesigen Zionistenführcr empfangen׳ hat, worauf er mit dem bekannten Erfinder Emil Berliner eine Zusammenkunft hatte. Mr. Berliner bekundet großes Interesse für die hebräische Universität. Die ersten Ergebnisse ln den ersten Tagen nach der Eröffnung des Keren Hajcssod-Büros wurden in New York bereits 2 Millionen Doll, gezeichnet. Dieses Ergebnis ist ein vielversprechender Anfang der Keren Hajessod- Aktion in Amerika. Der Umfang der Aufgabe Von Julius Berger Auf der Tagesordnung des nächsten Zionistenkongresses steht diesmal der ganze Komplex aller zionistischen Fragen. Der Umschwung der Dinge hat alle Probleme in eine neue Beleuchtung gerückt. Es genügt nicht, über die Frage der Leitung zu sprechen. Wir müssen vorher Grundfragen klären. Die erste Grundfrage ist die nach dein Umfang der Aufgabe. Dreifach gliedert sich die Aufgabe, die der Zionistischen Organisation obliegt. Die politische Aufgabe: die politische Sicherung der jüdischen Heimstätte in Palästina. Die wirtschaftliche Aufgabe: der wirtschaftliche Aufbau von Ercz-Israel. Die organisatorische Aufgabe: die Ausweitung der Zionistischen Organisation zum organisierten jüdischen Volk. Nur die zweite der drei Aufgaben ist in ihrer Existenzberechtigung unbestritten. Schon die der ersten wird angezweifelt*). Die Frage aber, ob die dritte Aufgabe zum Aufgabenbereich der Zionistischen Organisation gehört, wird in Wahrheit das Schibboleth der Anschauungen auf dem Kongresse sein. Vor dem Kriege wäre cs ganz undenkbar gewesen, daß eine Diskussion darüber geführt worden wäre, ob der Ausbau der Zionistischen Organisation, die Zionisierung des jüdischen Volkes, Aufgäbe eben dieser Zionistischen Organisation sei oder nicht. Das Thema ״Organisation und Propaganda“ bildete in dieser oder jener Form regelmäßig einen der Gegenstände der Kongreßverhand- :ungeii. Erst das Abkommen von San Remo erweckte eine Anschauung, die in der damit eröffneten Möglichkeit des Aufbaus von Erez-lsrael im großen Stil allein das gegenwärtige Problem der zioni-; stischen Weltorganisation sieht und ihre Kraft ausschließlich darauf konzentrieren will. Die Erhaltung und der Ausbau der Zionistischen Organisation sowie die Einbeziehung des Oaluth und der Oaluthfragen in den Bereich der zionistischen Arbeit soll nach dieser Meinung ausschließlich Aufgäbe der einzelnen Landesorganisationen sein, unabhängig von der Zentralinstanz der Weltorganisation, die zu diesen Fragen keine einheitliche Stellung nehmen und ihre Kräfte nicht an sie verschwenden soll. Zwei Gründe sind es, die für diesen Standpunkt angeführt werden; ein prinzipiellcr, der besonders von Amerika verfochten wird, und ein materieller, wie er z. B. von Julius Simon in seiner Rede in Mannheim vorgetragen wurde. Der prinzipielle Einwand betont die Unmöglichkeit einer zentralen Regelung der jüdischen Gegenwartsarbeit. Mehr hcrvorgcjreten ist der zweite Einwand. Er sagt: die Anstrengung, die der Aufbau Erez-Israels von uns fordert, ist so ungeheuerlidi, die Mittel, die er verlangt, sind 90 enorm, daß wir unendlich zufrieden sein müssen, wenn es uns gelingt, auch nur die Kräfte und die Gelder für diese einzige Aufgabe zu erlangen. im Grunde gehen beide Einwände von der gleichen Anschauung aus: der eine glaubt nicht an die nationale Einheit des jüdischen Volkes und an die Einheitlichkeit seiner Probleme, der andere bezweifelt den nationalen Willen und die nationale Kraft des jüdischen. Volkes. Demgegenüber wollen wir die Frage untersuchen, wie denn das Geld für den Aufbau zusammengebracht werden kann. Ist es wahr, daß wir die nötigen Mittel nicht bekommen, wenn wir den Aufgabenbereich der Zionistischen Organisation weit über den Aufbau Palästinas als technisches Problem ausdehnen, oder ist nicht vielmehr diese Aufrechterhaltung des alten zionistisehen Programms und seine Erweiterung Vorbedingung für die Aufbringung der Summen, die wir in Palästina benötigen? Eines muß zunächst noch festgestellt werden: es besteht keinerlei Zusammenhang zwischen den Meinungsverschiedenheiten, die bezüglich der Aufbringung der Gelder bei uns herrschen, und jenen wegen der Art des Aufbaus Palästinas. Beides sind vollkommen verschiedenartige Probleme, und *) Vgl. ״Die Politik des Aufbaus“ von Julius Beiger I in Nt. 8 der ״Jüdischen Rundschau" vom 28. Januar 1921. I diejenigen, die etwa mit Julius Simon nicht überj einstimmen, wo cs sich um die Frage des Aufgabenbereichs der Zionistischen Organisation außerhalb Palästinas und der besten Methode der Geldaufbringung handelt, sind deshalb in keiner Weise gehindert, zumindest weite Strecken Weges mit ihm zu gehen, wo er die gegenwärtigen Zustände in Palästina kritisiert. Die finanzielle Aufgabe, die uns wegen Palästina obliegt, ist in ihrer Art beispiellos. Auch nur die Aufbringung des Kapitals von 25 Millionen Pfund, das wir als Grundlage einer geordneten Wirtschaftsentwicklung in Palästina betrachten und das, wie die Dinge einmal liegen, nur als Abgabe, als freiwillige Leistung aufgebracht werden kann, stellt einen auch in der Geschichte anderer Völker unerhörten Versuch dar. Wie immer man sich zu dem Kapitel rentable und unrentable Anlagen in Palästina und dementsprechend zu Anlagen und Schenkungen (Investments und donations) stellt, eines ist gewiß, daß sehr große Kapitalien erforderlich sind für Zwecke, die zunächst auf Verzinsung nicht rechnen können. Die Zahl derjenigen gewinnbringenden Anlagen aber, die eine über das normale Maß hinausgehende Rente in einigermaßen sichere Aussicht stellen, ist in Paastina vorläufig verschwindend gering. Es ergibt sich also, daß wir in jedem Fall eines besonderen Anreizes bedürfen, um!Capital für Palästina flüssig machen zu können. Auch das rein kapitalistisch dort zu investierende Kapital, und erst recht dieses, wird für Palästina nicht gegeben werden, wenn nidit ein besonderes Antriebsmoment vorhanden ist, das jedenfalls nicht kapitalistisch sein kann. Dieses Moment ist das nationale und kann nur das nationale sein. Es mag sich mehr oder minder ausgeprägt äußern, immer aber basiert das Empfinden, das uns Geld für Palästina gibt, auf dem Gefühl der jüdischen Gemeinsamkeit und der besonderen Verbundenheit Palästinas mit der jüdischen Gemeinschaft. Es gibt keine anderen Momente, die als Geldbringer in Frage kämen. Das einzige, der noch in Betracht kommen könnte, die jüdische Wohltätigkeit, versagt angesichts der enormen Anforderungen, die Palästina stellt, irgendetwas von dem Gefühl einer solidarischen Verpflichtung der jüdischen Gesamtheit angesichts der politischen Ent- Wicklung der Palästinafrage muß hinzukommen, um die Quelle der jüdischen Wohltätigkeit in dem Ausmaß fließen zu lassen, das wir für Palästina brauchen. So zeigt sich, daß die lebendige Verbundenheit der Juden untereinander und ihr einheitliches Gefühl für Palästina geweckt werden muß, wenn wir an die Finanzierung Palästinas schreiten. Geschieht dies nicht, können wrir das nicht oder wollen wir das nicht, so bekommen wir nidit mehr Geld für Palästina, als wir bis zum Kriege bekommen haben. Das heißt, wir sind, abgesehen von allen anderen Gründen, schon nur um die Finanzierung des Palästina-Aufbauwerkes zu sichern, gezwungen, die Nationalisierung des jüdischen Volkes, die Vereinhcitlidiung seiner jüdischen Kräfte und Tendenzen in wachsendem Maße durchzuführen. Es gibt aber nur eine Stelle, die als bewegende Kraft, als ausführender Faktor hierfür in Frage kommt: die Zionistische Organisation. Da, wo sie nidit lebendig ist, werden wir von Zionisten nicht und ganz bestimmt von Nichtzionisten nicht Geld für Palästina bekommen. Da, wo die Zionistische Organisation nicht als das eigentliche Zentrum jüdischen Lebens in die Erscheinung tritt, als der Brennspiegel, m dem die jüdischen Interessen sich sammeln, kann sie audi nidit die Kraft ausstrahlcn, die das übrige Judentum veranlaßt, sich für Pal lästina zu erwärmen. Ich habe an einer anderen Stelle, in meinem Referat auf dem letzten Delegierientag der deutschen Zionisten, an einigen praktischen Beispielen den unlösbaren Zusammenhang der Gegenwartsarbeit mit der sogenannten rein zionistisdien Arbeit festgcstellt. Ich habe dort auch darauf hingewiesen, daß es nicht angeht, diese Arbeiten den Ländern zu überlassen und die Länder ohne einheitliche Leitung dabei zu lassen. Es ist 1 gerade das Zionistische in dieser Arbeit, das ihre Einordnung unter leitende, einheitliche Gesichts- 1 punkte verlangt, das sie zur Volksarbeit macht.

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