Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 33-34 (27.4.1921)
- Date
- 1921-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 230 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 33/34 aJ■-, •׳* u r׳e Art //ד *"«"ן*!ו jT*1 <ף ׳^1*י' r.- -2.jJ.tw/ IS Die Cel1eim*Instru?:tion der Sowjetrc^ierun״ gegen den Zionismus Der ״Wol ja Rossjl", der« ausgezeichnet über Sowjelrußland informierten Organ der rechten Sozialrevolutionäre, das in Prag erscheint, entnehmen wir die Wiedergabe der folgenden Oeheiminstniktion, deren Urheber kein geringerer ist als der allmächtige Luzis, Leiter der ״Allrussischen außerordentlichen Kornmission zur Bekämpfung der Konterrevolution“. Am Kopfe dieses Zirkulars sicht: ״Zirkularbrief Nr. 5 vom 1. Juni 1920. An alle Gouvernements — Außerordentliche Kommissionen. An die besonderen Abteilungen und Rayontraivsportkommissionen.“ Das Zirkular beschäftigt sich zunächst mit den rechten und linken Sozialrevolutionären, wendet sich dann den Menschewiki zu und schließt mit den Zionisten. Diesen Schlußteil geben wir im Nachstehenden wieder. Von den Zionisten. ״In der letzten Zeit haben wir eine ganze Reihe eingreifender Maßnahmen gegen die zionistische Organisation ergriffen. Dir Verhaftung der allrussischen zionistischcn Konferenz, die Verhaftungen und die Haussuchungcn bei den aktivsten Männern des Zionismus in einer ganzen Reihe von Städten, ihre Absetzung von einigen ihnen anvertrauten verantwortlichen Sowjetämtem, all das zerrüttete tief die Organisation und demoralisierte ihre Mitglieder. Leider erhalten wir nicht selten Nachrichten, die zeigen, daß die Genossen, indem sie die Anordnungen der Zentrale an Ort und Stelle ausftihren, sich doch nicht darüber klar sind, was eigentlich vorgeht, wozu all das getan wird, und so entsteht eine rein meclianische Handlung seitens deren, von denen man in erster Reihe ein vollkommenes Verständnis für das unternommene Werk verlangen muß. Vor allen! müssen die Genossen wissen, daß weder hi Westeuropa noch in den von Koltsdmk oder IX'nikin okkupierten Gebieten die Zionisten einer Verfolgung ausgesetzt wurden, sondern es hat im Gegenteil den Anschein, als ob man sie wohlwollend behandelte. Dieser Umstand an und für sich schon verleiht dieser Organisation einen bestimmten politischen Beigeschmack. Und hätten wir keine Materialien gegen die Zionisten in unserem Besitz, diese Tatsache allein würde genügen, um gegen die Organisation eine ablehnende Haltung einzunehmea Ist sie für die Bourgoisic annehmbar, so kann sie folglich für das Proletariat der Sowjetregieruug nicht annehmbar sein. Warum ist dem aber so und worin wurzelt diese Unaimchiubarkeit? Hier müssen wir den Genossen empfehlen, noch einmal die Bekanntschaft unseres Zirkularbriefes Nr. 3 ru machen, wo sie üi der Abteilung ״Jüdische paltfische Parteien“ alles finden werden, was jeder wissen muß, der einige Vorstellung vom Wesen des Zionis* mus erlangen will. Wir fügen dem jetzt noch folgendes hinzu: Der Zionismus als nationalistische Organisation ist insoweit schädlich, als er die ganze Kulturarbeit der Organe der Sowjetrcgicriuig, vor allem aber die Arbeit der jüdischen Kommunisten bei der Einpflanzung der Ideen des Kommunismus in den jüdischen Massen vercitelt. Indem sie die nationalistischen Instinkte unterstützt und anfacht, verhindert diese Organisation den Zusammenschluß verschiedener Nationen zu einer brikicrliehen Familie. Außerdem hat der Zionismus zu seiner Orundaufgabc die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina oder Ig'-mu .'!.1gl'LLLiI.-I— Jg-..i WJ" 1*1■ '■■■■'.■I •Jl.JI.'!»[ UM....U'l'lJHgg'M; Die Haggadah Zur Verlesung der Liturgie in den beiden Sodcr abendeit des Pcßadifestcs benutzt man die Haggadah deren Hauptbestandteile sid! im Traktat Peßachim de Mischnah finden, während ihre heutige Zusammen selzung auf Rav (Rabbi Amram 850) zurückgeht 11 n< einige Stücke am Ende der jetzt üblichen Ausgabe vier Jahrhunderte später hinzugefiigt wurden (1250) Als selbständiges Buch kommt die Haggadah zun ersten Male als Beilage in ein Werk des Maimo nid es (1135—1204) eingebunden vor; illustriert Exemplare finden sich etwa »eit dem 13. Jahrhundert also nicht sehr viel später. Ungefähr 900 geschrieben Haggadoth sind heute bekannt, von denen die alle! meisten Biklbcigabcn zeigen, wie denn dieses Bud das am häufigsten mit zeichnerischem Schmuck vei sciiene der ganzen jüdischen Literatur ist Nur ein ganz geringe Anzahl der heute bekannten Haggadot »md bisher erforscht und veröffentlicht worden, s fettstellen läßt, ob man eine jüdiscl «.mntniU ,im RaJ1mc״ des allgemeinen Runs 1Cr i?wci״Rc״ Zeit erkennen kann, odi V4f8udM!• ״dgen sie nun für S he^ldmL8"0.! 0’?!8‘"״ Bin4 als voroil: «1 bezeichnen, die daraus gezogenen Schlüsse«) üb! schrÄeSSatkm ^״ . Q״SChiCat<? d4r fischen Ham 8SüS.״äv5״?• bä,״«« RGcherei'Vritz Gurlitt Berlin) ^üdlsä Cu) Schwarz. ’ ״«««gegeben von £ (wie sie־ es in ihrem Programm nennen) ״einer Öffcntlicli-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Was hat nun dies alles aber mit Konterrevolution zu tun? Wann!! sollen wir sie in ihrem! Vorhnlxm behindern? Weil statt der Türkei die cngliselun uixi anderen Imperialisten sich auf den Hai» des arabischen Bauern, der die Majorität in Palästina bildet, setzen werden, zu ihren Angestellten aber werden sie die jüdischen Kapitalistcn machen, die faktisch an der Spitze der zionistischcn Bewegung stehen. Einen solchen Willen kann das Proletariat nicht anerkennen und wird ihn nicht nur aus prinzipiellen, sondern auch aus praktischen Erwägungen heraus bekämpfen. Welche praktischen Erwägungen sind das aber? Die zionistischen Angestellten der Entente, die ja doppelt (für siel! und für ihren Chef — die Entente) interessiert sind, werden den Willen der Imperialisten verwirklichen und die Aufstände der erniedrigten Araber imterurücken, wie es neuerdings in Aegypten der Fall war, da die von den Zionisten organisierten jüdischen Legionäre den Volksaufstand der Aogyptcr untcalrückt habui, Die proletarische Sowjetrepublik ist daran inter* cssiert, daß der gerechte Zorn der unterdrückten Völker des Orients sich nicht zersplittert, noch abnimmt, sondem unmittelbar über ihre Unterdrücker, die Engländer und Franzosen, nicht aber über ihre Angestellten (die Zionisten) hcrcinbricht. Außerdem würde der Zionismus, der fast die gesamte jüdische Intelligenz umfaßt, in dem Falle, wenn ihm eine unverzügliche Verwirklichung bcsriiieden sein sollte, uns eines ungeheuren Kaders der für die Wiederherstellung unserer Wirtschaft notwendigen Arbeiter: Ingenieure, Aerztc, Pharmazeuten* Architekten und anderer Spezialisten berauben, auf die wir bei unserer Armut vorläufig grollen Wert legen müssen. Dies ist zwar keine prinzipielle Erwägung, wollen wir aber unsere kommunistischen Prinzipien durchsetzen, 90 müssen wir diese praktische Erwägung nicht außer adit lassen, Die Kampfmethoden bestehen: 1. Im ideellen Kampf, der den jüdischen Kommunisten anvertraut wird. Es ist aber sehr erwünscht, daß auch die russischen Genossen an dieser Arbeit teilnclvmcn, da der Zionismus ein über die Grenzen der inneren jüdischen Frage weit hinaus■ geheiulor Faktor ist. 2. In der Zerstörung dieser Organisation, was indessen nicht über den folgenden Rahmen hinausgehen darf: a) Beobachtung und Registrierung; b) Verhinderung öffentlicher Versammlungen (keine Lokale geben), soweit aber nichtöffentliche Verstund!• hingen bekannt werden — sie unter verschiedenen Vorwänden verhindern, die Teilnehmer auf 24 Stunden verhaften und dann befreien. Von allen diesen Fällen der Zentrale durch dringendes Telegramm Mitteilung machen; c) die Korrespondenz über die zionistische Bewegung anhaltcn und je nach dem von ihr gebotenen Interesse entweder der Zentrale übersenden oder in der außerordentlichen Kommission zurücklasscn, ohne sie an den Adressaten weiterzugeben; d) keine Passierscheine zu Eisenbahnreisen auf Grund der Mandate der Zionistischen Organisation und ihrer Zweige: ״Herzlia“, ״Kadimah“, ״Achusah“, die künstlerischen Fähigkeiten der jüdischen Gemeinscliaft sind auf jeden Fall abzulclincn. Fast alle widitigen Ereignisse der jüdischen Oeschichte und Legende von der Erschaffung der Welt bis zum Abschluß des Kanon» werden in der Haggadah erwähnt und haben die Buclikünstlcr des 13. und 14, Jahrhunderts zu Miniaturen angeregt. Iin 15. und lö. Jahrhundert werden auch die Vorbereitungen zum Pcßachfcst und dessen Bräuche, wie das Mazzothbacken, das Entfernen des Gesäuerten, die Familie am Sedcrtisch und die fragenden Kinder immer häufiger dargestcllt. Selbst im 17. und 18. Jahrhundert werden noch handgeschriebene und ausgcmaltc Haggadoth hergestellt, doch zeigen sie die Spuren, des Verfalls der handwerklichen Buchkunst, die durch die Einführung der Bndidruckerkunst überholt worden war. Diese Erfindimg begrüßten die Juden bekanntlich mit größter Freude, konnte man doch seitdem die von ihnen 80 geschätzten Bücher auf schnelle und einfache Art, ver• hältnismäßlg billig hmtalkn. Frühzeitig erschienen jüdische Druckwerke; unter den illustrierten ist die Haggadah am häufigsten zu finden. Sie wurde 1526 von der Druckerei Gerson Cohen in Prag zum ersten Male illustriert herausgege* ben, nachdem sie schon I486 ln Soncino bei Moses Mentelln (aus Mainz) ohne Bildbeigaben verlegt worden war. In dieser Zeit herrschte der Holzschnitt; aus den bei dem Drucker vorhandenen Bildstöcken werden Ornamente und bildliche Darstellungen bcnutzt, weshalb in jüdischen wie in nkhtjüdiscben Büchern die gleichen Illustrationen zu finden sind. Einige wurden aber sicher für den besonderen Zweck hcrgcstellt; etwa ein Mann mit einer verzierten Mazzah oder einem Bitterkraut in der Hand und ähnliche nur ״JL ^a8Eada״ geeigneten Darstellungen. Gdcgentuöi dienten Arbeiten bedeutender Meister als Vorlage, ,Makk.11»“ und anderer hcratisgclicn. Jedoch kem« Hindernisse den Zionisten, die auf Grund der Mandat« der Sowjetämter reisen, in den Weg legen; c) allmählich unter verschiedenen Vorwänden ihre Lokale besetzen, die» durch die Bedürfnisse der niili. tauschen und anderer Aemter motivierend. Im ganzen ist das Zerstörungswerk so einzuricliten, daß inan, ohne die Illegalität dieser Organisation olfk ziell zu dekretieren, faktisch ihre Tätigkeit behindern und paralysiert. Die angegebenen Methoden erscheinen als vojj. komme» hüi’reicliend, wobei allmonatlich der Zentrale c!n kurzer Bericht über die unternommenen Schritte und den Stand der Bewegung zu erstatten ist Besonders cmpfcldcnswcrt ist die Heranziehung jüdischer Kommunisten zu diesem Werk. Den Vertretern der Gouvememcms-Kommissb.itu wird hiermit zur Pflicht gemacht, ihre Untergebene!! mit dein Wesen des Zionismus bekanntzumachen, damit nicht solche traurige Kuriosa Vorkommen, da einig« Genossen im Zionismus irgendein geheimes jüdisch» Weitsynlicdrion erblicken wollten, das sidi zum Zwecke gesetzt batte, alle Monarchien zu stürzen, ein eiiiheitliebes Reich zu schaffen und einen König zu wählen. Der Zionismus ist lediglich als eine politische, bürge!. lich*nationalistiscUc Bewegung zu betrachten. Jeder, der an dieses Problem nicht unter diesem Gesichtspunkt herantritt, weicht von der Wirklidikeit ab und schadet dein Werk der Revolution.“ (Ai« dem Russischen übersetzt von Dias Hur wie*,) Joseph Reinach Aus Paris kommt die Nachricht, daß dort• Joseph Reinach am 18. April gestorben ist. Reinadi wurde in Paris im Jahre 1856 geboren als einer der drei Brüder Reinach, die im politischen und kulturellen Leben Frankreichs eine bedeutende Rolle gespielt haben. Seine Eitern stammten aus Deutschland. Er war einer der erbittertesten Gegner des jüdischnationalcn Gedankens, und mich vor zwei Jahren, selbst nach Veröffentlichung der Bnifour-Dcklaratkm, in den ersten Tagen der Friedenskonferenz, als man versuchen wollte, die Verständigung zwischen den verscliicdcnen jüdischen Elementen anzubahnen, hat Reinach in seinem engen Kreise erklärt, er werde bis zum letzte» Atemzuge seines Lebens gegen die jüdisch-nationale Bewegung kämpfen, was er auch wirklich getan hat. Reinach war Theoretiker der Assimilat i o 11. Er versuchte zu beweisen, daß ein jüdisches Volk nicht existiere, daß die Wcstjwien mit den 0*4• juden keine Rassengemeinschaft bilden. Die Ostjude» sollen nach seiner Theorie von den Kasaren abstammen, die die jüdische Religion angenommen haben. Eine große Rolle spielte er bei der D r c y f u ß - Affäre (Reinach war ein Schwager von Drcyfuß). Er schrieb mehrere Abhandhingen gegen den Antisemitismus, und noch vor einigt» Monaten veröffentlichte er eine scharfe Kritik des ant>- semitischen Pamphletes der ״Protokolle der Weisen von Zion“. Reinach spielte in der Politik und in der Presse Frankreichs eine große Rolle, ln den aditziger Jahre» des vorigen Jahrhunderts svar er Sekretär und Kabinettclief von Gambetta; 1SS9 zog er ins Parlament als Deputierter ein. Er war zu sehr Publizist, um Gesetzgeber werden zu können. Er war konservativer Republikaner und gehörte einige Zeit sogar der Patriolen-Liga an. Aus der Liga schied er jedoch aus, nachdem ihr Führer Deroulide sich zu den Royalisten und Antisemiten gesellte. so wind z. B, der Jeremias von Michel Angela mit einem Judenhut bekleidet zum Rabbi Akkiba. Im 17. Jahrhundert kommt der Kupferstich nur, und die letzte Blüte der ganzen jüdischen Buchkunst vor der Emanzipatkmszeit dürften die, von Abraham bei! Jakob gestochenen Bilder, in der 1695 bei Moses Wesel in Amsterdam verlegten Haggadah sein. Diese dienten der Mehrzahl der später in Deutschland crscheinenden als Vorbild, die Zeichnungen wurden jedoch immer mehr vergröbert und waren zuletzt recht häßlich. Als Dr. Cesar Sccligmann vor zwei Dezennien eine neue (mehr deutsclic als hebräische) Haggadah herausgab, benutzte er deshalb Wiedergaben alter 1 IG•'• schnitte als Illustrationen, deren Eigenart und Schönheit sich in der modernen Verviclfältigungstechnik besser reproduzieren läßt, als der weiche Kupferdruck der Amsterdamer Haggadah. Das Mißlidic, in der Vergangenheit gefertigte Abbildungen in einem für die Gegenwart bestimmten Buch zu verwerten, wurde durch den Text Ins Groteske gesteigert, der aller Tradition *uwidcrläuft und gar nidit zu den alten Bildern passen will, — Eine ebenfalls im Verlage Ka uff mann erschienene Haggadah zeigt faksimilierte Seiten eines alten Mn־ nuskripts, derer» Gesamtbild — Text und Illustra• tionei! — wohl in ein kunstwissenschaftliches Werk, aber nicht in eine moderne Oebrauchsausgabe gehört — Sehr zu begrüßen ist dagegen die Neuauflage der Amsterdamer Haggadah8), deren Bildschmuck von Stnniv laus Bender dem heutigen! Stande der Reproduktion»- technik und dem Geschmack unserer Tage angepaßt ist Alle nebensächlichen DnzeBieiten sind fortgelassen, klar und deutlich tritt das Bild, i«1 Schwarz-Wcißmanier gezeichnet, dem Leser entgegen. Der Hintergrund nur h!rt a M 1921) aU® (Kauffmann,