Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 33-34 (27.4.1921)
- Date
- 1921-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 33/34 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 229 Davis Trietsch mmt seine Ein Interview. Davis Trietsch ist soeben aus Palästina zurück, gekommen. Wir haben die Gelegenheit wahrgenommen, flui über seine Eindrücke zu befragen. Er zögerte, weil er dem ״offiziellen Organ“ soviel Objektivität nicht zutraue, aber auf die Versicherung, daß ihm für die mit seinem!Namen gedeckten Acußcrangen das Blatt, auch wenn die Ansichten der Redaktion von den seinen ab weichen, selbstverständlich offenstümle, willigte er ein. Wir geben nachstehend den Inhalt der Unterredung wieder. Auf meine Frage uadi den Hauptgcsichtspunktea sagte Trictsdi: ״Die Ansicht, daß der Aufbau Palästinas - oder auch mir ein jahrelanges, vorbereitendes Stadium — im finanziellen Sinne unrentabel sein müsse, ist giinz• lieh falsch und geradezu das Erzübel der zionistischen Auffassung. Zum weitaus größten Teil besteht der Auibau aus Bodenerwerb, Vorbereitung von Heim, st inen, Schaffung von Arbeitsgelegenheit, von ln• di,strien, Häuserbau und dergleichen, also alles Dinge, die normalerweise als rentabel betrachtet werden. Alter auch die sonstigen zu einem Aufbauprogramm gehöri״ geu Erfordernisse, wie Vcrkchrsuntemehmungen, Auf. forstimg, kulturelle Einrichtungen und ähnliches mehr siv.l keinesfalls unrentabel, sondern werden überall aus Stenern und Umlagen derer gedeckt, die davon pnofi• rieten. Man darf nur nicht die Verkehrtheit begehen, einem Stadium der Einwanderung und Kolon»• s:\tion ein solches separater, langwieriger Vor• b e vei t un gcn vorangeiicn lassen zu wollen. Solch« vorbereitende Arbeiten gehören eben sdkiii selbst zu dem Komplex der Einwanderung und der Kolonisation, Sie sind schon mit Arbeit, Landerwerb und Häuserbau u.lvnder. und daher von vornherein ebenfalls als rentabel zu betrachten. Sogar Sanierung von Lau• dereien, Entsumpfung usw. kann rentabel gc• stallet werden, indem die Unternehmer sich die Ver• werttmg der sanierten Flachen sichern. Wenn man sieht, wie cs in Palästina dem Ein• zcinen noch heute kaum möglich ist, seinen Land• bedarf ohne wesentlichen Ueberprcis zu decken oder zu einem erträglichen Mietspreis eine Wohnung zu bekommen, so sollte es klar sein, daß Landerwerb und Häuserbau im großen nicht nur ein der Einwanderung und Kolonisation nützliches, sondern auch eit» rentables mul sicheres Geschäft bedeuten,“ Können Sic mir einen Begriff von den gegenwärtigea Preisen geben? ״In Tcl-Awiw zahlt man für einen Bauplatz bis zu einem Pfund per Quadrutstclle, d. h. 1600 Pfund per Dttnam, (Das ägyptische Pfund ist um 2>/s °/0 höher als ib-, englische; ein Dunam hat 920 qm oder 1600 ״Ellen“. Ein Bauplatz ist meist ein halber Dunam, aber in Tel-Awiw sind die meisten Häuser für mehrere Fa• milien gebaut. Die Bauordnung bestimmt nur, daß höchstens ein Dritte! der Fläche bebaut werden darf.) Im europäischen Teil von Kairo kann man billiger kaufen. Dagegen bekommt man angrenzend an Tel- Awiw einen Bauplatz schon für 200 bis 100 Pfund, und in einer Entfernung von etwa drei Kilometern von Jaffa oder von Tel-Awiw kann man den Dunam schon für 10 Pfund haben. In entlegeneren Gegenden, die aber in vielen Fällen einer Großsiedlung auf gartenstädtischer Grundlage ausgezeichnete Chancen bieten, ist der Dunam Boden bis 1 wir ab zu etwa 2 Pfund (und im!,achtvertrag sogar bis herab zu 2 Piastern per Jahr) zv haben. Man muß sid» aber vor Augen halten, daß mit dem Bodenerwerb allein noch nichts getan ist, und daß die Erschließung des Bodens gerade hei billigem Land eia Vielfaches des Kaut- Preises ausmadicn kann. Mietspreise in Jaffa variieren zwischen den folgenden Extremen: In Tel-Awiw kostet eine Wohnung per Zimmer bis כ Pfund monatlich, in den entlegeneren Teilen Alt- Jaffas bis herab zu 1/צ Pfund. Kurz vor meiner Abreise sah id» eine Wohnung in Tcl-Awiw, von kaum über •10 qm Fläche, die 14 Pfund per Monat kostete. Es waren drei ganz kleine Zimmer von zusammen zirka 3-} qm bei gemeinsamer Kiidienbcnutzung mit noch zwei anderen Mietern. Dies entspricht einem Mictspreis von 4 Pfund per Quadratmeter. Gleichzeitig wurde in Tel-Awiw von einem neuen Bauunternehmern ein schönes Haus für 6 Pfund per Quadratmeter hergestellt. In Jerusalem und Haifa ist es nicht viel anders. In Tel-Awiw zahlen viele Leute ein Drittel bis zur Hälfte ihres Einkommens für Miete. Es ist klar, daß Hausbau-Unternehmungen, die sid» mit einer Kapitalverzinstmg von 10 ׳״» netto begnügten, eine absolut sichere Anlage fänden. And» Bau- und Hypothekenbanken böten sichere Kapitaisanlagen und würden in hohem Maße kolonisationsfordernd wirken, ln diesen Dingen, finden ganz große Kapitalien geeignete Ver- Wendung. Zur Verbilligung des Wohnens wären Lehmbauten zu verwenden, die neuerdings ja auch im städtischen Siediungswescn Deutschlands viel in Aufnahme gekommen sind, und Holzhäuser, die man sogar fertig vom Auslände beziehen könnte. Außerdem kommen alle Arten von Behelfsbauten ia Betracht,“ Wie steht es mit der Lebenshaltung, Arbeitsmöglichkeit und Lohnvcrhältnisscn? ״Der bürgerliche Haushalt wird meist auf 39—59 Pfund per Monat veranschlagt. Sehr eingeschränkt lebende Handwerker kommen mit Lohnen von 2 Pfund aufwärts per Woche durch. Einwanderer bekommen als ungelernte Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten und dergleichen 20—30 Piaster per Tag, und die Arbeiter- Organisationen sind bestrebt, niedrigere Löhne als 30 Piaster nicht zumlassen. Tüchtigere Handwerker, nach deren Beruf Nachfrage besteht, verlangen und erhalten einen Tagessatz bis zu 70 Piastern. Es kommen aber auch Tagessätze von 1 Pfund und mehr vor. Arbeitslosigkeit besteht nicht und bat nie in nennenswertem Umfange bestanden. Die Ein- Wanderung beträgt seit Begüw vorigen Jahres etwa Tausend per Monat. Dies ist lächerlich wenig. Es ist die Folge der offiziell-zionistischen Auffassung, die zu der Losung ״stop immigration“ führte, während gleichzeitig die im Lande befindliche Arbeiterschaft verstärkte Einwanderung forderte. Ich stimme mit Prof. Warburg überein, wenn er sagte: Jetzt haben wir es mit einer Regierung zu tun, die selbst auf schnelle Entwicklung drängt, u »> d uns trifft die Schuld, wenn wir dazu nicht imstande sind. Zwar sagte man mir, daß es neuerdings vom Minimalismus still geworden sei, aber daß diese Stimmung in der entscheidenden Zeit die maßgebliche sein dürfte dies eben hat das langsame Tempo bestimmt, unter dem wir jetzt leiden und das uns auch jetzt noch um die politischen Erfolge bringen kann,“ Was läßt sich mit der schlechten Valuta der mitteleuropäischen Länder in Palästina anfangen? ״Von deutschem oder österreichischem Oelde in Palästina zu lebe», ist schwer. Sobald man aber in die dortige Produktion kommt, hat man den Vorteil von der hohen Valuta Palästinas. Doch fehlt es an nichts so sehr wie an Produktion. Die bisherige jüdische Tätigkeit im Lande beruhte viel zu sehr auf dem Geld der anderen und viel zu wenig auf der eigenen Arbeit. Die Gelder, die von der Auslaudsjudcnschaft zur Unterstützung des Palästina- Werks cinftossen, fanden sehr schnell — durch die mir-konsumiercnde Judcnsdtaft hindurch —• den Weg in die Gcldverstecke der produzierenden, Araber, aus denen es keine Rückkehr gibt. Dabei herrscht im Wirtscl»afts!ebe1» Palästinas in letzter Zeit eine Geldknappheit, die a»tch der sch lechten Valuta ungewöhnlich hohe Chancen bietet. Auch mit Geldern schwacher Valuta läßt sich Ix-ute sehr viel erzielen, wenn mit ihnen gute Vorbereitungen, technisches Können öder kaufmännische Qualität verbunden sind. ln dieser Hinsicht haben gewisse aus Deutschland kommende Elemente 1;nd Unternehmungen sehr gut gewirkt. Sic begegnen einem außerordentlichen Respekt im jüdischen Palästina. Auch die Engländer stellen sich ganz prinzipiell auf den Standpunkt, daß kein Unter, schied bezüglich des Herkunftslandes der jüdischen Einwanderer gcmadit wird, soweit die Betreffenden das palästinensische Bürgerrecht erwerben. Wer Interesse hat, sollte sich 'übrigens weniger an allgemeine Informationen halten, sondern, wenn er irgendwie die Möglichkeit dazu hat, sich für seinen speziellen Falt spezielle Informationen beschaffen. Ich habe in einer vieljährigen Informationstätigkeit immer wieder beobachten können, tun wieviel wertvoller eine für den Einzelfall gegebene Beratung sein kann. Dies trifft auch in hohem Maße auf Gruppen zu, deren besondere Zusammensetzung eben auch zu besonderen Möglichkeiten führt.“ Nach den maßgeblichen Persönlichkeiten ü» Palästina befragt, äußerte sich Trietsch wie folgt: ״Die Leiter der zionistischen Arbeit in Palästina gelten nicht mehr als maßgeblich. Weder bei der eng-!»sehen Vcrwaltiuig noch bei da» Juden, mit Ausnahme derer, die aus der gegenwärtigen Besetzung ihren Vorteil ziehen und auch dies nur bis zur Grenze dieses Vorteils*). So hat die zionistische Leitung ein recht gutes Verhältnis zur organisierten Arbeiterschaft hergestellt. Aber dieses an sid» erfreuliche Ergebnis errcidue sie nur unter Opferung aller sonstigen Interessen. Die Leitung überweist der Arbeiterschaft alle Mittel, die sie über den notwendigsten eigenen Etat hinaus zur Verfügung hat, um sid» vor Störungen von jener Seite zu sichern. Darüber hinaus aber ist auf seiten der Leitung von einem Verständnis für die Erfordernissc der Arbeiterschaft und von ihrer Rolle innerhalb des üesamtproblcms wenig zu spüren. Die Engländer, die von vornherein sehr bereit waren, mit der zionistisdien Leitung in Palästina als einer maßgeblichen Körperschaft zusammenzuarbeiten, sind hiervon weit zurückgekommen. Sie sehen keine Aktivität und nicht einmal eine Autorität dieser Leitung gegenüber der Judeusdhaft. Auch nach Auffassung der maßgcbüdicn Kreise der englischen Verwaltung (in denen audi Juden vertreten sind), ist eine Reform an Haupt und Gliedern notwendig. Neue Auffassungen, neue Systeme der Arbeit und neue Menscheu zur Durchführung dieser Arbeit sind nötig — aud», wie gesagt, nach Auffassung der Engländer —, um das jüdische Palästina au9 einem Vertragspunkt zu einer Wirklichkeit werden zu lassen. Was die Engländer selbst betrifft, so gibt es unter ihnen große Freunde der Juden, Männer, die sid» zur Durchführung der Balfour-Erklärung berufen fühlen. Es •) FQr diese Beurteilung müssen wir dem Autor die volle Verantwortung überlassen. Die Redaktion. gibt aud» andere. Aber deren. Zahl und Gewicht geht zurück in dem Maße, in dem die Standfestigkeit der englischen Palästmapolitik mehr und mehr in die Erschcinung tritt. Ungeheuer stark hat das Auftreten Churchills in dieser Hinsicht gewirkt. Besonders auf die Araber haben Churdiills Aeußcrungen den entscheidendsten Einfluß gehabt. Allgemein herrscht irn Lande die Auffassung, daß die arabische Opposition mit Churchills Erklärungen ihr Ende gefunden hat. Auch die kleinen, aber nicht einflußlosen arabischen Kreise, die noch mit der Möglichkeit einer Wendung der englischen Politik gerechnet hatten, fügen sich jetzt der neuen Sachlage tmd zeigen mehr und mehr Verständnis für den Nutzen, den ein aufrichtiges Zusammenarbeiten von Juden und Arabern beiden Völkerschaften bringen kann. Man wird voraussichtlich schon in den nächsten Wochen mehr von ernsthaften Annälterungcn hören. Die Engländer zeigen eine Engelsgeduld. Sie hätten allen Grund, von der jüdischen Arbeit bereits gründlich enttäuscht zu sein. Aber in einem viel höheren Grade als unsere Arbeit und Stellungnahme während der letzten Jahre cs verdient, respektieren sie die Leistungen der Juden aus der Vorkriegszeit. Hier möchte icl» eine kleine Episode ein flechten. Man fährt neuerdings tut Lande viel per Automobil. Zwischen Jaffa und Jerusalem (mit der Landstraße ein Weg von 65 km, der in 2—2>/צ Stunden zurückgclegt wird) gibt es eine Station Bab el Wad, wo der Motor eine Wasserkühlung und der Reisende ein Glas Tee bekommen kann. An diesem Treffpunkt begegnete ich einmal Prof. Yahouda, der seiner Auffassung von der Lage in der folgenden prägnanten Form Luft madite: ln der türkischen Zeit war nichts erlaubt, und wir machten alles. Jetzt ist alles frei, und wir tun nichts! Diese kurze Definition kommt der Wahrheit näher als die ausführlichsten Berichte unserer diversen Ver• tretungen. Noch glauben diejenigen Engländer, die unsercr Sache Wohlwollen, daran, daß die Juden die neue Situation schließlich doch verstellen werden. Die Vorkricgs-Kolonisation und die Tat von Tel-Awiw, die dem wohlgesinnten Beurteiler außerordentlich imponieren, sollten unter den neuen Möglichkeiten in verbesserter Form und in vervielfachtem Maßstabe in Angriff genommen werden. Nur so können wir der Situation in Palästina, und ein wenig auch der Lage der Juden im Osten, gerecht werden. Das größte Aktivum tm Laude haben wir im High Gommissioner selbst. Sir Herbert Samuel macht den Eindruck eines in seinen ersten Erwartungen enttäuschten Mannes, der aber gleichwohl entschlossen ist, auch in einer langsameren Ent- Wicklung mitzutun, wenn sie nur al9 nicht zu langes TJebergangsstadium zu einer wirklich großzügigen Einwanderung*- und Siedlungsaktton auftritt." Zionismus in Marokko Lr» Marokko hat der Zionismus mit ungeheuren Schwierigkeiten zu kämpfen. Namentlich grollen Widerstand findet er bei der in Marokko einflußreichen Persönlichkeit, Jahia Asagury, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Casablanca. Statt sich den Zionisten, die ihm zu seiner angesehenen Stellung vcrholfcn haben, dankbar zu erweisen, wendet er sid» offiziell .gegen sie und sucht mit allen Mitteln die zionistische Bewegimg zu »inte»drücken. Trotzdem er alle Kräfte zur Bekämpfung des Zionismus aufwendet, ist es ihm rächt gelungen, in den dichtbevölkerten Judenstädten Fez, Sc fron, Moknes, Rabat u. a. den Zionismus auch nur ein wenig ins Wanken zu bringen. Treu und uncrscbütterlich hajten die Nationaljuden am Zionismus fest, dank ihren guten Führern, die die in den Städten befindlichen zionistischen Gruppen Zusammenhalten und mit aller Entschiedenheit und Schärfe gegen jede antizionistische Bewegung auftreten. Sie haben auch zur geistigen Ausbildung der zionistischen Jugend beigetragen, und ein Mann namens Josef Lcmy hat sich darum sehr große Verdienste erworben. Auf seine Anregung hin wurde die hebräische Sprache, die bis dahin in den Alliance-Schulen fast gar nicht gelehrt und selbst in, den Talmud-Thora-Schulen kümmerlich gepflegt wurde, wieder jus Leben gerufen, und die Zionisten wurden dadurch um so mehr in ihrem Nafonalgefüh! bestärkt. Der Zionismus in Tunesien. Wie aus Tunis mitgeteilt wird wurde dort kürzlich eine Zionistische Föderation für Tunesien gebildet, der sich sieben zionistische Gruppen angeschlossen haben. Gruppen von Zionisten bestehen jetzt in allen bedeutenderen Plätzen. Sie rekruticrcn sich überwiegend aus den Kreisen des kleinen Handels und des kleinen Handwerks. Der jüdische Gedanke wird jetzt in Tunis von einer Reihe von Zeitungen gepflegt, von denen drei in französischer Sprache erscheinen, und der Rest in dem landläufigen arabischjüdischen Idiom. Die wichtigste zionistische Gruppe besteht natürlich in der Hauptstadt Tunis, wo von den annähernd 100000 Juden des Landes fast 60000 leben. Sehr bedauerlich ist es, daß der bewußt jüdische Gedanke wenig Rückhalt in den Schulen findet, die nahezu alle von der Alliance unterhalten werden. Sie vernachlässigen die hebräische Sprache und die jüdische Ausbcdting, nehmen gleichmäßig jüdische und nichtjüdische Schüler auf und sind nur auf die Abgabe von Kenntnissen eingestellt, hingegen nicht auf die Bildung der Persönlichkeit.