Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 33-34 (27.4.1921)
- Date
- 1921-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 226 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 33/34 Das Epos vom Keren Kajcssod Wenn man in späteren Taj^cn einmal von unserer Zeit erzählen wird, von der Zeit, in der wir den Keren Hajcssod aufgebracht, den Maas sc r verengt haben, wird man vielleicht davon als von einer epischen Zeit sprechen. Es ist schwer, den Keren Hajcssod durchzusetzen. Es erfordert unendliche Mühe, immer wieder aufs neue die M a a s sc r ■ Forderung durchzudrücken. Es gibt viele Widerstände, die überwunden werden müssen, kleinliche, lläßliche, ja unmoralische!Widerstände, aber cs gibt auch viel Schönes, vieles, was wirk• lieh klingt, wie Berichte aus heroischer Zeit. Ekliges sei hier auf gezeichnet, das mir auf meinen Reisen für den Keren Hajcssod in Jugoslawien begegnet ist, vielleicht ist es geeignet, diesen Mitarbeitcr oder jenen, der müde wunde ob des Wider- Standes und des Unverstandes, wieder ein bißchen aufzufrischen und ihm den Glauben zu geben, der allein da.•; Gelingen verheißt. 111 Jugoslawien und insbesondere in Bosnien sind die Frauen für den Keren Hajcssod mehr noch als die Männer. Und das ausgezeichnete Ergebnis der bisherigen Aktion ist nicht zum wenigsten der warmen Teilnahme zuzuschreiben, die die Frauen dem Keren Hajcssod entgegen• bringen. In Sera je wo war es, wo uns jemand seinen Maasser gezeichnet hatte, 100000 Jugokrönen. Am anderen Tage kam er, einigermaßen verlegen. Seine Frau war nicht zufrieden mit seiner Zeichnung und hatte verlangt, daß er noch 50 000 Kr. auch für sie zeichne, ln Ban• jaluka Jagte einer unserer Freunde seiner Frau, daß er 180 000 Kr, zeichnen wolle, und seine Frau war sehr glücklich darüber. Im Gespräch mit uns erhöhte er seine Zeichnung auf 250000 Kr. und als er nach Hause kam und seiner Frau dies mit• teilte, fiel sie ihm vor Freude um den Hals, um• armte und küßte ihn. Es war am gleichen Orte, daß ein junges Mädchen zu ihrem Vater kam und ihm Vorwürfe machte, daß er sich bei seiner Zeichnung von der Sorge um seine unverheirateten Töchter habe leiten lassen. Sie verlangte stürmisch, daß er ihre Mitgift dem Keren Hajessod zur Verfügung stelle, ln Ada fanden wir eine Kaufmannswitwe. Die war während des Umsturzes von ihren Dorfgenossen ausgeplündert und ihrer ganzen Hain* beraubt worden. Sic empfing uns in ihrem Kramladen, einigermaßen traurig. Ihr Vermögen hatte man ihr genommen. Und was schlimmer war, ihre beiden Kinder waren Krüppel und nicht imstande, allein ihren Unterhalt zu finden. So saß sie da und rechnete, was sic uns geben könne und war glücklich, als sich herausstellte, daß die Summe etwas größer sein konnte, als ihr Kompagnon angenommen hatte. Das große Erlebnis meiner Reisen durch Jugoslawien war immer aufs neue die wanne, selbstverständliche Aufnahme, die unsere Forderung bei den sephardi sehen Juden fand. Bei ihnen bedurfte es nicht langer Begründungen, sie sind noch sehr eng mit Erez-Israel verknüpft. Sie, die sich mit Stolz ״Hadschi“ nennen, wenn sic in Jerusalem gewesen sind (nach dem Vor• bild der Muselmanen, die in Mekka waren), braudien nicht lange dazu überredet zu werden, daß es gut und richtig ist, Geld zu geben für den Aufbau des Judenstaates. Und die Idee der Steuer ist ihnen in dieser oder jener Form gerade wegen ihrer staatsrechtlichen Analogie besonders sym* politisch. Viele geben den Maasser in seiner ganz wörtlichen Bedeutung und geben ihn in einer Form, der sie absichtlich und instinktiv einen feierliehen Charakter beilegen. Ich werde nie vergessen, wie uns jene Familie in Scrajcwo empfing, die ganze Familie — die alten Eltern, die beiden Söhne und die Schwiegertochter — versammelt, um dem Akt der Zeichnung beizuwohnen. Der Maasser wurde gezeichnet -- 15000Ü Kr. und als wir hinausgingen, versprach uns die Schwiegertochter, daß sic dafür sorgen werde, daß der Betrag schneller gezahlt werde, als in den im VccpflichUmgsschcin vorgcsch riebe nen fünl *n ״ad wiederum hat man sämtlich( Mitglieder der beiden Gemeinden, der sephar• ״'ff!•\in , dl'r aschkenasi$chen, @b geschätzt. Wir kommen mit der Liste in der Hane ZäZSSSund?ßcn il,m: Nach ״»״״« Sdutzung mußt du so und soviel geben. Wir habet ein Maximum in der Liste und ein Minimum fü: jeden einzelnen. Und die Ziffer des Maximum wirc m der Regel ohne weiteres gegeben. Wie sagt! uns einer? ״Der Staat verlangt von mir 400000 Kt Knegsgewuurstcucr, die ich nicht zahlen kann d s! KLr״ y* •4000i K«• *Äi« zahlen können. Es sei auch nicht jenes Klaviei lehrers vergessen, der uns in Serajewo gleich nac unserer Ankunft im Hotel aufsuchte. Er bat, wir möchten doch sofort zu ihm kommen und seine Mansserzcidinung cntgegcnncluncn, 10% von dem Ertrag seiner Stunden und 10 % von jedem Klavier• verkauf. Er wollte so gern der erste sein, der in Scrajcwo den Maasser zeichnet. Oder in Bjelina: Dort sprachen wir in der Synagoge und gingen dann iiinüber zur jüdischen Bank, um die Zeichnungen in Empfang zu nehmen. Die ganze Gemeinde zog mit und wartete in der Bank, bis die Reihe an jeden einzelnen kam. Im Bjelina hat man nach dem Maasser angeatan• den! Natürlich gellt das nicht immer so leicht und auch in den besten Plätzen bedarf cs langwieriger und energischer Vorbereitung. Und nicht immer ist die Wirkung gleich da. Manch einer hält sich fern oder versucht, mit einer zu kleinen Abgabe davor zu kommen. Dann sind wir sehr stolz, wir bestellen auf unserer Forderung und wir haben jetzt zum zweitenmal eine Zeichnung von 100000 Jtigokioneu zurückgewiesen, weil sie uns als viel zu gering erschienen ist. Unsere Freunde in Jugo• slawien haben allmählich eine ganz spezielle Technik für derartige schwere Fälle bekommen. Als ein sehr wirksames Mittel hat sich der Schalom- Boykott erwiesen. Dem, der seiner Pflicht nicht naclikommt, wird nicht der Gruß, aber der Schalom• Gruß verweigert. Er muß sich mit einem ״Servus“ begnügen. Und er begnügt sich nicht damit und zahlt den Maasser. Das ist einiges von dem Keren Hajessod in Jugoslawien. Man könnte noch vieles sagen. Man könnte von der Vojvodina erzählen, wo wir es mit einem zionistisch gänzlich unvorbereiteten Judentum zu tun haben, einem ehemals ungarischen Judentum, das von Budapest her systematisch eiltjudet oder von Prcßburg her systematisch entpalästinisiert worden ist. Dort lernt man kennen, was ungarische Neotogie heißt. Und dort lernt man die nationale Gefahr erfassen, die ungarische OrÜtodoxic heißt. Die Burg des Vojvodinaer Judentums galt als unerschütterlich, aber wir haben Bresche geschlagen. Und gerade in der Vojvodina wird es allmählich selbstverständlich, daß der Keren Hajcssod-Vortrag von der Kanzel des Tempels stattfindet, und manchmal im Rahmen einer besonderen feierlichen Veranstaltung. Auch die Juden der Vojvodina weiden für den Keren Hajcssod gewonnen, und das heißt dort, sie werden lür das Judentum gewonnen. Ist es gestattet, vom Epos des Keren Hajessod zu sprechen? Jeder von uns ist glücklich, sagen zu können, daß er dabei gewesen ist. Julius Berger. 6re$3־srael Die palästinensische Arbeiterschaft zur Immi«rafionsfrage Jerusalem, 10. April. (J.C.B.) (Verspätet.) Die gestern in Jaffa stattgefundene außerordentliche Konferenz der Vertrauensmänner aller jüdischen Arbeiter in Palästina hat im Beisein Sokolows folgende Beschlüsse angenommen: 1, Die unverzügliche Bcscitigungallcr R e c 111 s h i n d e r n i s s e, die bisher gegen die Ein- Wanderung der sich bereits unterwegs befindlichen Chaluzisn bestehen. 2, Die Gewährung einer Subvention von 15 000 £ durch die Zionistische Exekutive zur Beiörderung von Chaluzi.u nach Palästina. 3. Die Ausfüh• rung des Beschlusses der Londoner Konferenz betreffend die Regelung der Einwanderung, zu welchem Zwecke ein Zentralbüro in Palästina errichtet werden soll. 4. Die Sicherung der Teilnahme von Delcgierten sämtlicher Parteien und Gewerkschäften an der Verwaltung in den Palästinaä in t e r n der Diaspora. Hypothekenbank der Kolonisten Die Anfang April in Ris c 11 on lc Z ion stattgefundene Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses der Vereinigung der Kolonisten beschloß, sofort Schritte zu unternehmen, um eine eigene Hypothekenbank zu gründen. Es werdet! Anteile von je 50 £ ausgegeben, von denen 10 0/0 bar eiugczahlt werden, für den Rest muß genügende Bürgschaft durch Verpfändtmg von Immobilien geleistet werden. Die Gelder sowie die Pfandscheine werden bei der ״Ica“ hinterlegt. Ein jüdisches Viertel in Haifa Ein Komitee unter dem Vorsitz von Boris Gold• b e r g hat jetzt mit dem Bau eines neuen jüdischen Viertels in Haifa begonnen, welches den Namen Hadar-Carmel (Karmel-Pracht) tragen soll Es wird aus 50 an dem Fuße des Karmel erbauten Häusern bestdien, die das Eigentum der J ewish Development Cof׳ sind. Es ist dies der erste Schritt, um Wohnungen für die ständig wachsende jüdische Bevölkerung Haifas zu schaffen. Eine neue Gartenstadt bei Jaffa Im Frühling 1014 gründeten mehrere Bewohner Jaffas, ermutigt durch den Erfolg von Tcl-Awiw, eine neue Gartenstadtgescllschaft, ״Ir-Gan“ (Gartenstadt), um in der Nähe von Jaffa eine zweite Gartenstadt zu errichten, die aber im Gegensatz zu Tel-Awiw auf dem Grundsatz der eigenen jüdischen Arbeit und der Ausschaltung jeder Bodenspekulation und jeden Mictswuchers aufgebaut sein soll. Der Krieg zwang die Gesellschaft, ihre Tätigkeit einzustellen, die aber jetzt, nach der Eröffnung des Katasters und des Zustroms neuer Emigranten wieder aufgenommen wurde. Das erworbene Terrain umfaßt 2400 Dunam (1 Din am =- 919 qm) und liegt halbwegs zwischen Jaffa und Petacli-Tikwali, an der diese zwei Orte verbindenden Eisenbahnlinie. Die QartcrtStadt wird aus 480 Parzellen von je 5 Dunam bestehen, die pro Parzelle 50 ägyptische Pfund plus 10 ׳,/o allgemeinen Unkosten betragen. Zwei Drittel dieses Betrajjcs müssen von jedem Mitglied sofort angezahft werden. Die Gesellschaft stellt mit Kapitalisten zwecks Erlangung eines Baukredites in Verbindung, lieber 200 Parzellen sind bereits verkaufI. Als Mitglied wittl jeder aufge• nomnien, für den zwei ältere Mitglieder die Bürgschaft übernehmen. Nach dem Statut der Gesellschaft dürfen sämtliche Arbeiten in dieser Gartenstadt nur entweder von den Mitgliedern selbst oder von jüdischen Ar beitem vorgenommen werden. Ohne Zustimmung der Stadtvertretung darf keine Parzelle verkauft oder ihr Preis erhöht werden. Der Stadtgemeinde gehört auch das Vorkaufsrecht, Falls der Nationalfonds beschließen sollte, den gesamten Boden Palästinas zu nationalisiercn, verpflichten sieh die Mitglieder, auch ihre Parzellen widerspruchslos abzutreten, ■wobei sie als Pächter auf dem Boden weiterhin verbleiben dürfen. Die ganze Stadt wird als eine Kommune betrachtet, und alle Mitglieder sind verpflichtet, die Verordnungen und die Statuten der Gemeinde einzuhalten. Das Technikum Nad! langen Verhandlungen mit der Regierung ist es dem Direktorium des Technikums gchinjer, seine Räumung seitens der englischen Militärbehörde durdizusetzcn. Die Evakuierung dürfte binnen kurzem beendet sein. Nur das dort umergebrachte Militär- Lazarett konnte nod! nicht geräumt werden, bis das englische Kriegsininisterium eine neue Dislokatsonsordcr erteilt hat, da es noch nicht bekannt ist, wohin das Lazarett verlegt werden soll. Die Entscheidung wird täglich erwartet. Es entsteht dann die Frage, was von unserer Seite geschehen wird, tim die Eröffnung des Technikums zu beschleunigen. Das Direktorium, dem in der letzten Zeit Boris Goldberg und Pewsncr beigetreten sind, ist energisdi bemüht, die nöiigen Mittel zu beschaffen. Goldberg selbst hat eine größere Summe, die für die Instandsetzung des Gebäudes benötigt wird, vorgeschossen, ein Ingenieur aus Triest hat skh während seines Besuches in Haifa bereit erklärt, den für die Bauarbeiten notwendigen Zement unentgeltlich zur Verfügung zu steilen. Mit dem Universitätsfonds werden Verlundlungen geführt, um einen Teil der Gelder dem Technikum sofort zu überweisen, damit wir der Regierung gegenüber, die unserem Drängen auf Räumung des Gebäudes nachgekommen ist, nicht in die unangenehme Situation geraten, jetzt das Gebäude leersteh■..; zu lassen. Hebräische Kurse für englische Beamte Die palästinensische Regierung hat alle in Palästina tätigen englischen Beamten angewiesen, eine der beiden anderen offiziellen Sprachen des Landes, Hebräisch oder Arabisch, zu lernen. Sie eröffnetc Abendkurse für beide Sprachen, und die ersten Prüfungen werden im nächsten Dezember stattfinden. Die Kommission für hebräischen Beamtenunterriciit besteht aus den Herren Yellin, E. M. Lipschütz und dem Inspektor für das jüdische Schulwesen bei der palästineusischcn Regierung, Sekretär des Wand Hachinuch, Dr. Duschkili. Der Unterricht hat in diesem April begonnen. Eine Kunstausstellung ln Jerusalem Am 7. Aprii wurde in Jerusalem die von der Gose!!• sdiaft Pro Jerusalem veranstaltete Kunst- und Kunst״ gewerbe-Ausstellung durch den Gouverneur von Jene salem, General Storrs, eröffnet. Die Ausstellung bestellt aus folgenden Abteilungen: 1. Bilder und Zciclinungen von palästinensischen und fremden Künstlern; Z Bilder und Skulpturen der Jüdischen Künstlervercinigung; 3. Sammlung muselmanischer Kunstgegenstände; 4. Entwürfe für Städtebau; 5. eine Sammlung bedirinischer Gewebe, Nach der Eröffnung hielt der anwesende Oberkommissar eine Ansprache, der sich ein Rundgang durch die Räume der Ausstellung ansddoß. Besondere Aufmerksamkeit erregten die kunstgewerblichen Arbeiten des ״Bczalcl“, von denen der Obctkommissar und die anderen Gäste mehrere Gegenstände erwarben. Badesaison in Tiberias. Die Badesaison in T!־ berias ist in vollem Betrieb. Aus allen Oegcndcn Palästinas und der benachbarten Länder kommen Kranke, die in den heißen Quellen Heilung suchen. Sämtliche Hotels und Privathäuser sind überfüllt. Es fehlt dort noch an modernen Hotels und sonstigen Einrichtungen, die die Frequenz der Bäder um ein vielfaches steigern und eine einträgliche Einnahmequelle für rentable Untemehmungen bilden könnten.