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Jüdische Rundschau · 1921-04-27 · Heft 33-34 (27.4.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 33-34 (27.4.1921)
Date
1921-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seife 224 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 33/34 unser stärkstes poüFschcs Argument ist, lebcns- und arbeitsfmidig erhalten wird. . * י Die Einwanderung ist allmäliÜch, wieder verebbt In der letzten Zeit ertönt laut der R1,tf-nnel1 neuen Menschen. Das Einwaiiderungsatiit der neugeschaffenen allgemeinen Arbeiterorganisation hat gerade ein Rundschreiben herausgegeben, in dein es die Chaluzim zu neuer Einwanderung aufruft und die Arbeitsmöglichkeiten im Lande zusammenstellt. Man spürt, ein Jahr nach San Remo, im Lande wieder die alte Ernüchterung: die Botschaft hat man vernommen, Taten hat man nicht gesehen. Kein neues Leben, keine neue Arbeit, keine neuen Menschen, keine einzige nennenswerte neue nationale Position. Die Araber rüsten sich zu neuem Angriff. Der Obcrkomtnissar wartet auf die Tat der Juden, während die Araber sich zu Arbeit und Finanzierung bereit erklären. Man fühlt in Palästina, daß das Vertrauen des Oberkommissars zu den Juden und damit die ganze politische Chance davon abhängt, daß endlich, endlich etwas geleistet wird. Und man blickt immer wieder erwartungsvoll nach London und New ,York und wartet auf die 'Zionistische Tat. 111. Warum hat der Zionismus ein Jahr vorstreichen lassen, ohne zur Tat zu kommen? Die zionistische Geschichte des letzten Jahres gibt die Antwort. Es scheint, als ob eine gewisse Zeit notwendig gewesen wäre, um eine Konsolidierung zu bewirken. Seit 2000 Jahren hat das jüdische Volk keine Aufbauarbeit geleistet: San Renio stellte! es plötzlich vor die ungeheure Aufgabe. Die zionistisdie Jahreskonferenz, die im Juli statt eines Kongresses zusammentrat, erwies sich als völlig unfähig, einen Arbeitsplan zu finden. Sic hat nur eine positive Sache geschaffen: den Keren Hajessod. Auf ilm sollte im Laufe des nächsten Jahrc.'i die ganze zioiiislisclie Arbeit ko11zent1׳k־rl werden. Der Keren Hajessod war gedacht als das einheitliche Nationalvermögen des jüdischen Volkes, das aus der Maasscrsteuer aufgebracht wird. Alle Landsmannschaften haben diesen Gedanken mit Begeisterung aufgenomincn. Der offiziehe Sprecher Amerikas z, 13., Rabbi Silver, erklärte, daß die Amerikaner nicht nur 10, sondern 20, 30, 50 und noch mehr Prozent ihres Vermögens zu geben bereit sind. Uebcr die Art der Ver- Wendung wurde nur in großen Zügen beschlossen, ein detailliertes Programm sollte erst ausgearbeitet werden; dabei ist klar verstanden worden, daß die durch den Maasser aufgebrachten Summen, die den Keren Hajessod bilden sollten, je nach der Verwendung verschiedenartig behandelt werden müssen. Selbstverständlich muß eine produktive Unternehmung (etwa Eisenbahn, Elektrizitätswerk u. ä.) nach streng wirtschaftlichen Methoden durchgefülirt werden, während beispielsweise im Schulwerk oder in der Bodenokkupatiou nach anderen Gesichtspunkten vorgegangen werden muß. l>ie Zionistische Organisation muß sieh die Organe fiir die einzelnen Arbeit!;- und Verwaltungsgebicte, die sic aus dem Keren Hajessod finanziert, schaffen. Wie ein Staat muß sic über produktive und unproduktive Anlagen disponieren. Immer wieder muß betont werden, daß der einheitliche Keren Hajessod, wie er von der Londoner Konferenz beschlossen wurde, keine Durcheinandcrmengung bei der Ver- Wendung der Gelder zur Folge hat. Denn gerade in diesem Punkt setzte eine Opposition ein, die die Stagnation dieses Jahres verschuldet hat. Die Amerikaner haben iin Gegensatz zu ihrer Haltung in London bei ihrer Convention in Buffalo das Prinzip des Keren Hajessod eigenmächtig gelindert; sie haben diese Haltung konsequent weiterverfolgt und sind jedem Einiguiigsversuch abweisend gegenübergestanden. Die Situation hat in den letzten Tagen eine außerordentliche Verschärfung erfahren. Weizmanns Besuch in Amerika hat zum völligen Bruch mit der amerikanischen Exekutive geführt Es gibt niemanden in der Zionistischen Weltorganisation, der diese Tatsache nicht tief bcdauern würde, ln dem kritischesten Augenblick, «״,. J?״ nach San Remo, nachdem bis jetzt die jüdischen Leistungen in keinem Verhältnis zui Große der Aufgabe gestanden, bricht ein Konflikt zwischen der Weltorganisation und der mächtigsten Landesorganisation aus. Wir können nur hoffen aß dies der akute Ausbruch einer schleichender Krankheit ist, die Krise, die den Heilungsprozcf Um dag Verhalten der Amerikaner zu versteh muß man das Memorandum studieren, das 1 amerikanische Exekutive zu Weizmanns Empfa hal 29 Seit*״ s£rl B41**״&re, deren ־Diesen wir in Nr 30 unse Blattes veröffentlicht haben, wird der GcgSs mit ziemlicher Klarheit aufgedeckt. Dieses Memoranduni wirft endlich ein klares Licht auf die bis jetzt immer noch etwas mysteriöse Haltung der Amerikancr. Seit der Jahreskonferenz hat man sich in zionistischen Kreisen immer wieder gefragt: was wollen die Amerikaner? Die verschiedensten Ant- Worten wurden gegeben, nicht immer aus sachlichen Motiven, in dieser Broschüre wird mit einer angenehmen Präzision der Standpunkt der Amerikaner dargestellt. Viel Verärgerung und alte Differenzen spielen mit, Mißtrauen gegen Personen wegen ihrer früheren Tätigkeit tritt zutage. Aber die Forderungen, die in aller Schärfe formuliert werden, sind: Uebersicdhing der Organisation nach Palästina, Beschränkung auf Palästinaarbeit, und zw׳ar Immigration und Kolonisation, Errichtung sclbständiger wirtschaftlicher Institute zur Entwicklung des Landes, Bildung eines separaten Fonds zur Unter- Stützung der Gcmeinschafts- und Kulturinstitutionen der palästinensischen Judcnheit, welche in einem normalen Land durch die Stcuerbeiträgc geleistet wird. Die amerikanische Organisation lehnt jede Art Gcgcnwarlsarbcit ab und behält sich vor, Ausgaben für diese Zwecke nicht zu decken. Die Amerikaner haben gegen das bisherige System schon seit langer Zeit gewaltige Einwendungen, sie haben jedoch mit ihrer Opposition gewartet, solange die politische Frage unentschieden war. San Remo hat nach ihrer Ansicht die politische Frage gelöst, mul aus diesem Grunde sind sie sofort nach San Remo, bei der Londoner Jahreskonferenz, zum ersten Maie als kämpfende Gruppe aufgetreten, darum bedeutet das erste Jahr nach San Remo auch ein Jahr erbittertester innerpolitischer Kämpfe im Zionismus. Bei der Lektüre des amerikanischen Memorandums muß man zugestehen, daß hier ein klarer Wille und eine durchdachte zionistische Auffassung vorliegt. Auch die Gegner der amerikanischen Tendenzen müssen diesen Werl des amerikanischen Programms anerkennen, um die Auseinandersetzung um so fruchtbarer zu machen. Der richtige Weg kann nur der sein, alle Resultate der amerikanischen Kritik für unsere weitere Arbeit fruchtbar zu machen. Da die Amerikaner das Maasserpritrzip (allerdings nur für den Spendenfonds) anerkannt haben, kann man hoffen, daß sich ein Weg der Verständigung über kurz oder lang ergeben wird; denn auch von den Leitern der Keren Hajessod- Aktion wurde niemals außer acht gelassen, daß neben dem Maasser auch die Investition von Privatvermögen in großem Umfang notwendig ist, und nicht mit dem Maasscrprinzip konfundiert werden soll Was die Methoden der wirtschaftlichen Arbeit anlangt, so glauben auch ־wir, ,daß sie der Verschicdenartigkeit der Bedürfnisse angepaßt sein müssen; dennoch hat diese Frage nichts zu tun mit der Frage der Aufbringung des nationalen Kapitals. Die Amerikaner behaupten, daß mit den Londoner Beschlüssen in Amerika kein Geld auf zubringen ist. Dies ist eine reine Tatsachenfrage. Weizmanu hat jetzt die 'Kampagne *selbst aufgeiiommcn und, nach den Aeußerungen der amerikanischen Presse zu schließen, hat er die zionistisehen Massen hinter sich. Wenn es ihm gehngt, große Summen für Keren Hajessod zu bekommen, dann ist der Gegenbeweis gegen die amerikanische Theorie erbracht, und die Amerikaner werden dann zumindest nicht mehr mit diesem Argument ihre Insurrektion begründen können. Wir haben zur zionistischen Gesinnung der amerikanischen Führer das Vertrauen, daß sie in diesem Fall ihren Irrtum eiusehen werden und die Schärfe, mit der sie jetzt den Kampf gegen Wcizmann aufgenommen, zu haben scheinen, mäßigen werden. Schwerwiegender als die Frage der Methode ist der prinzipielle Gegensatz in der Auffassung des Zionismus. Die Amerikaner sagen ganz deutlieh, daß die Zionistische Organisation zu einem bloßen Instrument der Kolonisation ausgebaut werden soll. Demgegenüber steht die Auffassung, daß Zionismus niemals Kolonisation allein sein kann, sondern ohne Politik, Propaganda, Erziehung nicht möglich ist. Zionismus kann nur daun zur Verwirktidvung kommen, wenn er das ganze Volk als zentrale Bewegung erfaßt. Die ungeheuren Mittel, die wir brauchen, wird das Volk mir geben, wenn cs die Empfindung hat, daß hier nicht eine Sache neben vielen anderen, sondern die Sache des jüdischen Volkes gemacht wird. Derselbe Gegensatz, den die Amerikaner hier betonen, wird auch von Julius Simon ausgesprochen, der sich kürzlich zum ersten Male öffentlich geäußert hat, Auch Julius Simon meint, daß die Schwierigkeit unserer palastinensisdien Aufgabe es erforderlich macht, uns Beschränkungen aufzuerkgen und uns lediglich der Kolonisationsarbeit zu widmet», Die andere Riehtung, die Simon bekämpft hat, meint hingegen, daß eine »!ehe Beschränkung nicht nur aus prinzipielle», sondern auch aus praktischen Gründen untunlich ist, weil dann nicht einmal für die beschränkte Arbeit die nötige Stoßkraft da sein wird. Zionis-!nun ist zum großer! Teil ein psychologisches Problem. Man darf nicht übersehen, daß man es mit einem großen Volk zu tun hat, das aus verschicdcnsten Elementen besteht und sehr schwierig zu behandeln ist. Simon hat zweifellos!•inen (in diesem Blatte oft gerügten) Felder gemacht, indem er die öffentliche Meinung irn Zionismus bagatellisicrtc und es niemals für notwendig hielt, seine Anschauungen zu äußern. Vielleicht gibt es in der Tat eine Reihe von Mißverständnissen, denn m seiner Mannheimer Rede hat Simon viele Förderin!, gen aufgestellt, die bisher stets nur gegen ihn ausgesprochen worden sind. Viele praktische Malinahmen in Palästina, für deren Versagen Simon verantwortlich gemacht wurde, werden jetzt von ihm selbst postuliert. Die Förderung der Ansiedlung und der öffentlichen Arbeiten durch Arbeiterbank und kooperativen Kredit ist zweifellos eine de,• Hauptaufgaben der Organisation, genau so wie Schaffung von Banken für Industrie. Ihr Fehlen hat die Arbeit bereits schwer geschädigt. In der Schulfrage wird jeder Herrn Simon darin beipflichten, daß die reichen Kolonisten von Petach- Tikwah ihre Schulen selbst erhalten sollen; etwas anderes aber ist die prinzipielle Forckrung, das Seliulwcrk von der Zionistischen Organisation unabhängig zu machen. In der Verquickung technischpraktischer und prinzipieller Fragen zeigt sich der Nachteil jener Auffassung von Zionismus, die ihn auf Kolonisationsarbeit einschränken will. Ein Volk fühlt aber anders und entscheidet anders. Aber auch von der Kolonisationsarbeit selbst hat die zionistische Welt nichts gesehen und nichts gehört. Simon hat schon vor der Jahreskonferenz das Kolonisationsdepartcment innegvhabt, und das Mißtrauen, das auf der Jnl1rcskonfvrc;1/ gegen ihn zutage trat, stützte sich hauptsächlich auf die völlige Untätigkeit dieses Departements. Das letzte Jahr seit San Remo war die Aera Julius Simon im Zionismus. Es war kein gutes Jahr. Selbst wenn gute Intentionen an dem Widerstand der Verhältnisse gescheitert wären, so hätte das jüdische Volk darüber in aller Offenheit aufgeklärt werden sollen. Vielleicht hätte dann viel Ver- Wirrung verhütet werden können. Simon erklärt z B. den Befehl ״stop Immigration“ für eine Legendc und macht im selben Atemzug Angaben, die sachlich der Wirkung eines solchen Befehls gleichkommen. Interessant ist übrigens die Bemerkung des amerikanischen Memorandums, wonach der Grund für die Resignation von Simon und de Lieme der sei, daß die Exekutive die jüdische Legion als wesentlichen Bestandteil der zionistischen Politik anerkannt und 40000 Pfund oder mehr hierfür ausgesetzt habe. Der Kongreß, der nun endlich einberufen ist, wird alle schwebenden Unklarheiten restlos aufdecken müssen, damit die zionistische Luft für neue Aktivität frei wird. Der Erfolg der amerikanischen Reise Weizmanns wird dabei eine große Rolle spielen. Wie immer die Anschauung in einzelnen Fragen sein mag, jeder Zionist wird anerkennen, daß uns jetzt eine Integration der Kräfte nottut. Ein Jahr haben wir mit inneren Vorbereitungen ausgefüllt. Nun darf nicht länger gezögert werden. IV. Als die Entscheidung von San Remo fiel, sprachen manche von Geulah. Es war eine Unbesonnenheit und eine Uebertreibung. Es ist auch diesmal nicht anders als beim Auszug aus Aegypten: San Remo hat uns die äußeren Voraussetrungen für den Auszug gegeben; aber um ihn zu veiwirklichen, bedarf es der Selbsterziehung des jüdischen Volkes, einer Besinnung auf die nationale Aufgabe. Als das Volk aus Aegypten zog, war es kleinmütig und widerspenstig, es sehnte sich nach den Fleischtöpfen der Sklaverei und tanzte um das goldene Kalb. Erst als es das strenge, unerbittliche Gesetz des neuen Lebens empfangen batte: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, — da wurde es für den Aufbau reif. Dennoch bedurfte cs vierzigjähriger reinigender Wanderung. Wenn wir auf das Jahr, seit San Remo uns die Pforten Palästinas öffnete, zurückblicken, sehen wir viel Kleinmut, Widerspenstigkeit, Zank, Mißtrauen, Sehnsucht nach den Fleischtöpfen und Tanz um das goldene Kalb; da,s eine Jahr war so reidh an Ereignissen und Lehren, daß es vielleicht geeignet ist, ,40 Jahre Wüstenwanderung zu ersetzen. Palästina kann nur durch die eigene Tat des jüdischen Volkes aufgebaut werden; und nicht ohne daß das Volk sich seiner Sendung bewußt wird. a w.

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