Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 33-34 (27.4.1921)
- Date
- 1921-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Er ist der Anlaß, Rechenschaft abzulegcn, was wir erreicht, was wir versäumt haben. Vor einem Jahre war der politische Himmel mit schweren Wolken behängen. Zweieinhalb Jahre nach der Balfour-Deklaration, nachdem die Kunde von der neuen politischen Wendung, dem Vorsprechen Englands, die jüdische Heimstätte zu er* richten, bereits in alle Winkel der jüdischen und nichtjüdischen Welt gedrungen war, nachdem es bereits zum etwas abgebrauchten Schlagwort im Munde aller zionistischen Agitationsredner geworden war, da 1, wir am Ziel angelangt sind, daß das Basler Programm verwirklicht ist und uns der grüßte Erfolg jüdischer Politik seit dem Fall des jüdischen Reiches beschieden war, als bereits die Massen der Gedankenlosen und nur an den sichtbaren Erfolg Glaubenden sich uns an- /!!schließen begannen, - in dieser Zeit schien plötzlich das ganze Resultat gefährdet, die Lage des Jischuw bedroht, die Haltung der englischen Administration ausgesprochen judenfeindlich, und offiziöse Stimmen verkündeten in London eine Abkehr von der Politik der Balfour-Deklaration. Da, nach dem dramatischen Höhepunkt, den Ereignissen von Jerusalem, erfolgte die Entscheidung des Obersten Rates in San Rcmo, Sic besagte: England hält an der einmal beschlossenen Politik fest; die Balfour-Deklaration wird aus dem Bezirk wohlwollender Versprechungen hinaufgehoben in die Sphäre bindender völkerrechtlicher Satzung. In den türkischen Friedensvertrag wird die Klausel aufgenommen, daß unter dem Schutz des Völkerbundes durch dessen Mandatamiacht die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina durch geführt werden soll. England erklärt sich bereit, das Mandat zu übernehmen. Die Kruse war überwunden. Die Kunde von San Remo wirkte geradezu erlösend auf die angst- Ikh wartenden Massen des jüdischen Volkes, die durch die Verzögerung des Friedensschlusses mit der Türkei und den dadurch notwendig gewordenen Aufschub der realisierenden Aufbauarbeit in höchstem Maße nervös und ungeduldig geworden waren. Die Nachricht wurde in den Zentren des Judentums mit lautem Jubel aufgenominen. Die Verwirklichung des tausendjährigen Traumes des jüdischen Volkes, die Rückkehr nach Zion, war durch internationale politische Vereinbarung be- I schlossen. Heute ist ein Jahr seitdem verstrichen. Wir | haben uns Rechenschaft darüber zu geben, was j .seitdem geschehen und was nicht geschehen ist. I 1 } Die englische Regierung hat nach San jl Remo mit ihren Versprechungen Ernst gemacht. | Die Juden feind liehe Militärverwaltung wurde be* seitigt, die am schwersten kompromittierten Beamten versetzt, an die Spitze der Zollverwaltung trat Sir Herbert Samuel, ein bewährter eng* lisdier Verwaltimgschcf und ouigezeichnetcr Jude. Herbert Samuel hat die Besonderheit des palästinen* j ■sisdten Problems mit geradezu verblüffender ln- I tuition begriffen. Er hat es verstanden, durch kluge Verwaltungsmaßnahmen, durch bewundernswerten J politischen Takt und durch die Sicherheit und 1 Geschicklichkeit seines persönlichen Auftretens die! Stimmung aller Bevölkerungskreise Palästinas zu j besänftigen und sich bei allen Nationen des Landes ein hohes Ansehen zu schaffen. Allmählich wur- I j den die hemmenden Schranken, 'der Militäxverwal- II tung abgebaut. Es folgten die neuen Landgesetze, I eine Reform des Gerichtswesens, des Steuer- I Wesens, eine allmähliche, den Kraftverhältnissen 11 entsprechende Inangriffnahme der für das Land < notwendigen Bauten und Kommunikationen. Samuel hat den Staatsrat geschaffen, in welchem ן alle Nationen vertreten sind und der angesichts der Unfähigkeit der Landesbevölkerung zu demokratischer Repräsentation einen gewissen Ersatz der Volksvertretung bietet. Die palästinensische Regicrung erwies sich für die zionistische Arbeit als sehr günstig. Die definitive politische Regelung allerdings konnte erst nach der offiziellen Erteilung des Mandates an England durch den Völkerbund erfolgen. Die Erteilung des Mandates, die bereits im Sommer unmittelbar bevorzustehen schien, hat sich immer wieder verzögert. Die erste Session des Völkerbundes hat sich damit nicht beschäftigt, und erst im Dezember wurde der englische Entwurf des Vertrages durch Balfour beim Kommissariat des Völkerbundes eingebracht. Man konnte sich jedoch noch nicht darüber schlüssig werden, in welcher Weise die Mandate vom Völkerbund behandelt werden sollen. Inzwischen haben sich in der englischen Orientpolitik wichtige sachliche und persönliche Aenderungen vollzogen. Die Mandatsgcbietc wurden der Kompetenz des Außenministeriums entzogen und dem Kolonialministerium übertragen, an dessen Spitze Winston Churchill trat. In der englischen Oeffentlichkeit begann eine lebhafte Agitation gegen die Belastung des englisclien Budgets durch Uebernahme des Mandates, wobei die Hauptrolle die Ausgaben für die militärische Besatzung spielen. Das englische Pariament hat sich wiederholt mit den Mandaten beachäftigt und immer eindringlicher gefordert, daß die Mandatsentwürfe dem Parlament vorgelegt werden, bevor sic an den Völkerbund gelangen. Audi die Presse hat diese Forderung aufgenommen, und die Regierung mußte sich dazu verstehen, die Versicherung abzugeben, daß die Mandate im Parlament zur Diskussion kommen werden. Die Gegnersdiaft der englischen öffentlichen Meinung betrifft in erster Linie das Mandat für Mesopotamien, das besonders hohe Kosten verursacht; aber auch gegen das Palästinamandat richteten sich heftigere Angriffe, die schließlich nicht nur mit finanzieller Motivierung, sondern auch mit politischer Begründung erfolgten. Oie antizionistisdic Politik der konservativen Gruppe, deren bedeutendstes Spradirohr die ״Morning Post“ ist, begann wieder hervorzutreten. Sie wurde genährt insbesondere durdi die neu entfaltete arabische Propaganda, die nach einem halben Jahre relativer Zurückhaltung wieder mit aller Heftigkeit auf den Plan trat. Der neue für die Orientpolitik verantwortliche Mann, Kolonialministcr Winston Churchill, ist nach Palästina gefahren, um sich ein Urteil zu bilden, bevor er mit seinen Vorschlägen vor das Parlament tritt. Seine Reise hat vor allem ein bemerkenswertes Resultat gezeitigt: ein deutliches Bekenntnis zur Balfour-Deklaration und zur Politik von San Remo. Churchill hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß an den prinzipiellen Grundlagen dieser Politik nicht zu rütteln ist und er hat den Arabern gegenüber mit ruhiger Festigkeit diesen Standpunkt vertreten. Eines jedoch hat er stärker betont als es vorher geschehen ist: die Juden haben die Arbeit selbst zu leisten, zu der England seinen Schutz gewähren will, Nicht der englische Steuerzahler wird das Qeld zum Aufbau Palästina» geben. Churchill ist zurückgekehrt und er wird dem Parlament berichten. Im Anschluß daran dürfte der Text des Mandates endgültig festgesetzt werden. Der Entwurf, der inzwisdrcn in die Oeffentlichkeit gelangt ist, hat gezeigt, was den Juden gewährt und was ihnen versagt werden soll. Er hat gezeigt, daß jedenfalls eine ungeheuere Möglichkeit für 'den Aufbau des jüdischen Palästina, besteht. Die englische Politik gegenüber dem Zionismus hat sich, trotz manchen Veränderungen und trotz der öffentlichen Diskussion, in ihrem Kern nicht gewandelt. Noch1 immer, wie vor einem Jahre, gilt das Wort, das Lloyd George in San Remo zu Wieizmann gesagt hat: ״Ihr habt, jetzt Euren Start; Ihr selbst müßt zeigen, daß Ihr das Rennen gewinnen könnt.“ ’ ‘ II ln Palästina ist die Kunde von San Remo mit weniger Begeisterung aufgenommen worden als in der übrigen jüdischen Welt. Durch die Jahre des Wartens war man dort zermürbt; die Balfour-Deklaration, auf die man die größten Hoffnungen gesetzt hatte, war Vorübergegangen, ohne eine Periode gesteigerter Aufbauarbeit einzuleiten, ohne neues Leben, neue Arbeit, neue Wirtschaftliehe und kulturelle jüdische Positionen zu bringen. Die letzten Ereignisse, die arabischen Dcmonstrationen und das Verhalten der englischen Behörden, hatten die Gemüter völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Man forderte keine Versprcchungen mehr und keine Deklarationen, man forderte nur Eines: neue Kräfte, neues Leben, neue Arbeit. Und zugleich mit der Kunde von San Remo kamen neue Kräfte. Nicht San Remo, sondern Tel-Chaj und Jerusalem hatten den Anstoß zu einer neuen Welle der Einwanderung gegeben. Die jungen Menschen, die seit Jahren für Palästina bereitstanden, wollten sich nicht länger aufhallen lassen, als sie den Jischuw in Gefahr sahen. Die neue Einwanderung brachte neue Hoffnungen. Aber bald waren die wenigen Arbeitsmöglichkeiten erschöpft, und es drohte Arbeitslosigkeit, wenn nicht neue Arbeit geschaffen wird. Es ist den Arbeiter- Organisationen gelungen, von der Regierung Arbeit zu bekommen, in der die neuen Einwanderer untergebracht werden konnten: mehrere Straßenbauten und ähnliche Arbeiten. Inzwischen wartete man auf den großen Umschwung, den San Remo bringen wird. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren durch die Teuerung, durch die hohe Valuta usw. äußerst schwierig geworden. Es geschah nichts, um die Lage zu erleichtern, *und die Einschränkung des PaJästinabudgcts der Zionist Commission wirkte geradezu entmutigend und lähmend. Delegationen und Kommissionen bereisten das Land, zuletzt Weizmann, Mond, Churchill, Sokolow, Rothschild. Auf jeden einzelnen setzte man Hoffnung. Der Jischuw hat sich organisiert, die Assefath Haniwcliarim hat den Waad Leumi eingesetzt, der, soweit es geht, Selbsthilfe versuchen will. Aber das jüdische Palästina ist heute noch kein normales Gemeinwesen, es ist nur denkbar als Vorposten des gesamten jüdischen Volkes, in seiner inneren Struktur, in seinen Leistungen, in seinen sozialen und ökonomischen Verhältnissen durchaus unseibständig. Es kann nur existieren, wenn es von der Kraft des ganzen jüdischen Volkes gestützt wird. Die Palästinenser, die stets eine Tendenz zur Selbständigkeit hatten, wissen sehr gut, daß sie heute sehr stark abhängig sein müssen, und wissen trotzdem, daß die Entwicklung unbedingt dazu führen muß, Palästina unabhängig, wenigstens in seinen wichtigsten wirtschaftlichen Funktionen selbständig zu machen. Die Institutionen und Siedlungen Palästinas sind nicht Schöpfungen des Jischuw, sondem Schöpfungen des gesamten Zionismus; so ist es zu erklären, daß es dort als Preisgabe empfunden wird, wenn plötzlich das Budget eingeschränkt wird. Hier handelt es sich nicht um ״Subventionen“ oder ״neue Chaluka“, wie immer wieder gesagt wird; cs handelt sich um Positionen, die in erster Linie nationale Bedeutung haben, die aus nationalen Oründen geschaffen wurden, und für die alle Juden aufzukommen haben, die im Zionismus die nationale Lösung der Judenfrage sehen. Dabei ist es selbstverständlich und allen Menschen, die in Palästina leben, klar, daß auch die nationale Funktion der Siedlungen erfordert, daß diese Wirtschaftlich allmählich unabhängig werden. Dies geht jedoch nur im verständnisvollen Zusammenwirken aller Faktoren, nicht durch Bevormundung, Diktatur und Entzweiung. Der palästinensische Jischuw ist ein psychologisch außerordentlich kompliziertes und schwer zu behandelndes Gebilde. Es Ist nicht immer leicht, wenn man aus der ganz anders gearteten europäischen Wirtschaftswelt kommt, in Palästina das Richtige zu treffen und das richtige Wort zu sagen. Und doch kommt alles darauf an, daß in diesem Augenblick der bestehende Jischuw, der