Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 31-32 (20.4.1921)
- Date
- 1921-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3t|32 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 217 Beigt M» ein .nren, m<| eo be* dtahäie £lt. tui iees tdf 1t: r* *t 've ia- :itch ge im er he Ie- •יב es :s« m ie n. av :e. a* »d i‘* ei ׳sn-;ji dt ‘L r׳ •J a ie ai 31 hl 6!n rt -יו -*) d> r- ■n n 11 ► r.!» dl 1* 1t 3. b >■* t, 19 n!r h n o h a 'S •J n e rn n a je והגדת Nach einem alten Hagada-Holzschnitt Es wird uns erzählt von vier Deutungen, die unsere Alten (scharfköpfige Grübler mit weißen Bärten — orientalisch märchenhaft) fanden, für den seltsamen Fall: Viermal steht, in der Thora, wehigadto — Du sollst erzählen Deinen Kindern — vom Auszug — von der Befreiung — von Mizrajim — seltsame (״■schichten. Das erste Mal heißt die Frage: was bedeuten die Brauche, die Vorschriften, die Gesetze, die gottgegebenen? Das zweite Mal heißt die Frage: was soll Euch dieser Dienst? Das dritte Mal heißt die Frage: was ist das? Das vierte Mal fehlt aber die Frage ganz, und es heißt nur — Wehigadto — Du sollst erzählen! Daraus schließen sie — die Alten — aus der vierverschiedenen Stellung der Frage: Vier Arten von Fragern sind cs, die Antwort heischen — hätte sonst das heilige Buch — wer fände Vergleiche für es — viermal sein Wort verschwendet an eine Sache? Xus den vier Fragen aber, so schließen sie, sprechen vier Fragen zu uns. Der Erste, klug, ausführlich, ein Weiser: Cfwclioin. Der Zweite, schroff, höhnisch, ein Bösewicltt: Rosdio. Der Dritte, Mahssos-was ist das, ein Kind Tom. Der Vierte (der nicht fragt), ein ganz kleines Kind, das noch nicht fragen kann: Scheeno jodea lischol. — Wehigadto — Du sollst erzählen!!! Vier Arten von Fragern kennen auch wir. Wenn der Erste Dich fragt, was bedeutet Euch dieses Und, so sprich zu ihm: Dieses Land bedeutet uns alles: Glaube, Liebe, Schönheit, Heimat und Gott. Es gibt nichts, was uns dieses Land nicht bedeutet! Und wenn der Zweite Dich fragt: was soll Euch dieses Land, so antworte ihm: Ruhelos irrt mer Volk durch die Jahrtausende, von allen gehaßt und verfolgt, jenes Land sei uns Kissen, auf das wir unser müdes Haupt legen, Ambos, auf dem neu unser Mut sich stähle, Himmel, der uns neue Seligkeit offenbart, Jauchzen und Glück, Herr sein einmal. Es gibt nichts, was uns dieses Land nicht soll. Und wenn der Dritte Dich fragt: Mah-sos-was ist das, so erzähle ihm: Ein Land unter blauem Himmel, an silbernen Flüssen, ein Land mit der Krone der heiligsten Stadt, ein Land wie keines unter Gottes unendlicher Sonne — Unser Land. Und dem ganz kleinen Kinde, das noch nicht fragen kann, sollst Du erzählen: Awodim anachnu, Knechte sind wir, aber Gott hat uns verheißen, uns herauszuführen aus Mizrajim, dem Lande der Knechtschaft, mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm. Jetzt ist es an uns, die starke Gotteshand zu ergreifen, die uns hinaus in die ewige Freiheit führt Awodim hojinu — Knechte waren wir. Richard Levy. Oie vier Kaschjoth Von Dr. O. N a c h t Erste Frage. Warum unterscheidet sich diese Nacht *on allen anderen Nächten? In allen anderen Nächten *ssen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, in dieser Nacht ®ur Ungesäuertes? Antwort: Anders ist diese Nacht, als alle anderen Nächte. Wir essen Mazza, die uns das Sinnbild der Freiheit und verbannen das Brot aus unserer Mitte, das uns in diesen Tagen das Sinnbild der hinter uns liegenden Knechtschaft ist In allen anderen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, d. h, in der hinter uns liegenden Zeit ergaben wir uns in unsere Knechtschaft und es war auch ein Funken Freihcits- *ehnsucht in uns. Wir entschieden uns weder ganz für das eine noch für das andere. Das unterscheidet eben diese Nacht von allen anderen Nächten, daß wir uns *nt scheiden: כלו מצה nur Mazza; hinweg alles Gesäuerte, wir heben die falschen Gelübde auf, die nur “ns selbst entfremdeten, wollen ganz frei sein. Zweite Frage: In allen anderen Nächten essen ■wir «uerlci Kräuter, in dieser Nacht Bitterkraut? Antwort: In unserem bisherigen Leben haben •wir mit vielerlei Kräutern, allerlei Heilmitteln über unsere «ot hinwegzutäuschen versucht In diese׳■׳ Nacht aber *»gen wir: מר1ר . Wir gedenken der Bitternisse, die *jr erfahren haben, versenken uns in sie bis auf den ®*und. Wie könnten wir dann noch unser Leid! durch jrf•״*’*•«# kleine Mittel heilen wollen, da wir die volle Erkenntnis unserer Not auf uns wirken lassen! Dritte Frage: in allen anderen Nächten tauchen wir auch nicht einmal ein, in dieser Nacht zweimal; einmal tauchen wir die Petersilie in Salzwasser, ein zweitesmal in Charosseth? Antwort: Wir haben unsere Not in ihrer unendlichen Größe erkannt, die Furcht ist von uns gewichen, wir tauchen hinab in das Meer vergossener Tränen, aller nicht Verzweiflung im Herren, wir bringen das Grüne — die Hoffnung, den Frühling unseres Herzens — mit, das durch die Not geadelt, durch die Tränen befruchtet sich zur Wirklichkeit des Lebens zurückbegibt. Das Grüne begibt sich von den Tränen hinweg zum Charosseth (das uns an das Leben, mit dem wir Aegyptens Städte er• bauten, erinnert), zuversichtlich greifen wir ins Leben hinein, unser neues Leben daraus zu formen. Vierte Frage: ln allen anderen Nächten essen wir sowohl sitzend als auch angclehnt, in dieser Nacht sind wir alle angclehnt? Antwort: In unserem bisherigen Leben fühlten wir gar oft die Leere unseres Daseins, das der inneren Ganz• heit entbehrte, an die wir uns hätten lehnen können, wenn wir manchmal auch vcnneiiV.cn einen Stützpunkt gefunden zu haben. Heute aber: nachdem wir uns für unsere Freiheit entschieden, unsere Not in ihrer Größe furchtlos nuf uns haben wirken lassen, aber nicht um in Verzweiflung zu vergehen, sondern um, durch erlittenes Leid bereichert, mutvoll zum Lehen zuriiekzukehren, heute kennen wir kein Schwanker» mehr: בין יושבין ובין מסכין sondern: כלנו מסכין wir haben uns zu uns selbst zurück• gefunden, wir lehnen uns alle כלנו an die wiedergewonnene Zuversicht, beendet ist das Knechte sein, wir sind wieder Könige unseres Schicksals geworden und königlich ist deshalb unsere Geste. Zum Begriff der ״Gnade“ im Judentum Von Max B r o d. Aus dem zweibändigen Bekenntnisbuch ״Heidentitm, Christentum, Judentum“, das demnächst bei Kurt Wolff, München, erscheint, stellt uns der Autor nachfolgenden Abschnitt zur Verfügung. Mit besonderer Energie hat Martin Bubcr die ״Ent• Scheidung", die ״Wahl“, die ״Tat“, also die Autonomie des Mcnsclien in den Mittelpunkt des Judentuins zu rücken versucht. Dem Europäer als dem ״sensorischen“ Menschen stellt er den Juden (den Orientalen überhaupt) geradezu als den ״motorischen“ Menschen gegenüber. 90 in seinem Buche ״Vom Geist des Judentums“: ״Der psychische Grundakt des motorischen Menschen ist zentrifugal: ein Antrieb geht von seiner Seele aus und wird zur Bewegung . . . Die Welt ist dem Mensehen nicht gegeben, sondern aufgegeben; es ist seine Aufgabe, die wahre Welt zur wirklichen Welt zu machen. Hier bewährt sich der motorische Charakter des Orientalen in seiner höchsten Sublimierung: als das Pathos der Forderung ... Er hat im Handeln mehr Substanz als im Wahrnchmcn, und seinem Leben ist wichtiger, was er zustande bringt, als was ihm widerfährt . . . Unter allen Geisteshaltungen der Menschheit ist das Judentum die einzige, in der die Entscheidung des Menschen solcherweise Mitte und Sinn alles Gcschchcns wird . , . Gottes Angesicht ruht unsichtbar im Block der Welt; es muß hervorgeholt, herausgemeißelt werden usf.“ — Man sieht: liier sind als ״Wesen des Judentums“ lauter Elemente beigebracht, die strikt unter Schelers Begriff der ״Anspannung" fallen. Ricarda Huch (״Luthers Glaube“) würde sie sogar als ״luziferische“ bezeichnen; denn all das, was der Mensch in dem Glauben unternimmt, cs komme nur auf ihn und seinen guten Willen an, das Rechte zu tun: all das ist das Werk Luzifers und Hochmut die eigentliche Sünde. Wer gut sein will, seinen Trieben entgegen, wer absichtlich nicht sündigen will, der (so verschärft R. Huch ihren Luther oder hypostasiert vielmehr eines seiner Paradoxa) begeht die eigentliche Sünde. Bei Bubcr ist nun freilich der Sinn der ״Tat“ durch die stets von »hin mitgegebene Forderung ihrer ״Unbedingtheit“ aus dem Bereich des Aeulkrlichen, Relativen, Moralisierenden gerückt. Bubers ״Tat“ geschieht auch nicht als künstliche Anspannung gegen die Triebe des Menschen, sondern aus seiner ״Einheit“ hervor. Ich zweifle gar nicht, daß Bubcr selbst unter dieser ״Einheit“ das Richtige, weil Erlebte, meint. Nur vermisse ich bei ihm den ausdrücklichen Hinweis, daß diese ״Ein■ heit“ und ״Unbedingtheit“, diese ״Verwirklichung“ selbst nicht mehr Menschenwerk, nicht mehr freie Willkür des sittlich aufgewühlten Gemütes ist, — sondem ein Neues, ein göttlicher Onadenbcistand, der den Bemühungen des Menschen auf gehcimnisvolle Weise entgegenkommt, ohne den kein Heil zu erhoffen ist. ״Wer sich verunreinigen will durch Sunden, dem wird es zugclasscn; wer sich aber rein halten will von ihnen, dem wird Beistand geleistet“, sagt der Talmud (Jomah) und zieht damit, wenn auch nicht in aller Schärfe, die jüdische Linie. So wird der ״Entspannung“, menschlicher Demut und Ohnmacht ihr Recht, neben der von Bubcr allzu einseitig betonten Anspannung und Pienipotenz, — jedoch ohne daß mit Luther und R. Huch der Irrweg zur Sünde beschritten würde. , . ' ’ * Nochmals: es ist zwar sehr richtig und wesentlich, als Abzeichen des J'identums die Forderung ״aktiven Ein• greifens“ hinzustelfcn, dom Christentum gegenüber, In dem für den Menschen kein selbständiger Tatwil!« übrig bleibt; aber ich halte es für ebenso falsch wie gefährlieh, wenn min immer wieder nur das ״Tätige“ und ״Motorische“ im Judentum hcrausgestellt und das ״Empfangene“, das ״Auf-Gott-Apgewiesen&cin“ unserer Existenz ganz übersehen, ja im Fehlen dieses Elements der Stille unser eigentlicher Unterschied von christlicher Gefühlswcisc beschrieben •wird, — indes doch die tiefste Essenz des Judentums gerade darin besteht, daß cs diese beiden Elemente zugleich in sich hat, mit der ganzen Fülle und mit der ganzen Tragik eines 90 ungcbcurcn Besitzes. Der Irrlum, daß im Judentum alles auf den eigenen Willen des Menschen, nichts auf das diesem Willen entrückte göttliche Geheimnis ankomme, wird freilich von christlichen Dogmatikern auf jcdmögliche Art verbreitet und am liebsten so ausgedrückt, daß das Judentum gar keine Religion, sondern nur eine Morallehre sei, dal! es sich nicht auf die Beziehung Mensch: Gott sondern nur auf 90ziale Ethik (von Mensch zu Mensch) erstrecke. Und da unsere (westliche und bald auch östliche) Jttgend ihr Judentum aus jüdischen Quellen fast gar nicht, um so mehr aus entstellenden Darstellungen andersgläubiger Literaten und Theologen kennen lernt, werden gerade die zartesten, besten, Gott aufgcsth'ossenen Seelen durch solche Propaganda aus dem Judentum liinausgetrieben. Ich besitze z. li. Briefe eines jungen Dichters, der dem Judentum den Rücken gekehrt hat, weil er (unter dem Einfluß des zitierten Buches von Ricarda Huch) seine ״Hoffnung auf Gnade“, ohne die er nicht leben konnte, als etwas Unjüdisches ansah. Jüdisch wäre eben (nach diesen falschen Darstellungen) nur das Pochen auf die eigene Kraft, auf die eigene Güte, auf mensch׳• liehe Willensfreiheit und Wachheit, die fredie Hinwegleugnung des Kernunheils iin 'Veitbild, des ״edlen Unglucks"... Ja, kastriert man das Judentum auf solche Art um eine seiner Hauptstimmungen, dann ist es freilieh leicht (und das geschieht ganz allgemein), in ihm eine bloße ״Vorhalle“, eine ״niedere Vorstufe“ des Christentums zu sehen. Das bloße Hintereinander wird aus einem nur historischen zum logischen Rang erhoben (dann könnte man aber auch im Islam die ״Vollendung“ des Christentums demonstrieren). Eine Reihe von an* geblichen Vorzügen des Christentums vor dem Judentum, deren Oberflächlichkeit mit üirer glatten und unive*■ salen Gangbarkeit wetteifert, dient derselben Argumen* tation. Unterstützt wird sie durch die maßlose und oft geradezu groteske Ignoranz in Dingen des jüdischen Schrifttums, die doch noch niemanden gehindert hat, ungeprüfte Meinungen dieses Gebietes nachzuplappern. Bei diesem Stand der Dinge scheint es mir oft, daß nur ein Wahnsinniger gegen so inveterierte Vorurteile anzukämpfen unternehmen kann... Wie steht es also mit dem Gedanken, daß die ״Liebe zu Gott“ nicht nur unvergleichlich höchster Wert, sondern gleichzeitig durch guten Willen unerzwingbar, auf irdischem Wege unerreichbar ist? ist auch diese Einsicht jüdisch? Wird nicht vielmehr allgemein das Gegenteil behauptet? Wird nicht das Judentum als starre ״Gesetzesreligion“ hingestcllt gegenüber Christliehen» ״Lieben und Verzeihen“? (Nebenbei bemerkt: ״Gesetz" ist eine falsche Uebersetzung für ״Thora“, was ״Lehre“ heißt, — 90 stammen viele Irrtümer über das Wesen des Judentums aus einem schlechten Vo* kabular.) Verlangt nicht das Judentum mit den vielen ״du sollst“ des Pentateuchs strikte Befolgung der Gebotc, versteigt es sich nicht zu dem (nach dem Vorhergesagten ganz widersinnigen) ״du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen“ (du sollst — lieben, hölzernes Eisen!), während das Christentum, und nur das Christentum, um so vieles unabstrakter, wärmer, lebensnaher die Schwäche und Sündhaftigkeit des Menschen, die Makelhaftigkeit und Gnadebcdürftigkeit alles Irdischen sieht? Ist nicht das Judentum der kalte unlebendige Prügelmagister und das Christentum Pulsschlag des fühlenden Erlöserherzcns? Ist ara Ende nicht die scharfsinnige Dialektik des Paulus im Recht, die das jüdische Gesetz nur darum gegeben sein läßt, damit es die Seelen in Schrecken versetze und ihnen die Unmöglichkeit, es zu erfüllen, vorführe, so daß wir dann mit verdoppelter Inbrunst den Ausgang ins Uebernatürliehe, den Glauben suchen müssen (״denn was durch das Gesetz kommt, ist Erkenntnis der Sünde“ Römer III 20, V 20, VII 7 usf.)? Ist nicht gerade das die Sünde des Judentums (man kann ähnliches oft genug lesen), daß es sich halsstarrig ״dem Heiland verschließt“ und mit ״Pharisäerhochmut“ davon überzeugt ist, die Absicht des Menschen, nicht zu sündigen, genüge, um vor Sünde zu schützen? Man möge beruhigt sein. Das Judentum, das von seinen Angreifern wie leider auch von seinen Verteidigern nicht selten auf diese Ebene flacher Selbstgenügsamkeit hcrunterlizitiert wird, ermangelt der (angebiieh nurchristlichen) Einsicht in die naturgegebene, auf natürlichem Wege unabstreifbare Sündhaftigkeit nicht, cs hat diese Tiefe und es hat überdies die noch viel unausdenkbarere, dem Christentum ganz fremde Tide, daß bei allem ״edlen Unglück“ dennoch und in völlig tragischer Verflochtenheit die Front gegen das ״unedle Unglück“ dem Menschen diktiert bleibt. Zur Erkenntnis menschlicher Sündendcferminiertheit im Judentum könnten Autoren, die gelehrter •sind