Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 31-32 (20.4.1921)
- Date
- 1921-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 216 JUEPISCHE RUNDSCHAU N'r. :Mnj Grcj-Jsracl Keren F>ajessod Herbert Samuels Schreiben an die Juden Aegyptens Vor der Abreise aus Aegypten, wohin der Oberkomm iss,ir Churchill cntgcgengercist war, überreichte er den Juden Aegyptens, die ihn sehr hcr/hch empfangen hatten, ein Schreiben, in dein er u. a. sagt: ״Ich bin sicher, daß wir in Palästina das Band für die verschiedenen Völkerschaften finden werden, Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas hat bereits begonnen. Die Tausende von Chaluz i in, die in der letzten Zeit ins Land gekommen sind, haben Beschäftigung gefunden. Ihre־ fleißige Arbeit kann als Symbol für die Zukunft bezeichnet werden. Durch das Zusammenhalten der Bevölkerung und die Begeisterung und Opfcrfrcudigkeit der Juden wird es uns gelingen, die nationale Heimstätte zu errichten, die der jüdischen Geschichte und der Unter- «tützung Großbritanniens würdig 6cin wird.“ Churchill in Rischon-le-Zion Aus Zeitmangel mußte Churchill seine Absicht, Galiläa zu besuchen, aufgeben. Er konnte nur noch nächst Tcl-Awiw die Kolonie Rischon-le-Zion besiehtigen, wo ihn! ein begeisterter Empfang bereitet wurde, in einer ausgezeichneten Rede, die Satz für Satz ins Hebriiische übersetzt wurde, sprach er über die hingebungsvolle Arbeit der ersten Chaluzim vor 10 Jahren, die er jetzt als Greise vor sich stehen sieht. Die britische Regierung kenne die Kraft und die Zähigkeit der Juden und im Vertrauen zu diesen Eigenschaften habe sie den Juden Palästina als ״National Home“ versprechen. ״Die Balfour-Dcklaration ist nicht die Acullerung eines einzelnen Ministers, sondern der gesamten Regierung: Die Juden haben aus Wüsten Paradiese gemacht und werden auch aus ganz Palästina ein blühendes Land machen. Ich sage, daß Ihnen kein Hindernis im Wege stehen wird. Niemand kann Sie an der Arbeit hindern, die Ihnen und der gesamten Bevölkerung Glück bringen wird.“ Besonders lobte Churchill die prachtvoll aussehende Jugend uivd gab der Hoffnung Ausdruck, daß sie die aufbauende Arbeit ihrer Eltern fortsetzen wird. Ruthenberg bei Churchill Ing. Ruthenberg erhielt von Churchill eine Einladung zwecks Vorlage seiner Pläne. In einem zu diesem Zwecke besonders bestimmten großen Saale des Regierungspalais aui dem Odberge legte Ruthenberg dem englischen Koloniahninistcr in Anwesenheit des Oberkommissärs, des Leiters der öffentlichen Arbeiten, General Grant, Barons James Rothschild u. a. seine Elektriiizierungs- und BcwässcrungspSäne vor. (J. P. Z.) Die erste jüdische Eisenbahn Palästinas Jerusalem, 7. April (J.C.B.) Der Kontrakt über den Bau der Eisenbahnlinie Petach- Tikwah—Nas-c!-Ein wurde von der Regierung und dem Gemeinderat von Petach-Tikvvah unterzeichnet. Der Kontrakt sichert der Kolonie das ausschließliche Recht eines eventuellen weiteren Ausbaues dieser Eisenbahnlinie, die ohne Zustimmung der Kolonie nicht abgeändert werden darf. Der Kontrakt sieht eine direkte Verbindung mit Jaffa vor, ferner, daß der Verkehr an Samstagen und anderen jüdischen Feiertagen ausbleiben wird. Die Kolonie haftet dagegen für eine Mindestfrequenz von 100 Passagieren und 11 türk. Piastern per Kopf täglich. Die Arbeiten wurden bereits in feierlicher Weise aufgenommen. Deutsche Lieferungen von Fabrikeinrichtungen nach Palästina Die zionistischen Industriellen Gutkind Weller und Kahan aus Riga erwarben, wie die ״Standard Industrie- und Baubedarf G. in. b. H. «nitteilt, in Deutschland die Einrichtung einer Kontitürenfabrik, welche in Jaffa errichtet werden und die Herstellung von Fruchtmarmeladen, sowie von Schokolade, Karamells und die Verarbeitung von Mandeln ausführen soll. Es handelt sich um Motoren, Dynamos, Walz-, Mahl- und Schälapparate, Pressen usw. Unterhandhingen wegen Ankaufs der Einrichtung einer Zementlabrik sind im Gange. Bodenankauf der mesopotamischen Juden in Palästina B a g d a d, R April (J. C. B.) Eine Gruppe meso• potamischer Jude« entsandte einen Vertrauensmann nach Palästina, um für sie ein größeres Areal zum Zwecke ^erD׳C1rU.dltnS mtr Slct5h“R meso potamischer Juder « Palastma zu erwerben. Wie mm der Vertrauensmann mitteilt, hat er 7000 Dunam im Erez-I srael zu diesem Zwecke käuflich erworben. Ln den letzter ^!h^eJüdische Familie״ am 5* ״ ”a« ac* Palästina ftbergcsicüelt. zahlreich! weitere Faradten weiden ihnen demnächst folgen. Tschechoslowakei In der Kultusgcmeinde-Versammlung, welche In Ben esc hau bei Prag am 10. d. Mts. in Angelegenheit des Keren Hajessod stattfand und in welcher Rabbiner Dr. Ottokar Kraus über die Keren Hajessod- Aktion referierte, ergriff auch der Kultusgcmcinde-Präsident Dr. Julius Tausig, einer der angesehensten Führer der tschechischen Juden, der sidi besonderer persönlicher Achtung sämtlicher jüdischer und nichtjüdischer Parteien erfreut, das Wort zu folgenden Erklärungen: In der Keren Hajes&od-Aktion erblicke ich keine spezifisch zionistische, sondern eine alljüdische Angelegenheit. Alle, die wir uns unseres Judentums bewußt sind, in welcher Form wir es auch auffassen (religiös, ethisch usw.), haben ein lebhaftes Interesse daran, daß denjenigen geholten wird, die wegen ihres Judentunis leiden. Ich selbst bekenne mich zu den tschcclüsehen Juden und bin über mein Verhältnis zur tschechisch-jüdischen Bewegung ganz im klaren, aber ich bin fest davon überzeugt, daß die assimilatorische Richtung mich absolut daran nicht hindert, die Keren Hajessod-Aktior» zu propagieren und wärmstens zu empfehlen.“ Beßarablen Kischcnicw, 14. April (J.C.B). Die erste Jahressainmhmg von 10 Millionen Lei auf den Gesamtbetrag von 50 Millionen, dessen Aufbringung die beßarabische Judcnheit ln fünf Jahresraten übernommen hat, ist in vollem Schwünge. Die Arbeit ist auf 15 Distrikte aufgeteilt, der 12 reisende Agitatoren zur Verfügung stehen. An der Massenversammlung in Kischcniew, die reiche Eitrige zur Folge hatte, beteiligte sich eine große Anzahl von Nichtzionisten. Die gesamte jüdische Presse unterstützt die großzügige Aktian, deren voller Erfolg gesichert erscheint Bulgarien Sofia, 14. April. (J.C.B.) Die Aktion für die Aufbringung von 80 000 -C für den Keren Hajessod schreitet rüstig vorwärts. Die B’nc Brith - Loge hat mit Begeisterung in die Arbeit eingcgrit'fen. Ebenso haben sich sämtliche j ü d i s c 11 c G c m e i 11 d e n B u 1 g a r i c n s der Keren' Hajessod-Aktion zur Verfügung gestellt und eine Reihe von Strafmaßnahincn gegen einzelne Geineimlcmitglicdcr, die sich der Beitragsleistung entziehen wollen, in Aussicht genommen. Der zur Ucberwachung dieser Aktion nach Bulgarien entsendete Londoner Delegierte, Dr. Goldstein, wurde vom britischen Gesandten in Sofia, der großes Interesse für den Erfolg des Keren Hajessod bekundet, empfangen, Die zionistische Organisation erwartet von dieser Aktion einen vollen Erfolg. Portugal Dr. Benzion, der Vertreter des Keren Hajessod in Portugal, wurde zusammen mit dem Präsidenten des dortigen Keren Hajcssod-Kommitces und dem Präsidenten der portugiesischen ־zionistischen Födcration Bcnarus am 3, April vom Präsidenten der portugiesischen Republik empfangen. Keren Hajessod In Holland. Die Einnahmen des Keren Hajessod in Holland sind neuerdings um 50 000 FL auf 40D000 Fl. gestiegen. Davon entfallen 105 0d0 FI. auf die Zeit nach dem ersten Januar. Die polnisch jüdische Verständigung in der polnischen Piesse Ucbcr die zwischen der polnischen Regierung und den jüdischen Sejm-Abgeordneten geführten Verhandlngen liegen uns nachstehende Pressestimmen vor, die einen Einblick in den zurzeit in Polen sich vollziehenden Umschwung der Stimmungen im Bereiche der Judcivfrage gewähren. Der konservative ״C zas“ schreibt: ״Unsere Regicrung hat die Initiative zu einer wichtigen und 110twendigen Aktion ergriffen, nämlich zu Verhandlungen mit den Vertretern der jüdischen Bevölkerung. Es ist dies der erste reale Schritt zur gegenseitigen An-, nähenmg.“ ' ״Das bisherige Jahrhunderte währende System der wechselseitigen Abgrenzung, Abstoßung und Bekamp« fung hat keine guten Resultate ergeben . . ״Unsere Regierung ist offenbar der Ansicht, daß man die Juden durch eine kluge, umsichtige und milde Politik für die Staatsidee gewinnen kann. Weder Pograme und Ausrottung, noch rasche Assimilierung und Polonisicrung der jüdischen Massen, noch auch die Vertreibung der Juden aus Polen oder eine cinschränkendc Gesetzgebung sind heute möglich. Wären sie möglich, 90 würden sie wirkungslos und für uns Reibst sogar verhängnisvoll sein.“ (Nr. 7.) ״Kurjer Polski“, das Organ der Demokraten, sagt: ״Wo Antisemitismus herrscht, gibt es keine Rechtsordnung. Einem Staat, in dem es keine Rechts- Ordnung gibt, können weder Kapitalien noch Gebiete anvertraut werden. Es ist notwendig, daß die weitesten Kreise bei uns dies endlich begreifen. Unsere Presse erkennt diese Notwendigkeit an und wird in dieser Angelegenheit auf der Seite der Regierung stehen. Es gibt historische Augenblicke, in denen unter dem Ein- | flußgroßer Ereignisse neue Lehens notwendigkeiten *uf. tauchen. In ihrem Gefolge drängen sich neue Orient. nm׳en mit unwiderstehlicher Gewalt auf. Eine derarti׳־! neue Lcbcnsnolwcn-igheit ist de Acmicrung des Kun^s in der Judcnpoli.ik.“ (Nr. 59.) ״Die mittelalterlichen Fabeln ,über die Juden ah Volk’von Verbrechern und über den Talm ud als geheim, j nisvolle ״Magna Charta“ der WehHerrschaft der JU1w j jene Fabeln, durch de.en Aufwärmung im Land a: ur.cj in der Presse Polen vor dem Forum der zivilisierten Menschheit kompromittiert wird, müssen endlich!*.. scitigt werden.“ ״Man muß begreifen, daß die Weit, judcnheit, ohne über eine entscheidende oder bedroh, liehe Macht zu verfügen, ohne sich auf irgend weU* geheime Organisationen zu stützen, während des Wo. Krieges doch zu einem einflußreichen Faktor nicht ״!, auf "wirtschaftlichem, sondern auch auf politischem (*.! biete geworden ist . . . Auch Polen darf nun, da tt , in den Bereich der Weltpolitik eintritt, diesen Fakte» nicht vernachlässigen.“ (Nr. 72.) Der klerikale ״Kurier Warszawski“‘ meint;! ״Was fremde ausländische Missionen, die Herren Morj genthau, Samuel und Rcnaudcl, nicht erreicht j haben, das ist jetzt gelungen: Es beginnt eine po-Hvt! Aussprache, Auf polnischer Seite aber ging die lni׳ja.! tive nicht ausschließlich von der Regierung aus. - . . . Alle parlamentarischen Klubs haben ihre Bereitschaft erklärt, Verhandlungen mit den Juden hin-ichtich des Inhalts und der Methoden der Lösung׳ der Judeniragt zu crüifmn. Unserer Regierung ist also wenigs.cm im Prinzip die Unterstützung der Volksvertretung in dieser; Angelegenheit gewiß.“ (Nr. 67.) I ״Tydzien Polski“ (liberal): ״ln der Epoche der Renaissance galt Polen als die Hochburg der Poleranz. . . . Man hat den Leitgedanken unreicr Uibcrlieferung verfälscht . . . Nun bleibt nichts andere* übrig, als zu ihm zurückzukehren. Beide GcsrilschaPsgruppen müssen, wollen und können. Man muß den neuen Bau auf dem Vergessen des Durchlebten aufführen . . . Auf jedem Schritt, in jedem Moment muß man die Brücken der Versöhnung durch neue Pfähle stützen. Wir müssen uns auf die Höhen der Menschheit erheben und auf ihnen die Zeichen der Liebe pflanzen.“ Soweit die schönen Worte der polnischen Presse. Und nun einige Tatsachen: 1. Der Vorsitzende der polnischen Friedens;!!.h..;ג• tion in Riga hat die Vertreter der Presse empfangen und ihnen Einzelheiten über die Rigaer Verhandlungen mitgeteilt. Die Vertreter der jüdischen Presse sind dabei nicht cingeladen worden, wie cs auch bei den bishörigen Presseempfängen zur Gewohnheit wurde. '2. Die Stadt Plozk hat neulich eine Feier voranstaltct, zu der sie vom Regierungschef einen Orden ״Virtuti militari“ für die Tapferkeit, die die Stadt während der bolschewistischen Invasion bewiesen hat erhalten und der Regierungschef hat in eigener Pc׳• son den Feierlichkeiten beigewohnt. Dagegen ist de! Prozeß des ermordeten Ptozker Rabbiners Schapira bisher nicht revidiert worden; ebenso sind bisher die Verrat in Plozk, die zu den traurigsten Vorkommnissen in Plozk geführt hatten, nicht bestraft worden, obwohl die Nachrichten vom Piozker Magistrat offiziell dementiert worden waren. 3. Der Friedensvertrag von Riga enthält in § 6 eine schwere Bedrohmtg von vielen Tausend russischen Juden, die seit Jahrzehnten nach Polen gewandert sind und denen Polen jetzt das Optionsrecht vorweigert, um sie als Fremde (russische Staatsangehörige) aus Polen ausweisen zu können. Dieser Paragraph steht in krassem Widerspruch zum Friedensvertrag vor Versailles, der dieses Optionsrecht ausdrücklich auer׳ kennt. Die jüdischen Sejmabgeordneten fordern vor der polnischen Regierung die Anerkennung der in Polcr seit langem ansässigen russischen Juden als polnisch( Staatsangehörige, widrigenfalls sie gegen den Frieden» vertrag von Riga stimmen würden. 4. Einer der ״Apostel der Verständigung“ ist Dr Herrmann Diamand, der sich als Vertreter der Lcmbergc! Juden ausgibt. In Wirklichkeit ist er noch PHI vor den Lembcrgcr P. P. S. (״P o 1 n i s ch c Sozialdcmokrn tische Partei“) in den österreichischen Landtag gewähl und jetzt vom polnischen Sejm kooptiert worden Bis jetzt hat cs Diamand nie für nötig gehalten, siel in Lemberg z״ zeigen. Auch nach dem furchtbaren Po grom in Lemberg, der die ganze Welt erschüttert hat hat Diamand der Lage der Lcmberger Juden nicht da! geringste Interesse cntgcgengebradit. Plötzlich ist um Diamand in der Verständigungskommission als Vertrete der Lembeiger Juden aufgetaucht. Er hat sich aud nach Lemberg begeben, aber nicht etwa, um mit sein« Wählern Rücksprache zu nehmen, die von ihm sclio! seit langem die Nicderlegung des Mandates verlangen sondern um in einer geschlossenen Versammlung w geladenen Gästen über die wohltuende Wirkung de Verständigung, die ein gutes Mittel auf dem Wege de Assimilation ist, zu predigen. 5. Bei der Festsetzung der Wahlordnung für de ^.F?.CIV Scim hat man die Städte, die eine sehr groß jüdische Bevölkerung aufweisen, mit den Dörfern vet einigt, um auf diese Weise die Juden zu majorisicre und in Zukunft sich der lästigen jüdischen Abgeordnete zu entledigen. Dadurch sind aber auch die polnische Intcllektucl.cn zu kurz gekommen, so daß der künftig Sejm einen erschreckenden Mangel an intellektuelle aufweiscn muß die von dem Aufbau des polnische Staates angcschlossav sind. Aber die polnische Regit nmg will lieber einen Sejm ohne Intellektuelle, als eine bejra mit jüdischen Abgeordneten haben. I