Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 31-32 (20.4.1921)
- Date
- 1921-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 214 j U EPISCH E RUNDSCHAU Nr. 31/32 entwickeln, dein Ansehen der Juden schwersten Schaden zufügen müsse. Der Beweis wäre erbracht, daß Juden, vvo sie unter sidi leben, nicht imstande .sind, aus eigener Kraft ein Wirtschaftsleben auf- /»bauen, daß sie wirklidi nur dort zu existieren vermögen, wo sie gewisse Lücken einer von anderen geschaffenen Wirtschaft ausfüllen. Der Gedanke war ferner nicht mehr abzuweisen, daß nur nach Palästina eine politisch gesicherte Einwanderung der Juden möglich ist — schlossen sich doch alle anderen 'Länder mehr und mehr gegen eine jütlische Einwanderung ab —, daß dort die einzige Möglichkeit einer Belebung hebräischer Sprache und Kultur vorhanden sei, daß nur dort sich erweisen könne, ob das Judentum die Kraft habe, durch seinen Geist neue, der ganzen Menschheit, dienende Leistungen hervorzubringen. Die Zionistische Organisation war sich darüber klar, daß ihre Aufgabe vor allem darin besteht, die Menschen für den Aufbau zu schaffen, daß aber die Mittel für den Aufbau durch alle Gruppen der Judcnhcit aufgebracht werden müssen. Wir verlangten von niemandem die Anerkennung eines irgendwie gearteten zionistischen oder nationalen Programms und erklärten, daß cs uns nur darauf ankomme, mit allen Gruppen einen Vertrag über die gemeinsame Arbeit abzusdiließeii, der niemand zu einem Opfer der Gesinnung zwingt. l>ie Gründe für die Mitarbeit erschienen uns unerheblich gegenüber dem Tun, das von jedem in gleicher Weise erwartet wurde. Denjenigen Niehtzionisten, die auf die philanthropische Begründ•.;::.; :11 rer materiellen Mithilfe nicht verzieh»:: wollte::, zeigten wir, daß auch sie doch mir wünschen ko .ne;:, als Philanthropen zu geben, nicht aber, daß die Mittel in Palästina nach einer allgemein abg.'lehnten philanthropischen Methode v e r w e n d e t weiden. Mar! mußte zugeben, daß die Frage nach dem Wesen des Judentums, wie sie in Deutschland und den westlichen Ländern erörtert wurde, nichts zu tun habe mit der Frage des Charakters der jüdischen Siedlung in Palästina. Gerade wer Bedenken äußerte gegenüber fremden assimilierenden Einflüssen einer großen europiiiseheii Macht, mußte wünschen, daß die Juden in Palästina weder Engländer noch Araber' werden, sondern als freie Juden ihr Leben nach ihren Bediirfnissen sich einrichteten. Diese Gedanken hat schon vor Jahren Geheimrat Fuchs eindrucksvoll herausgearbeitet, als er darauf hinwics, daß die Frage der jüdischen Nation auch für den nichtjüdisch-nationalen, deutschen Juden nichts zu tun habe mit einer nationaljüdischen Entwicklung der Juden in anderen Ländern, z. B. im Osten. Der Artikel von Dr. Paul Nathan in der Zeitschrift ״Im Deutschen Reich'', der Aufsatz des Nürnberger Rabbiners Dr. Freudcnthal in der Zeitschrift ״Liberales Judentum“, mit besoliderer Eindringlichkeit die Reden Dr. Alfred Apfels zeigten, daß verantwortliche niclitzionistischc* Führer der deutschen Juden sich trotz verschiedenster Begründung darüber klar sind, daß die deutschen Juden sich nicht aus der Weltjudenheit ausschalten dürfen, indem sie als einzige die Mitarbeit am Palästinawerk ablehnen. Die deutschen Rabbiner, die einmal fast einstimmig als Protestrabbiner gegen den Zionismus aufgetreten sind, scheinen heute in ihrer großen Mehrheit für eine cinheitliehe Keren Hajessod-Aktion einzutreten. Wie ist dennoch der ablehnende Beschluß des Zentralvereins zustande gekommen und wie ist er zu bcurteilen? Der Beschluß ist mit einer nicht sehr großen Mehrheit angenommen worden. Selbst im Zentralverein bezweifelt inan, daß er das wahre Bild von der Stellung der Zentralvereins-Mitglieder zu Palästina gibt. Als der erweiterte Vorstand des Zentralvereins gewählt wurde, spielte die Palästinafrage keine Rolle. Gerade jene süddeutschen Gruppen, aus denen die Führer der Majorität kamen, sind nicht um ihre Meinung befragt worden und die traditionellen Vertreter dieser Gruppen sind vollkommen unberührt geblieben von all da! Ereignissen des jüdischen Lebens, die uns in den letzten Jahren bewegt haben. Die durch Dr. Naumann beabsichtigte Spaltung des Zentralvereins wirkte verängstigend. Noch niemals war es vorgekommen, daß der Zentralverein einer jüdischen Gruppe zu wenig deutsch erschienen war. Man fürchtete wahrscheinlich, daß der durch Dr. Nauinann entfesselte furor tcutonicus die Staatsbürgerliehe Stellung auch der Mitglieder des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erschüttem könne. Dem Dr. Naumann erscheinen alle Anzeichen jüdischen Lebens verdächtig Er hat Dr. Nathan wegen seines höchst vorsichtigen Palastinaartikels in wenig feiner Weise im roten ״Tag“ angegriffen und jetzt glaubte der Zentralverein sich diesen deutschnationalen jüdischen Oegnern dadurch empfehlen zu sollen, daß er mit längst überholter Begründung jeden Zusammenhang mit dem Palästinawerk ablelmt. Der Zentralerem wird sich zu entscheiden haben, ob er den von Geheimrat Fuchs eingesclilagcncn Weg, daß Abwehr ihren Sinn nur durch die Einkehr, d. h. durch die Verstärkung des jüdischen Charakters erhalten könne, beibehalten will oder nicht. Auch im Zentralverein beginnt Zion die Geister zu scheiden. Dr. Apfel und Fräulein Dr. Cora Berliner sind aus dem Vorstand des Zentralvereins ausgetreten. Dr. Apfel verlangt in seiner Dresdner Rede, die wir in der heutigen Nummer wiedergeben, Einberufung einer Hauptversammlung und Revision des Be- Schlusses. Andere führende Persönlichkeiten empfinden, daß sie weiter dafür arbeiten müssen, daß der Zentralvcrein seiner Verpflichtung gegenüber Erez- Israel iiaciikommt. Sie geben sich mit dem MehrhcitsbeschluB nicht zufrieden und erhoffen eine Aenderung. Wir bedauerrt, daß uns durch die jetzt gefaßte Entschließung die Arbeit für den Keren l iajessod erschwert wird. Wir stellen aber gleichzeitig fest, daß der Kampf um den Palästinagedanken im Zentralvcrein nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Unsere Aufgabe bleibt es, alle Juden in Deutschland zur Mitarbeit aufzurufen. Unbeirrt durch die in den! Beschluß des Zentralvereins!»׳mit, sieh ein vom ״Kernn Hajesnoil, Abteilung für Zoiitraleuropa" herausgegebenes kurzes Nachrichicnblaii, welches monatlich einmal erscheint und Nachrichten, Berichte und Bilder aus l'ullistiua bringt. E» soll dazu dienen, solche Kreise über Palästina zu informioren, welch« dem Palästina- Gedanken bisher fern standen und deren laufeude Unterrichtung über die Entwicklung der palttstinen־ »iHelien Verhältnisse erwünscht ist. Gesinnung»* genossen, welche die Versendung dieses Blattes an geeignete Adressaten wünschen, werden gebeten, die» umgehend dor ״'/lonlstlschen Vereinigung für Deutschland“, Berlin W 15, Sächsische Str. 8, mitzuteilen, unter genauer Angabe der Adresse, sowie spezieller Charakterisierung des aufgegebenen Beziehers. Plo Abgabe wird zunächst kostenlos erfolgen. liegende Kampfansage, wollen wir ohne Rücksicht auf Parteiansichten ein gemeinsames Werk zur Ausführung bringen, das jedem, der ernsthaft mitmacht, den entsprechenden Einfluß sichert. So sehr wir unablässig versuchen werden, mögliehst viele einzelne Juden für die zionistische Sache zu gewinnen und sie in den Bann der nationaljüdischen Idee zu zwingen, da wir, von der Wahrheit unserer Sache durchdrungen, zur Propaganda verpflichtet sind, so entschieden wollen wir vermeiden, mit nichtzionistischen Organisationen in einen Kampf zu treten. Im vollen Bewußtsein der inneren Gegensätze wollen wir alle mitarbeitenden Gruppen als gleichberechtigte Genossen unseres Werkes anerkennen, jede Organisation wird uns willkommen sein, wann auch immer sie den Weg zu unserer allgemeinen Sache zu finden weiß. Wir sind überzeugt, daß unsere Arbeit für die Errichtung des nationaljüdischen Heimes in Palästina auch in Deutschland so starke Wirkungen hervorbringen wird, daß sie mit unwiderstehlicher Gewalt alle heute noch abseits stehenden Gruppen zur Mitarbeit zwingen wird. Wir haben bisher in den eigenen Reihen trotz aller Schwierigkeiten Mittel aufgebracht, die ein Vielfaches von dem darstcllen, was deutsche Juden jemals bisher für eine jüdische Sache gegeben haben. Unserer Arbeit wird es gelingen, neue Menschen und neue Mittel in großem Maße zu schaffen. Ucberzcugcndcr als alle Darlegungen wird der Maasser wirken, den die Zionisten von ihrem Vermögen und Einkommen geben. Kurt Blumcnfeld. w1״״u ivauiiiii gusiurucn. in K0:n ist vor einig Tagen der frühere Bürgermeister der italienischen Hau! Stadt, Ernesto Nathan, gestorben. Nathan, der So eines englischen Juden aus bekannter Familie und ein römischen Mutter, wurde• 1845 in London gehört Ais Bürgermeister von Rom hatte Nathan d Führung des liberalen Blocks in Rom inne ui War einer der bedeutendsten Vertreter in d Union der Volksparteien, welche der italienischen. PolU in den Jahren nach 1000 vielfach ihre charakteristisc Note gab. Nathan war zeitweilig■ Chef der italienisch Freimaurerei, innerhalb welcher er eine promiuei; Stellung cinnahm, Dies sowie seine entschieden Uber; Haltung und sein Kampf gegen die Politik des Vatika hat ihm vielfache Angriffe des internationalen- An semitismus klerikaler Prägung eingetragen, der Nath gern als Haupt der jüdlsch-freimaurcrischcn Wcltvi schwörung darzustellen bebte. Dem Judentum 81a Nathan indes völlig interesselos gegenüber Aus dem palästinensischen Arbciterleben in den letzten Tagen haben zwei wichtige lkra. j tungen der palästinensischen Arbeiterschaft stattgehiiHica• j Die Konferenz der Straße narbe iter (Muaza sdK j j poalc hakwisdiim wchanwodoth lia/iburiot) in u^»4 : vom 12. bis 14. Adar und die zweite Session <J1־s 1 Rates der palästinensischen Arbeiter- Organisation in Jaffa. Der Verlauf beider Kurvfereuzen hat die Situation unter den neuen Einwanderern — den Giahiziin — hell beleuchtet. Besonders die K!»:v fereilz in Haifa hatte eine große symptomatische I׳*. dcutung. Denn wie die Dinge heute in Palästina stehen, müssen wir für lange Zeit darauf rechnen, daß die I ölfcntlichca Regierungsirbcite» insbesondere an Straßet! und Eisenbahnen, die ganzen Reserven an Arbeitskräften. 1 die durch die Einwanderung entstehen, aufnchiiten wvr' : ' den. Denn mir ein ganz kleiner Teil der Einwaiidcru,^ i kann in die landwirtschaftlichen Siedlungen abdrönicn. Nim bestand unter den Arbeitern selbst die große B«. I fürchtung, daß die Konferenz der Straßenarbeiter «ine tiefe Depression offenbaren wird. Demi cs ist nicht n! 1 leugnen, <1:111 die großen Leiden, denen unsere Cl!a. 1 luzim ausgesetzt sind, oft eine Erbitterung unter ihnen erzeugt; in der Not und Sorge des Tages vergißt ach : leicht die schwere Vergangenheit in Rußland oder Polen! und das große Ideal, um dessentwillcn die jungen Leute freiwillig hierher gekommen sind. Auf der Konferenz j waren 1850 Wähler vertreten unJ zwar nur Arbeiter, nicht wie auf den Parteitagen der Arbeiterparteien auih Lehrer und Beamte, sondern nurrichtige körperliche j Arbeiter, meistens neue, während des letzten Sommers t angelangte Einwanderer. j Die Befürchtung, daß diese Chaluzim roll Ver- ■ bittenmg «xticiium Strömungen nachgeben werden, 1,t; nicht eingetroffen. Die Chaluzim haben in Haifa ihre j politische Probe bestanden. Die Konferenz hat die Psychologie der Arbiter deutlich offenbart Den jüdisehen Arbeiter in Palästina kennzeichnet ein chanik- ‘ teristischer Zug: Das Streben nach Selbstregienmg. Man kann dieses Streben verherrlichen oder verdammen, es ist jedenfalls eine psychologische Tatsache, mit der man sich abfindett!null. Dieses Streben zeigt sich z. B. darin, daß die Arbeiter die Arbeitsteilung nur ihren Genossen anvertrauen wollen. So waren die alten Arbeiter Palästinas, Menschen, die seit einem Jahrzehnt als landwirtschaftliche Arbeiter tätig sind, die Organ!• satoren der Straßenarbeiten in üalriäa. Mag sein, daß! vom rein technischen und kommerziellen Standpunkt es vorteilhafter gewesen wäre, wenn Ingenieure — Fach• männer — die Arbeit geleitet hatten, aber die Arbeiter hatten nur zu ihresgleichen Vertrauen und ließen sich nur von ihresgleichen leiten. Ja dieses Streben mich Selbständigkeit geht sogar soweit, daß es bei dea ' ״Kwischim“, den Straßciurbciten, Reibungen g.j t zwischen den Mitgliedern der Arbeitsleitung, welche d;t | zentrale Arbeiterorganisation -- die die Unterj nehmerin der Arbeiten ist — ernannt hatte und denjenigen Mitgliedern der Arbeitsleitung, welche von den Ar• beitem am Platze gewählt wurden. Die Konferenz in; Haifa stellte sich auf den Standpunkt, daß im allge• meinen die Arbeitsleitung in den Händen der von den r Arbeitern selbst am Platze gewählten Ausschüsse zu liegen hat, daß also jede Arbeitergruppe, jedes Az•; beiterbataillon die ganze Arbeit durchführen und auch für dre Leitung verantwortlich sei» müsse.; Es besteht die Möglichkeit, die Zahl der in öffent- » liehen Arbeiten beschäftigten jüdischen Arbeiter bedeutend zu vermehren. Derzeit arbeiten in Palästina noch [ zirka 8000 ägyptische Arbeiter bei der Eisenbahn. Die : palästinensische Regierung ist wohl interessiert, diese Arbeiter in ihre Heimat zurüekzubeförde rn und wäre wohl geneigt, die Arbeit jüdischen Händen au zu vertraue״, I wenn nur erst der in den letzten Monaten g e! schwächte Einwandererstfom wieder zugenonunen! haben wird. Die Arbeit, welche diese Acgyptcr leisten, ’ ist Abladen der Waggons usw׳., unqualifizierte, schlecht bezahlte Arbeit. Immer wieder taucht *or den Arbeitern das Problem auf, ob sic trotz der schweren Be-! dingungen, unter denen sie selbst leiden und unter denen auch die Nachkommenden zu leiden haben werde 1, weitere Einwanderung von Chaluzim aufmuntem u1׳d fördern sollen. Möglichst viele Arbeiter, oder mögliehst gute Bedingungen — das ist das Problem. Und es war eine patriotische Tat, als die schwer arbeitenden und leidenden Straßenarbeiter die Resolution aimahaicn: ״Die Wcratung nimmt mit großem Ile• dauern die Abnahme der Einwanderung in den letzten Monaten zur Kenntnis. Die Beratung erkennt an, daß die Einwandc• ruiig die Kraft ist, welche sich den Weg zur Arbeit und zur Existenz im Lande 1 bahnt und verlangt vom Actions-ComiU der allgemeinen Arbeiterorganisation,! daß cs eine energische Tätigkeit zur Erneuerung und Verstärkung der Einwandc• 1 rung entfalte." j Die Straßenarbeiter haben einen schweren Stand.! Das Ideal der Chaluzim, die nach Palästina kommen, war die landwirtschaftliche Arbeit Noch heute ist der! landwirtschaftliche Arbeiter ungemein geachtet ein .kr־ j beiter von Dcgania ist wie ein Aristokrat in der’Arbeiter- J g!.׳Seilschaft. Der Straßenarbeiter genießt diese Wert- Schätzung nicht. Dies kommt daher, daß unter den Arbeitern viel zu sehr das Bewußtsein eingewurzelt ‘SL d<1ß die Straßcnarbeit nur die Folge der Geldkrise un Zionismus ist, daß, wenn die Mittel da wären, sie in den Kolonien und Kwuzoth und nicht auf der Straße arbeiten würden. Ke Konferenz hat, um dieser Meinung eaigegenzutreten, eine Resolution angenommen,