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Jüdische Rundschau · 1921-04-20 · Heft 31-32 (20.4.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 31-32 (20.4.1921)
Date
1921-04-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Cora Berliner aus dem Vorstand <5CS Zentralvercinrs ausgeschieden ist, sagte folgendes: Selten ist eine Kunde mit so tiefer Bewegung von ijcii deutschen Juden aufgenommen worden, wie die Botjduft, die am 23, Januar 1921 aus dem Berliner Logen* (c״pcl liinausgcs.uKlt wurde: Die deutschen Juden haben sich 7u einer Gesamtor gani s a t ion, zum ersten Versuch der Herstellung einer Einheitsfront nisammengcschlosscn. Selten hat ein Prob'cm die dcutsctien Juden in ihrem jüdischen Grundgefühl so aufgcwühlt, wie das Pa lä s t i n a pro b lern. Wir standen ' dicht davor, durch die Palästinabewegung eine lieberbrückung der gerade heute selbstmörderischen Partei- (״impfe m cr/ielcn: Wir Nicht zionisten waren bereit, die frage der Errichtung einer jüdischen Heimstätte für diejenigen Glaubensgenossen, die sich in ihren Hoimatländcrn entwurzelt fühlen, als eine Sache der Gesjmtjndenheit und nicht als eine Parteisache zu betrachten; auf <ler anderen Seite wuchs bei den Zionisten von Tag zu Tag die Geneigtheit — und zwar nicht nur «ne taktische, sondern eine sehr ernst zu nehmende — unseren deutsch-patriotischen Standpunkt zu respektieren. Es schien der Augenblick;gekommen, wo das deutsche Jucdmin, zum ersten Male geeint, zum wuchtigsten, weil gemeinsamen Vorstoß gegen den mörderischen Antisemitisnms sein Haupt erheben konnte. Diese Möglichkeit und der Erfolg des 23, Januar 1921 scheinen seit dem 10. April 1921 vernichtet! Vcrnicht et durch Beschlüsse der Mehrheit des Vorslamles des ״Zcntrnlvcrcins deutscher Staatsbürger jüdicken lil.iubens“, die geeignet sind, die innerjüdischen Kämpfe ln Deutschland rur Siedehitze z.u steigern, den Zentralverein in seinem Mitgliederbestand und in seiner Stoßkraft gegen den Antisemitismus auf das höchste zu gefährden. Wie bekannt ist, betreibt Herr Dr, M a x Naumann in Berlin die Begründung eines ״Verbandes national-d eu t sc he r Juden“ und argumentiert liierbei u. a. mit der angeblichen nationalen Unzuverlässigkeit des Zcntralvereins. Durch diesen Vorwurf hat sich die Alehrhdi des Vorstandes des Zcntralvercios so einsrfiüchtern lassen, daß sic zwei Gelegenheiten in der Hauptvorstandssitzung vom 10. April 1921 in denkbar ungeschicktester Weise benutzte, um ihre patriotische Zuverlässigkeit zu bekunden: die Jugend- und die Pa 1 ä s t i n a f r a g e. In der Jugend frage wurde ein Beschluß gefaßt, der nach der offen eingestandenen Absicht der Antragsteller eine weitere Zusammenarbeit des Zentral- Vereins mit der größten jüdischen Jugendorganisation, dem Verbände der jüdischen Jugcndvcreine Deutschlands, unmöglich machen soll. Nach diesem Beschlüsse wäre eine Förderung unserer Vereine durch den Zentralverein nur noch möglich, wenn sich diese unter bewußtem Bruch der Neutralität, unter Ausschluß ihrer zionistischen Mit• gUeder, von ihrer satzungsgemäßen Grundlage ent■ femiwi und sich programmatisch auf den Boden des Zentr;dvercins stellten. Der anwesende Führer der ״Kameraden“ erklärte erfreulicherweise eine solche Zu rauttin;; an die Verbandsvercinc als eine Charakterlos!‘״ keil. Erklärlich wird dieser Beschluß nur durch die tief bedauerliche Respektlosigkeit vor dem heiligen Ringen der heutigen Jugend um die Begriffe Nation, Vaterland, Judentum. Weniger erklärlich ist die Sorglosigkeit, mit der man die eigene Vergangenheit des Zcntralvereins vergaß, 3er unseren Verband gerade auf seiner net! traten Grundlage miterrichtet hat und mit der man mit seltener Kurzsichtigkeit zahlreiche junge Juden in das »at iona 1• j üd isc he Lager' treibt Infolge dieser Briiskicrung unserer Jugendbewegung haben Fräu kin Dr. Cora Berliner und ich, übrigens iin vollen Ein■ Bang mit bei der Beratung anwesenden treuen Anhängern des Zcntralvereins und unseres Verbandes, unsere Aemter •tn Vorstand des Zcntralvereins nicdergelegt Das aufrichtige Bedauern, das anscheinend die Führer des! Zentral■ Vereins über diesen Schritt hatten, — sie hatten wohl genügend psychologisches Verständnis für die ungeheuer schwierige Rolle, die wir beide, selbst zwischen zwei Generationen stehend, als Mittler zwischen den An■ schauungen von Jung und Alt hatten — wurde begleitet von der Genugtuung eines Teiles der Pyrrhussicger vom '0. April 1921, die sich glücklich schätzten) uns ״auf inständige Weise los geworden zu sein". ln noch viel schärferer Weise ging man dann am. Nachmittag des gleichen Tages in der Palästinafrage Wr. Daß der geistige Führer der Jüdisch-Liberalen, Rabbiner Dr. B a c c k (Mitglied des Hauptvorstandes des Zcntralvereins) kürzlich in einer Kundgebung für Pa- »stina cingctreten war, — daß der in der übergroßen Mehrheit aus Anhängern des Zentralvereins zusammen- Ersetzte Gcmeindcfag am 23. Januar 1921 in über- ׳״*Itigender Einstimmigkeit den warmherzigen Ausfühnmgen Prof. Dr. Kali schcrs ’(liberal) über Palästina zustimmtc, — daß Tausende und Abertausende von Mitgliedern des Zcntralvereins bereit sind, am Aufbau Palästinas imitzuarbeite.n, — daß einer der Mitbegründer des Zcntralvereins, der zur schärfsteu antizionistischen Richtung gehört hatte, sich bereits offiziell an den Sammlungen zum Keren Hajes90d beteiligt hat, — daß von den besten, führenden Köpfen des Zcntralvereins eine'warmherzige Palästinaresolution vorlag; — alles dies wurde für nichts erachtet Siegreich war der Standpunkt Dr. Jacobs aus Dortmund, der eine Geld- Sammlung für Palästina in einer Zuschrift an eine jüilischc Zeitschrift als eine Verschiebung deutschen Geldes nach England bezeichnet hat. Niemand verkennt, daß für den Nichtzkmisten das Palästinaproblem bedeutsame sachliche Schwierigkeiten in sich birgt, — aber eine recht kühne Phantasie kann sich eine derartig von Zionistenhaß dprehtriinkte Stimmung, ein derartiges Außcrachtlasscn des jüdischen Brudergcfühls, ein solches Befangensein in der Verärgerung über lokale Kämpfe mit Zionisten schwer vorstellen, wie sie die meisten Wortführer dieser Majorität zeigten. Der Ernst der Situation wird durch folgende Tat- Sachen gekennzeichnet: 1. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Führer des Zcntralvereins, die ein warmes jüdisches Herz sowohl in der Jugendwie auch in der Palästinafrage bewiesen, in diesen Fragen von hoher prin-, zipieller Bedeutung überstimmt wurden. Wenn cs sich bestätigen sollte, daß der Majoritätsbeschlttß des Zcntralvcreinvorstandes eine scharf ablehnende Stellung zu den Sammlungen für Palästina bekundet, werden eine große Anzahl von Mitgliedern des Zcntralvereins vordie Frage ihrer weiteren Zugehörigkeit zu dieser Organisation gestellt. Der Beschluß in der Jugendfrage, dessen aggressive Bedeutung noch durch den Umstand erhöht wird, daß die anwesenden Führer der ״Kameraden“ und der liberalen Jugendbewegung sich mit den Führern des neutralen Jugendverbandes iin Laufe weniger Minuten, um den Zcntralvcrcin vor inneren Erschütterunge» zu bewahren, gemeinsam auf eine Ent- Schließung geeinigt hatten, die den ganzen Streit vollständig erledigt hütle, stellt viele junge Nichtzionisten vor die Frage, ob sie sich fortan dem Zcntralvcrcin noch anschließcn können. Eine Vertuschung dieser Dinge liegt heute in niemandes Interesse. Gibt es noch Auswege aus diesem,To* huwabohu? ln der Palästinafrage kann nicht mehr gewartet werden. Als zweckmäßigste Lösung erscheint, daß die zionistische Parteileitung sobald wie möglich einer größeren Anzahl bewußt jüdisch empfindender Frauen und Männer aus allen Lagern genaue Auskunft über folgende Fragen gibt: 1 In welcher Weise wird der Keren Hajessod aufgebaut? 2. Wie ist der Einfluß des nichtzionistischen Elementes iin Keren Hajessod gewährleistet? 3. Welches ist der Verwendungszweck der zu sammeln■ den Gelder? 4. Welche Möglichkeiten sind gegeben, einen genügenden Einfluß nichtzionistischer Spender auf die Verwendung der Gelder sicher zu stellen? Sollten diese Auskünfte für die Nichtzionisten befriedigend ausfalicn, empfehle ich die sofortige Bildung eines großen deutschen Komitees zur Aufbringung von Mitteln für den Aufbau Palästinas, und zwar möglichst mit nichtzionistischer Mehrheit. Um den Fortbestand des Zentralvereins zu sichern und zur Behebung der ad irato gefaßten Beschlüsse appelliere ich hierdurch an die Führer des Zentral- Vereins, so schleunig wie möglich eine Hauptver- Sammlung einzuberufen und dieser die letzten Beschlüsse des Hauptvorstandes zu unterbreiten, da mit ihnen ohnehin der Kompetenz der Hauptversammlung vorgegriffen worden ist und da ganz zweifellos Tausendevon Mitgliedcrndes Zcntralvereins diese Beschlüsse nicht billigen. Auch erscheint es aus mancherlei Gründen zweckmäßig, daß der derzeitige Hauptvorstand des Zcntralvereins sich in seiner Gesamtheit einer Neuwahl unterzieht So wie die Dinge jetzt liegen^ können sie nicht weitergehen. Das deutsche Judentum wird umtost von den Wogen des schamlosesten Antisemitismus. An den Grenzen stehen ungezählte Ostjuden voller Vcrzweifelung; nicht weit von Deutschland werden Hunderttausende von Juden in barbarischer Weise niedergemetzelt; — in Palästina befindet sich eine Möglichkeit, die Judenfrage, wenn auch vielleicht nur zu einem kleinen Teil, einer gewissen Lösung enfgegenzuführen; die jüdische Jugend ist erfüllt von tiefster Sehnsucht nach Beendigung des Parteihaders, nach neuem Menschentum und nach wahrhaftem Judentum: Und in dieser Stunde zankt man sich in Berlin unter den sogenannten Führern um den oben Zank! Der Kampf um den Palästinagedanken im Zentralverein Der erweiterte Vorstand des Zcntralvereins hat in seiner Sitzung vom 10. April die Förderung und Unterstützung des Keren Hajessod abgelehnt Die Begründung der angenommenen, in Nr. 30 der ״Jürdischen Rundschau“ abgedruckten Resolution mutet uns antiquiert an. Aus dem Arsenal der antizionistischen Gedankenwelt früherer Zeiten werden längst überwundene Begründungen hervorgeholt lm Gegensatz zu den Anschauungen, die in den . letzten Jahren, insbesondere durch Geheimrat Fuchs und andere Führer des Zcntralvereins vertreten worden sind, versucht man den Aufbau Palästinas zu einer zionistischen Partciangelegenheit zu machen. Besonders in den letzten Monaten schien der Palästinagedanke in den Kreisen der nichtzio nistischcn Judenheit Fortschritte zu machen. Die Mehrheit der Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses des Zentralvereins, gerade die Männer, die bisher für die Entwicklung und Führung dieser Organisation charakteristisch waren, waren für eine gemeinsame Keren Hajessod-Aktion aller jüdischen Gruppen. Die Stellungnahme der Zeitschrift ״Im Deutschen Reich“ begann sich zu ändern. Vor einem halben Jahr noch erschienen Artikel, in denen der Aufbau Palästinas als eine jüdischen Interessen widersprechende englische Angelegenheit verdächtigt wurde. Es gelang uns, überzeugend nachzaxweisen, daß wir nicht als Schrittmacher irgendeiner nichtjüdischen Sache in Palästina auftreten, sondern daß hier unter dem Schutz Englands eine ausschließlich von jüdischen Interessen getragene Siedlung errichtet werden soll. Wir legten dar, daß die primitive politische Ueberlegung, England brauche das jüdische Palästina um imperialistischer Tendenzen willen, nicht ausreiche, daß damit noch nicht die Frage beantwortet sei, warum England sich angesichts der großen arabischen Schwierigkeiten nicht für ein arabisches Palästina entschieden habe. Wir bewiesen ferner daß nur durch die Mitarbeit der Judenheit aller Länder Palästina seinen rein jüdischen Charakter für alle Zukunft bewahren könne. Wir zeigten, daß in der bisherigen politischen Behandlung der Palästinafrage kein Moment zu finden sei, das ein Mißtrauen gegen die Mandatarmacht rechtfertige, wiesen darauf hin, daß z. B. den deutschen Kolonisten (den evangelischen Templern) die Rückkehr in ihre Kolonien gestattet worden sei, daß die Einwanderung nach Palästina jedem ohne Unterschied der Hautfarbe, Rasse, Konfession und Staats- Bürgerschaft möglich sei. Wir legten insbesondere auch die Bedeutung des palästinensischen Staats- Bürgerrechtes, das jeder einwandernde Jude erwerben könne, dar. Diese Begründungen wirkten überzeugend auf diejenigen nidhtzionistischen Fiihrer, denen wir sie Vorschlägen konnten. Wir konnten annehtnen, daß es für die nichtzionistisehen Freunde von Erez-Israel nur noch darauf ankommen könne, dem Keren Hajessod eine organisatorische Form zu geben, die ihnen einen entsprechenden Einfluß auf die Sammlung und Verwaltung der Gelder sichert. Früher hatte man die Sache der jüdischnationalen Heimstätte in Palästina als utopisch betrachtet und darauf hingewiesen, daß man sich nur für eine Aktion interessieren könne, bei der durch reale Machtfaktorcn alle erforderlichen Garantien für einen Aufbau geschaffen werden, die Balfour-Deklaration, die Entscheidung von San Rcmo — Erfolge der zionistischen Politik — beseitigten überall diesen Einwand. Die Größe des die Kraft der ganzen Judenheit beansprueilenden Palästina-Unternehmens wirkte erschütternd. Auch Nichtzionisten erkannten, daß es zumindest zwecklos sei, sich ferner diesem großen Werk zu entziehen. Sie fühlten, daß die Zeit der Er- Wägungen, ob man die Errichtung des jüdischnationalen Heimes in Palästina vornehmen solle oder nicht vorüber sei. Der Aufbau beginnt, er wirkt unmittelbar auf dfe Juden aller Länder, man fühlt, daß ein Mißlingen dieses Versuches, ein organisch geschichtetes Leben durch jüdische Menschen zu Dr. Apfel schloß seine mH tiefer Bewegung vorgetragenen Ausführungen mit einem mit stürmischem Beifall angenommenen Appell an die überaus stark besuchte Versammlung, an der sich in gleicher Weise die Mitglieder der Ortsgruppen des Zentralvereins, der Zionistischen Vereinigung, sämtlicher Jugendgruppen und die führenden Persönlichkeiten der Dresdener Gemeinde beteiligt hatten, trotz dieses Rückschlages ln den Bcmühursgen zur Herstellung der Einheitsfront der deutschen Juden und einer möglichst hohen Betrachtungsweise jüdl sch er Probleme flicht nachzulassen,

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