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Jüdische Rundschau · 1921-03-30 · Heft 25-26 (30.3.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 25-26 (30.3.1921)
Date
1921-03-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 170 JUBDISCHE RUNDSCHAU Nr. 25/20 Neue Immigrationspolitik Wie bc-riditet wind, hat die provisorische Exekutive beschlossen, sofort neue tausend Zertifikate für die Einwanderung nach Palästina au srugeben. Wenn wir bedenken, daß die ersten tausend Zertifikate vor 1etwa vier Monaten atesgogitlxtii wurden, auf Grund eines Plaues, demgemäß jeden Monat tausend folgen sollten, so werden wir begreifen, daß die endliche Freigabe in allen Zentren der Auswanderung bereits mit größter Ungeduld erwartet worden Ist. Hei Vertcilung auf die einzelnen Länder entfallen, allerding.״, auf jedes Land nur sehr wenige Zertifikate, die den Bedarf nicht im entferntesten decken. Aber trotzdem wird die Nachricht mit großer Freude und Genugtuung begrüßt werden, weil sie ein Zeichen Ist, daß die Exekutive die Politik der letzten Monate z.u ändern beabsichtigt. Seit der Inspektionsreise der Rcorganisationskoimnission war nicht formell, wohl aber faktisch die Parole zur Einstellung der Immigration ausgegeben worden. Die Exekutive konnte angesichts der mangelnden Arbeitsgelegenheiten die Bewilligung zur Einwanderung zur Arbeit bereiter, aber mittelloser Eiemente nicht geben. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß unserer Meinung «ach ein ausreichender Grund für diese Sperre nicht voring, weil bei einiger Bemühung doch immer wieder Arbcitsge legen heilen geschaffen werden konnten, der Jischuw selbst nach neuen Kräften schrie und es uns schon aus politischen und moralischen Gründen das wichtigste erschien, daß ein kontinuicrlichcr. nidit zu unterbrechender Strom arbeilsbereiicr Juden nach Palästina fließt und die sich bietenden Posifionen besetzt und neue zu schaffen mithiift. Allerdings haben wir die Schwicrigkeiten dieser Einwanderungspoiitik — zumal bei der finanziellen Stockung - - stets voll gewürdigt, wir haben sie jedoch als das unumgiinglicliste Erfordernis unserer gesamten Arbeit trotzdem befürwortet. Daß die neue Exekutive als eine ihrer ersten Handlungen die Ausgabe von Zertifikaten wieder in Fluß bringt, ist ein Zeichen, daß sie in diesem Punkt einen anderen Kurs dnzuschlngcn gedenkt. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß gerade jetzt aus Palästina wieder mit aller Macht der Ruf nach Einwanderung »euer Kräfte erhoben wird. 111 der letzten Zeit haben eine Reihevon Zusammenkünften und Tagungen von Arbeitern stattgefunden, in denen über die durch die Einschränkung der Alijah eingetretene Stagnation schwere Klage geführt wurde. Bei diesen Zusammenkünften wurde von Arbeitern, die kürzlich erst aus der russischen Hölle gekommen waren, gefordert, daß man die Scharen organisierter Chaluzim, die sich bereits seit Jahren in ernster Arbeit für das Leben in Palästina, vorbereiten, jedenfalls sofort aus Rußland befreie. Es wird von Fällen berichtet, die die negative Ein- Wanderungspolitik in ihrer ganzen Absurdität zeigen. So •/״ B. haben eine Reihe von si'ulrussischen Cliahr/gruppen, die Kerntruppc der Palästinapioniere, eine Art Mobilisierung angeordnet, um die Reste zionistischen Lebens in der Ukraine zu retten und die Verbindung mit Palästina wicderhcrzusldlcn. Da die Sowjetregiemng die Auswanderung nicht gestatten will, konnte eine Anzahl von Chaluzim nur unter größten Schwierigkeilen bis Grusicn gelangen und forderte von dort dringend die Bewilligung zur Reise über Konstantinopcl nach Palästina. Die Bewilligung wurde mit der Motivierung verweigert, daß die Leitung Grusicn bereits die auf diesen Staat entfallenden 30 Zertifikate zugewiesen habe und mehr nicht geben könne. Inzwischen haben bekanntlich die Bokdvewiki Grusicn besetzt, und die Auswanderer sind nun an der Ausfahrt endgültig verhindert. Angesichts der Verhältnisse in der Ukraine ist cs tatsächlich die dringendste nationale Aufgabe, die kräftigen, für die Arbeit geschulten Menschen, die nach Palästina gehen wollen, sobald als möglich zu befreien, bevor dieses unersetzliche Reservoir nationaler Energie gänzlich zugrunde gerichtet ist. Eine Frage von nicht geringer Bedeutung ist die Aufbringung der Reisekosten. Die Exekutive hat bestimmt, daß jedes Land für die Kosten des Abtransports der Chaluzim selbst aufzukommen vorpflichtet Ist. Angesichts des Umstandes, daß jedoch alle Kräfte jetzt auf die Aufbringung des Keren Hajcssod konzentriert werden und daß die Sammlung für einen Spezialfonds diese zentrale Aktion zu stören droht, hat der Landesvorstand der Z. V.f.D. bei seiner letzten Sitzung be schlossen, von der Exekutive zu verlangen daß ein Weg gefunden wird, um diese beiden Samtn hingen zu vereinigen. Dia ohnedies 27 ־/. des Keren Hajessod für laufende Ausgaben, darunter auch Immigration, bestimmt sind, 90 müßte auch die Ucberfahrt derjenigen Arbeiter, die für Palästina notwendig sind, aus diesen Mitteln gedeckt werden, wobei dafür gesorgt werden soll, daß ein bestimmter Höchstbetrag nicht überschritten wird. Wir sind überzeugt, daß eine solche Auffassung der Aufgaben des Keren Hajcssod bei der jüdischen ()Öffentlichkeit das größte Verständnis finden wird und daß sie dazu beitragen wird, den Keren Hajessod noch populärer zu machen. Damit wäre eine Spezialaktion für die Alijah überflüssig gcmacht, und es könnten alle Sammlungen auf den Keren Hajessod konzentriert werden. Die Frage der Unterstützung der Immigranten Ist allerdings eine ziemlich schwierige und ernste. Denn sie bedingt — um Mißbrauch und Demoraiisation zu verhüten — vor allem eine außerordentlich sorgfältige und strenge Auswahl der Menschen, die mit Hilfe der Organisation befördert werden. Die Erfahrungen des letzten Jahres in Palästina haben gelehrt, daß die Auswähl der Menschen von der größten Bedeutung ist. Palästina kann in seinem heutigen Zustand mir Menschen brauchen, die von wirklicher Pioniergesinnung erfüllt sind, die bereit sind, ihr Leben für die zionistische Idee cinzusctzen. Die Arbeiten, bei denen die neuen Einwanderer Beschäftigung finden können, sind außerordentlich schwer und verlangen nicht nur körperliche Eignung, sonder« auch Entschlossenheit zum Ausharren. Es ist hekannt, daß ein großer Teil von Einwanderern, die als Flüchtlinge oder Arbeitslose nach Palästina gefahren sind, dem Lande wieder den Rücken gekehrt haben. Geblieben sind die organisierten und vorbereiteten Chaluzim, die den Aufbau Pa- Lästinas für das Volk als ihre persönliche Verpflichtung empfinden. Es ist selbstverständ- Mi, daß ein solches Menschenmaterial nur dann gesell affen werden kann, wenn geeignete Institutionen für seine Ausbildung bestehen und wenn die Organisation ihren Bestrebungen mit allen Mitteln entgegenkommt. Je ernsthafter man sich mit dem Problem der Massenimmigration beschuftigen wird, desto mehr wird man cinschen lernen, daß diese Immigration nur eine Chaluzeinwanderung sein kann und daß die Organisation selbst das größte Interesse daran hat, daß die geeigneten Menschen von den betreffenden Verbänden ausgesucht und zur Beförderung nach Palästina vorgcschlagen werden. Die Londoner Jahreskonferenz hat durch ihren Beschluß der Schaffung von Arbeitsabteilungen innerhalb der Palästinaämter diesem Bedürfnis Rechnung gctragen. Wenn die Exekutive an die Regelung der Immigration herangeht, wird sie neben den Fragen der Arbeitsbeschaffung im Lande vor allem auch dem Ausbau eines Apparates ihre Aufmerksnmkeit zuwenden müssen, der die ,Auswahl des geeigneten Menschenmaterials garantiert. Nur Unter diesen Umständen wird die Organisation auch die Verantwortung für die Geldbcihilfen übernehmen können, die unerläßlich sind, wenn nicht gerade das beste Menschenmntcria! demoralisiert und nutzlos aufgerieben werden soll. Die Exekutive wird das Problem der Immigration von allen seinen Seiten in Angriff nehmen müssen, sonst lauf{ sie Gefahr, in dieselbe Sackgasse gedrängt zu werden wie die frühere Exekutive, die angesichts der Umstände die Verantwortung für die Immigration nicht länger tragen wollte. R. WL Die Immigratioiispolitik der neuen Exekutive Wie die ״Zion. Korr." aus den Kreisen der provisorischen Exekutive erfährt, ist diese fest entschlossen, unter Anspannung aller ihr zur Verfügung stehenden Kräfte die jüdische Emigration nach Palästina zu fördern. Als erste Maßnahme ist die Erleichterung der Einwanderung von 1000 neuen Immigranten der Kategorie A (arbeitende Elemente, Chaluzim) beschlossen worden: die erforderlichen Zertifikate werden in diesen Tagen verschickt. Auch für Einwanderer der Kategorie B (bemittelte Einwanderer) sind Erleichterungen bezüglich der Einreiseformalitüten und der Unterkunftsmöglichkcitcn in Aussicht genommen. Der Transport der Emigranten nach Palästina soll verbessert werden. Es wird mit einer Schiffahrtsgesellschaft betreffs Bereit- Stellung eines gut ausgerüsteten Dampfers verhandelt. Soweit 'die Aufnahmefähigkeit Palästinas und die finanzielle Stärke der Organisation cs erlauben, soll die Immigration gefördert werden, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Zionistische Organisation für die Unterkunft und Beschäftigung der von ihr empfohlenen Einwanderer die Verantwortung zu tragen hat Ein englischer Beamter über die Chaluzim ״The Jcwisch Times״ veröffentlicht folgen• de», an Dr. Welzmann gerichtetes Schreiben eines hohen englischen (christlichen) Beamten de.״ palästinensischen Regierung: ״Ich ging kürzlich nach Jaffa, um die neu angekommenen Immigranten zu besuchen, um ihre Bekanntschaft zu machen und um zu sehen, welche Maßnahmen für ihre Unterbringung getroffen worden waren. Ich hatte vordem noch Gelegenheit, sie in größerer Anzahl zu sprechen, nachdem ich schon vieles über sie gehört hatte, wobei die Meinungen sehr verschieden waren. Ich kehrte voller Enthusiasmus für diese Leute zurück, erfüllt von den besten Hoffnungen für die Zukunft eines Landes, das sich mit solchem Material aufbaut In physischer Beziehung boten sie einen höchst erfreulichen Lindnick, und die medizinischen Behörden sagten mir, daß 86«/» °/0 von ihnen für jegliche Arbeit, und sei sie auch noch so anstrengend, tauglich wären. 13 ®/ס eigneten sich für leichtere Arbeit (aber auch viele dieser Kategorie dürften zweifellos, nachdem sie sich erst in Palästina erholt haben, der ersten Kategorie eingereiht werden), und nur 1/8 % wären ganz untauglieh. Die jungen Leute, die ich sah — Männer wie Frauen — stammten größtenteils aus Polen, öeßarabien, Rumänien und Südrußland. Sie waren allen möglichen Gefahren und Prüfungen ausgesetzt. Man sagte mir, daß viele von ihnen geraume Zeit gebrauchen, ehe sic sich völlig bewußt werden, daß sie nicht mehr in Gefahr schweben, und daß sie sich in einem Lande befinden, wo sie frank und frei handeln und sprechen dürfen — derartig anspnnnend hatten die Ereignisse der letzten Zeit auf ihre Nerven gewirkt Man kann wirklich von denjenigen, die dieses Land erreichen, ab von dem ״Sieg der Stärksten“ sprechen. Noch mehr aber als von ihrem physischen Zustand war ich von ihrem geistigen eingenommen. Heutzutage Ist man geneigt, sich unter ״jungen Leuten" den ״Straßei»- ecken-Jüngling“ und ״arbeitsscheuen“ jungen Menschen unserer eigenen Städte vorzustellen, der nichts oder anscheinend nichts anderes i!n Sinn hat, als Zigaretten zu rauchen und sich zu amüsieren. Nichts von dem haftet diesen jungen Menschen an. Sie führen nur eine Klage, nämlich, daß sie entweder noch keine Arbeit gefunden haben oder, daß die Arbeit nicht schwer genug sei Auch höchst erfreuliche Manieren hatten sic. ich sprach mit verschiedenen Gruppen in Tel-Awiw. Alle sprangen auf, als sie mich kommen sahen und erteilten bereitwilligst alle Informationen, die wir erbaten, ja, sie gingen sogar noch darüber hinaus. Viele von ihnen sind Soldaten gewesen und mehrmals verwundet worden. Die Mädchen sind nicht weniger arbeitseifrig, manchmal sogar zu eifrig, denn sie sind geneigt, darüber den Haushalt, oder vielmehr da» primitive Lager und die jungen Leute zu vernachlässigen. Man sagte mir, dies sei nur eine vorübergehende Phase und sei den Zeiten und Verhältnissen, unter denen sie hatten leben müssen, zu/uschreiben. Es ist mir so darum zu tun, diesen Leuten zu zeigen, daß sie uns in Palästina willkommen sind, und daß wir uns bemühen, ihnen den rauhen und unbequemen Lebenspfad, den zu gehen sie momentan gezwungen sind, etwas zu ebnen, daß ich mit Morris vereinbart habe, Komitees zu bilden, mit einer zentraten Körperschaft in Jerusalem, und Subkomiu.es m jener Stadt, sowie in Haifa und Jaffa, ferner soweit cs sich als notwendig erweist, auch in London' A m e r i k a usw. Die Zwecke dieser Organisation würden etwa folgende sein: *) Die Erteilung der sogenannten ״ersten Hüte“ sofort bei Eintreffen in Palästina. Unterhaltung und Geselligkeit: Klubs, Kantinen Spiele, Sport usw. c) Kulturelles: Allgemeine Vorlesungen, Vorträge über Palästina, Landwirtschaft usw. Bibliotheken, Bücher, Zeitschriften, auch Kinderpflege und Er- Ziehung. Ich habe die Sache noch nicht im. einzelnen ausgearbeitet, hoffe aber, die Schaffung einer wirklich nützliehen Organisation hcrbeizuiühren, zum Wollte der lnunigranten, auf deren Wohlergehen ich, wie Sie ■wissen stets soviel Nachdruck gelegt habe. Weiteres über dieses Unternehmen werde ich Ihnen mitteilcn, sobald das Projekt näher erwogen ist Ich habe in Herrn uordon vom Immigration Centre in Jaffa eine ausgezeichnete Kraft gewonnen. Er ist ein Mann, der nicht nur sein ganzes physisches Können dieser Arbeit widmet, sondern der auch mit ganzem Herzen und ganzer Seele bei der Sache ist Ich benutzte die Gelegenheit meines Besuches dort, um eine Unterredung mit den Arbeiterführern herbeizufuhren. ihre Organisation bedarf noch der Vervon komm nung, sie besteht aber aus klarsehenden Männern, und ich zweifle nicht, daß es ihnen und uns (der K e g 1 e r u n g) gelingen wird, allen Arbeit zu verschaffen, und zwar unter günstigen Bedingungen. Kürzlich stattete ich auch den Arbeitersuppenlriichcn von Ben-Zwi einen Besuch ab. Die Küchen sind aus• gezeichnet und haben außerdem den Vorteil daß sie sich rentieren. Auch habe ich die Institute von Dr. d e S o i a Pool besucht Sie sind vorzüglich geleitet, und es wäre schade, wenn einige aus Mangel an Mitteln Ä״ raüßtcn• tu« mein Möglichstes, um den Werkstätten und Industrien Regierungsaufträge zukommen zu lassen. Dr. de Sola Pool ist ein höchst ehrenwerter Mensch* Hyamson ist hier und gibt sich, wie man mir sagt, »einen Pflichten mit Eifer hin.“ b)

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