Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 23-24 (23.3.1921)
- Date
- 1921-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 62 ו JUEP1SCHE RUNDSCHAU Nr. 23/24 die. Welthilfszoutrale ihre Bemühungen zur Wirtschaftliehen Hilfe \1nternimmt, wenn ״eben Uvncn der Joint von Amerika aus arbeite{, so stellt diese Vielheit von Zentralen eine Zersplitterung dar, die nach Kon7.cn• tration geradem schreit, und zwar nach derjenigen K011- /.entration, die nur der Weltkongreß zu bringet! in der Lage ist. Und wenn heute in Wien zwei Palästina- Hinter bestellen, ein zionistisches und ein agudistischcs, 90 zeigt diese Tatsache, daß die herrschende Zer- Splitterung schon dazu führt, daß an gewissen Stellen wertvolle Volkskräfte vergeudet werden, deren Fehlen an anderen Stellen so sehr bitter empfunden wird. Die Frage der Konzentration der Volkskraft im Weltkongreß hat aber auch eine wichtige außenpolitische Seite. Wenn aus auch England schon viele Beweise seiner ehrlichen Absicht gegeben hat, sein Ver- ' sprechen zu erfüllen, 90 muß uns doch das Gefühl der Verantwortung verbieten, zu vergessen, daß noch acht Tage vor San Rcmo Lloyd George den Versuch gemacht hat, uns und unser ganzes Werk dem besseren Einvernehmen Englands mit den Arabern zu opfern. Der Weltkongreß und seine Exekutive ist diejenige Stelle, die der Mandatar unter allen Umständen als voll legitimierte ״jewish agency“ anerkennen muß. Nur der Weltkongreß kann seiner Exekutive iinch außen und nach innen auch gegenüber unbotmüßigen anierikanisdicn Führern - diejenige Autorität verleihen, die nötig ist, um das so verheißungsvoll begonnene Werk glücklich weiterzuführen und zu beenden. Die Zionistische Organisation steht am cntschcidenden Wendepunkt ihrer Geschichte. Entweder nimmt sie den seit sechs Jahren unterbrochenen Kontakt mit der Masse des Volkes wieder auf - dann muH sie durch Berufung des Weltkongresses ihre Entwicklung zur Gcsamtorganisation des jüdischen Volkes vollenden oder sie bleibt in ihrem jetzigen Zustand, der charaktcrisiert ist durch den Mangel an Kontakt mit der Masse des Volkes und der die gegenwärtige Krise zur Folge hat, in dem Zustand für den charakteristisch ist das Fehlen eines Z.euiralorgaus, ferner der Umstand, daß mit Beendigung des Krieges jede Tagung der /in• nistischcn Weltorganisation nur unter };roßen Schwierig- Leiten und nach mehrmaligem Verschieben zustande kommt — der Zionistenkongreß ist noch lange nicht in Sicht - dann wird die Organisation den Kontakt mit den Massen vollends verlieren. Sic wird dam! den Weg gehen, den vor uns die Alliance Israeiilc gegangen ist, die als nationale Organisation begonnen und sich durch den Abschluß vom lebendigen Volk um ihre Bedeutung gebracht hat. Dann wird die Zionistische Organisation als englische Neunusgabe der Alliance lsradiitc ihre Bedeutung als Volksorganisatiou verlicren. Dann werden nach Jahren ununterbrochener schwerster Krisen vielleicht neue Männer und Organ!• sationeu den Versuch machen, unser Volk in seine Heimat zuvück/uführen, wem! dann das Laad noch für uns offen ist, und nachdem der Volkskörper durch neue Hekatomben von Menschenopfern geschwächt sein wird, vielleicht wenn es dam! nicht schon zu spät ist. Die Unke Poalc-Zion in der 3. Internationale Zufolge einem dem Verbandsbüro der linken poalc• zionistischen Partei erstatteten Bericht ihres Vertreters auf dem 11. Kongreß der III. Internationale, Michel Knliii, ist es letzterem gelungei!, siiinlliehe I limlernlsse, die der Aufnahme der linken Poalc-Zion in die III. Internationale seitens anderer jüdischer kommunistischer Parteien in den Weg gelegt wurden, zu beseitigen. Das Verbandsbüro beschloß, eine energische Aufkl.'irtingstätigkcit über »las Programm um! die Pa- 1 ii s t i n a auf ׳׳ a b e » der linken Poalc-Zion in den Reihen der kommunistischen Internationale zu beginnen, damit sic am III. Kongreß und der Exekutive der kommunistischen Internationale als intcrterrttoricUcr Ver• band der jüdischen kommunistischen Partei Poalc-Zion vertreten sein könne. Gleichzeitig fordert das Verbandsbüro seine Parteien in den anderen Ländern auf, als jüdische Sektionen den kommunistischen Landesparteien auf der Grundlage beizutreten, daß die betreffenden Sektionen auch weiterhin ein Teil der poate-zionistisclvcn Weltbewegung bleiben, und daß sie das Recht behalten, -für die Pro d u k t i vi e ru ng der jüdischen •Massen, für die Regulierung der jüdischen Wanderung, für die proletarische Palästinaarbeit, sowie für die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse des jüdischen Proletariats tätig zu sein. Ein antisemitischer Weltkongreß Wüste Ausschreitungen in Wien Wien, 14. März. (J.C.B,) Der Antisemitenkongreß, der Sonnabend durch wüste Ausschreitungen gegendie jüdische Bevölkerung im ersten Bezirke Wiens seinen Abschluß fand, beschloß die Einberufung eines Weltkongresses der Antisemiten noch für diesen Herbst nach Budapest. Der Verein der ״Erwachenden Ungarn“ wurde mit der Vorbereitung des unter dem Namen des ״Weitverbandes christlicher Völker“ zusammenzutretenden Kongresses betraut. Fcrncr Ist ein Zcntrnlbüro zur ״Vertiefung“ der Beziehungen *um antisemitischen Ausland zu errichten. Er wurde auch ein Arbeitsplan beschlossen, der die bewußten Forderungen (Ausweisung bzw. Internierung der Ostjuden, Einführung des ״Numerus clausus“ für die Hoch- und Mittelschulen u. dgl.) der antisemitischen Apostel enthält. Ein zionistischer Briefwechsel mit der Sowjetregierung ״Jewish Clironicle“ veröffentlicht einen interessanten Briefwechsel des iieucriiannten Mitgliedes der provlsorisehen Exekutive, Dr. Eder, der soeben aus Moskau zurückgckchrt ist, mit dem Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Sowjctregicrung. Dr. Eder, der Mitglied der Lnbour-Party ist, intervenierte hei der Sowjetregierung wegen der Unterdrückung des Zionismus «1 Rußland. Er forderte Freigabe der Emigration nach Palüsü'na und des hebräischen Unterrichts, Anerkennung des zionistischen Zentralbüros in Moskau und seiner Zweigstellen sowie Bewilligung der Teilnahme der Delegierten der russischen Zionisten an dem kommenden Zionistenkongreß. Im Aufträge Tschitscherins antwortete Nourteva in einen! ausführlichen Schreiben, in welchem er die judenpolilik der Sowjetregierung darlegtc. Die Wünsche der jüdischen arbeitenden Massen werden vertreten durch die jüdischen Delegierten der lokalen Sowjets, in der Zentralrcglcnmg sei die entsprechende Stelle das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten, das ein Glied des Rates der Nationalitäten darstellt. Da dieses',Kommissariat das gesamte jüdische Leben iin Einverständnis mit den jüdischen arbeitenden Massen regelt, so ist die Ablehnung des hebräischen Unterrichts nur ein Beweis, daß die Majorität einen solchen Unterrieht nicht wünscht. Es habe» auch keine Kinder hebräisch als Muttersprache angegeben. Eine selbständige Leitung des hebräischen Unterrichts durch die Zionisten sei nach den Prinzipien der Sowjctregierung ausgeschlossen, da ein hebräischer Unterricht von Staats wegen eingerichtet würde, wenn ein Bedürfnis dafür bestände. Eine Unterdrückung des Zionismus stellt Nourteva in Abrede und weist darauf hin, daß beide Poalc- Zio n - Part c ic n , die bolschewistische und die menschcwistischc, auch ungestört für Palästina arbeiten können. Es bestände auch kein Anstand, daß diese Gruppen, wem! sie cs wünschen, Delegierte zum Ziouisteukongreß entsenden. Gegen die biirgcrliehen Zionisten mußten allerdings Zwaugsmaßnahmen ergriffen weiden, die aber mit Feindschaft gegen den Zionismus nichts zu tun haben, sondern einfach auf die Tatsache zurückgehen, daß die bürgerlichen Zionisten sich mit den Feinden der Sowjetregierung, insbesondere mit den T r 11 d <> w i k i, verbündet haben, so daß die in einem schweren Abwchrkamp! stehende Sowjetnepublik gegen sie sowie gegen alle inneren Feinde Vorgehen mußte. Erwiesen sei ferner, daß die bürgerlichen Zionisten die eifrigsten Helfer der Koltscliak und l>e!1 ikin waren, obwohl gerade von diesen Gegenrevolutiamirem blutige Judenpogrome veranstahet wurden. Dr. Eder konnte auf dieses Schreiben erst nach seiner Abreise ans Moskau von Reval aus antworten. Er w׳es insbesondere darauf hin, daß das jüdische Konimissarint keinen Willensausdruck der Majorität der Juden in Kulturtragen <la!stellt, da z. B. die hebräisch Gesinnten einfach aus den Versammlungen ausgeschlossen wurde«. Die Vorwürfe gegen die bürgerlichen Zionisten weist Eder mit dem Hinweis zurück, daß eine politische Verbindung zwischen Zionisten und Triulewiki, welche den zionistischen Bestrebungen freundlich gesinnt waren, zwar bis Ende 1617 bestand, daraus könne man jedoch der zionistischen Partei keinen Vorwurf machen, denn •:olehc gelegeiitlielie politische Verbindungen verwirft auch die bolschewistische Theorie nicht. Seit Ende 1917 hat eine solche Verbindung nicht mehr bestanden. Daß die Zionisten Kaltschale und Dcnikin unterstützt haben, stellt Dr. Eder in Abrede und verweist darauf, daß durch die Pogrome der Gegenrevolution keineswegs mu״ jüdische Proletarier, sondern Juden aller Klassen iu gleicher Weise he troffen sind. Auch in der Abwehr der Pogrome sind׳ Juden aller Klassen solidarisch. Den Vorwurf, daß die Zionistische Organisation ein Teil der Ententepolitik sei, weist Dr. Eder mit dem Hinweis ׳zurück, daß in allen Teilen der Welk jüdische Arbeitermassen in großer Zahl der Zionistischen Organisation nngchören. Die jüdische Politik sei gänzlich neutral und ziele nur auf die Errichtung eines jüdischen Heimwesens in Palästina. Dr. Eder wurde die Erlaubnis gegeben, in einer öffentlichen Versammlung in Moskau zu sprechen. Diese Versammlung war außerordentlich stark besucht, und Eder mußte vier Stunden ununterbrochen sprechen und dann noch eine große Zahl von Fragen beantworten, da infolge gänzlichen Mangels einer Presse die russischen Juden über den Zionismus vollständig uninformiert sind. Hauserbau durch Arbeitergenossenschaften in Palästina Die zionistische Kommission in Jerusalem übergab den Bau von 14 Häusern in der Nähe der Kolonie Petach Tikvvah einer genossenschaftlichen Gruppe jüdischer Arbeiter, die ihrerseits einige sacbverständige Bauleiter anstclltc. Die Gruppe hat einige Waren und Zugtiere übernommen und will nach Möglichkeit dazu übergehen, ctic Zurichtung der Kalksteine selbst vorzunehmen. Die Lebensmittel beschafft sie genossenschaftlich. Durch clic genossenschaftliche Arbeitsübernnhnve hofft man. gleichzeitig detn Fallen . der Arbeitslöhne entgegenzutreten, das sich neuerdings infolge einer Reihe von Umständen bemerkbar macht Deutschland •'! Oie Internierung der Ostjuden <| Seit Anfang März erscheint in Berlin eine poalc- } zionistische Zweiwocliensdmft im Umfang von vier . Seiten unter dem Namen ״Jüdische Arbeiter- ) stimme". Die bisher erschienenen Nummern enthalte«! außer den programmatischen Leitartikeln an bemerkens- J werten Beiträgen insbesondere einen ״Wiedergut• t| mach u fl g“ betitelten Artikel über die Lage der ost-; } jüdischen Arbeiter in Deutschland. Darin wird darauf! j hingewiesen, da» durch das Zcrstörungssystem der :; deutsdten Kriegführung im Osten, die nidit weniger : Schümm war als die im Westen, die ostjüdischen Arj '• beiter erst in einer beispiellose» Weise mißhandelt und 1' drangsaliert wurden, jetzt aber infolge Zerstörung ihrer ׳ Arbeitsstätte brotlos sind. Dan! kommt noch die zwarigsmiißigc Verschleppung ostjüdischer Arbeiter nach Deutschland. Als ״Wiedergutmachung“ für all diese Verbrechen hat die deutsche Regierung das lutern i e r u n g s 1 a g e r erfunden. Es ist mit der Internierung der Ostjmlcn begonnen worden! Der Artikel verweist auf die Unaufrichtigkeit der Regierungscrlässe, die von dem Kampf gegen Kriminelle sprechen, in Wirklichkeit aber die Arbeiter treffen, während die Kriminellen unbehelligt bleiben. Der Artikel appelliert nachdrücklich an die deutsche Arbeiterschaft, die zu diesem Verhalten der Regierung aus politischer Solidarität, aber auch in ihrem eigensten Interesse Steilung zu nehmen hat, da es sein könnte, daß die Entente bei Deutschland lernen kann, wie man ausländische t Arbeiter versklavt. I Aus den Gemeinden I Die Oemeindcwahlen in Bayern i Nach den numnehr vorliegenden Resultaten wurden 1 hei den jüdische» Gemeüutewnhlcu in Müuriicrt acht Vertreter der jüdischen Volkspartei gegen 1<> liberale gewählt. I» den Landesverband der bayerischen Gemeinden wurden in München 4 Kandidaten der Volkspartei und 10 Liberale gewählt. Ferner wurden in Bayern in folgenden Bezirken Kandidaten der Jüdischen Volkspartei gewählt: in Mittclfrankcn 5, Obcrfranken I, Oberbayern 4, ferner 2 Kandidaten auf der Landerdisfe. In Nürnberg erhielt die Volkspartei 175 Stimme״, in München 1-192, in Obcrfranken 522. Mitteldeutscher Rabbiner1, erb.ir.d. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 7. d. M. fand in Halle a. S. — seit der Kriegszeit zum ersten Male wieder — eine gut besuchte Hauptversammlung des ״Mitteldeutschen Rabbinerverbamtes‘‘ statt. In anregender und angeregter Diskussion wurde ganz, besonders über die Stellung ן des Rabbiners innerhalb seiner Gemeinde, vrte auch nach außen hin und über die brennende Resotdungsfrage des Rabbiners gesprochen. UebereirBÜmmend war man der Meinung, daß es der Würde und den Traditionen einer jüdischen Gemeinde entspreche, ihren Rabbiner ideell und materiell nicht schlechter zu stellen, als es jede andere Religionsgemeinschaft mit ihren Geistlichen tue, daß er also, um zum Wöhle seiner Gemeinde — wie es sich ia für den Rabbiner geziemt — tätig mitarbeiten zrt können, von der Leitung der Verwaltung nicht ausgeschlossen werde, und daß er. um einigermaße» s.'.uidesgemäß leben zu Minien, mimte,־tea:! in <111• 10. (U'tialtsklasse der Beamten elngereiht weide» müsse. Dementsprechende Resolutionen werden der Hauptversammlung des allgemeinen Rabbincs-verbandes in Deutschland, die Ende März d. J. in Frankfurt am Main stattfinden soll, vorliegcn, damit sie von dort ans :an die Gcsamtorganisation der deutschen Juden wreitergekitet werden können. Hmerifea Eine neue jüdisch-amerikanische Expedition nach Osteuropa New York, 9. März. (J.C. B.) Iu der letzten Sitzung des American Jcwish Relief Committee erklärte der Vorsitzende Mr. Louis M a r s h a 11, daß das Komitee einen Beschluß faßte, nächsten Sommer eine aus 25 Vertretern dev verschiedenen Industrien kt den Vereinigten Staaten bestehende Kommission nach Polen, Oesterreich und den anderen kriegsbctrofferiui Ländern zwecks Ausarbeitung eines klaren Programmes zu entsenden, das imstande wäre, der ruinierten jüdischen Bevölkerung permanente Hilfe zu bringen. Die Kommission soll in den erwähnten Ländem sechs Wochen zubringen. Jedes Kommissionsmitglied wird seine Industrie repräsentieren und mit da! Regierungen der zerstörten Gebiete in Verbindung trete״. Sämtliche Kommissionsmiigltericr fahren auf eigene Spesen. Das Komitee Hat ferner beschlossen, 14 Millionen Dollar als Minimum von der Summe, die zur Durchfühntng der konstruktiven und rasche» Hilf. - arbeit unter den Kriegsopfern notwendig ist, i«1 diesem Jahre iu den Vereinigten Staaten aufzubringen. Die 14 Millionen Dollar werden wie folgt a u f g c - teilt werden: 2*/a Millionen Dollar für Wiederaufbau, 1 Million für Flüchtlingsfürsorge, 2(4• Millionen fiir die Ukraine und Rußland, 3 Millionen für Kinderfürsorge, 1 Million für Schulen und religiöse Institutionen und 2 ־Millionen zur Deckung des Defizite» bei den bisherigen Aufwendungen.