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Jüdische Rundschau · 1921-03-11 · Heft 20 (11.3.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 20 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 136 Nr. 20 Er lehnt eine Gcmeinsdiaft mit den anderen Juden ab und gibt zu, daß das in der Bekämpfung des Antisemitismus übliche Argument, die deutschen Juden seien in ihrer Mehrheit nationaldcutsch ge• sinnt, falsch ist; er nimmt dies nur für seine Gruppe in Anspruch und will dadurch die Sympathie der Deutschen vom Schlage der ״Deutschen Tageszeitung“ gewinnen. In ähnlicher Weise treiben z. B.die tschechischen Juden in Böhmen und die uttgarisehen Juden im Horthy-Landc jüdische Politik, indem sie andere Juden denunzieren, um ihre eigene Stellung zu festigen. Mit derartigen, von so grundverschiedenen Vor• aussetzungen ausgehenden Leuten zu polemisieren wäre völlig verschwendete Mühe. Wir würden daher keinen Anlaß haben, auf dieses unerfreuliche Mach• werk näher cinzugehcn, wenn sich nicht daran im deutschen Judentum Auseinandersetzungen geknüpft hätten, die außerordentlich lehrreich sind ,Von Naumanns Broschüre ist vor allem der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens getroffen. Der Kampf Naumanns richtet sich gegen diejenigen Elemente, die in ihrer Halbheit nicht darüber hinauskommen, gleichzeitig deutsch und jüdisch zu fühlen. Die Broschüre hat hegreiflichenveisc in der liberalen jüdischen Presse einen Sturm hervorgerufen. In der Zeitschrift ״Im Deutschen Reich" ist Dr. Paul Nathan Naumann entgegengetreten. Nathan will nicht zugeben, daß Naumanns Betonung seiner Verbundenheit mit dem Deutschtum einen Unterschied gegen den Zentralverein bedeutet und rechtfertigt die Haltung des Zcntraivcreins in der Ostjudenfrage mit der Fest- Stellung, daß auch seitens des Zentralvereins ein Einspruch gegen die Grenzsperre bei der Regierung niemals erhoben worden ist. Im übrigen müsse man sich aber darüber verständigen, was mit den jetzt in Deutschland befindlichen Ostjuden geschchcn soll. Naumanns Auffassung stärke nur den antisemitischen Standpunkt, und Antisemitismus ist niclit durch Argumente aus der Welt zu schaffen, denn er ist das beliebteste Kampfmittel der Reaktion. Auch das ״Hamburger Israelitische Fainilienblatt“ ist Naumann cntgcgciigetrcten und jüngst auch die ״Jüdisch-Liberale Zeitung“ in Breslau, die in einem langen Artikel Naumanns Anschauungen energisch ablelmt. Die Mittel, mit denen Naumann gegen den ״Zentralvcrein“ kämpft, sind dieselben, die Jahre hindurch gegen die Zionisten angewandt wurden. Immer wieder meinten die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, ihr Deutschtum dadurch überzeugender zu machen, daß sie die .staatsbürgerliche Loyalität der Zionisten in Frage zogen. Man kann es daher verstehen, wenn gerade diese Kreise durch1 das Auftreten der neuen Gruppe auf das äußerste gereizt sind. Denn jetzt wird ihnen öffentlich von extremerer jüdischer Seite der gleiche Vorwurf gemacht. Eine erfreuliche Sache ist aber, daß hier ln unmißverständlicher Form der Assiniila* tion der Spiegel vorgehalten ist. Die deutschen Juden sind vor die Wahl gestellt, ob sie ihr Juden• tum gänzlich preisgcbeii wollen oder ob sie zum Judentum zuriiekfinden wollen. Das erwähnte Bros, lauer liberale Blatt weist darauf hin, daß die jüdische Jugend heute nach lebendigem Judentum hungert und überall mit wachsendem Eifer den jüdischen Quellen nachgeht. Nicht weil die Juden ihre Zu• gchörigkeit zum Judentum zu stark betonen, sei die Fremdheit zwischen Deutschen und Juden cutstanden, sondern im Gegenteil, weil die Juden in ihrem Assimilationseifer so schnell ihre Herkunft vergessen haben. Die Wurzellosigkeit ist es, die uns auch in den Augen der Deutschen herabsetzt. Es gibt nur einen Weg; ״Die jüdische Jugend muß jüdischer werden, dann wird sie in einer ruhigen und stetigen Entwicklung auch zugleich mit der deutschen Heimat und dem übrigen dcutsehen Volke fester, organischer zusammenwachsen.“ Das Breslauer Blatt meint, daß eine Zusammenarbeit der liberalen Juden mit den Zionisten auf dem Boden gemeinsamer jüdischer Arbeit möglich ist: ״Sie werden uns in deutschen, wir werden ihnen׳ in palästinensischen Fragen entgegenkommen. Und wenn cs etwas geben kann, das uns zusammenführt, uns alle, die wir positiv jüdisch gerichtet sind,.... so ist es die Karikatur eines Juden, wie sie uns aus Naumanns Schilderung ein bißchen lächerlich und ein bißchen drohend entgegenblickt.“ ln der Tat glauben auch wir, daß eine solcl Leistung, wie diese Broschüre, geeignet ist, all! denjenigen deutschen Juden, in denen noch ei Spur jüdischen Gefühls vorhanden ist, in krass Deutlichkeit zu zeigen, wohin die Assimilath fuhrt, und sic zum Judentum zurückzubringen, 1 gibt cm weites Feld jüdischer Arbeit, auf de heute alle Juden Zusammenarbeiten müssen, ji besondere die Arbeit für den Aufbau Palästina JUEPISCHE RUNDSCHAU der allmählich in allen Kreisen als gesamtjüdische Angelegenheit anerkannt wird. Wenn kürzlich Herr Umfeld im ״Hamburger Israelitischen Familienblatt“ gegen eine Teilnahme der deutschen Juden an der Mitarbeit Stellung nimmt, so erweist er damit dem deutschen Judentum einen schlechten Dienst; denn es gibt heute zwei Möglichkeiten: entweder gänzlich von jeder Verpflichtung dem Judentum gegenüber, von jeder Verantwortung sich' lossagen, oder aber an den zentralen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit, auch unbeschadet der innerjüdischen Pnrtcistellung, mitarbeiten.' Wenn Naumanns Broschüre die Wirkung hat, die liberalen Juden zur Besinnung auf ihre jüdischen Aufgaben zu bringen, so hat sie eine Rolle erfüllt, die der Verfasser zwar nicht beabsichtigt hat, die aber in der notwendigen Linie einer Entwicklung liegt, welche Erscheinungen wie Naumann absondert. R. W. Ormsby Gore im Mandatskomitee des Välkctbundes (Von 'unserem Londoner Korrespondenten.) London, den 4. Miirz 1Ö21. Mr. V/. Ormsby Gore, Mitglied des House of Commons, ist von Balfour aufgetordert worden, die Vertretung des britischen Reiches in der Mandats* Kommission des Völkerbundes zu übernehmen und hat dem Ruf Folge geleistet. Das Mandatskomitee wird aus neun Mitgliedern bestehen, deren jedes einen Staat vertritt, und soll jedes Jahr etwa einen Monat lang tagen, um die jährlichen Berichte der verschiedenen Mamlntarinädite in bezug auf die Mandatsgebiete zu prüfen. Es wird die Aufgabe des Mandats• komitees sein, den Rat des Völkerbundes in allen!•'ragen, die sich in bezug auf die Ausführung der Mandate ergeben, zu beraten. * Die Berufung von Ormsby Oore als Vertreter des britischen Reiches in die Mandatskommission des Völkerbundes ist von aiißerordentlidicr Bedeutung, insbeson• dere für das Paliistiiia-Mnmlat und seine Kontrolle durch den Völkerbund. Onnsby Gore ist ein Pariamontaner von großem Ansehen, dessen Autorität ins• besonders in den Fragen des Nahen Ostens und den Mandatsfragen unbestritten ist. Seine Beziehungen zur Zionistischen Organisation und zur Frage des jüdischen nationalen Heims werden allenthalben in jüdischen Kreisen die größte Genugtuung über seine Berufung auslöseu. Ormsby Gore war von der britischen Regicrung als politischer Liaison-Offizier der zionistischen Kommission zugetuit, die unter der Führung Dr. Weizmanns nach Jerusalem entsendet wurde und sich dort als ständige Vertretung der Zionistischen Organisation weiter entwickelt hat. Ormsby Gore erwarb sich bei seiner Tätigkeit in Palästina das vollste Vertrauen aller Zionisten und der ganzen jüdischen Bevölkerung. Seither ist er der Vorkämpfer der zionistischen Forderungen im englischem Parlament gewesen und hat der zionistisehen Idee dort und in seinen Vcriiandlungcn mit allen politischen Kreisen in der Regierung und außerhalb derselben, unschützbare Dienste geleistet. Er und Lord Robert Ce eil sind die aktivsten Mitglieder der parlamentarlselun Gruppe, die sich die Förderung der Idee des jüdischen nationalen Heims zur Aufgabe ge• macht hat. Es ist bekannt, welche Dienste diese Gruppe in der Zeit vor Ssut Reim» geleistet hat. Ormsby Gore war es auch, dem die Initiative gebülirt, von der englischen Regierung die Schaffung eines besonderen Fk'partcmcnts für den Nahen Osten verlangt zu haben, wie cs soeben nach der Berufung Churchills ins Koloninlmiuisterium in diesem eingerichtet worden ist. Es ist begreiflich, dal) im Zusammenhänge mit der Einrichtung dieses Departements in verschicdenen Kreisen angenommen wurde, Ormsby Gore werde zum Leiter dieses Departements berufen werden. Tat• sächlich ist Ormsby Gore nunmehr nicht in die ausführende Stelle der englischen Regierung, sondern in die kontrollierende Instanz des Völkerbundes berufen worden. Es ergibt sich von selbst, daß seine Einflußnähme auf die Ausführung der der britischen Regierung vom Völkerbund übertragenen Mandate nicht nur auf die Zeit beschrankt sein wird, wenn das Mandats- Komitee tagt; das Kolonialministerium wird sicherlich dafür sorgen, hei der Ausübung des Mandats den Kontakt mit dein Vertreter des britischen Reiches in der Kommission des Völkerbundes aufrcchtzucrhaltcn, um zu vermeiden, dal) die Ausübung des Mandats durch die englische Regierung von deren eigenen Repräseutanten etwa einer Kritik unterzogen wird. Die Rede, die Ormsby Gore tu der großen Versammlun״ in der Albert Hall 1020 nach Balfour und Lord Robert Ceci! gehalten hat, hat auch der Ocffentlichkeit unzweifelhaft gezeigt, welche Ideen den Mann erfüllen, dessen Berufung jetzt bekannt geworden ist. Churchill ist unterwegs nach Aegypten. Lloyd George hat soeben im Parlament eine Erklärung über Churchills Reise abgegeben und verkündet, daß Churchiii etwa zehn Tage in Aegypten und hierauf einige Tage in Palästina sich auflialten und dann sofort zurückkehren wird, um seine Vorschläge dem Kabinett zu unterbreiten. Die Politik der Regierung wird hierauf dem Parlament nach Ostern bekanntgegeben werden. Die Amerikareise der europäischen Zionisten!1 Interview mit M. Ussischki» jj (Von unserem, italienischen m. b.-Korrespondent»1) i S Rom, den 1. Marz. fl Am 28. Februar haben Ussischkin und l'j Mossinsohn, der Leiter des Gymnasiums in Jaffa, 1• t״ nach eintägigem Aufenthalt Rom verlassen, um sich j nach London und von dort nach Amerika zu begeben.! Ussischkin mit Weiz.mann Ln Vertretung der Exekutive und Naiditsch, Slatopoisky und Mossinsohn in Vertretung des Keren Hajesmd werden die Abordnung der europäischen Zionisten bilden,;! die zwecks Herbeiführung einer Verständigung mit den י amerikanischen Zionisten nach Amerika gellt Der Aulj; enthalt in Amerika wird einige Wochen, vielleicht auch j Monate dauern. Der Verständigung stellen, nach Ussischkins Mv! ' nung, kcincunübcrwindlichcn Hindernisse im Wege, da er es für möglich luilt, beide Standpunkte zu vereinigen. Die Privatinitiative, die den Hauptpunkt des amerikanischen Paliistinaprogramms bildet, schießt die auf sozialen Grundsätzen organisierte Arbeit nicht aus, und umgekehrt kann diese Privatinitiative auch bei einheitlicher sozial durchgeführter Arbeit Hüben; jeder Art von Arbeit muß ihr Feld angewiesen werden. D!s Prinzip und die Wichtigkeit der Privatinitiative voll anerkennend, glaubt Ussischkin aber, daß die Einstellung der großangelcgten sozialen Arbeit äußerst gefährlich wäre, da die Privatinitiative mit ihrem anarchischen un* organisierten Charakter nicht imstande wäre, den eine■ überaus verantwortlichen und weiten Blick erfordernden Palästinaaufbaii planvoll zu verwirklichen. Sie »st außerdein auf unsere speziellen Verhältnisse vollkommen unanwendbar, weil zirka 00 0/0 von allen Einwanderern vollständig mittellos sind und die ganze Arbeit sich also auf die 10 0/0 der Bemittelten beschränken müßte. Die Beschuldigung, dal) die Gegner der Privatinitiative nur Schönredner seien, die zur praktischen Arbeit nicht fällig wären, weist Ussischkin energisch zurück; wenn in Palästina bis jetzt etwas Dauerndes geschaffen wurde, so verdankt man es keineswegs der Privatinitiative, die vorläufig noch nicht vorhanden Ist, sondern eben der Gcmeinsdiaftsarbeit. I>cr Kompromiß wäre darin zu finden, daß man die Privatinitiative wohl zulälSt und ihr alle möglichen Garantien gibt, sie alter andererseits unter die Kontrolle der organisierten Gemeinschaftsarbeit steßt, so daß das ganze Palästinawerk von einheitlichem Standpunkt geleitet wird. Deshalb spricht sich Ussischkin auch gegen jede Teilung der Keren Hajessodgclder aus. Wenn also in wirtschaftlichen Fragen ein Kompromiß gesucht werden muß und gefunden werden kann, so ist jede Konzession in der kulturellen Frage seitens der europäischen Zionisten ausgeschlossen, da alle Zweige der Aufbautätigkeit, keinen ausgenommen, in einer Organisation konzentriert sein müssen. Was die allgemeine Lage in Palästina anbetrifft, so sicht Ussischkin keine großen Schwierigkeiten, außer der finanziellen, vor sich. Er zweifelt keinen Augen-, blick an den guten Absichten und dem guten Willen Sir Herbert Samuels, der nichts anderes verlangt, als daß das Judentum die Verpflichtungen, die cs übernommen hat (denn der Wiederaufbau von Palästina schließt beiderseitige Verpflichtungen ein), in Erfüllung bringe. Auch die sogenannte Araberfrage \ trägt zum großen Teil einen rein theoretischen und abslr.iklen Gliarakler; cs ist wnld wahr, dal) eine kleine Gruppe von Effcndis und von arabischen Nationalisten eine aggressive Politik gegen den Zionismus führt, was unter Umständen zu unangenehmen Vorgängen Anlaß geben könnte; diese Agitation bedeutet aller kein wirkliebes Hindernis für die jüdische Arbeit, bis jetzt ist es nie vorgekommen, daß irgendeine Initiative, die die Juden ergriffen haben, wegen des arabischen Wider- Standes nicht hätte durchgeiührt werden können. Die tätige und konkrete Kolon:sationsarbeit wäre auch die beste Antwort an die nationalistische Hetze, — eine viel wirkungsvollere als alle Zeitungsartikel. Von demselben Standpunkt der Ausnutzung aller Möglichkeiten und der konkreten Arbeit, — betrachtet Ussischkin auch den unlängst veröffentlichten Mandatsentwurf. Obwohl einiges an diesem Entwurf zu beanstanden wäre, hätten diese formellen Fragen eine sekundäre Bedeutung; auch in den Mandatsgrenzen gibt es genug Arbeit für Jahrzehnte, und diese Möglichkeiten müssen vor allem realisiert werdet». De formellen Fragen treten im Vergleich mit konkreter Arbeit in solchem Maße zurück, daß Ussischkin auch die breite jüdische Koiomsation sogar des französischen Teiles von Palästina keinesfalls für ausgeschlossen hält. Während der letzten zwei Jahre sind so viele und so große intellektuelle, technische und organisatorische Kräfte in Palästina zugeströmt, daß eine wirklich großartige Arbeit übernommen und geleistet werden kann Es ist absolut nicht wahr, daß Palästina, außer einer wirtschaftlichen noch eine moralische Krise durchmaeht Die Einwanderer stellen in überwiegendem Teile moralisch hochstehende Elemente dar; wenn auch die üblichen Parteiauseinandersetzungen stattfinden, so verlaufen sic jedenfalls viel friedlicher als in anderen Ländern. Man ist absolut nicht berechtigt, von Parteihadcf, Parteihaß und ähnlichem zu sprechenwen■ es manchmal von außen her so scheinen kann, so kommt es nur deshalb, weil man an Erez-lsrael höhere Ansprüche, zu stellen gewöhnt ist und weil man vergißt, daß jeder Uebcrgang von der Theorie zur Verwirk- Leitung seine unliebsamen Begleiterscheinungen hat Wird Amerika finanzielle Mittel geben (von Europa kann ja wegen der Valutaentwertung und der. Kata-

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