Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 118 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 17 «? / Warum wurden die polnisch-jüdischen Verhandlungen unterbrochen? Verrat der AUiancc-Asstmilantcn I>cr Warschauer Korresjxmdeiit der ״Wiener Morgen- /eiturig“ berichtet: ״In der Frage der polnisch-jüdischen Verständigung sah es bis vor kurzem aus, als sollte alles in nisclieit Fluli kommen; es wurde öffentlich erklärt, vier Minister hätten die jüdischen Forderungen zur Grundlage eingehenden Studiums gemacht, die Forderungen begcgricten keinem grundsätzlichen Widerstand; vor etwa zwei Wochen sollte eine Konferenz mit den jüdischen Vertretern stattiinden, utn die praktische Durchführung der jüdisch-polnischen Verständigung zu beraten, Die Sitzung hat jedoch nicht stattgefunden. Uebcr die Ursache sind allerhand Gerüchte im Umlauf, welche jedoch alle das Unterbleiben diese* Konferenz mit dem Gespräch in Verbindung bringen, das die Vertreter der Alliance isra feilte Universelle in Paris mit dem Präsidenten der polnischen Republik hatten. Aus Andeutungen, die aus polnischen Regierungskreisen stammen, vor allem aus Aeußerungen des ,polnischen Untenichtsminidcrs Rataj gegenüber einem Interviewer des ״Najeu Ilajut" scheint hervorzugehen, dal) die I lehren Salon! 011 Rcinach und Silvain Lcvy. der An• sicht Ausdruck gegeben hatten, es herrsche bei den französischen Juden heute bereits angeblich die Uebcr* zeugung, daß die Rechte, welche im Minderheitstraktat des Versailler Vertrages festgesetzt worden sind, für die polnischen Juden sduidlich wären, und daß es deshalb das Beste wäre, den ganzen Minderheitstraktat abzuschaffen. Was an diesen Gerüchten wahr ist, laßt sich natürlieh nicht genau feststellen; die Aeußerungen des Ministers Rataj jedoch lassen den Schluß zu, daß tatsächlich irgendeine Acuiterung dieser Art seitens der Herren Rcinach und Lcvy gefallen ist, und es bleibt auffällig, daß die Konferenz mit den jüdischen Parteien Polens ohne Motivierung abgesagt wurde. Sollte die!Klinische Regierung glauben, daraus Kapiial schlagen zu können, so wäre dies ein Zeichen starker politischer Kurzsichtigkeit. Demi der Mindcrhcitstraktat ist nicht speziell für die Juden geschaffen worden, sondern für alle Minderheiten und er soll nach dem Willen derer, die den Friedensvertrag von Versailles geschaffen haben, den Grundstein für die neue Ordming in Osteuropa bilden. Würde er von einer am Bestände des Versailler Vertrages interessierten Macht gebrochen, so würde damit das ganze Gebäude des Versailler Friedens ins Wanken kommen. Und gerade das liegt wahrhaftig nicht im Interesse Polens, dessen staatliche Sicherheit zum großen Teil von der Standfestigkeit des Versailler Vertrages abhängt. Wenn also Polen, gestützt auf unverantwortliche und Unbeauftragte Aeußerungen einiger französischer Assimilationsjuden, Miene machen sollte, sich den Verpflichtungen des Minderheitstraktats in bezug auf die Juden, deren loyale Erfüllung Polens Vertreter mehrfach öffentlich zugesagt haben, zu entziehen, so würde es sich wahrhaftig einen schlechten Dienst erweisen. Die klare* politische Uebcrlegung muß den Lenkern dieses Staates sagen, daß ohne Anerkennung der nationalen Rechte der Juden in Polen die Judenfrage dortselbs! nicht gelöst werden kann, deren Lösung in eminent staatlichem Interesse gelegen ist“ Aus der Berliner Jüdischen Gemeinde Eine Schuldebatte in der Repräsentanten Versammlung. (Von unserem Berichterstatter.) Wenn es einen Maßstab für die ideelle Kraft der um den Vorrang innerhalb der jüdischen Gemeinde ringenden Parteien gibt, so dürfte cs wohl ihre Stellung zu den geistigen Problemen des Judentums, insbesondere zur Sch ul frage, sein. Die Debatte über die Schul• frage in der Sitzung der Repräsentanteitvcrsammlung vom <!. Februar hat, wie selten eine Frage eine Scheidung der Geister bewirkt. Der Antrag auf Errichtung jüdischer Volksschulen wurde von Herrn M, A. Loeb begründet. Er ging von der nach seiner Ansicht auch für die Zukunft geltenden Tatsache aus, daß es in Preußen nur konfessionelle Schulen gebe und geben werde und die Simultan-Schule vorderhand ein nicht erreichbares Ideal sei. Er verwies auf die Versuche, die seitens der Adas Jisroel-Gemeindc und seitens des Vcreines Talmud-Thora-Ktvcsseth-Jisroel zur Gründung von Grundschulen unternommen worden sind, und erwähnte auch die dahingehenden Bestrebungen der Zionisten. Im Interesse einer religiösen Lebensführung der Jugend, welcher die Einhaltung des Sabbaths ermöglicht werden, müßte, und schließlich im Interesse der jüdischen Lehrer iniisse man sich für die konfessionellen Schulen ent* scheiden. Die liberale Fraktion hatte ursprünglich die A Ä1iCI\/^ntraF,,la ß®rah*״gcn über die Schaffu! jüdischer Volksschulen emzutreten, a limine abzulehnc Gegen eine derartige Brüskicmng sprachen indes; schwere Bedenken, so dab sich die Fraktion zu ein Abschwächling ihres Standpunktes entschloß, indem sie erklärte, daß die Angelegenheit für sie zurzeit noch nicht spruchreif sei. Das Ideal der Liberalen, so heißt cs in der offiziellen Kundgebung, sei eine gemeinsame Er- Ziehung aller Konfessionen unter der Voraussetzung, daß dabei für die־ jüdischen Lehrer in genügender Weise gesorgt 11 ml auf die Bedürfnisse des jüdisch-religiösen Empfimiens entsprechende Rücksicht genommen würde. Da die Schulgesetzgebung in Preußen wie im Reiche zurzeit noch in Schwebe sei und man nicht wissen könne, wie siel» die Dinge gestalten würden, so müßte nach Ansicht der liberalen Fraktion eine Vertagung bis zur Klärung der Verhältnisse cintrctcn. Die Liberalen beabsichtigen deshalb, nicht schon jetzt irgendwelche Maßnahmen, welche sie für die Zukunft fvstlcgcn könnten, in Erwägung zu ziehen. Herr Dr. Löh (Jüdische Volkspartei) befaßte sich in eingehenden Ausführungen mit der außerordentlichen Mangelhaftigkeit de» heutigen jüdischen Re- Ugkmsuntcrrlclits und stellte als Forderung für die Schule ZiiäMiesii EMtenete Ijeipziß werden gebeten, um ihre Leipziger Adresse rechtzeitig aufzugeben. Unser Sekretariat, K eiistrasse -4, fünf Minuten vom Hauptbahnhof, iteht den Geiinnungsgenosaen während der Meßzeit den ganzen Tag über zur Verfügung. An den Abenden wird dort die Möglichkeit eine« gemütlichen Beisammenseins geboten werden. Zionistische Ortsgruppe Leipzig Konzentration des Unterrichts auf allen Gebieten zur Heranbikltmg jüdischer Persönlichkeiten auf. Der Gemeinde- Vorsteher, Artsgerichtsrat W o 1 f f, äußerte sich obwohl der Vorstand selbst zu der Frage überhaupt noch nicht Stellung genommen hat, im Sinne des liberalen Vorschlages. Nachdem Professor Türk, der innerhalb der liberalcn Partei die schärfere Tonart vertritt, seinen rundweg ablehnenden Standpunkt gegen die jüdische Schule zu begründen versucht hatte, nahm Dr. Klee das Wort zu einer großangelegtcu grundsätzlichen Auseinander- Setzung mit dem Standpunkte der Liberalen. Mit den absolut ablehnenden Anschauungen des Herrn Professor Türk gebe es keine Verständigung, doch sei sehr zu bezweifeln, tlaß dies der Standpunkt der Mehrheit der Liberalen sei. Sehr viele Liberale, die wohl als Ideal die Simultan-Schule anschen, sind durchaus Zweckmäliigkeitsgrüuden, die für die jüdische Schule sprechen, zugänglich. Mit diesen Liberalen würde piau sich bis zu einem gewissen Grade cmf^cu können. Aber der Standpunkt der Konservativen sei nur Halbheit; sie for- (lern lediglich die Volksschule, um im frühen Alter die Kinder in ihrem Sinne zu beeinflußen. Mindestens aber so wichtig sei die Erziehung der reiferen Jugend. Ke Volksschule genügt keineswegs, die Forderung müsse mich auf Einrichtung jüdischer Mittel- und höherer Schulen ausgedehnt werden. 1 in übrigen sei die Fordentng ganz unabhängig von der Gesetzgebung, sie ergebe sich aus dem jüdischen Leben selbst. Die Taktik der Liberalen sei sehr unklug. Wenn der Antrag auf Verhandlungen über die Einrichtung jüdischer Schulen jetzt abgelehnt würde, so würde in kurzer Zeit die Frage wieder auftauchen, und die Forderung würde erfüllt werden, sobald, wie ein einfaches Rechenexcmpel zci״e, bei den nächsten Repräsentantcnvvahlcn die liberale Melirheit voraussichtlich verloren gehen würde. Professor Loewe begründete die Notwendigkeit der jüdischen Schule insbesondere auch unter dem Gesichtspunkte, daß nur auf diese Weise der Assimilation entgegengearbeitet werden könnte. Er wies — wie schon wiederholt bemerkt -darauf hin, daß, wenn jetzt der vorliegende Antrag abgeleimt werden würde, dies hauptsächlich dein Umstande zu verdanken sei, daß der größte Teil der liberalen Fraktion unrechtmäßige Mandate besitze, da die Liberalen sich geweigert liättcn, nach Einführung des neuen Wahlrechts ihre Acmter niedcrzulcgcn. Herr L e w i t führte die Gründe an, welche für die Errichtung jüdischer Schulen im Interesse der Ostjuden sprechen. Schließlich wurde mit 11 gegen <1 Stimmen der Antrag, schon jetzt in Verhandlungen über die Gründung jüdischer Volksschulen zu treten, abgclchnt. Damit ist, wie einzelne Redner hervorhoben, die Frage keineswegs erledigt, sie wird immer wieder aultauchcn und nicht zur Ruhe kommen, che nicht das unabweisbare Verlangen nach Errichtung jüdischer Schulen erfüllt ist. Nach einer mehrstündigen Debatte war das Interesse für die übrigen Gegenstände ziemlich erschöpft. Es wurden im wesentlichen einige rein geschäftliche Angelcgcnheilen behandelt. Erwähnt sei aus diesen Verhandlangen eine Interpellation der Volkspartei bezüg- I ch der Mnzzothvcrsorgung, die an den Vorstand den dringenden Wunsch richtete, daß die In früheren Jahren zutage getretenen Mißstände in diesem Jahre möglichst beseitigt würden. parteinaebriebten Amtsniederlegung des Herrn Dr. Klee Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, hat sein Amt als Vorsitzender nicdergclegt mit der Begründung, daß er in grundlegenden zionistischen Fra• t׳en mit dem von der Majorität des auf dem letzten Delegiertentag gewählten Gescliäftsführenden Ausschuß nicht übcrcüisthnme. Herr Dr, Klee wird aber dem Geschäftsführenden Ausschuß als Mitglied weiter an״ehören. ' , Finanzausschuß Am 13. Februar fand eine Sitzung des Finanz- Ausschusses der Zionistischen Vereinigung fUr Deutschland statt, an der die Herren: Dr. Gerson (als Vorsitzender), Berger, Jacob) (Chemnitz), K a r c s k i, Leopold Landau (Hamburg). Dr. Siegfried Moses, Dr. Walter Pinner und Weitzmann teiigenommen haben. Die Abteilung für Zcntraleuropa des Keren Hajessod war durch Herrn Dr. Hantkc vertreten. ln der Sitzung wurde der Etat der deutschen Abteilung des Keren Hajessod für das laufende Vierteljahr genehmigt. Zur Frage der Beamtengehälter wurde einstimmig folgender Beschluß gefaßt: ״Der Finanzausschuß stellt auf Grund cingchcn• der Erörterung der Gehaltssätze, nach denen die be- amten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland einschließlich derjenigen der ״Jüdischen Rundschau״ und des Keren Hajessod, Abteilung für Deutschland, besoldet werden, folgendes fest; Die Gehälter erscheinen unter den gegenwärtigen Verhältnissen mul unter Berücksichtigung der Leistungen der zionistische» Beamten und der l.ebeiisverhältnisse durchweg an״c• messe».“ Es wurden außerdem Beschlüsse über die Ver• waltung der Keren Hajcssoü-üelder und über einige andere wichtige Fragen gefaßt. Obersciilcsischer Gruppenverband Am Sonntag, den 20. Februar fand in Beutlicn O.-S. unter dem Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Dr. Dobrzynski der Gruppenverbandstag der oberschlesischen Zionisten statt. Außer den Vertretern samtlieber Ortsgruppen nahmen an den Beratungen noch zitka 50 Gäste teil. Herr Professor Heinrich Löwe hielt zu Beginn der Tagung ein politisches Referat über die gegenwärtige Lage, in dem er auch die Stellung der Amerikaner in der Keren Hajessod-Frage einer Kritik unterzog. Nach einer kurzen Debatte sprach Herr Otto Lehmann aus Hamburg über die Bedeutung und Aufgaben des Keren Hajessod unter Hervorhebung der Maaßerverpflichtung für jeden einzelnen Zionisten. In der Aussprache, die sich hauptsächlich mit der politischen Durchführung der Aktion in Ober• Schlesien beschäftigte, traten alle Redner für die Keren Hajessod-Arbeit in der vorgcschlagcnen Form ein und lehnten cs ab, bis zur endgültigen Abstimmung in Oberschic sie n zu warten. Am Abend fand, veranstaltet von der li'nc-Brith- Loge, ein öffentlicher, sehr gut besuchter Vortrag des Herrn Professor Löwe über ״Die Einheitsfront der deutschen Juden“ statt. Nach eien mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen sprach in der Debatte außer Herrn Lehmann noch Herr Rechtsanwalt Dr. N e u nt a n 11 (Beuthen O.-S.). Herr Dr. Ncumann, eine führende Persönlichkeit des Zentral Vereins, gab die Erklärung ab, daß es trotz Ablehnung der Ideologie des Zionismus für das ganze deutsche Judentum selbstverständlich sein müsse, an dem Aufbau Palästinas m i t z ua rb e i teil und siel» an der Arbeit für den Keren Hajessod zu betätigen. Mit wannen Worten rief er die Versammelten zur Tat auf. Am 21. Februar sprach Herr Dr. Otto Lehmann in einer Jugeiidversamntlung, die von ungefähr 150 jungen Menschen besucht war, über die Entwicklung des deutsehen Judentums im letzten Jahrhundert bis zu der heutigen Lage, die als letzte Station vor dem Untergänge des deutschen Judentums an/.uschen sei. Aufgabe der Jugend sei cs, für die Erhaltung und Erneuerung des Judentums zu sorgen. Selbstbesinnung. Beschäftigung mit dem Judentum und starkes Verantworttingsgcfühl für das Schicksal der Gesamtjuclenheit müsse ein neues lebendiges Judentum schaffen, das sich aufs Engste mit dem neu entstehenden jüdischcn Palästina verbunden fühle. Im Anschluß an den Vortrag richtete Herr Rabbiner Dr. Krakauer einen wannherzigen Appell an die Jugend, alle Kräfte für den Aufbau Palästinas einzusetzen. Die jüdische Jugend Beuthens — ,,die Kameraden“, ״der neutrale Jugendverein“, der Jugendverein ״Jcschurun“ und der ״Blau-Weiß“ ließen durch ihn mittcilcn, dab die in ihren Vereinen organisierte Jugend bereit sei, nach ihren Kräften für den Keren Hajessod beizutragen und zu arbeiten. Dieser Gruppenverbandstag war der Auftakt für die Keren Hajcssoa-Arbclt fn Oberschlcsicn, von der wir uns bei der cüdicttlichen Stimmung gute Erfolge versprcclten dürfen. eder Jude muss Bur cif Unterstützung der PurimlandspenBe zum jfiufbau Palästinas beitragen!