Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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־rr 7ז־ Nr. 17 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sette U? * & Die alle Gegensätze innerhalb der Judcnhcit über• dachende und alle r/mstigen auseinander strebenden Tendenzen zur Synthese *;sammenfasscsule gemeinsame Plattform für die Erreichung des einen Hauptzieles jedoch konnte eine solche stets wcitcrgclicndc Diffcreu- /iatiou von vornherein nicht darstellen. Alle diese (iegenstiinde, deren teilweise Wichtigkeit durchaus nicht bestritten werden soll, hätten, wenn auch aus dem ׳■!eichen nationalen Rcgonerntioiisstrcben entstanden, doch Agenda irgendwelcher selbständiger Untergruppen, nicht aber solche der großen nur auf das einzige politische Ziel ei 11 zu s t el 1 e nd e n Ziuni st i sehen Organisation sein dürfen. Und hier lag der Hauptfelder. Utopismus und die vermeintlich dadurch erfolgende politische und soziale Gefährdung waren die Hauptargumente der Gegnerschaft gegen Herzl gewesen. Hier war der Funkt, wo theoretische Vertiefung und prinzipielle Klar• Stellung in Wirklichkeit einzusetzen hatten, um, statt immer weilergehende verfeindende Differenzierung zu erwirken, die vorhandene Differenziation in Integration Umschlägen zu lassen. Von nebelhaft phantastischer Utopie, wie dies damals üblich war, dürfen wir heute nach den uns zugefallenen politischen Erfolgen nicht mehr sprechen. Es bleibt also nur noch die zweite Gruppe der Gegengrüiide. So wenigstens, wenn es gestattet ist, diese persönliehe Bemerkung hier einzuschalten, faßte und fasse ich die Notwendigkeiten der Situation auf. Aus dieser Auffassung heraus war ich bemüht, meine bescheidenen Kräfte in den Dienst der Sache zu stellen und zunächst durch theoretische Untersuchungen in meinem ״Rassenproblcm“ 1910, in meinen in Amerika auf Grund meiner dortigen Vorlesungen erschienenen ״Jewish Queslions“ 1914 und in meiner ״Revision des jüdischen National!*- mus“ 1919 dem nationaljüdischc» Palästinagedanken eine die bisherigen Grenzen der Organisation weit überschreitende Basis zu schaffen. In theoretischem Sinne ist mir dies auch durchaus gelungen und, wie ich einem Briefe von Brandeis entnehme, hat die dort erschienene Schrift auch praktisch die Propaganda des Zionismus sehr gefördert, im ganzen blieben jedoch diese neuen Gesichtspunkte ohne propagandistische Verwertung, und diejenige spätere Politik der Partei, welche mit der Forderung nach staatsrechtlicher Anerkennung der jüdi sehen Nationalität in den Diasporaländcrn begann, kehrte jede solche Wirkungsmöglichkeit sogar in ihr Gegenteil um. Statt der einigenden waren die spalten׳ de nTcu de nzendiebe herrschenden Trieb׳ k r ä f t e der Partei geworden. Obwohl die Gegner Herzls die Parteiherrschaft er• obert hatten, war es der Hcrzlschc Gedanke, der in San Remo gesiegt hat. Die Bereitschaft der Partei aber, welche das Venvirklichungsinslrumeot der Idee sein soll, und die Bereitschaft der infolge dieser Methoden nicht gewinnbaren Gesamtheit blieben weiter unterhalb des durch die Notwendigkeit geforderten Maßes. Und gegenwärtig stehen wir in einer Krise, welche so groß ist, daß manche Führer von der Liqui dation der Bewegung sprechen*), wenn nicht unverzüg lieh die Gesamtjudcnheit alle ihre Kräfte aufbieten würde. Politisch, finanziell und kulturell ist die Situation von äußerster Gefahr. Der Text des Mandatsvertrages, wie er wahrscheinlich definitiv werden wird, ist ja eben bekannt geworden, und es steht nun fest, daß nicht von einem ״Jcwish Commonwealth“ die Rede sein kann»׳ sondern nur von autonomen Institutionen, ״Seifgoverning Institutions“, die allein an sich höchstens eine Gleichberechtigung mit den Arabern gewähren würden. Die Grenzbestimmungen sind ungünstig: das Ostjordangebiet, der Süden und der Norden sind vom Lande abgeschnitten. Selbst in diesem so eingeengten Rahmen aber wirkt die Geldnot unbeschreiblich lähmend, so daß die Zuwanderung unterbunden werden muß. Hier Einzelheiten anzuführen, ist überflüssig; den Ein geweihten, für welche dieser Aufsatz hauptsächlich bc stimmt ist, sind sie bekannt. Das nationale Schulwerk ist in seinen Grundlagen bedroht Die Kraft der Zionisti sahen Organisation scheint aus Gründen materieller Natur völlig zu versagen, und es besteht nach dem Aus drucke Zangwills infolge dieses Umstandes die Gefahr, daß die englische Regierung es vorziehen wird, statt eines anglo-jüdischcn, ein anglo-arabisches Palästina zu schaffen. Als äußerlich wahrnehmbaren Ausdruck dieser Tat׳ :aehen sehen wir überall in der Parteileitung fast nichts als Krise und Chaos. Die Partei allein ohne die Mit Wirkung der Gesamtheit ist nicht imstande, diese gigantische Aufgabe durchzuführen. In ihrer gegenwärtigen Struktur besitzt die Partei nicht die Fähigkeit, die Gesamtheit mit einer solchen Intensität der Wirkung für den Palästinaaufbau heranzuziehen, wie der Ernst der Situation dies unerläßlich macht ü_s hierzu überhaupt eine Möglichkeit? Gibt rm? ^Cf jütJ'sc*lcn Gesamtheit die erforderlichen Mittel? Gibt es außerhalb der zionistischen Partei noch ein Interesse an jüdischen Dingen? Warum können die 0rffan1satione5 und die vorhandenen Fonds ment der Idee dienstbar gemacht werden? Wäre es nicht möglich, auch das ideelle und materielle Interesse der Unmassen nichtzionistischer Einzelindividuen für alastina und damit für unsere nationale Idee frucht bar zu machen? ... fhuibe, es kann heute kein Zweifel mehr darüber bestehen, welche Momente hauptsächlich die all׳ gemein gegnerische Einstellung gegen den Zionismus ״ ״Führer“? Nur die Amerikaner sprechen von Liquidation, aber aus ganz anderen Motiven, honsbge derartige Aeußenmgetv von Führern der Bewegung «nd uns nicht bekannt. — A, d, R, hervorgerufen haben. Wir haben es leicht, uns darüber Gewißheit zu verschaffen. Wenn wir im Alltag nach den naiven Urteilen der Umwelt hören, wenn wir uns mit den Argumentierungen in den offiziellen Aeußerungen der antizionistischen Organisationen und Blätter bcschuftigen und wenn wir die Art dieser Gegengründe bis in die Zeit des Auftauchens der zionistischen Idee zurüekverfolgen, so finden wir neben praktisch weniger wichtigen Begründungen ideologischer Natur, wie daß diese Idee den allgemeinen kosmopolitischen Prinzipien oder dem Wesen des Judentums widerspreche, stets den Hauptton auf ihren utopistisehen und politisch gefährlichen Charakter gelegt sowie auf den bcrechtigten Hüiwcis der Unwahrheit eines Desinteressements der Judcnschaften der einzelnen Länder an den Staaten, Kulturen und Nationalitäten, denen sie hier zugehören. Und in diesen letzteren Momenten lag auch von Anfang bis zum gegenwärtigen Augenblicke wegen der mangelhaften!Gärung der Grundauffassungen, die sich liier eingeschlichcn hatten, die grolle Sünde am Zionismus. Wohl hatte Herzl durchaus recht, wenn er im Hinblick auf unsere große nationale Aufgabe darauf hinwies, daß wir nicht nur eine Religionsgcnosscuschaft, sondern ״ein Volk, Ein Volk“ seien; wir sind nicht nur eine in alle Länder zerstreute religiöse Gemeinde, sondern ein durch die gemeinsame Vergangenheit und das gemcinsamc Blut überall sich noch unterscheidender einheitlicher Volksstamm, der durch die Härte seines historischen Geschickes seine Nationalität verloren hat; das Arbeiten an der Aufgabe, ihm dieselbe wieder zu schaffen, ist der Inhalt unseres nationalen Strebcns. Die Betonung des Umstandes, daß wir neben unserer konfessionellen Somlerexistcnz das Streben auch nach Erringung nationaler Existenzformen auf uns nehmen müßten, bildet Sinn und Wesen des jüdischen Nationalismus. Also nochmals, dieses Programm, diese Tendenz sind sein Sinn und sein Wescu! — Wir müssen ״Blutsvolk“, ״Sprachvolk“ und ״Staatsvolk“ wohl voneinander unterscheiden und ebenso beachten, daß die Begriffe ״Volk“ und ״Nation“ nicht miteinander identisch sein müssen! Dem Blute nach dürfen wir uns ein Volk nennen, aber nur in Latenz und als Potcntialität haben wir die jüdische Nationalität m uns, wenigstens diejenigen von uns, die ״sich hier nicht assimilieren wollen oder nicht assimilieren können“ und deshalb nach Palästina gehen; nicht aber besitzt sic bereits hier die gesamte jude.'schaft als eine jetzt schon gegebene Realität, also etwas gegenwärtig schon Vorhandenes. Gegenwärtig ist die j idische Nationalität, da der Termin einer ״Doppel-Natt malität“ nicht einfiilirbar ist, sozusagen nur eine uns vorschwebcndc Idee und ein der juristischen Person unserer Organisation hypostasiertes Attribut. Diese letztere ist der legitimierte Träger der jüdischen Nationalidee, während die Individuen als die Einzeklemcnte des jüdischen Blutsvolkes in ihrer Mehrzahl bezüglich aller ihrer natürlichen, vegetativ nationalen Lcbcnsäußerungen seit dem Zurücktreten des Ritualkodex fast nur mehr durch Land und Volk ihrer Umgebung determiniert werden. Diese — ja allerdings schwierige und komplizierte, aber durch die Einzigartigkeit unseres Falles trotzdem der Tatsächlichkeit entsprechende — Differenzierung zwischen platonischer Idee und Programm einerseits und der wirklichen Realität andererseits nicht gleich zu Beginn gemacht, in den darauf folgenden Dezennien durchgereift zu haben und einem leeren Nominalismus zum Opfer gefallen zu sein, war der größte Fehler der Partei, der stell in diesem Augenblick in vielfacher Hinsicht an ihr rächt. Noch knapp vor der Friedenskonferenz schrieb der bekannte amerikanische Orientalist Professor Jastrow‘ ein Buch ״Zionism and the Future of Palestine“ gegen den Zionismus, dessen wesentlichsten Inhalt die hier angeführten Punkte darstellen und welches am Schlüsse eine Petition von amerikanischen Notabein an Wilson wiedergibt, die Errichtung eines Judenstaates zu verhindern. Können wir darin literarisch einen letzten und zwar mißlungenen Versuch erblicken, die Schaffung der politischen Voraussetzungen für den Palästinagedanken zu verhindern, so hiftte praktisch aus dieser, einer vagen und unseligen Aequivokie entspringenden Ideologie heraus die. Politik aller zionistisehen Ober- und Unterbehörden nicht schlechter sein können, als sie sich während dieser entscheidenden Jahre in Wirklichkeit gezeigt hat. Sie hat sich durch eigenen Willen mit einem Prinzip völlig identifiziert, welches von selbständigen Untergruppett vielleicht mit Recht oder Unrecht hätte vertreten werden können, welches auch denselben ideellen Ursprung haben mochte, das aber — rein politisch aufgefaßt — mit dem1 Palästinagedanken als solchem gar nichts zu tun hat. (Schluß folgt) Palästinaarbeit im fernen Osten In Charbin (Mandschurei) fand eine Vertreterver! Sammlung des Palästinakomitees des fernen Ostens statt. Vertreten waren die Komitees von Charbin, Wladiwostok, Shanghai usw. Auch Vertreter der Zionistischen Organisation, der Zeire-Zion und der Poale-Zion waren anwesend. Es wurde ein Komitee von sieben Mitgliedern gewählt, von denen zwei in Charbin wohnen. Eine Chaluzimgruppe von 60 Personen für Palästina wurde zusammcngestellt, für the 2000 £ gegeben wurden. Weiter wurden Schritte eingeleitct zur Gründung einer sibirischen Kolonie in Palästina. Zu diesem Zwecke wird eine Gruppe von 40 bis 50 Familien gebildet, die Vermögen besitzen und zum Teil erfahrene Landwirte sind. 6re$-3sml Eine landwirtschaftliche Versuchsabteilung der Zionistischen Kommission Bei der Zionistischen Kommission in Jerusalem wurde eine Abteilung für landwirtschaftliches Versuchswesen errichtet, unter Leitung des Agr. Wiikansky. Zunächst wurden drei Versuchsfelder von je 300 Dunam bei Bcnschemen, Merchaviah und Dag aniah angelegt. Eine Einrichtung zur Geflügelveredlung durch Einführung von Rassevieh soll bei ßensdtemen getroffen werden. Eine Versuchsanstalt für Milchwirtschaft ist bei Berseba ins Auge gefaßt. So schnell wie möglich soll ferner die Versuchsstation bei Atlith wieder errichtet werden. Zusammen mit Professor Otto Warbürg soll die Errichtung einer landwirtschaftlichen Fakultät an der künftigen Universität in die Wege geleitet werden. Konferenz der demobilisierten Legionäre Als die jüdischen Legionäre aus Amerika und England in Palästina demobilisiert wurden, bildeten sie einen Verband, der drei- bis vierhundert Mitglieder zählte. Es wurde ein provisorisches Komitee zum Zwecke der Einberufung einer Konferenz und Schaffung einer machtigen Organisation sämtlicher palästinensischen Ex- Legionäre eingesetzt, die vor allem die Ansiedlung der Demobilisierten durchzuführen hat. Diese Konferenz hat unlängst in Jaffa stattgefunden. Das Hauptproblem der Beratungen war die Geldfrage, denn man konnte sich doch mit dem bloßen Stück Erde nicht ausiedeln. Nach langen Debatten ist man zur Einsicht gelangt, daß es keinen anderen Weg gebe, als sich an eine Kolonisation»- gesdlschaft wie die ״Ica", und wenn dies keinen Erfolg haben sollte, sich durch die Zionistische Organisation an das jüdische Volk zu wenden. Es wurde ein Zentralkomitec zur Durchführung der Ziele des Verbandes gewählt, das als juristische Person bei der Regierung regislriert wurde. Die Konferenz verpflichtet jeden zur Kolonisation übergeleiteten Legionär zur Selbstarbeit und fordert ein Areal von 300 Dunam für jeden einzelnen Mann. Ein pädagogisches Museum in Jerusalem Die Jerusalemer Lehrervereinigung hat beschlossen, in Jerusalem ein pädagogisches Museum zu gründen. Das Komitee hat sich mit verschiedenen Körperschäften und Firmen in Verbindung gesetzt, um Modclle, Bilder, Lehrbücher und sonstige Lehrmittel für das Museum zu beschaffen. Alle Lehrer wurden aufgefordert, (Be bei ihnen vorhandenen Lehrbücher an das Museum abzuliefem, um auf diese Weise eine brauchbare, der Allgemeinheit zugute kommende Lehrerbibliothek zu schaffen. , Ukrainische Waisen in palästinensischen Familien Die jüdische Frauenvereinigung in Palästina hat in den palästinensischen Zeitungen einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie auf die furchtbare Lage der jüdischen Waisen in der Ukraine hin weist und diejenigen Familien, die dazu imstande sind, auffordert, je ein Kind aufzunehmen. Sir Herbert Samuel Chef der Scoutbiinde. Der Leiter des palästinensischen Erziehungs-Departements beabsichtigt, die verschiedenen Scout-Grganisationen in Palästina zu einer Gemeinschaft zu vereinigen, ohne daß der Charakter der einzelnen Bünde verloren ginge. Es fanden in dieser Frage verschiedene Konferenzen statt. Sir Herbert Samuel wurde gebeten, die Leitung der neuen Organisation zu übernehmen (Chiefscout zu werden); der Oberkommissar hat dieses Anerbieten angenommen. Aufhebung des Goldausfuhrverbotes. Nach einer Verordnung des Oberkommissars ist das am 1. Februar 1919 von der Militärverwaltung erlassene Verbot der Goldausfuhr aus Palästina in Münzen oder in Barren aufgehoben. Auch das Einfuhrverbot von Gold nach Aegypten ist aufgehoben. Bedarf an gelernten Zimmerleuten. Nach einer Mitteilung aus Palästina herrscht dort eine große Nachfrage nadi gelernten Zimmerleuten, besonders unverheirateten, die sowohl im Dienste der Behörden wie auch bei privaten Unternehmern Verwendung finden sollen. (Z. K.) Stiftung für eine palästinensische Gartenstadt Der Philanthrop Kadoorie, der einen eigenen Plan für eine Gartenstadt in Palästina und für ein großes Krankenhaus in Jerusalem ausgearbeitet hat, überwies laut ״Haarez“ der Zionistischen Organisation als An- Zahlung 30000 £. (Es dürfte sich wohl um den bekannten Zionisten Kadoorie in Schanghai handeln) . ״Dr.• Mossinsohn geht nach Amerika. ״Haarez‘ teilt mit, daß der Direktor des Jaffaer Gymnasiums, Eh Mossinsohn, der während des Krieges zum Zweck de zionistischen Propaganda Amerika bereiste, vom Zentral °uf1P-t 1 s •iajessod in London eine von Naiditsd und Zjatopolski Unterzeichnete Aufforderung erhalten hai sich der Keren Hajes!sod-Aktion in Amerika zur Ver lugung zu stellen. Deutsche_ Levante-Linie. Abfahrt des nächste! Dampfers: Hamburg—Jaffa—Haifa (ohne Umladung S.S. Spica ca. 6./7, Mn 1921.