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Jüdische Rundschau · 1921-02-22 · Heft 15 (22.2.1921) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 15 (22.2.1921)
Date
1921-02-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 102 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr.!ן Polen Die nationalen MinorltStsrcclite in der polnischen Konstitution Sämtliche jüdischen Anträge abgclehnt W a r s c h a u. Auf der letzten Reiclistagssitzung wurden die Artikel 112 bis 117 angenommen, die die Rechte der nationalen und religiösen Minoritäten festlcgen.!Artikel 112 lautet: Jeder Bürger hat das Rcclit, seine Nationalität bcizubchaltcn und seine Sprache und nationale Eigenart zu pflegen. Die polnischen Bürger, die zu den nationalen oder sprachlichen Minoritäten gehören, haben gleich allen anderen Bürgern das Recht, auf eigene Kosten humanitäre, religiöse und soziale Institutionen zu gründen, zu beaufsichtige» und za verwalten, ebenso Schulen und ande re Erziehungsanstalten, und in diesen sich ihrer Sprache frei zu bedienen und den Vorschriften ihrer Religion nachzuleben. Der Zusatzantrag der jüdischen Abgcordoeten auf Zulassung der Sprache der nationalen Minderheiten aucli in öffentlichen Institutionen und Gerichten wurde verworfen. Artikel 113 lautet: Besondere Staatsgesetze sichern den Minoritäten i:11 polnischen Staate volle und freie Entwicklung i 11 r e r n a t,i 0 n a 1 e n Eigenart zu, unter Beihilfe autonomer V e rbände der Minderheiten, die im Rahmen der allgemeinen autonomen Verbände öffeiltiich-rcchtlichen Charakter tragen. Der Staat wird bezüglich ihrer Tätigkeit Kontrollrecht haben und die Verpflichtung, i:11 Bedarfsfälle ihre finanziellen Mittel zu ergänzen. Die Forderung der jüdischen Abgeordneten der Provinzen, die keim• polnh.clie Majorität hedl/eii, und Bildung von national-autonomen Verbänden durch die Minderheiten wurde verworfen. Artikel 115 lautet: Die Religionsfreiheit darf nicht in einer den Gesetzen widersprechenden Art ausgeübt werden. Niemand darf sich der Er* füllung der öffentlichen Verpflichtungen infolge der Satzungen seiner Religion entziehen. Niemand kann gezwungen werden zur Teilnahme an religiösen Tätigkeiten oder Zeremonien, insofern er nicht der elterlichen oder vormundschaftlichen Gewalt untersteht. Die jüdische Forderung, daß niemand gezwungen werden dürfe, seine Feier* tage zu verletzen, insofern dies nicht Militärdienst, Landesverteidigung oder die Erhaltung der öffentlichen Ruhe erfordern, wurde ebenfalls verworfen. Gegen die jüdischen Anträge hat bis auf den Abg. Dotnbal (Wyzwolenic) das ganze Haus gestimmt. (Wir werden auf diese Beschlüsse noch zurückkommen.) Die Frage des jüdischen Schulwesens im Warschauer Stadtrat Warschau, 14. Febr. (J.C.B.) ln Fortsetzung der Debatte über das Volkssclrulvvescn in Warschau besprach der zionistische Stadtrat Kocrner die Frage der jüdischen Volk sschulc n und bewies an Hand konkreten Tatsachenmaterials die Grundlosigkeit der gegen die jiddische Sprache und jüdische Nationalität gerichteten Behauptungen, Der Redner wies darauf hin, da» 95 «;0 des jüdischen Volkes sich als Nation betrachten und den unbeugsamen Willen zum nationalen Leben besitzen. Das assimilatorische Element Im Judentum stelle bloß einen verschwindend kleinen Teit dar und besitze infolge seiner Anpassungstendenzen einen sehr zweifelhaften Wert. Das jüdische Schulwesen sei eine Lebensuotwcndigkcit, die von jeder wahren Demokratie anerkannt und unterstützt werden müsse. Der bundistisclic Stadtrat Alter wies auf die loyale Haltung des jüdischen Arbeiters hin und erklärte, die Bekämpfung der jiddischen Sprache sei auch aus pädagogischen Oründen ein Verbrechen, Die Diskussion wurde Worauf vertagt, Zur jüdisch-polnischen Verständigung Krakau, 14. Fcbr. (J.C.B.) Seit längerer Zeit finden hier zwischen jüdischen und polnischen Poli* tikern und Wissenschaftlern Diskussionsabende statt, iu denen politische, kulturelle und wissensehaftliche Fragen, die das Wesen des jüdisch-polnischen, Problems bilden, besprochen und Wege zu einer aufrichtigen Verständigung gesucht. Diese Diskussioiu'ii tragen viel zur Klärung bei und finden ln der jüiliseli-jwlnisdicn Presse lebhaften Widerhall. Die polnisclie Presse verschweigt dagegen sowohl die Tat- Sache selbst als auch die Ausführungen der polnischen Politiker und Universitiitsprofessoren, die nicht immer von antisemitischen Schlußworten Irregeführt, oft einen objektiven Standpunkt gegenüber den jüdischen Forderungen diuiclimen und deren Berechtigung vielfach anerkennen. 13er ״Hajnt“ bemerkt hierzu, daß diese Diskussionen mit der Zeit viel eher eine geeignete (irumlliige zur |Hi!nlsd1-jÜdisehcn Verständigung bilden können, als die verschiedenen staatlichen und parlamentarischen Kommissionen, die bisher nur eine politisdie Komödie sind und auf die Irreführung der öffentliehen Meinung berechnet sind. Die Auslieferung Balachowicz’ an das Kriegsgericht Warschau, 6. Februar, (J.C.B.) Die Interpcllation der jüdischen Scjindcputierte» wegen Liehergäbe des Generals Balachowicz an ein Kriegsgcridit, da gegen ihn nktenmäßige Beweise wegen Inszenierung zahlreicher Pogrome vorliegen, hat auf die polnische Regierung nachhaltigen Eindruck gemacht. Wie verhütet, wird die Regierung der Interpellation der jüdischen Delegierten nähertreten und sich bemülicn, dieser gerechten Forderung zu entsprechen Schädigung des jüdischen Handclsstandcs ln Polen. Das F'iivan/.ministerium hat den meisten jüdischen Banken die Konzessionen entzogen. Diese Maßnahme wird vom gesamten jüdischen Handelsstande um 90 härter.empfunden, als die jüdischen Kaufieutc hierdurch jeder Kredithilfe benommen wurden und einem noch schwereren Daseinskämpfe entgegcngchen. •W aikers, war eine geborene Oppenheim aus Köln, gehörte der dortigen Familie Salomon Oppenheim an, war also zweifellos jüdischer Abstamm u n g.“ Weiters, verdanke ieli der F'rcundUeUkeit des Herrn Dr. A. Freimann, Frankfurt a. M., folgenden Auszug aus dem dortigen Tramingsbuchc: ״Zivil-Stand der Stadt Frankfurt. Auszug aus dem Tramingsbuchc, Jahr 1850, Seile 70: ׳,Hertz. Gustav Ferdinand (der Vater des Physikers) Dr. jtir״ Advokat zu Hamburg, ehelicher Sohn des hiesigen Kaufmannes Heinrich David Hertz und dessen Ehefrau Betty, geh. Oppenheim, geboren daselbst am 2. August 1827 und Pfefferkorn, Anna Elisabeth (Müder de Physikers), eheliche Tochter des verstorbenen 11 icd ge! Bürgers, praktischen Arzdes und Gainisonarztes Dr. med und cliir. Johann Peter Hieronymus Pfefferkorn um dessen nachgelassenen Witwe Susana Elisabeth,•!, get Sackgüter, geboren dahier am 11. April 1835, entlasse aus dem hiesigen Bürgcrvcrbande kraft Beschlusses de hoher» Senats vom 13, März 1856, wurden dahier bür ge rlich getraut Mittwoch, den lö. April 1856.' Dr, Freimann schreibt dazu: ,, ״Sie ersehen aus der Trauungsurkunde, daß de Vater, Gustav Fcrd. Hertz, 1855, als er di A 1,V'?. Pfefferkorn heiratete, scho vstann»"vjrn Y‘?tcr,dc,r. lira״<! «eh. in Frankfurt 11! 28. Dez, 1703, machte als Freiwilliger 1814 den F'cklzu war scit Arzt a,n Waise! 1850' 1,(111 starb am 12. No! c 1• . «lbt heute noch Pfefferkorn i Frankfurt, die Juden sind, und auch Pfefferkorn 1!i Christen sind. Beide Familien aber haben, soweit k zueinander gehabt Die Frau des Hamburger Her Btammt aus einer alten christlichen Familie ״ ״cr . fc^ttnnv״ö(f*M« ich in den Nrn. 50/101 und 4/1017 der ״Ocstt'rreichischcn Wochenschrift״, wolt »ch sie hier abschreibe. — Die cmphatisch-apodiktiscl «״* demnach als -־geUnde , «gt - ddettantenhaft angesehen werden jedmf! konnte ich zumindest soweit annchmcn, daß Hertz von halbjüdischer Abkunft war, 1«n vorläufig seine Handschrift zu suchen — immer vorbehaltlich, wenn man will, der Bestätigung seitens des F'orschungsapparates, den Herr Mühsam ersehnt und ich auch. (Eine der ersten Aufgaben des Apparates sei also, eine jüdische Matrikc’.einlragtmg.oder ein Dokument auszusuchen, die s,ch auf Gustav Fcrd. Hertz oder auf Heinrich David und dessen Frau beziehen.) Ich dachte mir: Habe ich Hertz.׳ Handschrift und stellt es sich trotz meiner scheren Annahme• heraus, daß er Vollblutarier war, dann wird jene Handschrift dem jüdischen Museum einfach nicht übergeben. Stellt aber die Forschung einst seine jüdische Abstammung fest, inzwischen aber seine Handschrift für mich nicht mehr zu erlangen ist, so scheint mir dies — in der Vernarrtheit eines Sammlers — mehr unerwünscht als der erstere!•'all. _ Y'iü'K ״״erfindlich aber ist cs mir, warum Herr pr. Mühsam meine öffentliche Umfrage nach der Abkunft einiger Persönlichkeiten, die er für Vollarier hält, a!s ״völlig unerfindlich“ ansicht, dies zu den Flachnetten zahlt und mir, wenn auch indirekt,' ״Methode de* Scmigotlia und Fl. St. Chamherlalu“ vorwirft. Die Anf r a g e ist doch nach sicherlich kein ״Diebstahl an fremdem Nationaleigcntum“, wie Herr Dr. Mühsam das nennt. (Ich habe doch wörtlich um Angaben über iiic ״eventuelle jüdische Abstammung oder das Oe• g e n t e i I“ ersucht, da mir eben Dr. Mühsams Institut »och nicht zur Verfügung gestanden ist.) Und In der Tat zweier Zweifelhaften glaubwürdige und sichere Aufkkiruiigc» bekommen, hätte ich nicht so gefragt, ich ['1;1יי; auch eben Herrn Dr. Mühsams Aufklärungen und Direktiven (die positiven und negativen) nicht erhalten*) *) Nebenbei: Aus dem Gedächtnis weiß ich jc'tzt hier nicht, woher mir die Zweifel hinsichtlich der Abstammung Licblgs gekommen sind. Uebcr Bayer finden sich in dem vom ״Verein zur Ab* wehr des Antisemitismus“ etwa 1913/14 herausgegebenen Schrift: ״Der Juden Anteil am Fortschritt der Kultur Was natürlich noch kein ab90!ut Verläßliches darstellt aber darum habe ich doch eben im Aufruf alle diese Namen in die Kategorie der Zweifel•* haften clngcreiht. Aus der ukrainischen Hölle 45 Juden lebendig begraben Warschau, 12. Februar. (Jüd. Korr.-Büro.) Wie die hiesige jüdische Presse erfährt, überfiel Ende Januar eine Bande, die sich ״Marusia" nennt das Städtchen Talnc, wo sic einige Tage hindurch raubte, plünderte und mordete. 1111 Städtchen Smiela bei Kiew wurde unter Führung der Atamane Girutschiie, Grisli und Cwietkowski Cin schrecklicher Pogrom veranstaltet. Zwei Tage nach dem Pogrom erließen die Mörder einen Aufruf, in dem sie den Hinterbliebenen erlaubten, die Ermordeten zu beerdigen. Der Aufruf hatte keine Wirkung, denn die jüdische Bevölkerung wagte sich nicht auf die Straßen. Als drei Tagt ohne Zwischenfall verliefen, wagten sich manche aus den Löchern und Kellern heraus. 45 Juden versammelten sich um cin Massengrab, um die Toten zu begraben. Plötzlich wurden sie von den Pogrombanditen überfallen, in das offene Grab gestürzt und zusammen mit den Toten lebendig verschüttet. Partei oder Arbeitsgemeinschaft Zur Neuorganisierung der Z. V. f. D. Von Fritz Noack*Goiha (Schluß aus voriger Nummer der ״Jüdischen Rundschau".) IV. Entwurf eines neuen Statuts. Ich lege nunmehr den Entwurf eines neuen Organsationsstatuts vor. Er beruht nicht auf politischen Theorie», soiuicru auf rein praktischen Erwägungen Er soll die Eigenart unserer Bewegung und die Eigenart unserer Aufgaben in sich begreifen. Möglich, daß die Formulierungen im einzelnen noch verbessert werden können, möglich, «lnß kleine Irrhnhrtir Dinge noch ge• lindert werden müssen. Ich stelle ihn zur Diskussion. Aber ich bitte, auf das Grundsätzliche cinzugchcn. Und vor allem! Man sage nicht: dieses ist gut, jenes ist schlecht. Der Entwurf will als Ganzes genommen sein, Demokratisierung beispielsweise ohne den Aufbau der Verwaltung und die Verallgemeinerung des Beamtenbegriffs würde ich für bedenklich halten, ebenso wie ich die Schaffung eines Beamtensystems ohne Demokratisicrung als zwecklos anselie. Allgemeines. § 1, Die Z. V. f. D. ist der deutsche Landcsvcrband der Zionistischen Organisation. § 2. Jedes Mitglied einer zionistischen Organisation, das im Gebiet des Deutschen Reiches wohnt, gehört 011 ne weiteres zur Z. V. f. D. § 3. Die Arbeit der Z, V. f. D. beruht auf folgendem Programm: a) allgemein Die Z.V. f.D. fordert: I. Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherte» Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. II. Durchführung der rechtlichen und tatsächlichen Gleichberechtigung der Juden in allen Lindern. III. Gewährung der nationalen Autonomie auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet für die und er wäre vielleicht zur Konzeption der Idee der organisierten Forschung nicht gekommen. Ucbcrhaupt waren mul sind mir simplem Dilettanten, dem Privatmann ohne Einfluß, Beziehungen und Geld fast ausschlieBlich — leider — Objekte der neuesten Zeit, etwa der letzten 80 Jahre erreichbar. Für diese Zeit ist die exakt wissenschaftliche Forschung weniger notwendig und entsprechend (während sie natüriicli hü längst vergangene Zeiten unumgänglich ist). Denn wenn jemandem z. B. der Bruder, der 'isolm, Enkel, Cousin, Großvater der bezüglichen berühmten Persönlichkeit mit Sicherheit als Jude oder Nichtjude bekannt ist, oder wenn einer ein diesbezügliches Dokument kennt, so ist das eine einfachere und sicherere Feststellung als che von sdten der ״Historiker, Archivare, Gencralogc usw.“ Es ist mir daher, meine ich, kein Vorwurf daraus zu machen, daß ich mir erlaubt habe, in den Zeitungen in einfacher ״dilettantischer“ Weise 11m Angaben ״über die eventuelle jüdische Abstammung (oder das Gegen teil)“ zu bitten. Hat mir doch Herr Dr. Mühsam selber auf Grund dieser meiner Anfrage zwei Auskünfte erteilt -- Zur Auskunft über Kolonialdirektor Kayscran übrigens bemerkt, daß ich kürzlich, ebenfalls auf Grm» meiner dilcttantcnhaftcn Zeitungsnachfrage, von einem Bnidcrsohn Kaysers die Auskunft erhalten habe, daß dieser sich erst nach dem Doktorexamen hat taufen lassen und daß auch dessen Mutter Phitipplne, geh. Baron, Schwester des Berliner Universltätsprofcssoi» Julius Baron, Jüdin war. Oh die diesbezüglichen Angaben in Siegfried Mühsams Schrift, auf die Dr. Mühsam hinweist, hiervon abweichen, weiß ich nicht, da mir diese Schrift leider hier nicht zur Verfügung steht. Zum Sc4dn-.sc möchte ich noch einmal ausdrücklich hcrvorliebcn, daß ich nicht im mindesten gegen den von Herrn Dr. Mühsam projektierten Forschungsapparat zur Feststellung der jüdischen Abstammung berühmter Persöidichkciten bin. Im Gegenteil. Er ist sehr und sehr zu wünschen, auch wenn niemand Briefe sammeln sollte. Für dieses Sammeln, besonders mit Bezug auf ältere Epochen, Ist jener Apparat auch sehr notwendig. Ich stelle ihm meine Mitarbeit und Mithilfe, soweit meine schwache Laienkraft reicht, gerne zur Verfügung, ganz ohne Rücksicht auf meinen privaten Skeptizismus hinsichtlich der faktischen Durchführbarkeit und Erfolge eines solchen freiwilligen, zwanglosen Forschungsbetrfe-

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