Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1921)
- Date
- 1921-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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7י^י h 5 מ T ff. •3 3 2• 5?ד Nr. 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 79 Keren hajessod und Jüdischer Nationalfonds Von Julius Berger Die crolle Aktion für den Keren lmjessod, die die ganze jüdisclic Welt 90 stark ergriffen hat, hat mandicrorts die Ansclwimng hervorgerufen, daß die Sammlung für den Jüdischen Nationalfonds einigermaßen abgebaut werden oder mindestens so lange, wie die Aktion für Jen Keren hajessod dauert, sozusagen unter gedämpftem Trommelklang geführt werden müsse. Keine Anschauung ist falscher als diese und keine ist weniger geeignet, dem Keren hajessod zu nützen. So eng die Bcziehungen zwischen diesen beiden großen Finauzcinrichtungen <!es jüdischen Volkes sind, so grundverschieden sind sie in ihrer Anlage uni Struktur. Der Keren hajessod ist die Organisation der einmaligen großen Abgabe, der erste groß angelegte Versuch einer jüdischen Volks• Steuer, eine einmalige — auf fünf Jahre verteilte — Verpflichtung jedes einzelnen, genau abgestuft nach der Höhe seines Vermögens und seines Einkommens, deren Betrag keinesfalls in das Belieben des Einzelnen gesteht ist. Sie dient der Schaffung des Staatsschatzes für das jüdische Volk, des einmal zu schaffenden, großen Fonds, aus dem Palästina die Mittel erhalten soll, die es vvirtscliaftlich selbständig machen sollen. Dieser Fonds verlangt eine einmalige, großartige Ai)- strengtmg, eine letzte Intensivierung unserer Hingabe. Ganz anders der Jüdische Nationalfonds. Sein Zweck ist begrenzt, was nicht bedeuten soll: klein. Die Ucbcr• 1'ülmmg des Landeigentums in Palästina in den Besitz des jiidisclien Volkes •—• das ist die große Aufgabe, für die er bestimmt ist und für die allein er bestimmt ist. IXas rst keine Aufgabe, die in einer Aktion zu lösen wäre, mit der man in fünf Jahren fertig werden könnte. Sie wird bestenfalls Ocncratlonen in Anspruch nehmen, und ihre Schwierigkeit wird wachsen mit dem Mali, in dem ihr entsprochen wird. Der Jüdische Na- :ionalfonös, das Eigentum des jüdischen Volkes am Bosten Palästinas, das ist die Grundlage der ganzen sozialen Entwicklung unserer jüdischen Heimstätte. An ihr zu bauen, wird unsere und unserer Kinder Aufgabe sein Zeit ihres Lebens. Sic tritt uns entgegen bei jeder (ielegenhcit, wenn wir gehen auf den Wegen und wenn vir sitzen in unserem Hause. Sie ruft uns auf allen Statkmen unseres Wirkens, sie tritt an uns heran in jedem Augenblick des Stillelialtens, in jedem Moment der Selbstbesinnung. Sie verlangt von uns die Gabe, die Spende, die große oder die kleine, wie es uns ge• ra<tc zu Sinn ist, wie e9 uns das Herz sagt. Sic zeigt uns die Schale, in die wir unsere Freude ergießen können, die Quelle, in der wir unser Leid löschen. Darum wäre es ganz falsch, wäre es sinnwidrig, die Sammlung für den Jüdischen Nationalfonds, die zum liebsten Kind dos jüdisclien Volkes geworden ist, zu beeinträchtigen oder gar zu unterdrücken, weil wir uns jetzt in den nächsten Jahren der großen schweren Aufgabe des einmaligen Opfers für den Keren hajessod zu unterziehen haben. Für den Keren hajessod kann nie gesammelt, darf nie gespendet werden. Er verlangt die Abgabe, die festgestellte, klar zu berechnende, einmalige Leistung des Einzelnen, Keren hajessod ist eine Finanzaktion, er beteiligt seine Zeichner an seinen Einrichtungen, er ist eine ewige Anleihe und er stellt Dividenden in Aussicht. Der J. N.-F., das ist die Spende, die Gabe, das Geschenk, die nur gibt, nichts verlangt, die große dauernde Mobilisierung unseres Verlangens nach Schenken und seine Organisierung zu einem Zweck und in einer Form. Hcrzl-Wor e Der ״Welt-Verlag‘• (Berlin) bereitet die Herausgabe eines von Felix A. TI1 ci 111 aber zusammciigestellten Bandes Hcrzl-Worte vor, der demnächst erscheinen und 14.— M. kosten wird. Aus dieser Publikation stellt uns der Verlag einen Abschnitt zur Verfügung, dem wir nachstellende charakteristische Aussprüche Herzls entnehmen: Die Menge ist bekanntlich großmütig und boshaft, intelligent und albern, tollkühn und feig — al es in dem selben Augenblick — sie weicht eine n Milchka:ren vorsichtig aus und geht in die Bajonette hinein, sie lacht über einen Witz und versteht keinen Spaß, wird durch eine sentimental aufgedonnerte Phrase gerührt und jub It einer Grausamkeit zu. (Philosophische Erzählungen.) Die Menschen nähern sich 'einander nicht, wenn es keinen Notstand gibt, und vielleicht haben darin alle reclrt. Das Gcmcingefühl, die Gemcinbürgschaft erwachen nur in den Katastrophen. (Feuill.) Einem Engländer wäre cs in der Tat unerfindlich, wie man einen Menschen in seiner Freiheit, in der Pflege seines Glaubens, seiner Sprache oder Tradition behindern könnte. Und so begibt es sich, daß ein Volk, welche das Glück hat, von England unlei jocht zu werden, eine Freiheit genießen lernt, von der es vorher keine Ahnung hatte. (Feuill.) Was wäre das Volk für ein mangelhafter Souverän — wenn es nämlich überhaupt einer wäre. Es raubt denen das Ansehen, die es hinaufhebt. (P. ü.) In allen Parlamenten der Welt ist ja keiner, der auf dem Wege von der Opposition zur Regierung nicli* *in wenig mit seiner Vergangenheit gebrochen hätte (P. B.) 9 Der Reidrtum eines Landes sind »eine arbeitenden Menschen. (Altneuland.) Es braucht oft tausend Jahre, bis die Menschheit ntit all ihren Weisen und Starxep aas begreif^ was man einem kleinen' Kinde in zwei Minuten erklären kann. ׳-־ (Feuill.) erhalten auf Wunsch der Ortsgruppen Nummer 11 der ״jüdischen Rundschau“ mit dom Text da! PalästtnamancSats. Versendung nur unmittelbar durch die Expedition der ,.Jüdischen Rundschau‘* * und nur an sorgfältig Int Propaganda- und Keren hrjestod-lnterecs•* ausgewählte Adressen, die längstens binnen einer Woche angegeben sind. Bei Angabe der Adressen sind charakterisierende Zusätze über die jüdisch - politische Stellung jedes einzelnen (z. B. Philozlonist, Antizionist, liberal, orthodox usw.) erforderlich. Zionistische Vereinigung für Deutschland Benin W 15, Sächsische Straße 8. Wenn der Keren hajessod jetzt mit so dringender Gewalt zu uns spricht, wenn die kritische Bedeutung des Momentes keinen Aufschub duldet und keine Auswege, so ergibt sich daraus gleichzeitig, daß die Sammlung für den Nationalfonds ebenfalls noch größere Ausdcimung verlangt, noch konzentrierter betrieben werden muß als bisher. Viel mehr noch als bis jetzt müssen alle Gelegenheiten der Sammlung für den J. N.-F. ausgenützt werden. Wenn ihm zugunsten des Keren hajessod die eine Quelle der Besteuerung entzogen wurde, so darf das nicht heißen, daß kein Ersatz beschafft werden soll Im Gegenteil: um so intensiver, um so wirksamer müssen alle Sammelmöglichkeiten ausgeaützt, viel betriebsamer als bislvcr ausgeschöpft werden. Die ungeheuere Chance des Augenblicks, die wunderbare Möglichkeit, die sich uns jetzt bietet, vielleicht nur jetzt bietet, verlangt, daß auch der Nationalfonds viel größere Einnahmen erzielt, als bisher. Wieviel Häuser sind noch, wo keine Nationalfondsbüchsen stehen, wieviel Feste werden noch gefeiert, wo für den Nationalfonds nicht gesammelt wird, wieviel freudige, traurige Gelegenheiten gehen vorüber, an denen man des Nationalfonds nicht denkt. Es ist eine der großen Aufgaben dieser Tage, den National fonds auszubauen, ihn in jedes jüdische Haus zu tragen, seine Verpflichtung einzugraben in jedes jüdische Herz. Seine Sammelmittel sind noch nicht erschöpft und sind noch keineswegs in dem Maße bekannt und angewandt, wie sie cs verdienen. Wie die nächsten Jahre des jüdischen Lebens unter dem Eindruck der großen Aktion für den Keren hajessod stehen werden, so müssen sie umrahmt sein von einer Füße von Veranstaltungen für den J. N.-F., deren eine z. B. die jetzt angeregte Purim-Woche darstellt Beide Aktionen laufen nebeneinander, ergänzen sich, keine schneidet die andere, und die stärkste Pflege der einen ist zugleich die Förderung der anderen, da die Vernachlässigung des einen Zweiges unserer finanziellen Mobilisation für Palästina den anderen schädigt. Niemals darf es darum heißen, daß die Aktion für den Keren hajessod jener für den Nationalfonds entgegensteht. Das Gegenteil ist richtig: die äußerste Anstrengung für den Keren hajessod und die ständige Bereitschaft für den Jüdischen Nationalfonds, das ist die Forderung, die die zionistische Arbeit der Zukunft beherrschen muß. Man wird von der Arbeit müde wie vom MüßL gang, wenn auch viel später. (Buch d. N.) Aus dem, was man nicht hat, erwächst die Ucbcrzeugung. (Feuill.) Wer um Gnade flehen will, muß sich dazu eines Nebelhornes bedienen, und um das Herz der Menschen zu erweichen, braucht man wohl einen großen Hammer, tausend Zentner schwer, und der muß unaufhörlich nicdertallen (Feuill.) Aber es ist doch wunderbar, wie objektiv man die Ueberschwemimingcn betrachct, wenn man über dem höchsten Wasserstandc wohnt. Die Psycho'.o;ic des Geborgenen wäre ein hübsches Kapitel zur Menschenkuude. Weit vom Ziel ist gut vorm Schuß, sagt unser vortrefflicher Freund, das Sprichwort. Und wenn man nun nach Mitlein suchte, u;n in den Geborgenen höhere Grade der Teilnahme hervorzurufen, man fände svohl nur dieses: ihnen die Füße ins Wasser einzutauchen Sie würden alles gleich viel besser verstehen. (Feuill.) Von unseren Ocgncrn wird behauptet, es gäbe 1 übersteigbare politische Hindernisse, aber das läßt sich auch vom kleinsten Hindernis sagen, wenn man keine Lust hat, cs zu übersteigen. (V. Kongreßrede.) Hat nicht er selbst, der große Pessimist, Schopenhauer, sich immer an seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er glaubte also über die Verneinung hinweg an das Zukünftige. Dieses ist das Einzige, wovon man nicht enttäuscht wird. (Phil. Erz.) Der Weg in die Zukunft muß durch das Elend führen. “ (Feuill.) Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Ge״enwart hinwegblicken könnem («hu. Erz.) Bei* dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß die ״Feuilletons“ und die ״Philosophischen Erzählungen“ Herzls denen eine große Zahl der angefüh.ten Ziate entnommen ist, vor einiger Zeit in neuer Auflage im Verlag B. Harz, Berlin, erschienen sind. , Jahreskonferenz der französischen Zionisten Der Pariser - J - Korrespondent der ״J. P. Z.“ berichtet: ״An der Jahreskonferenz der französischen Zionisten, die tünf Sitzungen beanspruchte, nahmen 40 Delegierte teil, wie auch eine Anzahl von Gästen, um denen Motzkin, Zlatopolsky, T em k in und der Vorsitzende des Frankfurter Misradü, Saphir, hervorgehoben seien. Das Bestreben, die zionistische Arbeit in Frankreich zu aktivieren, war allgemein bemerkbar. Die Stimmung der Versammlung war ci e scharf-oppositionelle gegenüber der jetzigen Leitung. Der Vorsitzende, Dr. Marmorek, kritisierte in seiner , Eröffnungsrede die Exekutive, deren sofortige Absetzung er verlangte; er forderte Aufschub aller neuen Unternehmungen, Schaffung einer Kommission zur Führung der schwebenden Angelegenheiten bis zur Tagung des Kongresses, und sprach sich für eine energische Arbeit für den Keren hajessod aus, will jedoch das Verfügungsrecht über die Fonds dem Kon» grosse Vorbehalten. Motzkin anerkennt voll den politisehen Erfolg der gegenwärtigen Leitung, kritisiert aber heftig den Zustand der Organisation und stellt fest, dnU die Exekutive eigentlich nicht existiere. Zlatopolsky begrüßt die Konferenz im Namen des Direktorium» des Keren hajessod und berichtet über die erzielten Erfolge. In einer Resolution wird die sofortige Einberufung des Kongresses für den Sotnnr. ds. Jahres und die Beibehaltung des 13. Februar als Termin der Sitzung des A.C. gefordert. Die allgemeine Resolution stellt die allgemeine Unzufriedenh e i t in der Zionistischen Organisation fest und betont die Notwendigkeit, die Organisation neu umzugestalten. Auch wird die Ausarbeitung einer zionistischen Konstitutkm verlangt. Die Zionisten Frankreichs verpflichten sich, an dem Keren hajessod mitzuהrbeitere, verlangen aber, daß der letztere sich von großen Unternehmen fernhält, solange das Mandat unbekannt uni die Finanzkontrolle nicht festgesetzt ist.“ Jüdisches Leben im bolschewistischen Odessa Einige Odessaer Flüchtlinge, denen es gelungen ist, nach Palästina zu entkommen, erzählen in ״Haarcz“ über das Leben in Odessa. Wir entnehmen daran» folgendes über das jüdische Leben: ״Das religiöse 1:1teresse ist in der letzten Zeit in dem als freidenkend berüchtigten Odessa sehr gestiegen. An den Sabhatli- und Feiertagen sind die Synagogen überfüllt. Eine Gruppe treuer Zionisten bemüht sich, das jüdische geistige Leben einigermaßen aufrcchtzuerhaltea. AUc in Odessa anwesenden hebräischen Schrifts:e!ler arbeite» gemeinsam in einem Zimmer, das verhältnismäßig gut geheizt wird. Bialik, Tschcrnichowski, Drujanow, Rawnitzki, Minkowski u. a. arbeite» in diesem Zimmer. Große literarische Schätze sind dort angehäuft, die aber nicht veröffentlicht werde» können. Bialik beendet die vollständige Uebcrsetzung der Werke von Heine ins Hebräische. Die große Biaüksche Druckerei ״Moria“ ist beschlagnahmt worden, die Matern vernichtet, im Gebäude des Lehrer- Seminars und der Jcschiwah ist eine jüdisclic Schule untergebracht. Die hebräischen Schulen werden besonders von den jüdischen Kommissaren verfolgt, während die christlichen für die nationalen Bestrebungen mehr Verständnis haben. Die Juden im Kriege Wir haben uns hier schon einmal mit Antou Kuh auseinandergesetzt (siehe ״Jüdische Rundschau" Nr. 21, Iy2ü), Nun erscheint ein Buch von ihm ״Juden und Deutsche“, bei Erich Reiß, Berlin. Es ist wie seine Vorträge: brillant, paradox, voll sprühenden Temperamentes. Spricht manches Woit gegen den jüdischen Nationalismus, der ihm zu national-idyllisch ist... Wir werden auf das Buch zurückkommen. Der Verfasser stellt uns freundlich einen Abschnitt zum Vorabdruck zur Verfügung. Das Kapitel behandelt di: S eilung der Juden im Kriege. Voraus geht eme Schi.derung . der drei Stadien jüdischer Geistesj'eschiehte seit 150 Jahren, wo die Juden erst Aufklärung, dann Liberalismus, dann Sozialdemokratie mitgemacht haben, advokatorisch gewissermaßen. Das folgende ist eigenwillige Beobachtung und Deutung. Und die letzte Etappe? Sie ist in der Hauptsache als Rückwirkung dessen zu verstellen, was knapp davor lag — des unheimlichen Finales nicht der jüdischen Irrtümer allein, sondern der Weltirrtümcr schlechthin, worin sie alle verstaut und unentwirrbar enthalten waren und endlich in inißtönet!• dem Wogensturz zerflossen — des Krieges. Die Juden traten ihn an: Als Selbstflüditigc verechicdenen Stils vom Sozialisten bis zum Eigenbrödler; als Zionisten; und als Bekenner fremden Volkstums. Sie alle dachten an ähr Judentum nicht, als es losging lm Gegenteil: Welche köstliche Erleichterung, daß sie des Nachdenkens, des So-und-auch-anders-Könnens überhoben waren, weil sie der große Wirbelwind einfach mittrieb! Welche hoffnungsbelebeixle Lust, an der Grenze des intellektuellen Ueberdrusses plötzlich dem Vabanquespiel der Geschichte gehorchen und sich als gleich* wertige Untertanen des Fatums fühlen zu dürfen 1 Ein neues Verteidigeramt blühte ihnen: sie wurden Schönfärber der kosmisciien Absicht und traten, solchem Nadiweis einer Schöpfungsbalance von Natur aus abhold, in die Fußtapfen deutsclier Wellenberg* und Talfahrer. Wie wohl tat ihnen dies ungewohnte Element eines Welt-