Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1921)
- Date
- 1921-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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i ו .T I Palästina und die Nichtzionisten Die jüdische Ocfl'entlichkcit Deutschlands hewlüiftigt sich in der letzten Zeit immer lebhafter mit der Frage der Teilnahme der Niehtziouisten 111 dem Palästina-Aufbauwerk. Dieses Interesse muß von 1ms warm begrüßt werden. Wir haben minier daran geglaubt, daß der Aufbau des jiidisclien Palästina eine Suche ist, die für das ganze luden tum von größter Bedeutung ist. Seit dem Entstehen des Zionismus hat sich die Zionistische Organisation stets als Sachwalterin des ganzen Volkes gefühlt und gewußt, daß der Erfolg ihrer mühevollen Arbeit dem ganzen Volke zugute kommen wird. Sowie es überhaupt die Gabe jtioller Männer ist, in ihrer Phantasie Entwiekjungen vorauszusehen, die von der Menge erst ,1,11111 begriffen werden, wenn sie in sinnlicher Ansdianlichkeit vor ihr stehen, so hat Hcrzl schon gewußt, daß durch die Gründung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina das ganze Judentum befreit wird, wenn es selbst auch erst später zu dieser Erkenntnis gelangen wird. Heute ist der Tag des Aufbaus gekommen, die Palästinafrage ist keine Angelegenheit der Diskiissioneii mehr, sondern eine ernste Forderung des Tages, die gebieterisch an jeden Juden herantritt. Heute muß jeder Jude, der noch etwas Ver¬ :!!mvoituugsgefühl besitzt, sich ernsthaft überlegen, oh ti das Recht hat, sich von dieser Arbeit auszusehüvßen. Trotz allen gegenteiligen Anscheins glauben wir, daß auch bei den meisten deutschen Juden m irgendeiner verborgenen Kammer ihrer Seele noch ein Fünkchen Palästinaliebe glimmt. Und manebe Ereignisse der letzten Zeit bringen diesen Funken ans Licht. Wir begrüßen cs, daß sich die deutschen Juden .selbst zu Worte melden und die frage ihrer Mitarbeit erörtern. Die Rede, die Herr Dr. Apfel im netftralen indischen Jugendvercin Berlin gehalten und in der er wichtige Erklärungen über die Beteiligung des Verbundes an der Arbeit für Keren hajessod abzngeben hat, zeugte von einem tiefen Verständnis de! Probleme und der Zeitlage, wie wir es außerhalb des zionistischen Lagers nicht oft zu finden gewohnt sind. Apfel hat — bei aller Wahrung -einer persönlichen Anschauung — Worte der Anerkennung für die von den Zionisten erreichten politischen Erfolge gefunden und betont, daß die nunmehr geschaffenen Möglichkeiten dem ganzen Judentum dargeboten sind und von ihm ergriffen werden müssen. Ein günstiges Vorzeichen der Einigung der deutschen Juden in der Palästinafrage sieht Apfel in der Schaffung der Gesamt- Organisation. Der neutrale Jugendverband jedenfall:, werde seine geschlossene Kraft in den Dienst der Aktion stellen. Wir brauchen nicht zu bctonen, daß wir die Bedeutung einer derartigen Mitwirkung eines großen Teiles der jüdischen lugend Deutschlands voll würdigen. Im übrigen ist es nicht immer leicht, einen Weg zu gemeinsamer Arbeit zu finden, nicht nur wegen der altcingewurzeltcn Gegensätze, sondern wegen der Unklarheit, die der durch die Partei- Brille* gesehenen Paliistinafrage heute noch anlüftet. Ein Beispiel dieser Unklarheit gibt der Artikel von Rabbiner Dr. Fuchs ״Keren hajessod“ im ״Hamb. Isr. Familienblatt“. Im Kopf mancher Juden hat sich die Vorstellung des ״Staats- Bürgers jüdischen Glaubens“ so festgesetzt, daß י!!• nicht einmal mehr den Begriff eines anders orientierten Juden erfassen können. Dr. Furchs überträgt diese Vorstellung auf Palästina, ohne sich an die tatsächlichen Verhältnisse zu Dhren. Schon Fabius Schach hat in demselben ßl itt auf diesen Denkfehler aufmerksam gemacht. Liegt es denn im Interesse der deutschen Juden, üaß die Juden in Palästina entweder englisch oder arabisch assimiliert werden oder müssen sie nicht 'iehnehr jüdische und nur jüdische Bürger sein? Öen jüdischen Nationalismus auch in Palästina ab- «!lehnen, ist eine völlige Sinnlosigkeit, über die nicht diskutiert werden kann. Selbst wenn die Leitung des Keren hajessod ausschließlich aus Nicht- *sonisten bestünde, so könnten sie zu keinem an- <lerc׳n Resultat kommen. Die englischen Nicht- «“nisten sind so einsichtig; will Dr. Furchs fijr jLis ״feindliche“ Ausland patriotischer sein? Es ■st notwendig, über diese Fragen endlich ins Reine kommen, denn man wird nicht die Aktion für Palästina immer wieder durch5 Einwände stören, <iie in der Wirklichkeit gar keine Grundlagen haben. Wir wissen nicht, durch wen Dr. Fuchs zur;Aufstellung seiner Forderungen legitimiert ist. •rotzdem können wir erklären, daß sein erster u°d vierter Punkt sich mit der zionistischen Auffassung decken*). Die erste Forderung ist bereits erfüllt, denn in dem Economic Council, das über die Verwendung des Keren hajessod zu bestimmen haben wird, sitzen prominente Nichtzionisten. Verhaudlungen mit jüdischen Organisationen Deutschlaiuls wegen einer gemeinsamen Durchführung der Aktion in Deutschland können selbstverständlich jederzeit angeknüpft werden und werden zionistischerscits nur begrüßt werden. Wir halten es für eine Frage von größter Bedeutung nicht nur für Palästina, sondern für das deutsche Judentum, daß das deutsche Judentum sich nicht seihst von dieser gcsumtjüdischcn Aktion atisschlicßt. Die deutschen Juden sind durch den Kriegsausgang und seine wirtschaftlichen Folgen ohnedies ins Hintertreffen geraten, sie müssen das Aeufkr.sk• aufbieten, um ihren Platz, in der Gesamtjudenheit zu behaupten. Die Situation ist heute sehr einfach: Wir verlangen von jedem Juden Maasser, KD׳, von Vermögen und Einkommen!für den Aufbau Palästinas. In dieser Leistung wollen wir vorangehen. Wir haben es diesmal 'verschmäht, uns sofort an die ganze jüdische Oeffentliclikeit zu wenden, wir wollen zuerst die Aktion innerhalb der Zionisten durchführen. Hier ist ein Teil der deutschen Juden, denen es mit der Rettung des Judentums in dieser Schicksalsstsmde unverbrüchlicher Ernst ist. Nur wenn wir auf unsere eigene Leistung hinweisen können, werden wir auch die anderen von der Not- Wendigkeit des Maasser zu überzeugen vermögen. Der dritte Punkt des Herrn Dr. Fuchs wird von der Redaktion des ״Hamburger Familienblattcs“ mit der folgenden Anmerkung begleitet: ״D:׳• Forderung 3 halten wir für unnötig und unberechtigt. Wir wollen die freie Meinungsänßerurig anderer nicht verkümmern, keine lieberzet.gung mit Geldmitteln erkaufen.“ Demnach eriibrigt es sich, auf diese Forderung einzugehen. Es ist auch nicht klar, was darunter gemeint ist. Denn Propaganda für das politische Bekenntnis zur jüdischen Nation wurde in Deutschland, wo es staatsrechtlich nationale Minoritäten nicht gibt, niemals betrieben; der jüdische Nationalismus hat hier nur den Sinn der Konstatierung einer Tatsaehe, der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, und die daraus sich ergebenden Forderungen, Kenntnis der jüdischen Geschichte, der hebräischen Spraciie, der jüdischen Gegenwart, unmittelbare An- 'teiliiahme und Belebungsversuche an den Rudimenten jüdischen Lebens, die wir noch haben, sind allgemein jüdische Forderungen. Auch macht es wahrhaftig einen sonderbaren Eindruck, wenn man die Ruhe in den Gemeinde- Stuben durch derartige Verträge erkaufen will; ebenso seltsam ist es, wenn Herr Dr. Fuchs an die nichtzionistischen Juden die Aufforderung richtet, sich nicht für den Aufbau Palästinas festzulegen; die Teilnahme an der Palästinaaktion soll gewissermaßen als Kompensationsobjekt geschont werden. Dies wäre unwürdig. Viel Verständigungsarbeit wird noch nötig sein, damit wir uns verstehen. Wir wollen zu einem Resultat kommen und setzen. denselben ehrlichen Willen auf der Gegenseite voraus. Es ist schon ein Fortschritt, daß diese Fragen in der jüdischliberalen Presse überhaupt erörtert werden. Wir hoffen, daß sie in der Praxis eine zulängliche Lösung finden werden. R. W. Eine palästinensische Abordnung nach der Diaspora Wichtige Beschlüsse des Waad letimi Jerusalem , 30. Januar. (J.C.B.) Der Waad leumi der jüdischen Nationalversammlung in Palästina hat auf seiner gestrigen Sitzung eine gründliehe Aussprache über die gegenwärtige Lage im Lande abgeführt und darauf eine Reihe wichtiger Beschlüsse gefaßt: 1. Die Entsendung einer Abordnung sämtlicher jüdischer Parteien Palästinas in die einzelnen Diasporaländer. 2. Die Wahl einer aus vier Rabbinern und vier Juristen zusammengesetzten Kommission ’behufs Regelung der Beziehungen zwischen Mischpat Haschalom (Friedensgericht) und den rabbinischen Gerichten. 3. Unternehmung von Schritten bei der Regicrung, daß die nunmehr organisierten jüdischen Gemeinden mit dem Rechte der Steuerhoheit ausgestattet werden, damit die Mitglieder der jüdi* sehen Gemeinden zur Steucrleistung gesetzlich verhalten werden können. *) Siehe Presseschau. Die Tagung des neutralen Jugendbundes Stellungnahme zur Palästinalrage ln einer stark besuchten Versammlung des jüdischen higemlbuudes Berlin am 2. Februar ds. Js, gab der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Jugend vereine (Deutschlands Dr. Alfred Apfel im Rahmen eines ausführlichen Referates über Probleinc der jüdischen Jugendbewegung sehr beachtenswerte Erklärungen zur P a 1 ä s t i n a f r a g e. Er führte aus: ״Die deutschen Juden müssen nunmehr klipp und klar Stellung nehmen, ob sie an dem Aufbau Palästinas praktisch!Mitarbeiten wollen. Theoretische Sympattiieerklärungen genügen heute nicht mehr. Die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden ist geneigt. Palästina als Frage der Gesamtjudenheit fortan zu betrachten. Besonders unwürdig ist es, in diesem Falle die Stellung je nach dem Erfolge «Hier Mißerfolge der neuen nationalen Heimstätte zu nehmen, Es ist nicht zu befürchten, daß ein Erfolg des Paliistina-Unternehmens eine schlechte Rückwirkung auf die staatsbürgerliche Stellung der Juden in anderen Ländern haben wird, insbesondere wird min in Deutschland dann eine reinliche Scheidung zwischen den nalionalcn und den deutsch-patriotischen Juden machen, denen man cs sogar vielleicht hoch anrechnen wird, daß sie, statt sich einem prosperierenden Palästina z izuwemlen, dem aus vielen Wunden blutenden deutschen Vaterlande treu geblieben sind. Sollte aber Palästina ein Mißerfolg werden, wird die national-jüdische Frage keineswegs zur Ruhe kommen und Millionen von Juden, die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, werden zur Verzweiflung getrieben. In diesem Augenblick, wo in dem Wirken der zionistischen Partei ein bedeutsam er Abschnitt erreicht ist, muß selbst der Gegner anerkennen, daß selten eine Partei in zwei Jahrzehnten trotz aller Dolch• stölk• von vorn, von hinten und aus den eigenen Reihen unter den schwierigsten Umständen einen so großen politischen Erfolg errungen hat, wie die zionistische Partei, dessen Bedeutung auch nicht geschmälert wird, wenn im endgültigen Mandatsvertrag nicht alle zionistisclicn Blütenträume zur Reife gelangen. Die Zionisten sehen sich nun vor die Tatsache gestellt, daß sie allein die neue Heimstätte nicht schaffen können. In einer Zeit, wo selbst gut fundierte Staaten Mühe haben, ihr Grundgefüge aufrecht zu erhallen, wo die erbittertsten Gegensätze zwischen kapitalistischen und antikapitalistischen wirtschaftlichen Anschauungen aus■ gekämpft werden, soll der Versuch gemacht werden, einen nöuen Staat zu errichten. Außerdem sind die erheblichen Mittel, die hierzu nötig sind, ohne die Hilfe der Nichtzionisten nicht aufzu bringen. Redner gibt der Meinung Ausdruck, daß leider die zionistische Partei in diesem Augenblick nicht den Eindruck der Geschlossenheit mache, den man von ihr in diesem historischen Augenblick verlangen müsse. Es sei anerkennenswert und auch taktisch richtig, daß speziell die deutschen zionistischen Organe die vorhandenen wirtschaftlichen und ideellen Geeeasätzc und Schwierigkeiten nicht vertuschen, ' sondern ot'fen besprechen, es müsse aber doch Verwunderung erregen, daß in diesem Augenblick die zionistische Studcntenschaft Deutschlands aus anscheinend mehr persönlichen wie sachlichen Gegensätzen heraus sich gespalten habe. Es handelt sich hier nicht mehr um eine intern zionistische Angelegenheit, um die sich der Außenstehende nicht zu kümmern I1at; wenn nicht einmal in solchem Augenblick eine Partei, der das Schicksal eine so große Aufgabe zugewiesen hat, über persönliche Gegensätze mit großem Schwung hinwegkommen kann, dann würden leider diejenigen nur allzu sehr Recht behalten, die von der Unmöglichkeit sprechen, jüdische Individualitäten unter einen Hirt zu bringen.*• Unter sichtlicher Spannung und unter anscheinend einmütigem Beifall der Versammlung, in der viele führenden Frauen und Männer aus allen Lagern bemerkt wurden, führte Dr. Apfel folgendes wei:er aus: ״Es eigibt sich nun die Frage, inwieweit de nichtzionistischen Juden sich an der praktischen Palästinaarbeit, insbesondere an der Aufbringung der Geldmittel für Palästina beteiligen sollen. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß in Amerika und England führende niehtzionisfische Juden sich an die Spitze der praktischen Palästinaarbeit gestellt ltabcn. Die fast einheitliche Auffassung, die am 23. Januar 1021 aulälilitli der Begrünchuig der Gesamtorganisation der deutsehen luden zum Durchbruch gelangt ist, daß Palästina fortan als gesamliiuUsehc Frage von Herzens- und Verstandeswegen aufzufas.cn sei, läßt es fast selbstverständlich erscheinen, daß auch das deutsche Judentura in großzügiger Weise bei der Aufbringung der Geldmittel mit wirkt. Es ist aus vielen Gründen erforderlich, daß die nichtzionistischen Juden so schleunig wie möglich, wenn irgend möglich im vollen Einklang mit der zionistischen Parteileitung Deutschlands, den bisherigen theoretischen Sympalhieerklärungen für Palästina entscheidende Beschlüsse praktischer Natur fol״et1 lassen. Bei aller Anerkennung de» zionistischen St.uidjnmktcs, bei den von zionistischer Seite cinj׳c!c!tctcn Sammlungen zum Keren hajessod zunächst die Opfer- Willigkeit cter eigenen Parteifreunde zu beweisen, sowie erst nach Behebung der Djffercazen mit den amerikanisehen zionistischen Führern über den Charakter des Keren hajessod an die Gesamtjudenheit heranzutreten, — ist zu befurchten, wenn die zurzeit fast einheitliche Stimmung nicht bald ausgenulzt wird, daß der Wunsch, {Großzügige gesamt jüdische (nicht parteimäßige) praktische I alasUnaarbcit der deutschen Juden herbeizuführen, schwerer zu verwirklichen sein wird als heute. Es ist nicht taktischer Vorbehalt, sondern Erkenntnis der Schwierigkeit der Materie — einer MaUrie, die