Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1921-02-04 · Heft 10 (4.2.1921) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 10 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652316-2652325--13752-2671507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 62 Nr.!0 intercsse schädlich' sein können, wenn sie sich nicht bewußt in die nationale Aktion einfügen. Darum ist auch für wirtschaftlidhe Unternehmungen eine Aufsicht notwendig, die nicht rein wirtschaftlich ui'lailt, sondern national. Zur Sache selbst, nämlich1 zur Frage der Spaltung des Keren hajessod, ist in diesem Blatte bereits alles gesagt worden. Es erübrigt sich noch mit einigen Worten auf die Frage der Investitionen,1 einzugehen, Die Investitionen sollen nach amerikanisdicm Vorschlag auch nicht aus einem cinhcitliehen, neben dem Spendenfonds bestehenden ln״ vestitionsfonds gespeist werden, sondern die Ameri- *kancr schlagen vor, daß für jeden einzelnen Zweck eine besondere Aktion cingcleitct wird. Soweit hier eine technische Frage vorliegt, kann man sicher einen Weg der Verständigung auch über den Keren hajessod hinaus finden. Für die Gesellschaften, die auf diese Weise gemeinnützige Zwecke privatkapitalistisch ausführen sollen, werden durch die Resolution 2 gewisse Beschränkungen vorgeschlagen; der Gewinn soll einen bestimmten Betrag nicht übersteigen und der Uebcrschuß soll der Gemeinschaft zugute kommen. Diese Gesellschaften sollen auch einer nationalen Kontrolle unterliegen. Aber das Prinzip der nationalen Gesamtaktion ist hier aufgegeben. In diesem Beschluß ist zum ersten Male offen ausgesprochen worden, daß die wirtsdiaftliclicn Erschlicßungsarbciten nicht durch die Organisation, sondern durch das Privatkapital ausgefülirt werden sollen. Ein Antrag der Zei'rc-Zion, der die Ueberwachung dieser Gesellschaften gen.nicr umschreiben wollte, wurde abgelehnt. Da gegen ist in der Resolution 8 der Zusatz der Zcire- Zion (Absatz 2), zuerst zwar abgelehnt, doch bei einer neuerlichen Abstimmung mit einer kleinen Majorität angenommen worden. Auf diese Tat- Sachen haben wir bereits in einem früheren Artikel (Nr. 89 v. J. ״Von Pittsburg bis Buffalo“) hingewiesen. Es sei nur noch betont, daß die Motive, die zu der Forderung einer weitgehenden Kontrolle und einer einheitlichen nationalen Leitung, daher zur Forderung der Schaffung eines nationalen Kapitals als des Hauptimternehmers in Palästina führen, keineswegs ,,sozialistisch“, sondern rein nationalen Ursprungs sind. Wenn sich manchmal die nationalen und sozialistischen Tendenzen decken, so hegt dies lediglich daran, daß sowohl im Nationalesmus als auch im Sozialismus Momente liegen, die das Gcmeinschaftsintercsse gegenüber dem individudlen Interesse voranstellcn. Nationalismus bedeutet, selbst ganz materiell aufgefaßt, doch zumindest den Wunsch nach Wohlergehen der nationalcn Gemeinschaft, und zwar um des Volkes willen; der Einzelne hat sein Interesse zurückzusteHen, um dem Volke zu dienen. Auch die liberale Acra hat einen Nationalismus gekannt, der allerdings nichts anderes war als Egoismus; der Einzelne, der als Nationalist für Reichtum, Macht, Ansehen der eigenen Nation eintritt, wußte, daß er selbst von dieser Machtstellung der Nation profitieren wird. Daher ist dieser imperialistische Nationalismus auch nur von den Besitzenden: vertreten worden. Er hat konsequent zum Krieg und zum Zusammenbruch der Welt geführt, wie jeder Kampf Aller gegen Alle stets führen muß. Wir erkennen heute, daß ein solches Streben den Namen Nationalismus nicht verdient, vielmehr eine Art Nationalegoismus ist, genährt aus den einzelnem Individualegoismen. Wahrer Nationalismus ist eine Verneinung des Egoismus zugunsten der Gemeinscliaft, des Volkes. Nur in diesem Sinne ist jüdiselicr Nationalismus denkbar. Der Zionismus hat stets die nationale Rettung des jüdischen Volkes angestrebt; das nationale Interesse war immer das entscheidende, und darum muß auch bei der Kolonisation daran fcstgehaltcn werden, daß alle Arbeiten in der Hand der nationalen Repräsentanz des Volkes zusammenlaufcn. Natürlich schließt das nicht die freie Betätigung, die freie Initiative und eine De- Zentralisation der Verwaltung aus. In diesen Fragern ließe sich sicherlich eine Verständigung mit den Amerikanern herbei führen, aber die Amerikaner müssen verstehen, daß eine Kolonisation, die gleich- /.eilig nationale Befreiung und nationale Wiedergebürt sein soll, nicht möglich ist ohne eine starke moralische Kraft, ohne eine im Volke lebendige Idee. Oie Actions-Comite-Sitzüng steht vor der Tür. Noch ist nicht entschieden, ob sie verschoben wird oder nkht, und ob die Verhandlungen in Amerika jetzt emgeleitet werden oder erst nach der Actions- CJonutc-oit/ung■, Jedenfalls liegt es► im Interesse de: «V* Klärung so schnell als mogljcäi herbe!geführt witd, damit die Arbeit mit geeinter Kraft aufgenommen werden kann. R . W. JUEDISCHE RUNDSCHAU Zu Brandeis’ Interview Nachbemerkung Das Interview mit Herrn B r a ti d c i s gibt uns die langerwünschte Aufklärung über die Grundlage, auf der siel» die abweichende Haltung des amerikanischen Zio nisrnus oder seiner Führer aufbaut. Es erweist eindeutig, daß die Beschlüsse der Amerikaner wegen des Keren hajessod nicht sowohl auf einer dissentierenden Meinung über die Verwendung und Verwaltung des Fonds, als über seine Aufbringung beruhen. Brandeis glaubt nicht, daß cs möglich ist, in Amerika eine Sammlung durchzuführen, die große Summen für einen gemeinsamen Fonds verlangt, aus dem sowohl die gemeinnützigen Anlagen wie die öffentlich gewerblichen Untcrnchmungen bestritten werden sollen, Brandeis glaubt nicht an den Maasser und hält ihn für die Ausgeburt ״sentimentalcr Reden“. Die reichen Juden werden nach ihm keine 10 Prozent abgeben. Brandeis kommt zu seiner Meinung auf Grund seiner Auffassung vom Inhalt und Wesen der Zionistischen Organisation. Er hat gaT keinen Begriff von dem, was wir kontinentalen Zionisten unter Zionistischer Organisation verstehen. Für ihn besteht die Zionistisdie Organisation offenbar aus einem Büro etwa in London, das cs als seine Aufgabe auffaßt, sich in die innerzionistischo Tätigkeit eines jeden Landes hincinzumischen. Er hat vollkommen recht, wenn er ein solches Büro ablehnt, und wir tun das mit ihm. Wir sind ebenfalls der Meinung von Bi.mdeis, daß Palästina von Palästina aus verwaltet werden soll, und wir verlangen dieses Selbstbestimmungsrccht Palästinas auch gegenüber einem Reorganisationskomitec, selbst wenn ein Amerikaner darin sitzt, und auch gegenüber einer Medical Unit, selbst wenn sie von einer so guten amerikanischen Organisation, wie es die ״Hadassa“ ist, betrieben wird. Wir verlangen sie auch, wo es sich um das Schul werk handelt, für dessen Auf rech tcrhaltung und Aufbau sich ganz Palästina leidenschaftlich cinsetzt und das gerade Brandcjs und seine Freunde abbauen wollen auf Grund ihrer Kenntnis eben jener amerikanisdien Methoden der Siedlung, von deren VortreffEdikeit auch für Palästina er 90 überzeugt ist. Wir verstehen unter Zionistischer Organisation etwas ganz anderes als Brandeis. Für uns ist die Zionistische Organisation immer noch das, als was Herzl sie betrachtet und wozu er sie geschaffen hat: das eigentliche politische Instrument des Zionismus, der organischen Träger der zionistischen Idee. Wir glauben nicht daran, daß eine zionistisch Organisation schaffen, darin bestellt, schnell für einen akuten Zweck eine halbe Million Unterschriften zu sammeln. Ist Herr Brandete so sicher, daß nicht bald oder später eine neue, politische Aktion durchgeführt werden muß, bei der es wieder darauf ankommt, den Rücken der Führer zu stärken, und will er es dann wieder verantworten, einen Apparat von hundert Mann in Eile aufzubauem, um wieder eine halbe Million Unterschriften zu sammeln? Wenn cs uns kontinentalen Zionisten gelungen ist, mit viel weniger Kosten eine zionistisdie Organisation von ein- oder zweihunderttausend Gesinnungsgenossen zu errichten, die mit uns in der Idee einig sind, die sidi auf Gedeih und Verderb mit uns verbunden fühlen, die eine entschlossene nationalgeeinte Masse bilden, ein Zeutriun, auf das sieh unsere Führer in ihren politischen Aktionen jederzeit und ohne daß wir dafür erst eines besonderen Apparates bedürften, verlassen und stützen können, glauben wir unsere Ausgaben für die Zionistisdie Organisation leichter verantworten zu können, als die Führer der amerikanisdien Zionisten die ihren, glauben wir, daß wir bei ihrer Ver- Wendung crlieblidi mehr ״cfficicncy“ bewiesen haben, als unsere Freunde drüben. Wir können und wir wollen diese Zionistisdie Organisation nicht aufgeben. Wir ersehnen den Tag, wo sic ihr Zentrum nach Palästina verlegen kann, aber wir wollen nicht zulassen, daß das Büro in London aufgelöst wird, olinc daß etwas neues mindestens Gleichwertiges dafür in Palästina eingeriditet wird. Wir müssen auf diesem Standpunkt bestehen, weil wir!»!!tische Zionisten sind. Darum glauben wir auch an den Maasser und erhalten ,wir den Maasser. Wenn Brandeis sicher besser darüber informiert ist, wie man Geld in Amerika sammelt, als wir, so stellen wir dem ruhig und ohne jede Ucberhcblidikoit unsere bessere Vertrautheit mit dem zionistisdicn Orun lgefühl der jüdisdieu Massen entgegen. Wir zweifeln gar nicht daran, daß, wer sidi darauf stützt, audi in Amerika den Maasser bekommen wird, auch von den rcidien Juden. J. B. Lloyd George fährTnach Palästina? Eine internationale Nachrichtenagentur meldet, daß Lloyd George beabsichtigen soll, im Frühjahr nadi P a I ä s t i 11 a zu reisen, ״um die heiligen Stätten zu besudten“. Es ist anzunehmen, daß diese Palästinafahrt von Lloyd George in erster Linie den Zweck haben dürfte, während der Osterferien des cngiisdien Pariamentes und vor dem Zusammentritt der entscheidenden Sitzungen der britischen Reichskonferenz im Mai mit Sir H e r b c r t Samuel, dem Oberkommissar für Palästina, und mit den englischen Vertrauensmännern in Aegypten, Persien und Mesopotamien eine Aussprache über die Orientfragen abzuhalten. (״Voss, Ztg.") Die palästinensische Amtszeitung. Die ״Official Gazette ot the Palestjne Government“ erscheint seit Januar in den drei offiziellen Landessprachen, Hebräisch, Arabisch und Englisch, ,alle 14 Tage. Wohin...? Eine Enquete Ober die Einwanderungsbill Die amerikanische Presse berichtet aus Washington: Die vom Rcpräscntantcnliaus angenommene Ein wanderungsbill, welche die Einwanderung nach Ameiik, für zwei Jahre verbietet, wird jetzt vor der Senats, kommission für Einwanderung behandelt. Ein grolkj Teil der Kommission ist gegen das Emwandenmgsve(bot und will die Wirkung des Gesetzes durch verschiede!* Amendements mildern. Vor kurzem hat nun die Senat* kommission die Vertreter der jüdischen of. ganisationen Amerikas cinvernommen, damit sic,:f Gutachten über die Einwandenmgsbill abgeben. Zunächst verhandelte die Kommission mit J<^ Bernstein, dem Präsidenten der Hcbrcw Emigrant Ide Society (Hjas). Vor allem stellte Bernstein fest daß die Nachricht, die ״Hjas“ allein beabsichtige, Jahre 1921 250 000 Emigranten nach Amerika zu bringen, falsch sei. Um dies zu tun, müßte die Gesellschaft mehr als 37 Millionen Dollar aufwenden. Ihre größten Einnahmen aber betrugen im Jahre 1919 325 000 Dollar. Eine ebenfalls von den Gegnern der Einwanderung aus. gestreute Nachricht, daß im Oktober 1920 allein 58000 Juden nach Amerika eingewandert seien, bezeichnet( Bernstein mit ziffernmäßigen Belegen als unrichtig; konnte nachweisen, daß im ganzen Jahre 1920 05 (JOO Juden eingewandert seien, davon im Oktober 12 217. Aut die Frage des kalifornischen Senators Johnson' ob der Drang der Juden, nach Amerika auszuwandern' wirklich so groß sei, antwortete Bernstein: Die Jude* würden lieber in Polen bleiben, wenn ihre Lage sich bessern würde, wofür jetzt aucl! verschiedene Anzeichen vorhanden seien. Die Senatskommission vernahm dann Louis Mar. shalf als Vertreter des American Joint Distributio» Committee. Er wies darauf hin, daß jedesmaf, wenn das Land eine Wirtschaftskrise durchmacht, die Emigrationsgegner die Sperre fordern, damit die Arbtitj. losigkeit nicht vergrößert werde. Sic vergessen aber, die Wirtschaftskrise im Lande selbst die Einwanderer besser abhält als Gesetze aller Art. Amerika verdankt den Immigranten viel. Die Einwanderer haben in Amerika die Bahnen gebaut. Sie bilden audi kein fremdes, des Staat sclüidigendes Element. Viele bedeutende Amenkaner sind Kinder von Einwanderern, so Präsident Wilson, eine Anzahl von bedeutenden Gesetzgebern, Richtern usw. Im letzten Kriege haben sich der amerikanischen Armee über eine halbe Million Einwanderer angesciüosscn. Aut die Frage des Vorsitzenden der Kommission, Senators Co ft, ob es richtig sei, daß gewisse Regierungen in Europa ihre Bürger zur Auswanderung na"ch Amerika auffordexn, speziell ob die pol• nischc Regierung dies tue, um die Minderhcitsnation loszuwerden, antwortete Mars ha fl, eine solche Politik Polens wäre angesichts der übernommenen Ver• pflichtungen des Friedensvertrages wolil unmöglich. Als Vertreter der Vereinigten Jüdischen Ge* wer 11• schäften, welche über eine Vicrtclmillion Arbeiter um lassen, sprach vor der Kommission Max Fine. Er führte unter anderem aus: Die jetzige Wirtschaftskrise rührt nicht daher, daß wir zuviel Einwanderer haben, im Gegenteil, sobald die Wirtschaftslage im Lande besser wird, ist sofort ein Mangel an Arbeitskräften fühlbar. Die Einwanderer verkleinern nicht den Standard of iifc. Wäre dies der Fall, so würden die Löhne fallen; war sehen aber, daß sie ständig steigen, ln ähnlichem Sinne sprach sich ein Vertreter de» Arbeiter!injjes aus, ferner Morris Rot ten Berg alt Vertreter des jüdischen Kongresses in Amerika. Die Senatskommission will noch andere Vertreter jüdischer Organisationen einvemchmcn. Die Gegnerschaft gegen die rigorose Einschränkung der Einwanderung hat sidi letztens wieder verstärkt. Kongreßmitglied Banct hatte in Marion eine Besprechung mit Harding, dem er einen neuen Plan zur Lösung der Einwanderungsfrage vorlcgtc. Banet erklärt, daß die Bill, die Einwanderung für ein Jahr zu verbieten, int Senat nicht angenommen werden dürfte. Statt die Tore zu schließen, müsse die Regierung ein neues System einführen, nach dem die Einwanderer über das ganze Land, und zwar hauptsächlich auf die Farmen, verteilt werden könnten. Das Land hat genügend Platz für neue Immigranten, und der Kern des Ucbels liegt nur darin, daß die meisten Immigranten sich nur in gewissen Städten konzentrieren, während im übrigen großen Amerika genügend Raum und Arbeit für alle ist. Banet habe Harding Vorschläge unterbreitet, wie die Regierung am besten die Verteilung der Einwanderer über das ganze Land durchführen könnte. Seit dem 1. Januar werden, wie uns aus London be richtet wird, in Kanada die verschärften Ein Wanderungsvorschriften gchandhabt. Vo< diesem Tage an werden nur solche Siedler eingelassen deren Faiiiitieiih.njpt sich mit einem Barvermögen voi zumindest 250 Dollar, die Kinder über 18 Jahren m! je 150 Dollar Und Kinder unter 18 Jahren mit je 50 Dolla! auszuweisen vermögen. Nach einem Cornmunique da kanadischen Regierung geht aus den Berichten der cuw Päischen Vertreter Kanadas hervor, daß bei einer mildere! Handhabung des Einwandeningsgesetzes nicht weniqe als 15 Millionen!Menschen, die der englischen Sprach nicht mächtig sind, aus Europa nach Kanada einzuwanden im Begriffe sind. Außer dein erwähnten Nachweis de Bargeldes werden die Einwanderer auch äußerst streu; auf ihre Erwerbsfähigkeit und daraufhin untersucht, 0 sie in ihrem bisherigen Beruf in Kanada ihr reelle Fortkommen finden können. Um die Auswandere! welche trotz dieser Gesetze die Reise nach Kanada untei nehmen und dann die kanadischen Hafenstationen übe: füllen, schon vor ihrer Einschiffung von einer Weiterreis abzuhalten, hat die kanadische Regierung in Havre un Antwerpen Exposituren errichtet, deren Aufgabe es is d‘esc.n Emschiffungsstationcn die nötigen Unte suehtmgen und Prüfungen vorzunehmen. r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.