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Jüdische Rundschau · 1921-02-01 · Heft 9 (1.2.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 9 (1.2.1921)
Date
1921-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Seite 5 ע im Rat vertreten sein sollte, als gleichwertiger Rabbincr-Ausbildungsanstalten erhoben. Endlich wurde neben den von Iden Vertretern der vorscliiedcnen religiösen Richtungen zu bildenden besonderen Ausschüssen für Kultus und Unterrieht auch ein solcher für die Wissenschaft des Judentums gefordert. Eine Einigung wurde nicht erzielt, so daß schließlich drei Vertretcr der Trenmingsorthodoxie gegen den gesamten Entwurf stimmten, nachdem zu Beginn der Verhandlungen von seiten des Vertreters des Halberstädter Verbandes Erklärungen abgegeben waren, die ein Zusammenarbeiten mit der Gesamt- Organisation unter gewissen Kautelcn in Aussicht stellten. Wir haben indes durchaus nicht den Eindruck, als ob alle Brücken abgebrochen seien. Auch die Trennungsorthodoxie, und besonders ihre Jugend, wird sich dem Klal Jisrocl-Gcdanken auf die Dauer nicht entziehen können. Ueber einzelne Heißsporne wird die Entwicklung hinwegschreiten, jener Prozeß, den sie theoretisch zu leugnen lieben, dem sic aber in den letzten hundert Jahren eine Kon- Zession nach der anderen gemacht haben. Nachdem cs unter den Delegierten in den Hauptpunkten zu einer Einigung gekommen war, machte sich der ungestüme Wunsch bemerkbar, nun endlich die Reihen zu schließen. Es dürfte unter den deutschen Juden im letzten Jahrhundert kaum einen Moment gegeben haben, in den! das Bestreben, über alle Parteianschauungen hinweg zur geschlossenen Einheit zu gelangen, so stark hervorgetreten wäre. Zwar hatte es vorher nicht an Erklärungen gefehlt, dahingehend, daß die Zustimmung zum Gesamtcntwtirf von der Regelung gewisser Eirizeifrngen abhängig gemacht werden würde (Teiuicnzparagraph, Ausländerfrage, Finanz« fragen, provinzielle Souderwiinsche), aber diese Stimmen verstummten, und selbst die Vertreter der sächsischen Gemeinden gaben schließlich die Erklärung ab, daß sie gegenüber dem einheitlichen Wunsch der deutschen Judenhcit ihre schweren Bedenken zurückstellen würden; und so erhob sich die gesamte Versammlung bis auf die erwähnten drei Delegierten für den Gedanken der Einheit, Schon die großzügig angelegte Eröffnungsrede des Vorsitzenden, Professor Kali scher, hatte mit ihrem warmen Ton den Erfolg dieser für das deutsche Judentum bedeutsamen Stunde stinunungsgemäß vorbereitet. Die bewegten Worte, in denen der greise Präsident von dem zweitausendjährigen Sehnen des jüdischen Volkes nach Palästina sprach, waren eine Huldigung an die gesamtjüdische Idee. Seit Jahren und bis in die letzten Wochen hinein war von seiten einiger Großgemeinden gegen die Umwandlung des D.-l.G.-B. in die Gesamt- Organisation und gegen Einzelheiten seines Entwurlcs eifrig agitiert worden. Bis in die letzten Tage hinein galt es diesen Vertretern der Großgemeinden als zweifelhaft oder unwahrscheinlich, daß eine Einigung zustande kommen würde. Gegen die Umwandlung wurden in vielen und laugen Beratungen juristische Bedenken geltend gemacht. Die Stimmung auf dem Gemeindetag ergab aber eine derartige Uebcreinstimmung in den Kernfragen, daß auch nicht ein Vertreter der gekennzeichneten Richtung überhaupt noch das Wort ergriff, und daß nicht mit einem Worte Bedenken juristischer oder anderer Art geäußert wurden, sondern alles von dem Strom gemeinsamen Wollens fortgerissen wurde. Noch ist das Werk nicht vollendet, sondern nur das Fundament gelegt. Erst nach Einholung der Genehmigung der Regierung und der Zustimmung jedei einzelnen Gemeinde werden die ersten Wahlen zum Bundestag ausgeschrieben werden. Hierfür wurde ein Ausschuß eingesetzt, dem die Zionisten Kareski, Kollenscher und Sandler angeboren. Will man sich ein Bild von dem bisher Erreichten machen, so muß man über einzelne Erfolge und Mißerfolge hinweg den Blick auf die großen Grundlinien des Planes richten. Das deutsche Judentum ist auf der Basis der Freiwilligkeit zusammengeschlosscn, cs ist geeint zur Vertretung seiner Interessen nach außen, zur gegenseitigen Hilfe durch Unterstützung der leistungsschwachen Gemeinden, zur gemeinsamen Arbeit an der Stärkung des jüdischen Gedankens in Deutschland. Die Pflege dieser Interessen ist nicht mehr Aufgabe einzelner Spezialorganisationen, die nach ihrer Zusammensetzung nur das Vertrauen einzelner Schicliten des deutschen Judentums genießen. Der Trä* gcr. dieser Pflichten ist heute die eine, detno* kratisch aufgebaute Gesamtorganisation. Dieser Gedanke eint heute die deutschen Juden von der äußersten Linken bis tast zur äußersten Rechten. Der Vertreter der Reformgemeinde, Geheimrat Minden, ein Mann von stark jüdischem Empfinden und tiefem Verständnis für die Forderungen der Stunde, hat in den letzten Wochen Schulter an Schulter JUBDISCHE RUNDSCMA U mit den Zionisten für die Durchsetzung des demokratischen Organisationsentwurfes gekämpft. Wu־ wünschen und hoffen, daß auch die bereits zu Verbänden zusnmtncngcschlosscncn Gemeinden der Ödsaiutorganisation beitreten, und daß sie ihre bisherigen antidemokratischen Bestimmungen dem Geiste der Verfassung der Gesamtorganisation anpassen werden. In New York führen einzelne Männer einen aussichtslosen Kampf für die Zusainmcnschwcißung der vielen jüdischen Sondergruppen zu einer Kehillah. Wo aber gibt cs bisher in einem Lande vor. der Bedeutung Deutschlands eine Gesamt- Organisation der Juden des Landes ohne Rücksicht auf die Parteistcllung und auf einwandfrei demokratischer Grundlage, unter Sicherung des Schutzes der politischen und religiösen Minoritäten und Gcwährleistung ihrer proportionalen Beteiligung an der Geschäftsführung? Der oben zitierte Wahlparagraph mag gerade dem Zionisten als cincSelbst- Verständlichkeit ’ erscheinen, aber seine widerspruchslose Annahme ist ein Zeichen der Zeit, dessen Würdigung wir einige Minuten stiller Betrachtung weihen sollten. Es kann nicht Zweifelha ft sein, daß diese Beschlüsse eine Dcmokratisrening der Verfassung der Einzclgemeinden in absehbarer Zeit nach sich ziehen werden. Erst eine Gesamtorganisation, welche die nach dein Vorschlage des zionistischen Entwurfs konsequent demokratisch aufgebauten Einzclgemeinden umfaßt und sieb als ein Glied des Gesnmtjtidcntums fühlt, an dessen 'Aufgaben sic aktiv mitarbeitet, werden wir als die legitimierte Vertretung des in Deutsch'- 1.1nd wohnenden Teiles der Gcsamtjudenheit anerkennen. Diese Entwicklung, die wir innerhalb der Organisation zu beschleunigen suchen werden, stellt nur die Konsequenz der heute gefaßten Beschlüsse dar. Die Judengesetze der ein- /einen Länder, das preußische von!817 und die schlimmeren von Kurliessen, Rlteinpfalz usw., liegen in den letzten Zügen. Die Demokratisierung der Einzelgemeinde aber - noch vor Jahren ein fernes Ziel -- wird eine Intcnsiviertln״ des jüdischen Lebens dort, wo es am stärksten pulsiert, in der Einzelgcmcinde, zur Folge haben. Der Gedanke der Demokratie und der Einheit im Judentum hat auf dem Gemeindetag gesiegt. Dieser Gedanke, der schon im heutigen Entwickhmgsstadium zu den erwähnten günstigen Rückwirkungen aut das öemcindeleben führen wird, wird sich aber mit tmerbittiieher Konsequenz auch in einem weiteren Sinne Geltung verschaffen und durchsetzen: als der ,große Gedanke von der Einheit des Weltjudentuins. Eingeweihte wissen, daß gerade in Berlin als der für die Gcsamlorganisntion ausschlaggebenden Gemeinde die konsequente Durchsetzung einzelner Tendenzen -~ z. B. des demokratischen gegen das Notabeinprinzip, des Klalgcdankcns gegen die eigensüchtig« Kehillahpolitik ־ den intensiven Beniüliungen einzelner Männer, besonders in den letzten Wochen, zu danken ist, und daß sie schließlieh durch diese auf 'das positive Ziel konzenliierte Vorarbeit die latente Stimmung der deutschen Juden in die vorliegende Tat inngesetzt haben. Wenn sieh unter diesen Männern auch Zionisten befanden, so haben diese nicht mir wie andere gute Juden dem Finheitswillen der deutschen Judenhcit gedient, sondern auch aus dem Bewußtsein heraus gehandelt, daß jede Betätigung im Sinne des Klalgcdnnkens eine Vorarbeit für die Durchsetzung des Volksgedankens darstcllt, der letzten Eudes in den Paliistinagedankcn eiiunündcn muß. Wir glauben zu sehen, daß auch die Ent- Wicklung in Deutschland dieser Linie folgt. Die Lage im Ostjordanlande ״Palestiive“ (London) erfährt aus Jerusalem: ״Die Lage in Transjordanien ist nicht befriedigend. Es wird erinnerlich sein, daß das Home Gouvernement sich weigerte, Trup|>en zu bewilligen, welche Ostpalästina besetzen sollten. Es wurden einige wenige politische Beamte entsandt und ihnen der Auftrag erteilt, eine lokale Regierung cinzurkhtcrv und eine Cicndarmcric fi11z11sctz.cn, mit unzureichenden Geldmitteln. Die Be* völkerung des östlichen Palästina! braucht Frieden und gute Regierung. Sie würden eine britische Ffcrrschaft vorziehen, aber eine Verwaltung, welche keines dieser Dinge garantiert, ist nach niemandes Geschmack. Das Land Ist daher für Unheilstifter cmptänglieh. Taugeaklitse aus dem liedjas sind nach Maan und Amman gekommen, von denen das Gerücht geht, daß sie einen Angriff auf die Franzosen planen. Inzwischen wird ferner berichtet, daß einige Scheichs aus dem Salzgcbiet nach Damaskus gekommen sind und die Franzosen ersucht haben, die Regierung des Landes zu übernehmen. Es ist ganz sicher, daß ww in kurzer Zeit eine mißtarische Besetzung des östlichen Palästina vornehmen müssen. Das ■wird keine Vermehrung der militärischen Verantwortlichkeit bedeuten, weil die wirkliche mili- “*rische Grenze nicht der Jordan Ist, sondern die Wüste.“ Anti-Cliambcrlain Unsere Abwehrlltcratur ist brav, aber schwädüid^ umfangreich, aber kngwcihg, im besten Falle wissenscliafHielt, in fast jedem lalle unwirksam. Ea gibt darunter dicke Bücher und dünne Broschüren, sie umfaßt vom wissenschaftlichen System bis zum reklamemäßigen Stblagwoit — ״Schutz gegen. Schmutz־‘ - jede Kategorie schriftstellerischer AusdruCksmöglichkrit, aber es ist alles oder doch fast alles ״Literatur“ geblieben. Eine lebendige Wirkung hat es kaum ausgeübt. Warum dem so ist? Wir halten uns lange vergeblich den Kopf darüber zerbrodven. Jetzt scheint das Rätsel gelöst. Einfach dadurch, daß jemand ein Buch geschrieben hat, das gar nicht brav, aber sehr temperamcntvoll ist, von imponierender Schlagkraft*). Wenn man die ersten dreißig Seiten dieses Buches gelesen hat, hat man das Empfinden: das packt, denn da* ist nicht mehr nur Abwehr, das ist Attacke, Gegenangriff, ist Hieb als die jederzeit beste Parade. Fritz Kahn gliedert sein Budi in sechs scharf umrissene Kapitel: Rasse, der Arier, der Germane, de, Semit, der Jude, die Kultur der Juden. In Anlage und Ausführung ist sein Werk gedacht als Gegengift wiidci den großen Verführer Houston Stewart Chamber. 1 a i 11, der in seinen ״Grundlagen des XIX. Jalirhunderts“ nicht nur dem deutschen Antisemitismus sei!; geistiges Hauptarsenal geliefert hat, sondern selbst m die Reihen der deutschen Juden eine Art geistiger Epidemie getragen hat. Kahn erkennt sehr richtig, daß die Hauptgefahr bei Chamberiain in seinem glänzenden Stil und seiner überlegenen Dialektik liegt, die den-, großen Haufen seiner Leser die Brüchigkeit seine•, wissenschaftlichen SysUins und die Verlogenheit seiner Argumentation vollkommen verbirgt. Gegen Chamberiain ist viel und vieles geschrieben worden, aber all das Gute und Treffende, was bisher gegen iltn vorge• bracht wurde, bot sich in einer schriftstellerischen Form, die neben der Cliamberlainsdien Dialektik nidit aufzukommen vermochte. Es ist einer der großen Vorzüge des Buches von Fritz Kahn, daß es auch im Formalen den Kampf mit seinem Gegner aufzunchmcn vermag Selten haben wir ein Buch gelesen, das mit solch inner ltchcr Lebendigkeit geschrieben worden ist. Es gib! bei seiner Lektüre kein Ermüden, im Gegenteil, sie ist auch für den eine dankbar empfundene Erfrischung, der nicht blind ist gegen gewisse Schwächen, die so wenig verschwiegen werden sollen, wie seine große» Vorzüge. Kahns Polemik gegen den Abgott der alldeutschantisemitischen Gcschichts- und Weltauffassung gleicht an Eleganz und Trcffsiclicrheit der graziösen Kunst eines guten Florettfechters, Es sind keine grimmigen Schvvcrlhiebc, die er dem Gegner beibringt, nur feine Stidtc mit gesdtliffener!Ginge, aber jeder von ihnen sitzt an der tödlichen Stelle. Das erste, ganz kurze Kapitel beschäftigt sich mit dem Begriff der Rasse. Mit wenigen, treffsicher hingeworfenen Strichen zeichnet Kahn die mutmaßliche Entwicklung der lebendigen Geschöpfe, und damit audi des Menschen, bis zu ihrer heutigen Gestalt und Wesensart. Er zeigt, daß Rasse nicht ein von Urzeit her ln alle Ewigkeit unveränderlicher Aggregatzustand ist, sottdern, ständig beeinflußt von einer Reihe stark wirkender Faktoreii, unter denen das Milieu eine besondere Rolle spielt, sielt im Laufe der Zeiten starkem Wechsel unterzieht. So ist es zwar möglich, daß der zcitiicli sehr eng begrenzte Erfahrungsspielraum von Menschen, denen das wissensdiaftliche Denken fehlt, in der Rasse etwas Konstantes zu erkennen vermeinen, auf dem sich soziologische Systeme und Maximen des persönlichen Lebens aufbauen lassen. Der wissenschaftlichen Erkenntnis aber ist cs heute nicht mehr möglich, in der Rasse den ruhenden Pol im ewigen Wcdise] des Gesclidieus zu bestätigen, Ihr ist Ras-e ein Gegenwart*• zustaud, ein Stadium der Entwicklung, das heute er• reicht ist und morgen überholt sein kann. Dem Laien trübt allerdings die Tatsaclte den Blick, daß diese« ,,Heute‘‘ und dieses ״Morgen“ Zeiträume darstellen, mit denen gewöhnliche Menschen im allgemeinen nicht zu rechnen gewohnt sind. Damit fällt einer der Grundpfeiler der Chamber• iainschen Theorie zusammen. Sind die gegenwärtigen ״Rassen־‘ keine konstanten Größen, sondern Entwick• iungsstadien verschiedener Höhe, bedingt durch ver• scitiedene Entwicklungsinöglidikciten, und ist letzte Herkunft aller Menschen jene naturwissenschaftlich vorausgesetzte Urrasse, für die der biblische Mythos die Geschichte vom ersten Menschenpaar erfand, so hat c« offenbar keinen Sinn, von minderwertigen und höherwertigen Rassen zu sprechen, da bei veränderten äußeren Umständen, zum Beispiel bei erzwungenem Milieuwechsel, der für das Weltgeschehen geringe Zeitraum von wenigen Jahrhunderten genügen würde, um heute minderwertige Rassen in solche umzugcstalten, die den jetzt hoch bewerteten überlegen wären. Nicht ganz vier Seiten sind es, auf denen Kahn de״ Popanz des Aricriums in seiner ganzen Lächerlichkeit zeigt. Es genügt ihm, aus dem Kreise der Rasscforseher vierzclin verschiedene Urteile und Meinungen über Herkunft, Aussehen und Wesensart des Ariers zu zitieren, um die Wahrheit eines Ausspruches von Hart mann zu erweisen, der da sagte, die sogenannten Arier lütten niemals in der Gestalt eines wirklichen Urvoikes existiert, 90ndern seien nicht mehr als ein Hirngespinst von Stubengelehrten. Wenn man so rieht, wie gleichsam ״ *) Kalm: ״Die Juden als Rasse und Kqj volk. Weit-Verlag, Berlin.

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