Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1921)
- Date
- 1921-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Seite 4 2 J UEDI9CHE RUNDSCHAU \ Arbeiter dagegen tragen nicht immer den besonderen Verhältnissen ilirer Betriebe und des Landes Rechnung und lassen saclt durch von außen her nach Palästina licreingetragcnc Theorien in ihrem Verhalten beeinflussen. Ein Streik ist jedenfalls eine ernste Angelegenheit, die von einer verantwörtlichen Organisation der Arbeiterschaft geleitet werden nmß; wenn man mit Gewalt und mit Raufereien einen Streik zu organisieren versucht, macht man die jüdische Arbeiterschaft lächerlich. Es ist zu hoffen, daß durch die Schaffung der einheitlichen Arbeiterorganisation auch in dieser Hinsicht Wandel geschaffen ist Die Debatte, die im Hauptausschuß des Reichs• tages über die Ost juden frage stattgefunden hat, beleuchtet den Erlaß vom 17. November 1920 in seiner unkontrollicrbarcnGefahr. Die unabhängige Abgeordnete Frau Wurm hat mit Recht darauf auf• merksam gemacht, daß der Erlaß der antisemitischen Praxis Tür und Tor öffnet. In dem Erlaß wird die Möglichkeit einer Ausweisung und Internierung sogenannter ״krimineller Elemente“ und solclier Zu• wanderer, die nicht Unterkommen und Arbeit im Inlandc nachweisen können, in Aussicht gestellt. Da* mit ist aber praktisch den untergeordneten Organen überlassen festzustellen, wer verdächtig ist und unter die Bestimmungen des Erlasses fällt. Natürlich kann dabei mit aller Willkür vorgegangen werden, und es darf nicht verschleiert werden, daß die Opfer stets und ausschließlich Ostjuden sind. Wenn in diesen Debatten immer wieder von Regierungsseite betont wird, daß es sich nicht um eine antijüdische Maßnahme handelt, sondern nur um eine Gleich• mäßigkeit in der Behandlung aller Ausländer, so trifft das nur auf den Wortlaut, nicht aber auf den Geist der Verordnungen zu. Im Text steht freilich stets nur das harmlose Wort ״Ausländer“, in Wirk• lichkeit wird aber die Verordnung immer nur auf Ostjuden angewendet, nach der Willkür der ein״ zelnen Untcrbcamten. Nichtjüdische ausländische Arbeiter bleiben unbehelligt, jüdisdie Arbeitet werden ausgewiesen. Darum ist die Ostjudenfrage keine einfache Ausländerangelegenlieit, sondern in eminentem Sinne eine jüdische Angelegenheit, und das deutsche Judentum hat die Verpflichtung, diese Menschen vor Ungerechtigkeiten, die ihnen wegen ihres Judentums zugefügt werden, zu schützen. — Derselbe Ostjudenhaß wie in Berlin wird gegen• avärtig in Wien betrieben. Wenn jedoch der Bundes• kanzlet, zweifellos selbst kein Freund der Ostjuden, durch seine verantwortliche Stellung genötigt war, darauf hinzuweisen, daß eine Ausweisung der Ostjuden im Widerspruch zu den völkerrechtlichen Bestimmungen, insbesondere zu den Bestimmungen des Minoritätenschutzvertrages, steht, 90 ist es ein Beweis, daß man sich dort der internationalen Tragweite der Ostjudenfrage genau bewußt zu sein scheint. Wir hoffen zuversichtlich, daß auch in Berlin die Stimme der Vernunft und des inter* nationalen Verständnisses die Oberhand behalten wird. Die J. P. Z. veröffentlicht die Zuschrift eines Mitgliedes der Züricher Muscumsgcscllschaft über die bekannte, in allen Ländern der Welt verbreitete antisemitische Propagandaschrift ״Die Geheimnisse der Weisen von Zion“. Der Briefschreiber hat sich der Mühe unterzogen, die grotesken Fälschungen dieses Pamphletes nadizuweiscn. Die Broscliürc gibt sich nämlich als ein völlig identischer Neudruck einer ersten Auflage aus dem Jahre 1905 aus und erregt besonderes Grauen dadurch, daß die Aeltesten von Zion den Weltkrieg und die Bolschcwistenherrschaft als ihren Plan bezeichnen, eine Feststellung, die, im Jahre 1905 gedruckt, auf die naiven Leser des Pamphletes einigen Eindruck machen muß. Selbst für Antisemiten bängt die Ucberzcugungskraft der Schrift wohl davon ab, daß es wirklich fast schon ein Jahrzehnt vor der Erfüllung seiner Vorhersagen erschienen ist. Zur Verstärkung der agitatorischen Wirkung ist datier angegeben, das Original von 1905 sei im Jahre 1906 vom Britischen Museum angeschafitund dort unter Chiffre 3296 d 17 aufgestellt worden. .״Da ich“ — so schreibt der Gewährsmann der J. P.Z. — ״überzeugt war, daß mindestens die prophetischen Stellen spätere Einschiebsel seien, ersuchte ich einen absolut ehrenwerten und in der Sache des Antisemitismus völlig unbefangenen christlichen Gelehrten, welcher derzeit in London weilt, sich das Büchlein anzusehen, und mir zu berichten, was eine Abschrift kosten würde. Das Resultat hat meine Erwartungen übertroffen. Die. ganze Publikation fehlt im Britischen Museum. Der oder die Verfasser haben die Frechheit gehabt, eine Preß Mark des Britischen Museums zu fingieren, sich darauf verlassend, daß niemand die Sache nachprüfen werde. Zum Beweis dieser Beschuldigung übermittle ich Ihnen den Original• schein des Britischen Museums mit dem amtlichen Vermerk: ״Nicht auffindbar“. (Cannot be found from particulars given)“. — Ob wohl die Antisemiten auf diese Enthüllung öwer schmutzigen Kampfesweise reagieren werden? Plenarsitzung des Komitees der Jüdischen Delegationen Von unserem Pariser H, K. Korrespondenten. (Schluß.) Der *weite Teil der Plenarsitzung war mit den Berichten der deutschen Vertreter der verschiedenen Lande so rga n i sa t io n en a u sge f ül 11. Hierauf wird die Frage der Regelung der Endgration besprochen. Es handelt sich darum, die gesetz- Helten und gcograpltischen Möglichkeiten der Wänderutig festzustellen bzw. bei den Verboten oder Einsclirän• kuiigen, die in vielen Ländern bestellen, eine Linderung oder Aufhebung durdrzusetzen. Aut den Vorschlag des Generalsekretärs wurde eine eigene Kommission eingesetzt, bestehend aus folgenden Herren: Afperm, Timkin, Hans Kolm, Dr. Wilensky. Dann werden die Referate über die Lage der Emi• gration in einzelnen Ländern angehört, aus denen Ivervorgeht, daß bereits für die nächste Zeit mit einem verstärkten jüdischen Wawlerungssturm zu rechnen ist. Insbesondere wird sich das ukrainische Judentum über Polen und Rumänien nach dem Westen vor einem vfllli• gen Untergänge nt retten suchen. Was die Arbeit des Komitees selbst anbelangt, so wird allgemein die Notwendigkeit betont, in einem engeren Kontakt mit den Landesorganisationcn zu stehen. Das Komitee wird es sich angelegen sein lassen, diesen Verkehr auf das innigste auszugcstaltcn. Zur Durch• führung juristisch-politischer Fragen wird eine Kom• misstoii, bestellend aus den Herren: Sliosbcrg, Motzkin, Akäiiikoff, Hindes, gewählt. Die inneren Arbeiten im Komitee selbst sollen durch ein Büro erledigt werden, das neben dem Generalsekretariat besteht und in das die Herren Motzkin, Temkrtt, Hindes, Hans Kolm und Tzatzkis gewählt wurden. Auf den Antrag des Herrn Hindes wird beschlossen, daß ein genaues Statut ausgearbeitet werde, das die Redde und Pflichten jeder Föderation und jedes Delegierten, die dem Komitee angclwren, regeln soll. Bezüglich der Tätigkeit in Genf wird folgende von Hans Kolm vorgesdtlagcnc Res»• hrtion einstimmig angenommen: ״Das Komitee der jüdischen Delegationen wird beauftragt, die beim Völkerbund eingeleiteten Aktionen mit aller Energie fortzusetzen und die ange* kündigte Erriditimg einer ständigen Vertretung am Sitze des Völkerbundes zcitgcrccht in die Wege zu käten.“ ln einer Febluften Diskussion über die Errichtung des Waad H a arazoth, an der außer dem Vorsitzenden und dem Generalsekretär nodi die Herren Sliosbcrg, Dr, Kracmer, Hans Kolm und Temkin teilnahmen und worin sied» alle mit Ausnahme des Herrn Sliosbcrg für die Errichtung des Waad Haarazoth aus• spradien, wird folgende Resolution Dr. Kracmers an• genommen: ״Das Komitee der jüdisdien Delegationen hat alte Vorbcrcitungssdiritte einzuieiten, um die Sduffimg des Waad Haarazotti als permanente interterritoriale Vertretung jüdisclier Rechtsfordcruagen und jüdischen Rcdftsschutzes m sichern, insbesondere direkte Verhandlungcn mit den bestellenden jüdischen nationalen Repräsentanzen" < Zum Schluß nimmt die Plenarsitzung eine von Herrn Boris Gold he rg vorgestfilagcne Resolution an, wonach die Berichte des Vorsitzenden und des Genen!• Sekretär* über die Aktion des Komitees in Genf anläßtidi der Tagung des Völkerbundes, wie auch über die gesamte Tätigkeit des Komitees seit der Fetzten Plenar- Sitzung mit Dank zur Kenntnis genommen und den beiden Herren die volle Anerkennung seitens des Komi• tees der jüdisdien Delegationen ausgesprochen wird. Es wurde hiernut beschlossen, daß die nädiste Plenarsitzung des Komitees d!׳r jüdisdien Delegationen im Sommer &eses Jahres in Prag stattfmden solle. In der nächsten Zeit wiixl das Komitee der jüdisdien Delegationen in mehrere Länder Mitglieder entsenden, um dort die vom Komitee der jüdisdien Delegationen vertretenen Ideen zu propagieren. Gleichzeitig wind das Komitee an die Schaffung von Assoziationen für die Verbreitung der Idee des Völkerbundes, wahrscheinlich zuerst m Paris und London, herantreten Die Tätigkeit des Komitees seihst wird aber in Zukunft die gleiche bleiben wie bisher: Wahrung und Sicherung der Redite des jttdi• »eben Volkes Eine Konferenz für jiddische Kultur Czernowitz, 17. Jan. (J.C.B.) In Anwesenheit von 56 Delegierten aus allen Teilen Alt• und Neu- Rumäniens fand hier eine Kulturfcanferenz jiddisdnsti- ®dwtr Organisationen Oroßrumiinicns statt, an der auch viele jkklisdie Dichter und Künstler tcilnahmen. Das Ergebnis der dreitägigen Verhandlungen ist die Festsetzung eines E inhei tsty pus für jüdisch• weltliche Arbeitsschulen und die Wahl eines Phitotogenkomitecs zur Durdifübrung orthographischer Reformen in der jiddisdiem Sprache. Die Konferenz trug einen antihebräischen Charakter. Es wurde ein Zentral• komitee mit dem Sitze in Czernowitz zur Leitung und Organisierung der gesamten Kulturarbeit Großrumäniens gewählt und beschlossen, eine Verlagsbuchhandlung für pädagogische Literatur auf kooperativer Basis zu gründen. Vermischte Nachrichten '; , ■ 1 \ נ-׳. I Die englische Armee in Palästina Die Londoner Tageszeitung ״Daily Expreß" veröffcntUcbt am 20. d. Mts. einen sdiarfen Artikel mit der Forderung an die Regierung, die Armee aus Mesopo tarn kn und Paläsüna zurückzuziehen. Das Blatt hrsdiwert sich darüber, daß England für die mesopotamisclic Armee 50 Millionen Pfund und für die p». lästinensisdte Armee 7 Millionen Pfund im Jahre ausgibt, Ausgaben, an denen der britisdie Steuerzahler nidit das geringste Interesse hat. Darum foidcrt 1ו1ו Blatt die Räumung dieser Gebiete. Ein englisches ״Mandatsdepartement“? London, 15. Jan. (J.C. B.) Das Projekt, die Kau• trolle über die Palästina• und mcsopotamisciien Augetcgcnheiteif dem Kolonialamte zu übertragen und ein spezielles ״Departement für den Mittleren Osten'• o.kr ein ״Mandatsdepartement“ zu schaffen, rief in manche« politischen Kreisen starke Opposition hervor. Die ״Times“ weisen in einem Leitartikel auf die Ueberflüssigkeit eines solchen Departements hin und be• haupten, es sei nicht notwendig, Palästina unter <lie Fittiche eines neuen Departements zu stellen, wenn es auf eigenen Füßen stehen soll. Minoritlfenschufz und Ostjudenfrage Im Budgetausschuß des österreichischen Parlamentes erklärte, wie aus Wien gemeldet wird, der öderreicliischc Bundeskanzler Dr. Mayr (bekanntlich ein Christlichsozialer), in Erwiderung auf Ausführungen christlich-sozialer Abgeordneten, welche zwecks Herabminderung der Wiener Wolmungsnot strengste Maßnahmen gegen die Einwanderung von Ost• juden foiderten: ״Die Schwierigkeiten der Behandlung dieser Augelegenheit liegen vor allem in den Bestimmungen des Friedensvertrages überden Mindcriieitssdiutz, wonach Ausländer im allgemeinen nicht schlcch• tcr behandelt werden dürfen als Inländer, ihre Unbescholtenheit vorausgesetzt. Die polnische Regierung hat in Angelegenheiten der Ostjuden wiederholt Vorstellungen erlioben und gegen Ausweisungen eingegriffen. Sollte das Vorgehen der österreichischen Regierung beim Völkerbünde anhängig gemacht uml dort eine Klage eingerdclit werden, so werden wir unsere Maßnahmen rechtfertigen können. Zweifeltos müssen gewisse internationale Rücksichten genommen werden, zumal ja dodi auch Repressalien gegenüber unser«•« eigenen, Staatsbürgern verfügt werden könnten. Die Regierung wird alles tim, um zu verhindern, daß die den Minderheitsschutz betreffenden Bestimmungen des Frie• densvertrages uns scliadcn und die liier beklagten Schäden allzu tief eingreifet».“ Pogrom in Jekaterinoslaw (A. W.) In Jekaterinoslaw veranstaltete Madmo einen Pogrom. Sechs Tage wüteten un unterbroclien die Banden de« sattsam bekannten Atamans Polen Der Finanzminister ruft die jüdischen Abgeordneten. Der polnische Finaiizministcr Steczkowski hatte eine Konferenz mit den jüdischen Sejmahgeordr.etcn Grünbaum, Hartglas, F u r b s t c i 11 und Rabbiner Ha Ipern. Herr Steczkowski erklärte ilmen, die Konferenz nur deshalb einberufen zu habe«, weil es für ihn von Interesse wäre, die Wünsche der jüdischen Bevölkerung zu erfahret», die mit seinem Ressort zusamir.cnliängcn. Die Besprechung hatte einen durchaus vertraulichen Charakter. Jüdische Schulkinder auf die Straße geworfen. Aus Warschau wird gemeldet: Die Polizei Ifat hier ein jüdisdies ״Cbedcr“, wo 123 jüdisdie Kinder täglich unterrichtet und verpflegt wurden, requiriert Die Kinder wurden lenausgeworfen und die Schulcinriebtung beseitigt. Polnische Dankbarkeit. Während der bolschc• wistisehen Invasion stellte die jüdisdie Gemeinde Wa.- schaus das Gebäude der Handwerksschulc der Militärmadit zur Verfügung. Auf das Ansudven der Gemeinde, nunmeltr das Gebäude seinem ursprünglichen Zwet.ce zuzuführen, verweigerte die Mititärbeivürde die Freigabe des Gebäudes mit der Begründung, daß bei der Uebcrgäbe des Gebäude» kein Termin für die Freigabe desselben festgesetzt wurde. Auf diese Weise bleiben über 300 jüdische Kinder ohne Unterricht und Erziehung. England Die Propagierung der Völkerbundidee. Das Chiefrabbirtat von England erhielt von der Völkerbunduniai einen von Lora Robert Ceci I gezeichneten Briet, der die bisherigen Leistungen des Völkerbundes aufzählt und das Rabhinat cesudht, dieselbe« von der Kanzel den jüdisdien Kongregationen zur Kenntnis zu bringen. Eine neue jüdische Zeitschrift. Aut Initiative der misradiistisdven Jugendorganisation hat die Londoner Misradiizcntrale begonnen, eine neue Monatsschrift ״Jewisli Youth“ (die jüdische Jugend) hcrauszugtbe״ Schweden c ,nu[״ann'c *»er Handelsbeziehungen *wisch! Schweden und Palästina. Die schwedische Regier« hat der Aufnahme von Handelsbeziehungen mit F lästimi zugesixnmt Die erste Sdüffsladung wird s 20. Januar «n Hafen von Jaffa gelöscht werden.