Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 35 likes Seser;IXir nafte 3ISt- »ml l»;1, erer «4:t. fens 4_ vstin >fen geiten er Len ■Jen ena ן»» -ler ־»8 laß •ige kns laß Jte. tcti ut. des fet <l0r ich an der kstnd beine idc ten .tet fen ser md Nt, feü Cf')/ pi» ״p ß!et en er jetar ch ״e Iinngegamieit wird. Es müssen Wege gemellt werden, um die Gelder so fruchtbar wie möglich zu verwenden. Gerade wir haben in der ״J. R.“ mehrfadi darauf hingewiesen, daß eine innere Organisierung der jüdischen Wirtschaft in Palästina eine unaufschiebbare Notwendig- Weit kt, wozu freilidi ein weitgehendes Zusammenarbeiten mit dem Jiscimw erforderlich ist. Es gibt ein weites Feld produktiver, wirtschaftlicher Arbeit. Wenn heute die Arbcitcrgcnosscnsdiaftcn in Palästina Arbeiten von der Regierung, die vielen Einwanderern Beschäftigung liöteit, mir tiantni uidit übernehmen können, weil die Arbeiten erst nachträglich bezahlt werden und kein Institii! da ist, um Vorschüsse zu geben oder die Löhne zu eskomptioren; wenn ferner nichts dagegen unterlionunen wird, daß alle in Palästina gezahlten Gehälter und Löhne sofort wieder in die' arabisdte Wirtschaft <slcr aus dem Lande herausfließen, so daß die zionistifi säten Gelder, selbst wenn sie wirtschaftlich!mxhiktiv vor- ׳, verniet werden, doch im nationalwirtschafliichen Sinne I urloren gehen; wenn ferner Herbert Samuel selbst | für die öffentlichen Arbeiten Chahiziin anfordert, die 1\011 istisehe Kcorganisationskonimissioii aber diesem Angebot zurückhaltend gegenübersteht, weil sie angesichts I ili.er Finanzlage die Verantwortung für die Chaluzimi Iransporte nicht übernehmen will, — so scheint uns dies alles auch vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt falsch zu sei״ Wir haben niemals die ungeheuren Schwierigkeiten!erkannt; aber gleichzeitig haben wir stets die Notwenlinken betont, dieser Schwierigkeiten durch andere Eingriffe Herr zu werden, als durch die mechanische Einstellung der Arbeiten. Ist dies ״impotente Negation“? Wir müssen uns dagegen verwahren, daß immer wieder ' (me in der Wolffsohn-Zeit!) der gute Kaufmann ausgespielt wird, der das Vertrauen genießt. Als ob wir dagegen wären, daß ökonomische und finanzielle Sachverständige zur Arbeit herangezogen werden! Aber die Leitung können ilur Männer haben, die das Volk ganz verstellen, die sein Leben und seine Sehnsucht mitleben, die sein Empfinden nicht verletzen. Denn der Wille des Volkes ist unsere einzige Macht. Mit den Ausführungen des Herrn Lesser über die ״Verwechslung von Zionismus mit Sozialismus oder Kommunismus“ zu polemisieren, scheint uns in diesem Zusammenhang völlig überflüssig. Wir haben uns bemüht, uns streng an die Sache zu halten uiul wollen Herrn Lesser auf das Gebiet der ״Verwechslungen“ nicht folgen. R. W. Die Prager israelitische Gemeinde-Repräsentanz, welche trotz den seit dem Umsturz stets erneuert gestellten Forderungen sich bisher geweigert hat, eine Wahlrefonn diirchzuführen, hat nunmehr am 28. Dezember resigniert. Nachdem alle Scliritte des jüdischen Nationalrates erfolglos geblieben waren, wandte sich der Klub der jüdischen Stadtverordneten an den Magistrat als Aufsichtsbehörde und erbat sein Eingreifen. Der Magistrat hat hierauf eine aus Vertretern aller jüdisehen Parteien bestehende Enquete veranstaltet, in der von zionistischer Seite die Einsetzung einer Verwaltungskommission beantragt wurde. Inzwischen hat die Gesamtrepriiseutanz am 28. Dezember demissioniert, so daß die־ Einsetzung der Verwaltungskommission wahrschcinlieh ist. Bemerkenswert ist eine Aeußerung des Redners der deutsch-assimilatorischen Juden, der damit drohte, eine Abfallbewegung aus dem Judentum zu inszenieren. Die tschechischen Assimitanten sowie die Orthodoxen teilten den Standpunkt der Zionisten. Das Begräbnis der Thoraroilen (Zum erstenmal seit 532 Jahren.) Am 9. d. M. wurden in Prag die beim Ueberfall ani das jüdische Rathaus am 16. November 1920 (s. ״j R.“ 1920 Nr. 83) vernichteten Thorarollen hevrdigt.‘ Die Ankündigung der Bestattung hatte, wie das ״Prager Tagblatt“ mittcilt, die einzigartige Wirkung, wall Lerne aus Prag und sogar vom Lande zur israelitischen Bccrdigungslmidcrschaft kamen, um Teile der bei den Demonstraiionen am 16. November 1920 vernichteten Thora z.uriickzuerstattcn. Sie erklärten, daß sie entweder von der Menge in die Synagoge mitgerissen werden wären, oder daß ihre Kinder die hebräisch be- >enriebenen Pergamentfetzen nach Hause gebradit lütten; ttr-prünglich hätten sie sie als Andenken behalten wollen, Wien alK'r durch die Ankündigung von der pietätvollen lk oattung dazu veranlaßt worden, sie zurückzuerstatten. Beim Oberrabbiner Dr. I.׳׳ rod y wurden eine Reihe von Vhriften, die am 16. November aus dem Archiv gerauht worden waren, zurückgegeben; cs sind zum Teil •־ßmell wichtigc Schriftstücke, teils Akten von mir mehr historischem Wert. Sie befinden sich in ziemlich unveraiirtem Zustande. Die Bestattung von Reliquien ist nicht die erste, die ׳ach Prager Stunntagen vorgenommen wird, — allerdings sind seit dem letzten Begräbnisse dieser Art auf demselben Friedhofe 532 Jahre vergangen. Im Jahre '389 drang der Pöbel in die Prager Judenstadt ,ein und verwüstete u. a. Synagogen und die Gräber des schon damals alten Judenfriedhofes in der Nähe der Altneusynagoge. Damals fand eine analoge Beerdigung wie die heutige hier statt. Ein Zeitgenosse, Rabbi Abigdor Karo, schildert diese Ausschreitungen in einer hebräischen Bvgie, die noch heute in Prag als ßuflgebet am Verwhnungstage vorgetragen wird. Eine Feuersbrunst nach der Schlacht bei Prag vernichtete fan Ghetto gleichfalls Dcvotionalien, die liier beerdigt wurden, doch sind über Datum und Art keine genaueren Daten erhalten. Ueber die Beerdigung schreibt Richard Katz ״ י״יPrager Tagblatt“: Amerikanismus Das zionistische Wörterbuch ist um ein Wort rcF eher geworden — Amerikanismus — nicht aber um einen neuer» Begriff. Der Kampf zwischen den t,kulturellen“ und ״praktischen“ Zionisten ist im Zionismus unter verschiedenen ,Losungen längst ausgcfochtcn worden. Es scheint aber, daß jede neue Föderation die zionistisehen Kinderkrankheiten von neuem durchmachot muß. Indessen ,wäre cs falsch anzunehmen, daß sich der Amerikanismus mit dem geographischen Bggriff ״Amerika“ deckt. Das offizielle Organ der Zionistischen Föderation Amerikas, der hebräische ״Hatoren“, veröffentlicht fortwährend die heftigsten Artikel gegen den Amerikanismus. Hingegen scheinen die ״Amerikaner“ die breitesten Anhänger in ... Palästina gefunden zu haben. Ihr Organ ist der ״Doar Hajom“, der von dem Sohne Ben-Jehudas redigiert wird, und zu dessen Mitarbeiten! Ben-Jehuda, Dr. Sloutzsdi, Alexander Ahronsohn tt. a. zählen. In einem Leitartikel: ״Der Sieg Brandeis'‘', wird ein Loblied auf Brandeis angestimmt, sowie auf sein Verhalten der Convention von Buffalo gegenüber, ״Was er den amerikanischen Juden zu sagen hatte, hat er in seinem ausgezeichneten Memorandum gesagt. Er blieb dann ruhig abwartend zu Hause, in dem Bewußtsein, daß, wenn der amerikanische Zionismus ihn braucht, man üin schon rufen werde. Und darum hat er gesiegt. Mau hat gesehen, was der amerikanische Zionismus ohne ürandeis ist.“ Ueberdie zukünftige Arbeit in Amerika heißt es dort ferner: ״Das amerikanische Judentum verfügt über Riesenkräfte, die bisher utvtusgenutzt geblieben sind. Juden wie Louis Marshall und die Gebrüder Warburg, die in jeder jüdischen Not in die Bresche gesprungen waren, sind während der letzten Jahre durch die radikalen Elemente der amerikaniselten Zionisten leider abgestolien worden.“ Der ״Doar Hajom“ macht auch Vorschläge, wie man die amerikanischeu Notabeln für die Palästinaarbeit gewinnen kann. ״Der Antisemitismus nimmt auch in Amerika immer zu. Eine Steigerung der Einwanderung muß auch eine Steigerttttig des Antisemitismus nach sich ziehen. Die Assimikuiten in Amerika werden cs schon aus egoistischen Gründen verstehen, daß cs in ihrem Interesse liegt, die Lage der Juden in der Diaspora zu verbessern und den Auswarnterungsstrom nach Palästina abzulenken. Wenn Dr. Wcizniann mit Brandeis zusammen arbeiten will, kann man auf amerikanische Hilfe weiter hoffen.“ Das also ist die zionistische Auffassung des palästiniensischen ״Doar Hajom“: Zionismus als Blitzableiter gegen Antisemitismus, Marshall und Warburg als Zionisten, weil sie sich die Ostjudc» als Antisemitismuserrege!■ vom Halse schaffen wollen. Aber nicht nur in der zionistischen Theorie, auch in der zionistischen Praxis stößt der ״Doar Hajom“ in dasselbe Horn. ״Zwei gefährliche Momente drohen dem Zionismus — das sind Kultur mid Radikalismus. Vielmehr sind sie eines, der Radikalismus ist Kultur, das heißt die Träger des Radikalismus sind die Träger der Kultur — die Lehrer, Beamten der Kulturinstitutioncn uswf.“ Nach dieser zarten Andeutung schlägt der ״l>oar Hajom“ auch vor, mn das Sehulbudget toszuwerden, daß vvir unsere Kinder in die zu eröffnenden Rcgicnmgsscliukn schicken, in denen a u c h hebräische Sprache und Literatur unterrichtet werden soll. Das ״läge auch im Interesse einer gegenseitigen Verständigung und sei von großer innerpolitischer Bedeutung.“. . , Mit anderen Worten, wir sollen die unter solchen Opfern erzielte Entwicklung der Trübnasser Tag über Prags uraltem Ghetto-Friedhof. Grabsteine über Grabsteine, schief, bröckelnd, tropfen Nässe. Da, schräg und breit, der Denkstein des hohen Rabbi Lötv, der den Golem geknetet und geknechtet. Dort, segnend hochgestreckt, Levitenhände in Stein, Halb in die Erde versunkene hebräische Lettern. Ein Wald von Steinen aus jener Zeit, da das Prager Ghetto, in festen Raum gezwängt, platzte vor der Ueberzalü seiner Bewohner und seine Toten übereinander begraben mußte, Denkstein hart an Denkstein setzte. Raumnot der Toten. Sehenswürdigkeit der Gegenwart. Wer verirrt sich jetzt ins dichte Wirrwarr der Leichensteine, ungepflegt wuchernden Grases und verwilderter Fliederbäume? Baedckcr-bcwchrte Engländer. Eine Sehens- Würdigkeit ist cs, längst kein Friedhof inehr. Seit Kaiser Joseph, der die Ghettomauem brach, ward hier kein Mensch mehr beerdigt. lind heute wieder? Da die Stadt längst um die Grabruinen gewachsen, da Prags teuerstes Viertel die Friedhofsmauern umsäumt, alter Ghcttosdvutt längst unter das Fundament cleganltcr Vicrstockluiuser gepreßt ist und das Dach des Kammerpalastes über die bröckelnde Historie hinwegsieht? Heute wieder? T rotz Regen und Kälte stauen sich Tausende von Schwarzgekleideten zwischen den Grabsteinen. Kind neben Kind sitzt auf den Balken, welche die verdächtig schiefen Umfassungsmauern stützen. Die Aeste der Fiicderbäiune. morschknackend wie Knochen, voll Neu• gieriger. Heute begräbt maa wieder auf dem alten Prager Judenfried hof. Zu Füßen eines frommen Mannes ist die Grube ausgesdiachtet, seltsam kurz, fast quadratisch. In ihr aufgerichtct zwei leere Tonröhren. Die Tausende zwischen den Grabsteinen, auf den Balken, auf den Aestcn. blicken hierher, warten in Regen und Kälte seit nunmehr zwei Stunden auf ein höchst eigenartiges Begräbnis der Art, die der Fricdliof zum fetzten mal vor fünfhiOTdicrtzweiunddrcißig Jahren gesehen hat. Hier sollen Thoraroilen beerdigt werden. Ein Bild steigt auf: 16. November 1920. Prags Straßen voll Erregter, Wütender. Kalter, böser Abend. Sturm aufs jüdische Rathaus! Gleich hier am Friedhofsrandc stellt es. Zerrissene Pergamente fliegen durch etngcsdtlagemc Fenster auf die Straße. Jabmundertalte Urkunde« unschätzbaren Wertes kleben im Straßenkot, hebräischen Sprache zu einer lebendigen Unterrichtsspräche in allen Fächern unterbrechen, die hebräische Schule schließen und sie durch eine arabisdte ersetzen, in der auch hebräisch unterrichtet wird. Das will sagen, daß wir in Litauen mehr erreicht haben werden als in Palästina, daß wir in Palästina zu einer Minderhcitsschulc degradiert werden, daß wir den Zustand der quantitativen Minderheit durch die qualitative Zurückgesetztheit in der Schule verewigen und besiegeln. Denn wem! wir uns jetzt mit Schulen begnügen, in denen ״auch“ hebräisch unterrichtet wird, werden wir nie mehr imstande sein, von der Regierung jemals eine volle hebräische Schule zu verlängern Das ist kein Ausweg. Der einzige Ausweg ist vielmehr, daß von vomherein alle Kuhurangc'.cgcnheiten Sache der betreffenden Gemeinschaft sind, und daß die Regierung verpflichtet ist, nach dem Verhältnis der Steucrleistimg die Schulen einer jeden Nation zu unterstützen. Den ungedeckten Rest muß das jüdische Volk aufbringen. Aber wozu sachliche Polemik? Mit den Amenkanem kann man polemisieren, nicht aber mit de» servilen Elementen, die in Palästina den reichen Protektoren jenseits des Ozeans die Augen auswischen möchten. C. Kr. Merkblatt für Palästinafahrer. Im Verlage der ״Maawirim“, Palästina - Reise - und Transportgesellscliaft in Wien, erschien die zweite Auflage des Merkblattes für Palästinareisende, welches alle nötigen Nachrichten, die für Palästinafahrer unentbehrlich sind, enthält. In übersichtlicher Weise sind hier in hebräischer und deutscher Sprache Mitteilungen über Paßformalitäten, Schiffslinien, Fahrpreise, Gepäcktarifc usw. zusammcngestellt. Ein Adressenverzeichnis der Palästinaämter Bildet den Abschluß dieser sehr nützlichen Broschüre. Für die jüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine. Der polnische Innenminister ersuchte das Ministerium für Acußcrcs, sich an die Washingtoner Regierung mit der Bitte zu wenden, den Emigranten aus der Ukraine; die sich über Polen nach Amerika begeben, keine Schwierigkeiten zu machen. Die Entwicklung von Balfouria. Unter dem Namen ״Zion Commonwealth“ wurde vor einigen Jahren in Amerika eine Gesellschaft gegründet, an deren Spitze die Herren Judge Mack, Louis L i p s k y , Jacob dcHaas, N. S ch c i n k i n u. a. m, stehen, und die den Zweck hat, ihren Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, für sich oder ihre Verwandten in Palästina eine Besitzung vorzubcreF ten, die sie dann beziehen können. Jedes Mitglied zahlt 10 Doll. Eintrittsgeld und ist verpflichtet, mit»- destens einen Bodenanteil zu kaufen, der 230 Doll., auszahlbar in 25 Raten, kostet. Nach 6 Jahren erhält das Mitglied einen Kaufschein über seinen Anteil, den es dann beziehen kann. Ist der Aktionär verhindert, seinen Anteil in Besitz zu nehmen, so verwaltet ihn die Gesellschaft weitere 4 Jahre. Nach Ablauf dieser Zeit kann der Anteil einem Verwandten übertragen werden, oder die Gesellschaft übernimmt ihn zu 90 ׳;״! des Tagespreises. Die Gese'lschaft zählt jetzt 3270 Mitglieder, die ein Kapital von 2 Millionen DoU. eingezahlt haben. Die erste Kolonie nach dein Kriege -- Balfouria — wurde von dieser Gesellschaft gegründet, die jetzt ein Areal von 8000 Du na in hat. Balfouria ist die erste Kolonie Palästinas, in der moderne Maschiiten in großem Maße verwendet werden. Bis jetzt wurden in Balfouria 20 000 £ investiert. Die erste Ernte ergab einen Betrag von 6000 £. Zunächst werden nur 3000 Dunam bearbeitet: im nächsten Jahre werden es 6000 Dunam sein. Vertreter von Balfouria halten sich gegenwärtig in Palästina zwecks Bodenkauf auf. Neue Mitglieder werden angeworben. (Z. K.) Fetzen von Gebetrollcn flattern Beute und Andenken — in pathetisch fuchtelnden Händen. Im Hauptsaal des Rathauses jüdische Flüchtlinge aus Polen, geschreckte Herde, sinnlos vor Angst. Männer, Frauen klettern über Simse aufs Rathausdach, klammem sich am gotisch-spitzen Zierrat. Feindliches Bild! Es floß kein Blut wohl; dennoch lxaftet es im Gedächtnis. Weslinlb tobte der nationale Streit auch gegen diese? Verfluchter Streit! Hier werden ein paar seiner Reste begraben. Wollte Gott, es wären restlos alle! Aber die Haßwurzeln blieben. Heute beerdigt man die zerrissenen Thoraroilen. Denn der Ritus befiehlt: ״Unbrauchbare Thoraroilen müssen auf ewige Zeiten erhalten bleiben!“ Man sargt sie in Röhren, mauert feste Deckel darauf und begräbt sie nahe der Leiche eines Frommen. Im Pogrom- Rußland, im Pogrom-Polen mögen solche Begräbnisse häufig gewesen sein. In Prag ist es das erste seit fünfhundertzweiunddreißig Jahren. Und hoffentlich auch das letzte. Mühsam zwängt sich ein kleiner Zug zum offenen Grabe. Ein Rabbiner, der zwei Pcrgamentrollen trägt, eine in rotsamtnem Mäntelchen, die andere violett umhüllt. Hinter ihm ein alter Mann im Traucrkleid, der ein winziges hölzernes Särglein unter dem Arme trägt, so klein, daß cs nicht einmal für ein nengeborer.es Kind reicht. Es birgt die Pergamcntfetzen, die lange nach dem Sturm von Bereuenden zurückgebracht wurden Die Menge schweigt, der Regen rieselt kalt über sie und sammelt sich im offenen Grabe zu lehmiger Pfütze. Olutc Gebet und ohne Rede gleitet knisternd das Pergament in die Röhren Diener zementieren die Deckel auf und legen die Röhren wagcrecht um. Dann fällt, von vielen Händen geworfen, Eide ins Grab. Ein Stück Mittelalter .... Nein doch, drüben kurbelt ein Filmmann, und da, über der Mauer, schiebt sich von außen ein zweiter Apparat hoch, um dem Konkurrenten die seltene Aufnalune wegzuschnappen. Ein Dutzend Kodaks knacken. Der Rabbiner streckt segnend die Hände übers mm geschlossene Grab und geht Von Nässe triefend folgen ihm wohl Dreitausend. Der alte Prager Friedhof liegt wieder leer. Neunhundertjährige Grabsteine, halb m die Erde gesunken schief, verwittert, tropfen Nässe . . .